Beilage nun Mesbaüener Tagblatt.
Mo. 143. Morgen-Ausgabe.
Donnerstag, den 26. Mär;.
81. Jahrgang. 1903.
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t Frauen von barmonischeni Olciste und bervorragender 4 Bedeutung liebten e« voii jeher, jüngere Männer veredelnd 4 w deeiükluffen. Männer solcher Art erweisen diesen Dienst
* Vmr selten dem andern Geschlecht.
* (Ans: „Schrullen". Breslau, 1878.)
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(12. Fortsetzung.)
Der Maltheser.
Roman von O. v. Kiö-Killay.
„O weh!" rief er. „ES ist schon Mitternacht vorüber ; . . Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, Sie ^it meiner Redseligkeit aufgehalten zu haben, gnädige Frau ..."
Käthe antwortete nichts. Sie wäre am liebsten die ganze Nacht aufgeblieben.
Er half ihr ein Kissen aus der Plaidrolle heraus- tiehmen und deckte sie zu. Dann, nachdem er noch den glichen Vorhang über die Lampe gezogen, rückte auch er sich in seiner Ecke zurecht.
Käthe konnte keinen Schlaf finden. Sie fühlte sich so angeregt, ihre ganze Müdigkeit war verschwunden. Sie lebte noch einmal im Geiste jedes Wort durch, das sie miteinander gesprochen hatten. Sollte es nur eine flüchtige Begegnung sein? Nein, — diesen Gedanken mochte sie nicht ausdenken! Sie wollte ihn auffordern, ihr Haus zu besuchen . . . Aber, — durfte sie das, tat sie recht daran? Lief sie nicht Gefahr, dem Manne hier einen größeren Platz in ihrem Leben einzuräumen, als sie verantworten konnte? Konnte sich aus der Sympathie, die sie für den Fremden hegte, eine stärkere Empfindung entwickeln? War es nicht schon eine Untreue. die sie gegen Werner beging? Werner! Sie schrak förmlich zusammen. Im Laufe des ganzen Tages hatte sie kaum flüchtig seiner gedacht. Es war eine Warnung, sie durfte dem fremden Manne nicht näher treten, das war sie Werner und sich selber schuldig. Warum aber hatten sie sich dann begegnen müssen? Warum dieser flüchtige Mick in eine Traumwelt der Möglichkeiten, eine Welt dessen, das da hätte sein können? Sie wäre ruhiger ihren einsamen Weg gegangen . . .
Würde es auch ihm leid tun, sie aus den Augen zu verlieren? Ob er wohl schlief? Sie strengte ihr Gehör an, um zu horchen. Eine tiefe Dämmerung herrschte in dem Raume und nur undeutlich vermochte sie die 11m- risse der ihr gegenüber ruhenden Gestalt zu erkennen. Der Kreis ihrer Vorstellungen zog. sich immer enger zusammen. Das Gerassel der Räder und die friedlichen Schnarchtöne der alten Reisegefährten verwoben sich mit ihnen und sie schlief ein.
Käthe erwachte, als der Tag durch die Fenster hereinblickte. Sie richtete sich auf. Das alte Ehepaar regte sich auch schon, und ihr Nachbar saß drüben, die Arme auf die Kniee gestützt, und sah sie an. Er lächelte freundlich, als sich ihre Augen begegneten.
„In einer halben Stunde sind wir in Berlin, gnädige Frau, — erlauben Sie, daß ich Ihnen Ihre Sachen zu- sammenpacken helfe?"
Als es geschehen war, setzten sie sich nieder und blickten einander an, vertraut wie alte Freunde.
„Gnädige Frau", begann Gossar, „Sie haben mit geschlossenem Visier gefochteu. Sie werden doch so gütig sein, aus Ihrem Inkognito herauszutreten und mir Ihren werten Namen nennen? Habe ich es doch auch selbst an Ihrem Trauringe herausklügeln müssen, daß Sie verheiratet sind ..."
„Ach ja, entschuldigen Sie, ich habe es versäumt", erwiderte Käthe verlegen. „Mein Name isi Rauenborg, — Käthe Nauenberg. Mein Mann ist Hauptmann und dient bei dem L-Jnfanterie-Regiment in Berlin."
„Rauenüerg?" wiederholte Gossar überrascht, „vielleicht Werner Rauenberg? Stand er nicht früher bei dem .^-Regiment in Braunschweig?"
„Jawohl, — kennen Sie denn meinen Mann?"
„Ich habe Ihrem Herrn Genrahl nichts weniger als mein Leben zu verdanken ... Es sind zehn Jahre her, — es war bei den Manövern um Kassel herunr. Ich stand noch nicht bei der Garde. Wir badeten unser mehrere aus verschiedenen Regimentern im Flusse. Ich muß wohl erhitzt gewesen sein, bekam den Sehnen kram Pf und fing an zu sinken. Herr Rauenberg, der sich zufällig in der Nähe befand, erwischte mich, als ich gerade wieder an die Oberfläche kam, und brachte mich, der ich halb bewußtlos war, ans Land. Meiner Dankbarkeit gegenüber ver- hielt er sich aber passiv. Er schien wenig Lust nach meiner näheren Bekanntschaft zu verspüren . Ich war damals ein flotter, junger .Kerl, und er galt für den solidesten Offizier im Regiment. Ich habe ihn später auf meiner Durchreise in Braunschweig aufgesucht, traf ihn aber nicht an, Wie froh wäre ich jetzt, ihm die Hand schütteln zu dürfen!" ^
Ein heißer Strom schoß zu Käthens Herzen. So mischte sich denn das Schicksal selber herein und machte ihre tugendhaften Vorsätze zu nichte! Sie konnte ja nichts dafür, wenn er jetzt ein Gast in ihrem Hause wurde. Sie wollte es aber als ein Gnadengeschenk des Himmels ansehen und dieses Gnadengeschenkes würdig bleiben . . .
Der Zug fuhr brausend in die Friedrichstraßen-Bahn- bofshalle hinein. Die Gepäckträger drängten sich vor. Vergeblich sah sich aber Küche nach ihrein Manne um.
Da tauchte das breite schmunzelnde Gesicht Peters, des Burschen, auf. Betroffen stieg sie aus dem Wagen, von Gossar gefolgt.
„Ist der Herr Hauptmann nicht hier?" fragte sie Peter, welcher dienstfertig herbeigeeilt war. die Sachen seiner Herrin in Empfang zu nehmen.
„Der Herr Hauptmann sind schon gestern früh nach L. beordert worden, kehren aber heute mittag heim", rapportierte der Bursche.
In qualvoller Verwirrung blieb Küche stehen. Es war doch ein Strich durch die Rechnung! Sollte sie nun selbst Gossar einladen? Nein, das wäre fidjer Werner nicht lieb, — sie durfte chm nicht vorgreifen . . .
Gossar stand vor ihr und lüstete den Hut.
„Gnädige Frau", sagte er zögernd, — seine braunen Augen blickten sie erwarchngsvoll an, — „gnädige Frau, gestatten Sie mir. Ihnen auszusprechen, wie unauslösch- sich die Erinnerung an unser Zusammentreffen in mir fortleben wird ..."
Küche brachte kein Wort hervor. Wie gern hätte sie
ihm gesagt: „Verlassen Sie sich darauf, mein Mann wird Ihren Besuch erwidern." Die Worte blieben ihr aber im Halse stecken.
Ein Zug der Enttäuschung stog über sein Gesicht. Er verbeugte sich nochmals. Sie reichte ihm die Hand, di« er mit einer langsamen Bewegung an die Lippen führte.
*
Auf der langen Fahrt vom Bahnhofe bis zu ihrer Wohnung war Küche recht ärgerlich auf sich selbst. Warum hatte sie ihn nicht eingeladen? Er schien es erwartet zu haben. Nach der netten gestrigen Unterhaltung hatte sie geradezu eine Unfreundlichkeit begangen. Werner würde es freilich nachholen. Es sah aber aus, als mache sie sich nichts aus dem Verkehr mit ihm. Mit ihrem Zaudern und Grübeln verdarb sie sich doch imnier die besten Momente des Lebens . . .
Da war sie denn nun nach vierwöchentlicher Mwesen- heit wieder zu Hause. Mit Freuden betrat sie ihr Heim. Wie hatte sie sich jemals hier fremd fühlen können! ES grüßte sie alles so vertraut, ihre Wohnung kam ihr noch einmal so hübsch vor, so sauber und nett geordnet. Gewiß würde sie einen guten Eindruck auf ihn machen. Vielleicht war er aber an größere Verhältnisse gewöhnt . . .
Auf dem Tische fand sie einen Zettel von ihrem Mann« vor. Er schrieh sehr freundlich und bedauerte, daß sein Dienst ihn verhindert hätte, sie persönlich zu empfangen. Er werde zu Mittag zurück sein, und wolle sein möglichstes tun, ihr über die erste schwere Zeit hinwegzuhelfen.
Sie zuckte zusammen. Mein Gott, war es denn möglich, daß all das Schwere, Grauenvolle, das sie durchlebt, unter dem Eindrücke dieses neu gefaßten Interesses verblaßt und in den Hintergrund getreten war? Sie verachtete sich für diese Charakterlosigkeit. Es war ein Verrat an allem, was sie bisher geliebt hatte, an Vater, Mutter. Werner ... Es war schlecht, sie wollte aber nicht schlecht sein . . .
Sie warf sich aufs Bett und war bald einge- schlummert. Als sie erwachte, war es spät. Sie mußte sich beeilen, um bis zu Werners Ankunft mit ihrer Toilette fertig zu werden.
Ta ertönte auch schon die Hausglocke. Sie eilte ihm entgegen —- sicher würde sein altgewohnter lieber Anblick die unheiinliche Empfindung in ihr verdrängen.
Werner schloß sie zärüich in die Anne.
„Meine arme, arme Käthe!" sprach er mitleidig.
Der freundliche Ton seiner Stimme brachte si« vollends aus der Fassung, und sie barg schluchzend ihr Gesicht an seiner Vnrst. Er streichelte ihr das Haar und redete ihr Worte des Trostes zu. Sie weinte aber nur um so hefttger. Ach, er wußte nicht, daß ihr Schmerz jetzt nicht den armen Eltern galt, sondern ihm und ihr selbst, — sie hatte sich an ihm versündigt — und doch, sie hätte es nicht anders haben wollen . . .
Als sie ihre Tränen trocknete, war sie voll guter Vor- sütze. Die neue Freundschaft sollte ihr nicht zum Fall- strick werden. Das Glück, das sie ihr gewährte, würde ihren grauen Himmel erhellen, sie freudiger und eiftiger in der Pflichterfüllung machen . . .
(Fortsetzung folgt.)
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