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Verlag: Langgasse 27.

Anzcigen-Prcisr Die einspaltige Pctitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 2o Pfg. — Reklamen die Pctitzeile für Wiesbaden 50 Pfg.

Morgen-Ausgabe.

Aür: öcrs 2. Hucrritcrt 1903

auf das

Wiesbadener Tagblalt"

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im Uerlag Langgasso 27, bei den Ans gäbe stellen» den Zweig-Expeditione«

der Nachbarorte,

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bei fiimmtlichen deutschen Reichopostanstatten.

VkilffGlilids KKmsl als KolnIMW?'

<v n den modernsten Jndustrieen, in denen es zumal aal? die großen Erfindungen der Nearzeit fruchtbringend - 1 , verwerten, steht Deutschland an der Svrtze der Ent- mickeluna Deutsche Produkte erobern heute tatsächlich die ganze Welt, sind aber auch schon in Gefahr, durch reu aufgetretene Wettbewerber und durch die Billigkeit der Massenerzeugung von diesen aus den gewonnenen Positionen herausgedrängt zu werden. Als England rn d«: 70er Jahren auf der Höhe seiner Produktion stand, lütte es fast gar keine Nebenbuhlerschaft, dre englische Herrschaft erstreckte sich überdies über fast 400 Millionen Menschen und vor: diese,i werden seine Waren bevor­rat Daher mußte Deutschland nach Konsolidierung feiner WeI tm ark tstel l un g nach .Erwerb einer Weltmachtstellung streben und ein Kolonialreich gründen. Zunächst erkannte man die NottEidigkeit, Aokilenstationen für unsere Kriegs- und Handelsflotte zu laben, bald aber wurde man sich bewußt, daß das Schwer­gewicht der kolonialen Bewegung auf wirtschaft­lichem Gebiet ruht. Unsere Bevölkerung wuchs und die von der Natur unserem Lande gegebenen Nahr- [loffe reichten von Jahr zu Jahr weniger aus, .Rohstoffe Genuß- und Nahrungsmittel müssen zum Teil importiert lrerden Dadurch, daß erstere durch Arbeit einen höheren Wert erhielten und mit hohem Gewinn in die Fremde ünaen, gewann man die Mittel zum Ankauf der fehlen- dm Nahrungsmittel und konnte Kulturaufgaben m bis^ ler ungekanntem Umfange lösen, die Lebenshaltung heben und einen großen Wohlstand etablieren Wie aber, wenn dieses Geschäft ins Stocken gerat, der Ab-

ätz der Waren sich verringert oder die Zufuhr der Aoh wffe verhindert wird? Und die Möglichkeit für beides tegt Nicht gar fern. Amerika, der größte Rohstoff- und Nahrnngsmittelerzeuger, benutzt den durch Verkauf mef r ihm zufließenden Gewinn zur Einrichtung eigener In­dustrieproduktion, schließt seine Grenzen durch hohe ^n- dustriezölle ab und dankt für das Angebot deutscher Fabrikate in immer steigendem Umfange, erscheint auch 'Aon als gefährlicher Konkurrent auf beu übrigen Märkten. Im Jahre 1900 haben wir für mehr als eure Milliarde Mark von den Vereinigten Staaten gekauft uns ihnen noch nicht für eine halbe Milliarde verkauft, ein Verlust, den wir auf die Dauer nicht ohne Schädigung bezw. Minderung unserer wirtschaftlichen Kräfte ertragen können. Und wenn nun gar im Fall einer kriegerischen Verwickelung der Bezug von Rohstoffen von drüben un­möglich gemacht, ja vielleicht vorübergehend verboten nmrde? Was würde aus unserer Industrie? Sie müßte wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Eine rafckM Verarmung unseres Volkes und der schnelle Verfall auch unserer politischen Macht wäre die Folge, ja unsere ge­samte nationale Existenz stände auf dem Spiele, ^mmer stärker tritt auch in anderen Staaten das Bestreben her­vor, chr Wirtschaftsgebiet gegen das Ausland abzu- schließcn. So hat Englandl seinen Handelsvertrag mit Deutschland gekündigt, um in Kanada einen um 33f/z % geringeren Zoll für englische Waren gegenüber fremden zu erhalten, Neuseeland soll britischer Fabrikation eine Bevorzugung von 10 %, die Kapkolonie und Natal eine Begünstigung von 25 % gewähren und die fremde Schiff­fahrt soll voni Verkehr zwischen den einzelnen Kolomeen des britischen Reiches und vom Küstenverkehr überhaupt ausgeschlossen werden. Es werden daher nur noch solche Länder Industrie und Handel treiben können, die mehrere Zonen in sich schließen und alle Produkte selbst innerhalb ihrer Grenzen erzeugen. Daher für Deutschland der hohe Wert von seinem Besitz in den Tropen, die allein die uns fehlenden Rohstoffe liefern können und die Er­nährer unserer Industrie sind. ^ .

Wie groß ist nun das Weltgeschaft, das Deutschland macht und welchen Gewinn erzielte es bisher daraus? Wir haben im Jahr 1900 verkauft an Baumwoll- und Wollwaren, Kleidern und Wäsche für 823 200 000 Mk., in der Textilindustrie überhaupt für 1 Mlliarde Mark. Tie Einfuhr des Jahres 1900 an Baumwolle betrug 318 Millionen Mark. Ter Doppelzentner der verkauften Ware hatte dabei einen Durchschnittswert von 600 Mark, das Rohprodukt, die Baumwolle, von nur einigen 80 Mk., der Gewinn betrug auf den Doppelzentner also gewiß nicht weniger als 500 Mark und für die ganze Textil­industrie ungefähr 200 MMonen Mark, was uns ein Bild davon gibt, was es für Deutschland bedeutet, seine aewaltige Ausfuhrindustrie im bisherigen Umfange auf recht zu erhalten und welch einer Gefahr die Nation aus

gesetzt ist im Falle einer wesentlichen Abbröckelung oder

eines Zusammenbruchs dieses Geschäfts. Und die Lenker unserer Geschicke haben diese Bedenken geichen und sie iud bemüht gewesen, den Grund, auf dem unser Anteil an der Weltwirtschaft begründet ist, zu verbreiten rmd zu festigen. Darum haben wir unsere Kriegsflotte ver­größert und vergrößern sie weiterhin, darum haben wir das Kiautschou-Gebiet gepachtet und im Großen Ozean und in der Südsee Inseln als Stützpunkte für unseren Handel und als Kohlendepots erworben, darum haben mir unser Konsularkorps vervielfacht und über die ganze Welt verteilt. Aber ein höherer Zweck teilt den Kolonien noch größere Aufgaben zu. Wenn sich auch nur ein kleinerer Teil derselben zur Ausnahme unserer über­schüssigen Bevölkerung eignet, so sind dagegen die übrigen Gebiete in wirtschaftlicher Beziehung nicht ungünstiger als andere Tropenländer und in ihrer Gesamtheit vier­mal größer als das Mutterland. Es gilt, diese Land- strecken zu entwickeln und anzubauen. So liefert Togo nach angestellten Proben eine hochwertige Baumwolle, ihre Produktion ist aber noch in den ersten Anfängen, nur wenige Jahre alt, würde aber bei einer vorausstcht- lich raschen Vergrößerung im Verein mit der russischen, transkaukasischen und turkestanischen das amerikanische Monopol brechen und den Weltmarkt beeinflussen. Von den 300 Millionen Mark, die wir den Amerikanern für Baumwolle zahlen, würde wenigstens ein Teil in unsere Tasche fließen und für Zeiten der Not, der Verwickelung, der Mißernte wäre uns ein Ventil geöffnet. Dasselbe würde für den Kautschuk gelten, von dem wir rm ^ahr 1900 für 73 800 000 Mark kaufen mußten, sobald wir selbst diesen in unserem Westafrika und Neu-Guinea, wo er vorzüglich gedeiht, gewinnen und erzeugen werden. Kaffee und Kakao bedürfen einen Zeitraum von 4 bis 5 Jahren, ehe sie eine Ernte geben und haben in unseren Kolonieen dieses Alter nur zum kleinsten Teil erreicht Für rohen Kaffee gaben wir im Jahr 1900 15o 800 000 Mark, für Kakaobohnen 28 700 000 Mark aus und haben von jedem dieser Genußmittel aus unseren Kolonieen für nur 300 000 Mark geerntet Palmöl und Kopra bezogen wir im gleichen ^ahr für 35 800 000 Mark Ölkuchen für 60 900 000. Cocus- und Olpalmen brauchen aber bis zu 10 Jahren zum ersten Ertrage und ihr Anbau ist erst nur kurze Zeit und m geringem Um­fange in Angriff genommen, teils durch Kriege ver­hindert, tells aus Unlust der Eingeborenen zur Arbeit, die man aber allmählich durch Anleitung und Verteilung von Saat mehr und mehr zu Volkskulturen herbeizieht. Mögen unsere Kolonieen auch nicht groß genug sein, um die gesamte Menge von Tropenprodukten, die wir. brauchen, zu erzeugen, sie sind groß genug, um einen be- deutenden Teil des Tributs für uns zuruckzuhalten, den wir zu unserem Schaden an fremde Konkurrenten ent­richten müssen. Es ist daher nicht Großmannssucht, die

Onkel Salrmtores Geschichte.

Von Grazia Deledda.

Autorisierte Übersetzung von Katharina Breuuing.

Onkel Salvatore, unser alter Wirtschaftsführer,

^Finder, ich bin nicht immer Bauer gewesen; ich war sür etwas Größeres geboren, bestimmt, wenigstens Priester zu werden; doch Lebenswendungen und vor allem äußerste Armut ließen das nicht zu. In meiner frühesten Jugend bekleidete ich indessen doch das Amt eines Sakristans in der Santa Lußur;u-Klrche und ent­sagte jeglichem religiösen Berus erst, als eine seltsame Begebenheit mein Schicksal entschied.

So vernehmt denn meine Geschichte. Ich war ein­undzwanzig Jahre alt, als ich an einem Novemberabend, beim Dunkelwerden, nicht weit von unserm kleinen Häuschen auf dem Karren eines Nachbars saß und die Straße entlang blickte.

Da es sehr kalt war, ließ sich niemand herab, nur Gesellschaft zu leisten, was ich durchaus nicht bedauerte, und zwar aus einem Grunde, den ich euch nachher

Ich sah die beschneiten Berge sich in grauen Nebel hüllen, ich fühlte eine eisige Feuchtigkeit vom düsteren Himmel herabtröpfeln und meinen Rock durchdringen; der scharfe Wind rötete meine Nase; dennoch rührte ich

mich nicht. .. , ,

Der dunkle Kirchturm durchbrach mit phantastischen Formen dann und wann den Nebel und erinnerte mich an das mir obliegende Avewaria-Läuten; dennoch blieb ich unbeweglich sitzen, uneingedcnk meiner Pflicht.

Was mich am meisten lockte, das war das frohe Geknister des Feuers in der kleinen warmen Küche, wo die Mutter das Abendbrot bereitete; wohl blickte ich von Zeit zu Zeit auf den rauchenden Schornstein, und es wuchs mit der Sehnsucht nach dem Feuerherd das Emp­finden der Kälte; dennoch rührte ich mich nicht. Frohes Entzücken bannte mich an meinen Platz.

Bor einer Stunde, beim Verlassen der neuntägigeu Andacht zu Ehren der heiligen Caterina, hatte Grazia- rosa Alvisi mir mit großer Geheimnistuerei gesagt:

„Compare Bato, ich muß mit Euch sprechen; erwartet mich nach einer Stunde vor Eurem Hause . . Grazia- rosa Alvisi hatte mir etwas zu sagen, sie gab nur ein Stelldichein! O, das war, um vor Freude und Stolz verrückt zu werden! ,, ..

Nun, wollt ihr es hören? Ich war bis über die Ohren in Graziarosa verliebt und hatte ihr sagen lassen, daß ich sie heiraten wolle. Sie aber hatte gelacht, wie man lacht, wenn man einen Bären tanzen und sich ver­beugen sieht. Sie hielt sich für etwas Großes, weil sie im Hause des Sindaco diente und das junge Fräulein, Donna Daniela, die allgemein Oleanderstock genannt wurde, weil sie so mager, glatt und dürr war, zur Kirche begleitete. Aus diesem Grunde und auch wohl, weil sie bezaubernd schön war und zwei große grüne Augen und ein rosiges Mündchen hatte, wollte Graziarosa Alvis, einen reichen Mann, gar einen vornehmen Herrn hei­raten. Als ich das erfuhr, sang ich unter ihrem Fenster ein böses Lied, wofür sie mir Prügel und Entlassung aus meinem Amte als Sakristan androhte; noch mehr, ich war im Begriff, mir von einem Dichter für 5 Lire ein Schmäh gcdicht auf sie verfassen zu lassen, als sie mir ein Rendez­vous gab! Hatte sie die Absicht, mich zu ermorden?

Nun, wie dem sei. Lautklopfenden Herzens wartete ich auf sie an jenem kaltnebeligen Winterabend.

Endlich erschien sie. Sie kehrte von dem Brunnen heim, den tönernen Krug auf dem Kopfe, die Hände unter der Schürze, das niedliche Mündchen röter als gewöhnlich. Ich wußte nichts anderes zu sagen als:

„Meiner Treu! Seit einer Ewigkeit erwarte ich Euch, habe doch die Abendglockcn zu läuten!"

Sie blickte sich um und erwiderte dann mit neckischem Blick:

„Etwas ganz anderes als die Abendglocken läuten, Compare Bato!"

Bei den heiligen Seelen des San Lucifero und San Giannario! Wollte sie mich denn heiraten?

„Es handelt sich um viele Scudi. Wollt Ihr 20 ver­dienen? 20 silberblanke Scudi?"

Verdutzt blickte ich Graziarosa an; denn ich glaubte,

sie hatte den Krug über meinen Rücken geleert. Waren ihre Worte ein Sinnbild und bedeuteten die Scudi etwa Prügkl?

' Auch ich blickte mich um. War da eine Mauer?

Sie gewahrte, ich möchte fast sagen, meine Furcht.

„Flink. Seid kein Narr. Entschließt Euch. Ich habe keine Zeit zu verlieren."

Nun fing ich an, den Galanten zu spielen: „Commare. wenn es wahr ist, daß ich Euch einen Gefallen tun soll, so sprecht: ich bin bereit, für Euch durchs Feuer zu gehen . . . gehe sogar in die Hölle, wenn ich weiß, daß Ihr mich ein wenig lieb habt." m . .

„Ach was! Ich wette, trotz all Eurer Prahlerei tut Ihr mir nicht den Gefallen. Aber ein wenig lieb habe ich Euch doch."

Diese Worte berauschten mich. Um dem Mädchen dafür zu danken, wußte ich nichts Besseres zu tun, als ihr einige Zärtlichkeiten zu erweisen. San Lucifero, Santi Protasio und Anastasio! hätte ich das doch nicht getan. ^

„Ich versetze Euch so viele Ohrfeigen, daß Euch der Weisheitszahn, wenn Ihr ihn habt, wackelt," rief Grazia- rosa, in Wut geratend.

Diese Einleitungsrede mißfiel mir eigentlich nicht, dennoch . . . Graziarosa sagte mir dann, daß 100 Lire für mich und 100 Lire für sie zu gewinnen seien.

„Schwört mir aber vorerst, daß Ihr niemals jeman­dem das enthüllt, worum ich Euch nun bitten werde; mögt Ihr nun einwilligen oder nicht."

Ich sprach die fürchterlichsten Eidesleistungen aus. Daun erzählte sie . . .

San Pietro mit den Schlüsseln! Es war etwas Grau- s-ges, was Graziarosa von mir verlangte. Jetzt darf ich es sagen: vom Altar sollte ich etwas heiliges Ol stehlen und es ihr einhändigen!

Ich erblaßte, ich zitterte, und als ich erfuhr, daß das heilige Ol gar dazu dienen sollte, ein Zaubermittel her­zustellen, schlug ich das Ansinnen rundweg aus. Grazia- rosas Liebe — und ein wenig auch die silbcrblanken Scudi — verlockten mich ungemein, aber solche Ent­weihung ging über meine Kräfte. Nein, niemals! Lieber hätte ich einen Mann gemordet. Das sagte ich dem Mäd­chen ganz offen.