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Wiksbs-mer Tiichllitt.

«l. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe». — BezugS-PreiS: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. »b Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

LS,O««Honnrnte».

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RebaktionS-Fernfprecher No. SS. 1903 »

Morgen-Ausgabe

§iür öcrs 2. gmarfaC 1903

auf das

„Wiesbadener TagblatL"

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bei sämtlichen deutschen Reichapostanstalten.

Die Slaalstllllerieen.

Das Abgeordnetenhaus hat bei der Beratung des «otterie-Etats am 11. März eine Resolution ange- nommen, welche zur Beseitigung von Mißständen die Regierung auffordert, insbesondere in Betracht zu ziehen

a ) eine reichsgesetzliche Regelung des Lotteriewesens:

b) die Bildung einer Lotteriegemeinschaft der beteiligten deutschen Staaten: e) die Verschärfung der Strafbe- üimmungen gegen den unerlaubtenDertrieb fremder Lose.

Nachgerade hat allerdings das staatliche Lottene- -ystem in Deutschland unhaltbare Zustände herbergesührt. Früher wurde es allgemein als unangemessen angesehen, wenn von seiten des Staates unter seiner Autorität und seinen Wahrzeichen das Publikum zum Lotterlespiel auf­gefordert wurde. Heute wird zwar viel gegen die Spiel- lcidenschaft geeifert, insbesondere von konservativer Seite, aber man hat nichts dagegen, daß diese Leidenschaft im fiskalischen JMresse ausgebeutet wird. Und doch wer- den immer größere Klassen der Bevölkerung gerade durch das Lotteriespiet für die Spielleidenschaft herangezogen. Das Börsenspiel setzt doch wenigstens, wie Professor Adolf Wagner treffend bemerkt, zum Erfolg gewisse geistige Fähigkeiten und scharfsiimige Berechnungen vor aus, während beim Lotteriespiel nur blinder Zufall ent

^Von der Einrichtung von Staatslotterieen fernge halten haben sich in der Hauptsache nur die süddeutschm. Staaten Bayern, Württemberg und Baden. In Nord- Deutschland aber bestehen geger.wärtlg sieben Staats­lotterien, die preußische, sächsische, hessiscks-thuringische, mecklenburgische, braunschweigische, lubecklsche und Ham- burgische Uber 200 Millionen Mark jährlich werden für die Lose dieser Staatslotterieeii von der betettrgten Bevölkerung aufgebracht. Das Reich bezieht davon den sechsten Teil als Steuer, dereir Ertrag für 1903 auf 38 644 000 Mark veranschlagt worden ist. Tw Prwat- lotterieen kommen in ihrem Umfange noch nicht dem sechsten Teil der Staatslotterieen gleich. Bon den nach Abzug der Reichssteuer übrigbleibenden Einnahmen aus dem Vertrieb der Lose beziehen die Lotterreemnehmer

Feuilleton.

Vegetarier.

Die Menschen sind heute sehr geneigt, neue Lehren zu schaffen, aber doch meist zu skeptisch, um nicht bald allerlei Ausstellungen zu machen, und so pflegt jede be­deutendere Sekte sich kurze Zeit nach ihrem Entstehen in verschiedene Gruppen zu teilen. Auch dem Vegetarianis­mus ist es nicht anders ergangen, er unterscheidet sich be­reits in mehrere Abteilungen, von denen die bedeutend­sten die „Fruchtesser" sind, die nur von Obst leben, die reinen Vegetarier, denen Gemüse als das einzige richtige Nahrungsmittel gilt und endlich die weniger strengen Vegetarier, die neben Gemüsen auch Eiern und Milch einen Platz auf ihrer Tafel einräumen

Die Anhänger jeder dieser Gruppen sind aber natür­lich von der Wahrheit ihrer «ehre fest überzeugt, sie ist die allein seligmachende und jede Abweichung ist fast als ein Verbrechen zu bezeichnen. Man mutz ihnen auch zugestehen, daß sie mit Eifer für ihren Glauben erntreten, und wenn es ihnen doch nicht in größerem Umfange ge­lingt, Proselyten zu machen, so ist dies wohl vor allem dem Umstande zuzuschreiben, daß bis jetzt für die Wahr- beit und Richtigkeit desselben noch zu wenige Beweise er­bracht worden sind. Allerdings pflegen die Vegetarier die verschiedensten Beispiele anzufuhren, so V B. die Arbeiter in den chilenischen Bergwerken, die ausschließlich von Feigen, gekochten Bohnen und geröstetem Getreide leben und doch gesund und kräftig sind. In Europa aber hat man andere Erfahrungen gemacht. So wurden beim Bau einer Eisenbahn französische und englische Arbeiter verwendet. Elftere atzen fast nur Brot und Gemüse, letztere nährten sich hauptsächlich von Fleisch. Es zeigte sich nun, daß die englischen Arbeiter weit mehr

ihre Gewinnprovision und die verschiedenen Staaten ihr Einnahmen durch Gewinnabzüge. Der preußische S bezieht von seiner Lotterie gegenwärtig eine Emnayme von 10 Millionen Mark jährlich. _ . r T

In früheren Zeiten entschuldigte man die Bewehal- timg der Staatslotterie damit, daß der «taat den Ertrag daraus nicht entbehren könne. , Mt dieser Anschauung bat zuerst Finanzministec v. Miguel gerochen. Er er­klärte es umgekehrt gerade für die Aufgabe des Staates,

: ür die „legitime Befriedigung der Spielleidenschaft zu argen und verdoppelte infolgedessen die Zahl der ^.ose der preußischen Staatslotterie unter dem Borgebeil, ratz die Nachfrage dem bisherigen Angebot nicht entspreche. Jetzt hat der Finanzminister herausgefunden, daß der Absatz der Staatslose „in den letzten Jahren m steigendem Maße Schwierigkeiten gefunden" habe, ^av oemhe zum Teil auf dem Niedergang des ganzen wrrtschaftttchen Lebens, vorwiegend aber auf der Konkurrenz der anderen deutschen Staatslotterieen. Infolgedessen soll jetzt der Plan der preußischen Staatslotterie verlockender für die Spieler ausgestaltet werden. Die vornehme Zuruck­haltung, welche früher der Staat bei der Gestattung des Spielplans ausübte, ist damit aufgegebem , Man will aus den Mitteln der Einführung einer 5. «pielklasse dre Drittel getoinnen, eine Prämie einzuführen, die bisher nicht vorhanden war, uiid die kleineren und mittleren Gewinne erheblich vermehren.

Finanzminister v. Rheinbaben klagt, daß, während man in Preußen auf den Kopf der Bevölkerung cm Spiel- kapital von 2,35 Mk. habe, es in Sachsen 11 Mk.. m Braunschweig über 55 Mk., in Lübeck, das den Vogel ab schießt, über 66 Mk. beträgt. Da diese zum Teil, sehr kleinen Staaten dieses Spielkapital gar, nicht in ihren Staatsgebieten ab setzen können, so richtet sich der Ansturm seitens der Unternehmer dieser kleinstaatlichen Latterieen auf das große Preußen. Eine konkurrierende Staats- lotterie — sie ist nicht näher bezeichnet worden — hat sogar die Einrichtung getroffen, ihre Kollekteure zu, ver­pflichten, 80 Proz. ihrer Lose außerhalb des heimischen Staatsgebietes, also in erster Linie in Preußen abzusetzen. Der Minister nannte dies „einen unerhörten Unftig, der notwendigerweise abgestellt werden müsse.

Aber für das Wie weiß auch der Finanzminister keinen gangbaren Weg zu bezeichnen. Die Einführung einer Reichslotterie würde eine Änderung der Reichs- Verfassung behufs Erweiterung der Zuständigkeit des Reiches voraussetzen, welche imtürlich bei allen, Staaten Widerspruch Hervorrufen würde, die damit einer Ein riohme verlustig gehen aus der eigenen Lotterie, die weit größer ist als der Vorteil, den sie aus einer Vernunde- rung der Matrikularbeiträge durch die Reinerträge einer Reichslotterie gewinnen könnten. Wenn aber überhaupt die Einrichtung der Staatslotterie sich mit einer vernünf­tigen Wirtschaftspolitik iricht vereinbaren läßt, so schickt sich für das große Deutsche Reich noch weniger eine solche Lotterie. v ,

Der preußische Finanzminister will nun danach streben, mit deii sechs anderen deutschen Staaten, welche das Lotteriespiel betreibeii, V ereinbarungen herbeizuführen

und bessere Arbeit lieferten als öie französischen, und um von diesen die gleiche Leistung zu erzielen, mußte man ihrer täglichen Ration 600 Gramm Fleisch mnzu-

fügen.»^ £ g andererseits richtig ist, daß die griechi­schen Athleten sich einem strikt vegetarischen Regime unterwarfen, Feigen, Nüsse, Käse, Brot genossen, so scheinen die modernen doch der Flcischnahrung den Vor­zug zu geben und damit sehr gute Resultate zu erzrelcn. Der „berühmte" Boxer Sandow z. B. erklärte, daß er täglich 244 Gramm Älbuminosen konsumiere, d. h. dre doppelte Ration eines gewöhnlichen Menschen.

Einen Beweis für die Richtigkeit ihrer Nahrungs­weise oder vielmehr einen solchen für die Verkehrtheit, Fleisch zu essen, wollen die Vegetarier auch in den Eski­mos sehen, die sich fast ausschließlich von letzterem und Brot erhalten und sowohl physisch als geistig manches zu wünschen übrig lassen. Es erscheint aber doch mehr als fraglich, ob die Bewohner von Grönland eine größere körperliche Beweglichkeit, höhere Intelligenz entwickeln würden, wenn sich ihr Menu aus Eiern, Spinat und Erbsen zusammensetzte.

Mehr ins Gewicht fallen die wirtschaftlichen Argu­mente der Vegetarianer. Für jeden nicht mit Glücks­gütern gesegneten Familienvater muß es etwas Ver­führerisches haben, „wenn er vernimmt, daß ein gesunder, kräftiger Mann von 50 Pf. den Tag ausgezeichnet leben und drei reichliche Mahlzeiten einnehmen könne. Ein englischer Anhänger der Lehre — die Briten treten für all derartige Neuerungen bekanntlich stets besonders eifrig ein — erklärt, daß er während 8 Jahren harter Arbeit von 9, 10 und 11 Stunden täglich mit dieser Summe aus­gezeichnet ausgekommen sei. Die Gesellschaft „Vegetarian dinners for school-children" konnte in einem Monat 16 673 Mahlzeiten bei einer Gesamtausgabe von 69 Mk. verteilen was pro Mahlzeit ca. SVz Pf. ausmacht. Die

durch eine Art Kontingentierung des Spielkapitals, sei es, daß man das preußische Spielkapital erhöht, fei es, daß man verhütet, daß die anderen Staaten das ihrige immer weiter erhöhen. Aber was soll die anderen Spiel- lauten, für welckje dabei nur Verluste herauskommen können, veranlassen, sich auf eine solche Kontingentierung einzulassen? ES ist eher anzunehmen, daß, wemr erst bestimmte Vereinbarungen über das staatliche Lotterie- piel in Deutschland derart getroffen werden, auch noch andere Staaten, die bis dahin sich tugendhaft zurückge- balten und gegenwärtig noch keine Lotterie besitzen, sich melden, um an dieser Kontingentierung teilzunehmen und vor der gesetzlichen Regelung des deutschen Lotterrespiels für alle Fälle ihren Anteil sich zu sichern.

Als drittes Mittel ist noch vorgeschlagen dre Ver- schärfung der Strafbestimmungen gegen derr unerlaubten Vertrieb fremder Lose. Dabei wird aber erst recht nichts herauskommen, weil dieser Vertrieb sich einfach in Brief- ninschlägen vollzieht uird die Geldbuße für ernen ent­deckten Einzelfall reichlich wieder eingebracht wird aus dem Gewinn von hundert anderen Fällen, die nicht ^ent­deckt werden. Dergleichen Beschränkungen des Geschäfts­betriebes lediglich aus fiskalischen Rücksichten wider- sprechen überhaupt dem Wesen des einheitlichen Wirt- schaftsgebiets. Schon einmal hat man nach den falschen Rezepten des Herrn v. Miguel das Gegenteil erreicht von dem, was man beabsichtigte. Man hat 1891 Strafbe­stimmungen erlassen gegen diejenigen, welche ohne staat­liche Ermächtigung gewerbsmäßig Lose oder Losabschnitte der vreußischen Staatslotterie oder Urkunden, durch welche solche zum Eigentum übertragen werden, feilbieten oder veräußern. Was ist die Folge gewesen? Daß jetzt um so mehr Losabschnitte und Losanteile von außer- preußischen Lotterieen in Preußen mit Erfolg vertrieben tu erb e n. 1

Erst wenn in der geschilderten Weise die Verhältnisse der Staatslotterieen immer unhaltbarer werden, ist die Möglichkeit gegeben, durch Reichsgesetz ohne Rücksicht auf die fiskalischen Interessen das Lotteriespiel der Staaten ebenso zu verbieten, wie man 1867 die öffent­lichen Spielbanken durch Reichsgesetz unterdrückt hat,

(Freis. Ztg.)

Der Wohnungswechsel.

Von vr. jur. W. Brandts, Berlin.

Ganz bedeutende Arbeitsleistungen gehen alljährlich zu Ostern und Michaelis der deutschen Volkswirffchast verloren durch die zahlreichen Umzüge, die um diese Zeit regelmäßig in unseren Städten erfolgen. Tagelang wird der Mann in seinem Beruf gestört, viel mehr noch die Frau. Wenn der Beamten-Wohnungs-Verein zu Berlin nach kaum drei Jahren seines Bestehens über Millionen verfügt, so ist das hauptsächlich wohl dem Um­stand zuzuschreiben, daß er den Beamten die Wohnungen unter Verzicht auf Kündigung und Mietspreiserhöhung überläßt. Aber selbst, wenn diese Grundsätze sich be­währen sollten, so wäre doch durch derartige Vereine nur verhältnismäßig wenigen geholfen. Einstweilen leidet der größte Teil der Bevölkerung unter dem im allge-

Frage ist nur, wie so ernährte Kinder sich entwickeln. Dem Berliner Magistrat war vor einiger Zeit eine Erb­schaft zugefallen unter der Bedingung, daß er ein Waisenhaus dafür errichte, in dem die Kinder vegetarisch ernährt würden. Er wollte darauf nicht eingehen, augen­scheinlich doch, weil er eine solche Lebensweise nicht als rationell betrachtet. Von Breslau wurde die Erbschaft unter der gestellten Bedingung angenommen, und viel­leicht wird sich dadurch nach einem Jahrzehnt ein ge­naueres Urteil gewinnen lassen, ob diese Ernährungs­weise wirklich eine ausreichende sei.

Vis jetzt fehlt dem Vegetarianismus noch die physiolo­gische und wissenschaftliche Basis, der Wert der vegetari­schen Ration ist nicht genau festgestellt, man weiß nicht, wie unsere Organe sie absorbieren, sie verdauen und welcher Nutzen ihnen davon verbleibt. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß, wenn man grüne und trockene Gemüse, Brot, Milch, Eier in gewissen Quantitäten zu sich nimmt, man das Äquivalent der gewöhnlichen, ge­mischten Nahrung erhalten kann, aber wie sich der Körper bei diesem Regime entwickelt, wie der Stoffwechsel sich voll­zieht re., darüber fehlt es noch durchaus an verläßliche» Beobachtungen.

Darin scheinen die meisten Arzte allerdings überein­zustimmen, daß für einen gesunden, kräftigen Menschen die vegetarische Lebensweise keine Nachteile mit sich bringt, allerdings aber auch nicht besser sei, als jede andere, gut aewählte, d. h. bei der die Nahrungsmittel gemischt sind und mit Maß genossen werden. Personen, die Notwendig­keit oder Neigung zum Sparen veranlaßt, und denen die Natur einen kräftigen Körper verliehen, werden also ohne Schaden für letzteren und zum Nutzen ihres Geldbeutels sich zum Vegetarianismus bekennen dürfen, alle anderen aber gut daran tun, die alten Wege zu wandeln, bis ein. gehendere Beobachtungen über die neue Lehre -in enö- . gültiges Urteil gestatten. &