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si. Jahrgang.

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Verlag: Langgasse 27.

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Abend-Ausgabe.

Politische Pebrrsicht.

O, wie wunderschön ist die Frühlingszeit! Diese poetische Charakterisierung der Frühlingszeit ist in diesem Jahre erfreulicherWeise zutreffend im angenehmen Gegensatz zu den Vorschreit, wo der Frühling alle Charakterisierungen d>er Dichter Lügen strafte und in allzu wörtlichem Sinn sich das Wort erfüllte: Der Frühling kam mit Brausen!

O, wie wunderschön ist die Frühlingszeit! So konnten am Dienstag auch die Vertreter des deutschen Volkes jubeln, die sich bis dahin in öent nunmehr ver­ödeten Prachtpalast am Königsplatz zu Berlin mit dem deutschen Haushaltsetat weidlich abgequält hatten, denn an diesem Tage schlug ihnen die Erlösungsstunde. Freilich, der bei weitem größte Teil der Reichstags- cbgeordneten hatte seine Osterferienfreuden schon redlich vorweg genommen und längst die Landflucht aus dem Reichsparlament angetreten. Gibt es doch Reichstags­abgeordnete. deren parlamentarische Tätigkeit sich darin erschöpft, mit dem stolzen „M. d. R." ihre Visitenkarte zu schmücken und. wenn es hoch kommt, zwei- oder drei­mal im Jahr zu den großen Abstimmungstagen sich per dringendes Telegramm nach Berlin citieren zu lassen.

Bei den Neuwahlen zum Reichstage, deren Termin nunmehr endgültig auf den 16. Juni festgesetzt ist, an welchem Tage ja gerade die Legislaturperiode des Reichs­tags abläuft, werden die Wähler voraussichtlich_ mit jenen Volksvertretern, welche sich über die Vorgänge im Reichstag lediglich aus ihrem heimischen Blatte informieren, Abrechnung halten. Wer freilich wird eine Abhilfe der chronischen Beschlußunfähigkeit in: Reichstage nicht eher zu erreichen sein, als bis die Regie­rung sich zu der vom Reichstag wiederholt geforderten Gewährung von Diäten entschließt, welche die Wähler zugleich in den stand setzen würden, bei der Wahl des Kandidaten lediglich auf dessen Persönlichkeit und nicht auf dessen Geldbeutel zu sehen.

Während das deutsche Parlament bereits die Ruhe und Äkuße der Osterferien genießt, ist das preußische Parlament noch immer mit regem Eifer an der Arbeit. Ebenso wie im Reichstag hat sich auch im preußischen Ab­geordnetenhause die Etatsberatung so lange hingezogen, daß das Haus erst am letzten Dienstag mit ihr zu stände gekommen ist. Da auch das Herrenhaus erst sein Placet unter den Etat schreiben muß. so wird der preußische Etat.

Samstag» de« 28. Marx.

wie das neuerdings die Regel zu werden scheint, auch diesmal wieder nicht rechtzeitig unter Dach und Fach ge­bracht werden.

Während auf dem Gebiet der inneren Politik das allgemeine Interesse sich bereits sehr intensiv den Wahl­vorbereitungen zuwendet, sorgt die Rührigkeit des Präsi­denten Castro dafür, daß auf dem Gebiete der äußeren Politik die venezolanische Frage noch immer inr Vorder­grund bleibt. Präsident Castro, dem die Erledigung der venezolanischen Streitfragen offenbar gar kein Pläsier gemacht hat. alldieweilen man in Venezuela ungern zählt, fcheint unterdes über neue Trics nachzusinnen, wie er den Mächten noch ein Schnippchen schlagen könnte. In die Kategorie dieser Trics scheint auch die Rücktritts-Komödie zu rangieren, die Castro soeben mit großem schauspiele­rischem Erfolg aufgeführt hat. Die Mitakteure in dieser Komödie, der venezolanische Kongreß, trateir auf Castros Stichwort in Aktion und erteilten dem Präsidenten ein rundes Vertrauensvotrim. Das war es offenbar, was Herr Castro erreichen wollte und erreicht hat. Die un­verschämte Sprache, welche der venezolanische Ober­häuptling bei dieser Gelegenheit geführt hat. läßt un­schwer erkennen, daß man sich im weiterer: Verlauf der venezolanischer: Angelegenheiten rroch _ auf manche

Schwierigkeiten gefaßt machen kann. Es wird noch manch Stück Arbeit kosten, bis der ersten Zahlungsquote die letzte gefolgt sein wird.

Auch in Marokko scheirwn sich die Wirren nach dem Motto abzuspielen: Je länger, je lieber! Anscheinend spielen der Sultan Abdul Aziz und der Prätendent B:: Hamara Verstecke miteinander, denn da, den Nachrichten aus Bkarokko Zufolge, beide Parteien immer aufeinander losrücken, so müßten sie sich eigentlich endlich in den Haaren liegen, cs sei dein:, daß sie beide rückwärts vor- rücken. Ebenso wie in Marokko nehmen arrch in Mace- donien und in Albanien die Unruhen ihren Fortgang, von denen man mehr hört, als von den so pomphaft an- gekündigten türkischen Reformen.

Die Spezialität der „Unruhen" beschränkt sich nicht auf den halbcivilisierten Balkan, sondern auch in manchen civilisierten Ländern, wie vor allem in Ungarn, Spanien und Italien, ist es neuerdings sehr unruhig zu- gegangen. Sehr bemerkenswert ist die Beteiligung der Jugend bei diesen Emotionen, denn sowohl in Ungarn wie in Spanien haben die Studenten gegen die Regie­rung demonstriert, und in Italien werden gar die Schülerstreiks modern. Kann man sich da wundern, wenn demnächst aus einem noch fortgeschritteneren Lande von einer Revolution der Babys berichtet wird, bei denen sich die Milch der frommen Denkungsart in gärend Drachengift verwandelt hat.

Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1903.

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Preußischer Kandtag.

Abgeordnetenhaus.

Berlin, 27. März.

Zun: ersten Vizepräsidenten wird Abg. Po r s ch durch Zuruf gewählt. — Darnach wird der Gesetzentwurf über die Landestrauer in dritter Beratung ohne Debatte an­genommen. — Es folgt die erste Beratung des Gesetz­entwurfs, betreffend den Erwerb der Ostpreußischen Südbahn. — Minister Budde gibt der Hoffnung Aus­druck. daß diese Vorlage wie die anderen Vorlagen, durch, welche die Verstaatlichung der Marienburg-Mlawka- und anderer Privatbahnen beantragt wird, die Zustimmung des Hauses finden werde. Die Vorlage geht nach kurzer Debatte an die Budgetkommission. — Es folgt die Be­ratung der Vorlage über die Verstaatlichung der Eisen­bahnen Marienburg-Mlawka, Altdamm-Kolberd, Star- gard-Cüstrin, Ktel-Eckernförde-Flensburg und Dort­mund-Enschede. Auch diese Vorlage geht an eine Kom­mission. — Dann wird die erste Lesung der Sekundär­bahn-Vorlage fortgesetzt. — U. a. empfiehlt Abg. Das­bach (Zentr.) eine Verbindung zwischen Seifen und Linz und zwischen Wittlich und Daun. — Abg. Göschen (nat.-lib.) wünscht den Ausbau der Strecke Höchst- Rödelheim. — Abg: Dr. Lotichius (nat.-lib.): Aus der Vorlage habe ich besonders gern ersehen, daß zwei Eisenbahnlinien gebaut werden, die eine in der Rheinprovinz von Simmern über Castellaun nach Boppard und eine andere im Regierungs­bezirk Wiesbaden, von Usingen über W e i l n: ü n st e r nach W e i l b u r g. Für beide Linien habe ich schon früher gemeinsam mit anderen Ab­geordneten gesprochen, und ich freue mich sehr, daß sie nun gebaut werden. Ich habe seiner Zeit gewünscht, daß die Linie von Simmern über Castellaun nicht nach Bop­pard, sondern nach St. Goar gebaut werde, aber es haben sich zu viele technische Schwierigkeiten diesem Anschluß nach St. Goar entgegengestellt. Also auch damit kann ich zufrieden sein, da der Hunsrück und besonders der Kreis St. Goar damit aufgeschlossen werden. Ebenso dient die Eisenbahnlinie Usingen-Weilburg dem Interesse der gesamten wirtschaftlichen Entwickelung der nassau» ischen Kreise. Dann verlangt die Staatsregierung fünf Millionen Mark zur Förderung des Kleinbahnwesens. Die Kleinbahnen haben völlig ihre Berechtigung, beson­ders in Gegenden abseits des großen Verkehrs. Im Regierungsbezirk Wiesbaden sind neue Kleinbahnen ge­baut. Dies ist besonders der Fall im Kreise St. Goars­hausen und Unterlahn. Die Linien sind beinahe fertig. Ich bitte den Minister um tunliche Beschleunigung ge­mäß dem Vertrage zwischen den beteiligten Kreisen und der allgemeinen deutschen Kleinbahngesellschaft, um so mehr, als der Staat und die Kommunalverbände, wie der Kreis St. Goarshausen, Subventionen gewährt

Der Preis ist Magdeburg!

Roman von Max Dorning.

(10. Fortsetzung.)

Herr Friedrich Wilhelm erhob sich aus dem Stuhl, in dem er gesessen.

„Nur schade", sagte er, „daß meine Lehren auf einen unfruchtbarM Boden gefallen sind!"

„O Vater, warte das Ende ab!"

„Das Ende ist nur nicht zweifelhaft! Euer Spiel war verloren, ehe ihr es anfingt! Still!" — gebot er, als Ernst reden wollte, „still! Ich will nichts hören! eure Sache ist mir gleichgültig! Aber sprich, wo willst du schlafen? In deinem Zimmer?"

„Niemals! An einem versteckten Ort! In einer Tonne, wie ich schon sagte!"

Herr Friedrich Wilhelm neigte das Haupt.

„Ich zweifle zwar", entgegnete er. „daß man es wagen würde, mein Haus, das Haus eines der besten Anhänger des Kaisers, zu durchsuchen-"

„Du kennst die Franzosen schlecht, Vater! Wenn sie e:ne Spur haben, die in dein Haus führt, so kommen sie, kommen sofort, kommen noch in dieser Nach:-"

„Um Gottes willen!" rief Gertrud ängstlich. „Wenn das geschähe! Nein, nein, es ist besser, Vater: wenn Ernst in einer leeren Tonne sich versteckt. Dort ist ec geborgen, glaube ich!"

„Den Deckel mach ich zu!" fiel Ernst ein. „Für Luft sorge ich durch einige Bohrlöcher! Und nur bis morgen abend bleib' ich drin!"

Herr Friedrich Wilhelm neigte zustimmend den Kopf. „Meinetwegen! So sei's!" Ernst trat auf den Vater zu.

„Und nun laß mich gehen, mein Vater! Niemand folge mir, daß es kein Aufsehen im Hause gibt! Ich finde meinen Platz selbst — Niemand, auch Ihr beide nicht, braucht darum zu wissen! Nahrungsmittel habe ich, mehr bedarf es nicht. Morgen abend verlasse ich das Haus und Magdeburg! Leb wohl, mein Vater!"

Abgewandten Gesichtes reichte ihm Herr Friedrich Wilhelm die Hand.

„Lebe wohl, mein Sohn!"

„Zürnst du mir noch, Vater?/'

„Ja, du trittst Gesetz und Sitte mit Füßen-"

„Es gibt hohe Ziele-"

„Der Zweck heiligt die Mittel nicht! Genug davon! Zieh du deines Wegs, wenn du nicht zu halten bist! Du wirst eines Besseren belehrt werden und wirst reumütig zurückkehren-"

„Memals, mein Vater! Reumütig niemals!"

Kalt und schneidend klang Herrn Friedrich Wilhelins Antwort:

„Gut denn — niemals!"

Noch einen Blick warfen Vater und Sohn aufeinander, noch einmal zog Ernst die weinende Gertrud an sich, dann schlüpfte er leise zur Tür hinaus.

Bitterlich aufschluchzend barg Gertrud ihr Gesicht an der Brust des Vaters.

„Ist es zu viel für dich, mein Kind?" fragte er und sah ihr liebevoll in die Augen.

„Nein, Vater, nicht zu viel! Aber doch viel!"

Tief aufatmete Herr Friedrich Wilhelm:

„Ja, du hast Recht, mein Kind: nicht zu viel, aber doch viel! Gebe Gott, daß cs wenigstens dabei bleibe!"

Mit einem Kuß schickte er Gertrud zur Ruhe.

Er selbst aber schritt noch eine Weile im Zimmer auf und ab.

„Nein", sprach er in halblautein Selbstgespräch, „in ihre Hände fallen soll er nicht, wenn ich'? verhindern kann! Sie würden ihn füsilieren, wie so manchen schon! Warrrm schlägt mir das Herz bei diesem Gedankm so?"

Er legte die Hand auf die Brust; mächtig fühlte er das Herz gegei: die Rippen klopfen.

„Es ist doch nicht so leicht, eii: Kind in Gefahr zu wissen!" murmelte er, während er in sein Schlafzimmer schritt, un: sich zur Ruhe niederzulegen.-

In demselben Augenblick, in dem Ernst Fahrenbach an jenem Abend sein Vaterhaus betreten hatte, löste sich drüben auf der gegenüberliegenden Straßenseite aus dem Schatten der Häuser eine dunkle Gestalt los, wechselte in leisestem Flüsterton einige Worte mit einem anderen, der nicht fern davon stand, und eilte dann beflügelten Schrittes lautlos durch die menschenleeren Straßen.

„Fünftausend Franken sind verdient!" sprach er händereibend vor sich hin. „Du bist unser, Ernst Fahren­bach ! Es gibt doch in der ganzen: Welt kein einträglicheres Geschäft, als das eines Mouchard!"-

Herr Friedrich Wilhelm lag in schweren Träumen. Er sah sich, seiner: Sohn und Getrud von einer wild da­herstürmenden Schar von Franzosen verfolgt, die einen Schuß nach dem anderen auf sie abgaben. Jeden Augen­blick konnte die tödtliche Kugel einen von den Seinm er­reichen.

Er stöhrrte schnierzlich auf im Schlafe. Und da mit einem Mal schlug der laute Ruf an sein Ohr:

„Öffnet! Im Namen des Gesetzes!"

Der Schläfer fuhr auf. War das auch ein Traum?,

Schon schellte es zum zweitenmal von der Straße her:

„Öffnet! Im Namen des Gesetzes!"

Nein! Das war kein Traum mehr. Und weil es Wirklichkeit war, so war Herr Friedrich Wilhelm auch so­fort wieder derselbe ruhige, kühle Mann wie stets, der die Wirklichkeit nahm, wie sie eben war.

Er trat zun: Fenster und öffnete es. Ein Trupp Soldaten mit einen: Offizier stand unter:; eine Anzahl Volks dahinter. „Was gibts?" fragte er hinunter.

„Öffnen Sie, Herr Fahreiwach", antwortete eins Stimme, in der er die des Kapitäns Bellac erkannte« „Befehl des Kommandanten!"

„Ich stehe sofort zur Verfügung, mein Herr!"

Er kleidete sich schnell an. nahm ein Licht und begab sich hinunter. Schon waren alle Schläfer in: Hause wach. Aber Herr Friedrich Wilhelm ließ cs sich nicht nehme::, selbst das Haustor zu öffnen.

Knirschend drehte sich der Schlüssel im Schloß, knarrend ging die schwere, eisenbeschlagene Tür auf.

„Guten Abend, meine Herren!" sagte Herr Friedrich Wilhelm mit derselben vornehme:: Verbindlichkeit, mit der er Gäste zu empfangen gewohnt war. „Was der- schafft mir zu dieser Stunde-"

Er stockte. „Vergnügen" oder „Ehre" wollte er doch nicht sagen; das wäre, er fühlte es, eine Unwahrheit ge- wesen, und eine solche sollte nicht über seine Lippen.

Der Offizier übcrhob ihn weiterer Verlegenheit durch seine Anrede:

„Ich bedauere sehr, Herr Fahrenbach. Ihre Nacht- ruhe stören zu müsse::. Aber ich bin Offizier und muß gehorchen. Es ist Befehl des Kommandanten —"

„Und was wünschen Sie'"' fragte Herr Friedrich Wilhelm.

(Fortsetzun folgt.)