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Beilage nun Wiesbadener Tagblatt.

Uo. 147. Morgen-Attsgabe.

Samstag, den 28. Miirz.

61. Jahrgang. 1903.

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Er gewährt selbst in den Punkten, wo man nicht glück- '* H lich war. eine besondere Befriedigung mit Klarheit in über- ^ sehen, war man eigentlich zustande gebracht hat. Nichts ist « schlimmer als Unklarheit über dar eigene Handeln. *■

* Billroth. £

W ____ *

(14. Fortsetzung.)

Der Waltheser.

Roman von O. v. Kis-Killay.

Käthe schwieg und parierte den Hieb nicht. Werner war doch nicht eines anderen zu überzeugen. und so mochte denn ein jeder bei seiner Ansicht bleiben.

Mit großer Freude sah Käthe Doras Ankunft ent­gegen. Vor fünf Jahren hatte sie das liebenswürdige pmge Mädchen kennen gelernt, bei Anlaß der Manöver, wohin sie ihrem Manne gefolgt war. Sie hatte sich in einem Dorfe in der Nähe des Gutes von Doras Eltern eingemietet und bald war sie mit dieser durch die herz­lichste Freundschaft verbunden. Die heitere, lebens­lustige Dora, ein vollkommenes Gegenstück zu Käthe, stimmte mit dieser in ihrer Vorliebe fürs Philosophieren überein. Nachdem sie sich getrennt, war der Briefwechsel anfangs ein sehr reger gewesen. Nach und nach wurde er lauer, und nun hatte Käthe seit mehr als einem halben Jahre nichts von Dora gehört. Welch einen Umschwung sie in ihrem Kreise Hervorbringen würde, die liebens­würdige neue Regimentskommandeuse! Die vor einem Jahre verstorbene Frau Oberst von Rehsan war eine griesgrämige steife Dame gewesen, und ihre Gesellschafts' abends. an welchen die Etikette herrschte, pflegten tödlich langweilig zu sein.

So erschien denn eines Tages Dora bei Käthe, glück- strahlend und ausgelassen munter. Käthe um einen hol- ben Kopf Werragend, war sie, ohne hübsch zu sein, eine ungemein sympathische Erscheinung von elegantem, kräf­tigem Wüchse.

„Sage mal", fragte sie, als die Damen sich in Käthes Schlafzimmer zurückg^ogen hatten, ihre Männer der Politik und dienstlichen Besprechungen überlassend, „sage mal, Käthe, du hast sicher die Hände über dem Kopfe zu- sammengeschlagen, als du von meiner Heirat hörtest? Aufrichtig gesagt, ich habe eS dir deshalb auch nicht schreiben wollen, ich fürchtete dein Seziermesser. Ich wußte, was du gegen ?Utersverschiedenheit u. s. w. vor­zubringen haben würdest und wollte dir den Mund mit dem kalt accompli stopfen. Und damit du mir auch mit deinem skeptischen Verstände recht gäbest, will ich dir sagen. daß ich erst nach reiflicher fl erlegung meinem Herzen gefolgt bin. Ich liebte Ferdinand, fürchtete mich aber vor seinen Jahren. Doch nun sage ich dir, mif das Alter kommt es nicht an, — man muß sich nur verstehen. lDer sicherste Maßstab ist, wenn die Frau zu ihrem Manne Vertrauen hat, und ihn nicht nur in einzelne, besonders für ihn geordnete Fächer ihres Wesens blicken läßt."

„Wenn sich aber der Mann nur um ganz einzelne und zu seinem Gebrauche zurechtgelegte Fächer kümmert?" dachte Käthe, indem sie der Freundin in den Salon folgte.

Das Neuvermählte Paar verabschiedete sich, und Käthe

staunte über das Jugendfeuer, das aus den Augen des Obersten blitzte, des schon grauhaarigen Mannes, den sie als ernst und wortkarg kennen gelernt hatte. Es schien als sei unter dem Einflüsse seines sonnigen Glückes der Frühling in seinem Herzen wieder aufgebrochen. Er schüttelte Käthe herzlich beide Hände und bat sie, sie solle seiner Frau in alter Freundschaft treu bleiben.

Als Rauenbergs den Besuch erwiderten, teilte ihnen Dora mit, sie sei gesonnen, die schlummernden Geister in ihrem Kreise wach zu rütteln. Sie wollte fürs erste einen five o’clock tea einrichten, zu welchem die Regiments­damen befohlen werden müßten. Das würde die Damen näher zusammenbringen. Sie wollte . verborgenen Talenten nachspüren und sie ans Tageslicht fördern, mochten sie sich auf musikalischem, dichterischem oder hand- arbeitlichem und kulinarischem Gebiets bewegen. Jede Kraft sollte als Kraft geltend gemacht werden und das mußte ziehen. Dora wollte auch für fremdes Publikum sorgen und war dann sicher, mit ihren vielseitig begabten Damen Furore zu machen.

Ihre Idee wurde herzlich belacht und belobt.

„Du aber, Käche, kommst immer schon eine Stunde früher", sagte sie der Freundin, als diese Abschied nahm, „du hllfst mir alles ordnen und später die Honneurs machen, nicht wahr?"

*

Am Mittwoch fand sich Käthe zur festgesetzten Zeit in der Wohnung der Freundin ein. Die beiden jungen Frauen banden Küchenschürzen vor und gingen an die Arbeit. Vor Doras übersprudelndem Humor hielt Käthens Trübsinn nicht stand. Unter mutwilligem Scherz wurde das Geschäft des Kuchenschneidens besorgt, Obst und Konfekt in Vasen aufgebaut und der Tisch geschmack­voll mit Blumen geziert.

Als alles fertig war, besah sich Dora noch einmal wohlgefällig ihr Werk und ging dann hinaus, um noch einige Anordnungen zu treffen. Käche trat an einen der Tische, auf welchem Photographieen und Bücher lagen. Mechanisch griff sie nach einem Album und begann darin zu blättern.

Auf der ersten Seite die Bilder der Eltern, der Vater so ehrwürdig mit seinem langen weißen Barte, die Mutter mit den freundlichen lieben Augen .. . Dora hatte ein glückliches Heim gehabt. Im Sonnenschein hatte sich ihre junge Seele zur Lebensfreude entfaltet . . . Nun folgten die Geschwister, jetzt die Verwandtschaft. Gleich- giltig schlug sie die Blätter um —• da. Plötzlich — das Blut schoß ihr in die Wangen und sie stieß einen leisen Ruf der Überraschung aus — das war ja Gossar — ein großes Kabinettbild I DaS war er, im Zivilanzuae, wie sie ihn kennen gelernt hatte, das kluge, anziehende Ge- sicht, mit etwas traurig blickenden Augen . . .

„Was hast du?" fragte Dora, welche soeben zur Tür hereingetreten war, und sich neugierig über die Schulter der Freundin beugend, sah sie in das Buch. „Ach so, der Maltbeser. . ."

„Wie, kennst du ihn?" fragte Käthe mit gliihenden Wangen.

„Wie sollte ich ihn nicht kennen? Er ist ja mein Vetter. Wie kennst du ihn aber?" —-

„Wir sind von der Grenze bis hierher zusammen ge­reist", antwortete Käthe, die sich wieder gefaßt hatte.

„Gefällt er dir?"

„Er schein! ein interessanter Mensch zu sein, der vie! gedacht und empfunden hat."

„Ein begabter, ungewöhnlicher Mensch", bestätigt Dora mit Wärme. „Bei aller Männlichkeit und Energi« hat er ein so weiches, feines Empfinden. Ich habe ihr» lieb, wie einen Bruder, meinen guten Karolus . . ."

„Warum wird er der Maltheser genannt?"

Dora lachte.

„Ich habe ihm den Beinamen gegeben, und dieser Beiname ist ihm geblieben. Ich finde, er charakterisiert ihn. Auf einem Kostümball erschien er einmal als Maltheserritter — du hättest ihn scheu sollen in der schwarzen Kleidung mit dem weißen Kreuz! Damals flog es mir blitzartig durch den Sinn: er fit es wirklich^ was er darstellt! Eine seltsame Vereinigung des Welt­mannes, der aktiv und mit Interesse ins Leben eingreift- und einer, der ganz anderen Zielen zu dienen scheint. Und es ist verhältnismäßig ziemlich plötzlich so mit ihm ge, worden."

Käthe hatte mit brennendem Interesse zugehört.

„Erzähle doch!" bat sie.

„Nun wohl", fuhr Dora fort, „unter uns gesagt, war er als junger Offizier, was man ein maurais snjet zu nennen Pflegt. Ein Hitzkopf, frech im Bewußtsein seiner Unwiderstehlichkeit und ein so schauderhafter Don Juan. daß. wie behauptet wird, alle Ehemänner gemein- iam die Litanei um einen Zusatz bereicherten: vor Gosiar bewahre uns. gnädiger Herr und Gott! Dann wurde eS plötzlich anders. Ter Tod seines älteren Bruders. meines Vetters Günther, wirkte so erschütternd auf ihn, daß ev sich zuerst ganz von der Welt zurückzog. Und als er wieder hervortrat, war er ein anderer, ein besserer ... G8 sind nun schon acht Jahre her ..."

„Hing er so sehr an seinem Bruder?" fragte Kaths gespannt.

„Fa, sehr — und das Schreckliche daber war, daß Günther sich selbst erschoß. Warum er es tat, ist. glaube ich, nie aufgeklärt worden. Es muß eine momentan«, Geistesstörung gewesen sein, sonst ist es nicht zu be- greifen Er war reich, angesehen und hinterließ ein« reizende junge Frau. Sie folgte ihm ein Jahr darauf.*

Es wurden einige Damen gemeldet.

„Du wirst Karolus heute sehen", raunte Dora KäthÄ zu, indem sie sich erhob, um den Gästen entgegenzugehen-

Ein innerer Jubel erMte Käthens Seele, während sie sich angelegentlich unterhielt. Gespannt horchte st« dabei nachher Tür hin und schrak jedesmal zusammen, wenn diese aufging. Und jetzt — da war er, der hoh« schlanke Mann, der auf die Hausfrau zutrat und chr, Hand an die Lippen führte. ^ , .

Erglühend wandte sie den Kopf ab und lauschte atm» los der Schilderung, welche die Frau Majorin TümmI« von den hervorragenden Eigenschaften ihrer Tochter Henriette entwarf. . c „ , „ _, ,

„Frau Major, erlauben Sie. daß ich Ihnen meinen Vetter v Gossar vorstelle", hörte sie Doras Stimm« sagen. „Und hier bedarf es keiner Vorstellung — ihr seid ja schon miteinander bekannt." ,

Als Käthe aufblickte. sah sie Gossar sich fies und zeremoniell vor ihr verbeugen.

(Fortsetzung folgt.)

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