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Sl. Jahrgang» Verlag: Langgaste -2«. Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige»
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Aüv öcrs 2. gruartlaL 1903
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„Wiesbadener Tagblatt"
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Der «WM km ftuzffifA» 5o)iali|tcn.
Unfcr Pariser Korrespondeist schreibt: Seit dem -takir 1895, wo das Ministerium Bourgeois zum ersten Male die Hülfe der Sozialisten in Anspruch nahm und den Schwerpunkt seiner Politik in den, äußersten Flügel d r radikalen Partei verlegte, ist der Einfluß der sozial- demokraten auf die Regierung in beständigem Wach-stim begriffen. Wenn nicht während zweier ^ahrc, von 1896 bis 1898, das gemäßigte Kabinett Mdline dem Vordringen derselben einen Damm entgegengesetzt hatte, Sine sozialdemokratische Sache vielleicht chon weiter gediehen. Aber gerade weil MÄine bte Jakobiner und Revolutionäre während geraumer Zeit im Schach gehalten und zur Ohnmacht verurteilt hatte, war oer sozialistische Appetit nur um so scharfer geworden und ic wußten unter den folgendeii Ministerien das, was sie notgedrungen versäumt hatten, reichlich wieder erm sufinim und die entgangenen Bissen nachträglich in doppelter Äöße einzuschlucken. Als Waldeck-Rousseau ans Staatsruder kam, nisteten sich die extremen^Parteten, die dieser als Avantgarde seiner Armee m§ Treffen führte, endgültig im Schoße der Regierung era., Der Kollektivist Millerand verstand es als Handelsmimswr ausgezeichnet, seiner Partei die Bahn zu ebnen und euren Punkt des sozialdemokratischen Programms nach dem archern mit einer Art offiziellen Firnisses zu umkleiden Er ging dabei nicht aufdringlich, plump und ungesckpckt m Werke, sondern mit vollenoeter diplomatischer Ge- ickmeidigkeit und zeigte auf diese Weise den Parteigenossen die nach ihm ins Ministerium emtreten werden, den richtigen Weg, rrm in unmstfälliger Art ihre Diacht m"erweitecn. Seine Anhäiiger außerhalb des Kabinetts chnsten zum Teil das vorsichtige Verfahren ihres Herrn Md Me isters nach und vcrwandelten^stch^ahnlich^ww
Der Preis ist Magdeburg!
Roman von Max Dorniug.
(9. Fortsetzung.)
Sie mS ‘M b«i S»M- mißte doch in diesem Begriffe lwgen, daß er zu solchen Paten anspornen konnte! Das Vaterland . Davon hatten ihr ihre Lehrer nie etwas gesagt, und ste hatte doch eine auserlesene Mldung und Erziehung Krossen Von Ässings „Nathan", von Goethes „Werther von Millers „Siegwart", auch wohl vom großen König Friedrich hatte man ihr erzählt, aber vom Vaterland
Sie schüttelte aufs neue mit dem Kopfe.
Davon hatte man ihr nichts gesagt, HM Gegenteil, alle Menschen hätten nur ein Vaterland, das aber sei me Welt, und weder der Preuße, noch d« Franzose n^ der Russe seien etwas Besonderes; nicht Burger ihres Landes seien alle diese in erster Lime, sondern Burger der Welt, und für die Interessen der gesamten Welt hatten ste zu dulden, zu leiden, zu kämpfen, zu streiten Aber das Vaterland? So hatte man ihr gejagt, und ihre Lehrer iraren doch gescheite Männer gewesen uiid kluge Kopfe Aber von dem „Vaterland" hatten ihr keiner gesprochen!
Und doch — welch eine Macht, welch eine Kraft mußte in diesem Namen verborgen liegen, wenn er die Menschen
hinriß bis zur Aufopferung ihres eigeneii Lebens? Wenn sie im Kampfe darum das Liebste verließen was sie auf Erden batte,t: Vater und Vaterhaus, Schwester und Braut? Sollte es da sich, wirklich nur um euren leeren Begriff handeln, wie ihr einmal einer, der im Rufe eines großen Philosophen stand, gesagt haste?
Aber wenn das Vaterland wirklich etwas bedeutete, wenn es nicht etwas Veraltetes, aus der Mode Gekommenes wäre, wie jener gemeint — weshalb wollte dann der Vater, der Onkel nichts davon wissen? Er der große Rechenmeister, der alle Wirklichkeiten , so kühl zu wäaen verstand, dem in der langen Reihe semerZahlen mz selten, höchst selten ein Irrtum unterlies? Weshalb
Wilddiebe mitunter zu Forsthütern, werden, plötzlich m die getreuen Verfechter der ministeriellen Absichten, der Überzeugung durchdrungeir, daß der Schrecken ern nützliches und wirksames Regierungsmittel sei, warnten sie die Waffe des Terrorismus zunächst gegen die ihnen o nahe stehende Gruppe der Radikalen, welche sie derart einzuschüchtcrn wußten, daß aus dieser ehemalo so, e> * gischen Partei bald eine kleinmütige wurde, die sich geduldig von den Sozialisten ins Schlepptau nehmen
ließ. .. - r.
lim gerecht zu sein, muß man übrigens zugeben,
daß Waldeck-Rousseau, wenn er auch der äußersten hinten so gut wie nichts versagte, doch keine zu gewaltigen Übergriffe derselben duldete. Er hielt die. Leute, dre e nun einmal zu seiner Gefolgschaft gewählt hatte, Ui gehörigeni Wstand, flößte ihneir Respekt cm und bezeichnte ihnen, wenn sie sich zu weit vorwagen, wollten, imt gelinden, aber nachdrücklichen Wortwr die einzu- haltenden Grenzen. Mit eineni Worte, Waldeck-Rousseau gab sich den Anschein der Macht, wenn er auch m Wirklichkeit sie keineswegs in vollem Maße besaß. Unter dem jetzigen Ministerpräsidenten Combes haben die Dinge eine andere Wendung genommen. Weil dieser nicht über das Talent seines Vorgängers verfugt, gebietet er auch nicht über die Kunst, die Sozialdemokratie radie notigen Schranken zu weisen. Unter Combes fühlt sich diese bei weitem weniger geniert, kaiin ihre Ellbogen frei gebrauchen und ist nicht gezwungen, sich iii Worten und Handlungen irgendwie in acht zu nehmen, va sie den Radikalen eine heilsame Furcht erazujagen wußte,, schaltet sie bei vielen Gelegenheiten als Meisterin über dre fraiizösischeii Geschicke und bildet da das ausschlaggebende Zünglein cm der Wage, wo diese Rolle noch vor kurzeni deil weiiiger links stehendeii Gruppen zugcfallcn war. Daher ist man im sozialdemokratischeii Lager niit Combes mehr als zufrieden uiid wirft Waldeck-Roussean zum alten Eisen, obwohl dieser so viel dazu beitrug, den sozialistischen Bauni im Regierungsgelände Wurzel schlagen zu lassen. Nach ihren Preßsstmmen zu urteilen, verfahren die Sozialisten mit letzterem nicht anders als mit einem Vorspannpserd, das, wenn die Anhöhe einmw, erklommen ist, als mrtzlos bei Seite gelassen wird. Wird Combes einst ein besseres Schicksal blühen als das des überflüssig gewordene,i Vorspannpferdes?
Nachdem die Sozialisten einmal festen Fuß in den oberen Regionen gefaßt haben, treiben sie Regierung und Kammermehrheit immer weiter auf den abschüssigen Weg Wenn sie gegenwärtig auch nicht einen der Ihrigen im Kabinett sitzen haben, wird ihr Einfluß von Tag zu ^ag sichtbarer und namentlich Jaur6S schaltet in der Kammer wie ein Allmächtiger., Unter seiner Ägide,ver- setzt der Marineminister Camille Pelletan der Kriegs- marine manchen Stoß, der lischt nack dem Geschmack der Admirale ist, und verfährt durch die Ermutig ung ,_bit
hatte er dann ErnstsHandlungsweise für eine Torheit, für ein Verbrechen erklärt? ^ „ r
Und kämpfte denn etwa der große Kai,er Napoleon, kämpfte sein siegreiches Heer für ein Vaterland? Jccm, gewiß nicht! Ihr Vaterland Frankreich lag sg unan- oetastet, niemand wollte sich daran vergreifen, niemand seine Grenzen verrücken. Nein, sie kämpften um eine Welt — sie wollten gar nicht Franzosen, sie wollten Weltbürger sein! Und sollte der große Mann sich wirklich über die wahren Ziele und Aufgaben eines Herrschers so sehr täuschen, war er im Unrecht, wenn er die Welt, statt des Vaterlandes setzte?
So jagten sich die Gedanken m ihrem Haupte.
Da fuhr sie jäh zusammen.
Sie hatte draußen einen flüchtigen, schnellen Schritt gehört. Sie öffnete die Tür.
Ein hochgewachsener Mann stand vor ihr, der ihr fremd vorkam und den sie doch kannte. Trug er auch einen Vollbart, war er auch in Arbeiterkleidung, sie schaute doch durch die Verstellung hindurch; sie wußte, daß es der >var, dem chr Herz gehörte .
Und eine wundersame Ruhe kam über sie. Wie eine Feiertagsstimmung! Wie wenn am heiligen Christabend vom Chor des Domes die Orgel klang und der Sängerchor sang: „Freue, freue dich, Christenheit!" — sie wußte nicht, woher ihr der Vergleich kam, aber so, wie am Christabend in der Kirche, so war ihr m diesem Augenblick zu Mute.
Feierlich klang ihre Stimme:
„Sei willkommen, Ernst!"
Sie bot ihm die Hand. Er aber zog sie an sich und küßte sie stürmisch auf Lippen und Stirn und Wangen. Und sie lag an, seiner Brust und schaute ihm mit gluck- lichem Lächeln in die Augen.
„Wo ist der Vater?" fragte Ernst.
„Er ist im Klub!"
„Das ist gut! Weiß sonst Jemand um mein Kommen?"
„Niemand, Ernst!" ,
„Desto besser! Morgen abend verlasse ich die stadst Bis dahin muß ich bleiben! Wie weiland König Enzio
er unlängst den ausständigen Matrosen zu Teil werden ließ, mit der Handelsmarine in einer Weise, die wiederum den Zorn der Reeder Herausfordert. Der gchrzlich int ozialistischen Fahrtvasser schwimmende „Block" verfolgt eine Finanzpolitik, aus welcher sich ols Resultate ctcjebcTU fortwährendes Defizit, eine verschleierte Anleihe in der Form voii kurzfristigen Schatzscheinen, eine baldige definitive Riescnanleihe und die Aussicht auf neue erheb- liehe Steuern im kommenden Jahre, welche der Frnarrz- minister Rouvier vor einigen Tagen in einer SenatsredS den Steuerzahlern mit unverhüllten Worten eroffuete» Ministerpräsident Combes gedenkt vielleicht, iram er den Kampf gegen die OrdenSgemeinschaftcn beendet und auch den neuerdings betreffs des Konkordats mit dev Kirche in Aussicht gestellten Waffcngang erledigt hat, sich etwas auszuruhen. Sein Wunsch wird nicht trt Erfüllung gehen. Ter Sozialismus ist unersättlich und wird ihin mit unerbittlicher Stimme ein lautes Vorwärts ! zurufen. _
Preußischer KandLag.
Abgeordnetenhaus.
Berlin, 25. März.
Im Abgeordnetenhause wurde der Gesetzentwurf zur Gewährung von Wohnungsgeldzuschuß an die unmittelbaren Staatsbeamten in dritter Lesung angenommen.— Hierauf erste und zweite Beratung des Gesetzentwurfs über die Landestrauer. — Minister v. H amm er st ein begründet den Entwurf mit dem Hinweis darauf, daß die von 1797 stammenden seitherigen Verordnungen den lokalen und gewerblichen Verhältnissen der Gegenwart nicht mehr genügend Rechnung tragen. Der Entwurf schließe! sich wohl äußerlich an die alten Verordnungen an, weiche aber inhaltlich wesentlich davon ab und nehme auf die Bedürfnisse des gewerblichen Lebens weitgehende Rücksicht; die Landestrauer solle nicht mehr acht, sondern nur. vier Tage dauern, und zwar soll der Todestag daber nnt- gercchnet werden. Hoffentlich werde der Fall, den dev Entwurf vorwies, noch lange nicht eintretcn. Er bitte,, ihn ohne Kommissionsberatung anzunehmen. — Abg. Wiemer (freis. Volksp.) begründet seinen Antrags das Verbot der öffentlichen Lnstbarkeitcn auf den Sterbe, und Beisetzungstag zu beschränken. Redner erkennt an. daß der Entwurf eine Besserung bedeute, jedoch gehe das aus vier Tage sich erstreckende Verbot öffentlicher Musik, sowie öffentlicher Lustbarkeiten und Schauspiel-Vorstellungen zu weit. - Abg. Schall (kons.s tritt für dre Vorlage ein. Der freisinnige Antrag würde, so weit er sich auf den Sterbetag beziehe, doch nur für die Hauptstadt selbst in Betracht kommen können, da in den über, wiegenden Teilen der Provinz die Todesnachricht doch erst am nächstfolgenden Tage bekannt werde. Man müsse aber dem Lande Gelegenheit geben zu einer würdigen
will ich mich in eines der großen Fässer iin Lagerraum stecken — dort wird mich niemand finden."
„Wird man dich hier suchen, Ernst?" fragte Gertruh, und eine namenlose Angst klang aus ihrer Stimme.
Er schüttelte den Kopf.
„Ich glaub's nicht!"
„Man beobachtet und bewacht dieses Haus!
Da erschrak er doch.
„Tut inan das wirklich?" fragte er, als bezweifle ev
„Ganz sicher, Ernst! Oft habe ich m der letzten Zeri verdächtige Gestalten auf der Straße beobachtet dw verstohlen zu unserem Hause hinüberspähten. Es sind Aus,
so schneller muß ich mich verbergen, — Euch soll keine Gefahr durch mich ins Haus gebracht werden l Gib mir ein Stück Brot, Büschen, und eine Flasche Wein, daß ich Lebensmittel bis nrorgen habe. Tann gehe ich m meine Tonne, wie Diogenes — ich weiß Bescheid rat Lagerraum! Niemand soll mich finden! Sei ohne ©orQc!^
Schon hatte Gertrud Brot, kaltes Fleisch und eins Flasche Wein herbeigeholt. Sie wollte ihm Teller unds Besteck dazu reichen.
Er lachte. . . „ ^ r t
Laß, laß. Lieb! So verwohnt sind wir nicht mehr! Die "Faust iind die Zähne sind uiiser Besteck! Mehr bc. darfs auch für einen hungrigen Magen nicht!"
Was tatest du in Magdeburg, Ernst?" fragte sie. „Weshalb mußtest du dich in Gefahr begeben?"
Er hob ihr den Kopf in die Hohe und sah ihr lächelnd in die Äugen.
„Geheimnis, lieb Kind! Aber nun — leb wohl! Mg Zeit" drängt: wer gesucht wird, soll sich verbergen!" »
„Mir ist so weh um dich, Erlist!"
Hab' keine Sorge! Ich stehe im Dienste einer guten Sache und die Hülfe des Himmels wird uns un Notfall! nieftt fehlen. Leb wohl — uiid wenn, ich nun wieder komme, wirst du mein liebes Weib! Willst du?"
Sie nickte ihm glücklich zu.
■ „Ich will, Ernst!"
