Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.
Mo. 141. Morgen Ausgabe.
Mittwoch, den 25. Mar;.
81. Jahrgang. 1903.
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^ Zede schrankenlose Gewalt, über deren Gebrauch der Besitzer niemand Rechenschaft abzulegen hat, wird miß- * braucht, oit in der besten Absicht mißbraucht, und weise ist £ 5 ,,ur der, welcher in richtiger Erkenntnis der eigenen Kurz.
- sichtigkeit die Schranke, die seiner Willkür gesetzt ist, willkommen heißt.
Döllinger.
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(11. Fortsetzung.)
Der Maltheser.
Roman von O. v. Kis-Killay.
Der Zug hielt. Käthe blickte auf die Menschenmenge, N«lche sich trotz des schlechten Wetters auf dem Bahnhofe Längte. Ein großer Mann in braunem Havelock ging vorüber, einen Reisekoffer in der Hand. Ein Kellner, mit Biergläsern an jedem Finger, blieb vor Käthe stehen und sah erwartungsvoll zu ihr auf.
Da kehrte auch der Herr im braunen Havelock wieder zurück, und mit einem höflichem „Sie gestatten?" drängte er sich cm Käthe vorüber ins Coupä.
Ihre Augen begegneten sich. Er stutzte, wechselte die Farbe, bezwang sich aber sofort und nahm, nachdem er seinen Koffer im Netze untergebracht, seinen Sitz ihr gegenüber ein.
Sie wandte sich wieder dem Fenster zu. Seine Bewegung war ihr nicht entgangen und ihr Interesse war erregt. Sie warf einige verstohlene Seitenblicke nach ihm. Eine hohe, schlanke Figur — der Haltung nach chochte er Offizier sein — schon das kurzgeschorene Haar und der lange blonde Schnurrbart trugen zu dieser Vermutung bei. Auch ein gewisses Etwas und die weiße gchflegteHand deuteten darauf hin, daß er zu der höheren Gesellschaftsklasse zu zählen war. Sein Gesicht zog sie, ohne gerade schön zu sein, unwiderstehlich an. Ein kräftig markiertes Kinn, eine kühn gebogene Nase, darüber ein Paar braune Augen, klug und fest, als spiegele sich in ihnen eine bewußte Kraft.
Er sah anfangs zum Fenster hinaus, als aber Käthe gar nicht auf ihn acht zu geben schien, flogen seine Blicke immer häufiger zu ihr hinüber. Sein Gesicht nahm dabei einen eigentümlich leidenden Ausdruck an. Nach und nach wurde es ihr peinlich, sich so beobachtet zu wissen. Ein Buch würde ihr mehr Contenance verleihen.
Als sie sich erhob und nach ihrer Handtasche langte, sprang er aus und holte sie ihr herunter. Käthe dankte
E htig und vertiefte sich in ihr Buch. Das war aber n doch noch schlimmer! Jetzt brauchte er sich gar nicht wehr zu genieren, und sie fühlte wieder die traurig sinnenden Augen auf sich ruhen. Nein, es war besser, den Stier an den Hörnern zu packen Sie klappte das Buch zu.
„Es geht doch nicht mit dem Lesen", sagte sie zu ihm vufblickend. „Man muß sich auf der Fahrt durch diese Strecken wahrhaftig mit Geduld bewaffnen. Es ist kein Vergnügen, in diese schauderhaft langweilige Gegend hinauszuschauen. Da sind mir sogar die Wüsteneien Mußlands lieber — sie sind, was sie sind, trostlos, und sollen nichts anderes sein."
„Ich darf mir kein Urteil darüber erlauben , erwiderte der Fremde mit weicher, wohllautender <Snmtne. „Ich bin ein Sohn dieser Ebenen hier, und als solcher bin ich nicht imstande, sie kritisch zu betrachten. Gerade so wenig, wie ich zu sagen wüßte, ob das Gesicht meiner Mutter schön oder unschön ist. Ich weiß nur ems, daß es inir traut und lieb ist." . ,
„O weh, da habe ich Sie vielleicht in Ihrem Lokal- Patriotismus verletzt!" rief Köche. „Ich bitte Sie um Verzeihung." ..... ....
„Bitte sehr, ich ttmndere mich mcht über den nüchternen Eindruck, welchen meine Provinz auf den Fremden ausüben mutz. Ich selbst fürchtete mich, die heimatlrchen Gefilde wiederzusehen, als ich von meinen Reisen in aller Herren Länder heimkehrte. Es war aber doch die Hermat, und auf das Gemüt verfehlt sie ihren Zauber nie, wo solches sich erhalten hat. Ich darf Sie aber versichern, gnädige Frau, auch hier gibt es ganz entzückende Winkel. Tiefe, dunkle Wälder, in denen man stundenlang herumstreifen kann. Stille kleine Seen, über denen ein ewiger Schlummer zu ruhen scheint. Und schließlich denken Sie sich die Stimmungen, den Licht- und Farbenwechsel, den jede Tageszeit mit sick» bringt ..."
Käthe sah den Sprecher überrascht an. Noch nre hatte sie bei einem Manne Verständnis für Stimmungen, für so feine Gefühlsnüancierungen gesundem Er inter- essierte sie.
„Darf ich mir die Frage erlauben — Sie sind gevnß Maler, da Sie so viel Sinn für Natur zu haben scheinen? Oder sind Sie vielleicht Dichter?"
„Keins von beiden", antwortete der Fremde lächelnd, „ich bin nur ein großer Naturfreund und dazu ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn, der, die Flinte auf der Schulter, weite Strecken durchstreift und sich. über jeden Lichtreflex freut. Gestatten Sie aber, daß ich die Gelegenheit * ergreife, mich Ihnen vorzustellen — von Gossar."
Er griff in seine Westentasche und zog ein Visitenkartenetui hervor. Eine Karte herausnehmend, überreichte er sie Käthe.
Sie warf eine raschen Blick daraus. Eine sieben- zmkige Krone und darauf: Freiherr Karolus von Gossar, Oberleutnant bei dem X. Garderegiment in Berlin.
Ihr Scharfsinn hatte sie nicht getäuscht. Von vornehmem Stande und Offizier . . .
Die Einleitung war gemacht. Ein Wort gab das andere und die Unterhaltung war bald in lebhaftem Gange.
Auch drüben in der Ecke wurde eifrig gesprochen. Einmal schlugen die Worte an ihr Ohr: „Sie kann noch immer nicht den Verlust ihres gelähmten Mannes verwinden", sprach di« alte Dame zu ihrem Gatten „Sie grämt sich so um ihm daß sie für nichts anderes Sinn hat."
„Eine solche Empfindung begreife ich nicht", sagte Käthe leise zu chrem Nachbar. „Es ist ein schrecklicher Egoismus! Glauben Sie nicht, daß es Fälle gibt, wo man einem Menschen den Tod gönnt, von Herzen gönnt? Ja, ich spreche aus Erfahrung", fuhr sie fort, als Gossars Blick ihre Trauerkleidung streifte, „der Tod meiner Mutter kam mir wie eine Befreiung ..."
Gossar blickte nachdenklich zum Fenster hinaus.
„Ich verstehe dieses Gefühl, -— vor Jabren habe ich dasselbe empfunden, als — ich muß mich vor Ihnen erft- schuldigen, gnädige Frau", fügte er hinzu, indem er sich mit einem ernsten Lächeln zu Köche wandte. Ich sich! vorhin, daß Ihnen mein Anstarren auffiel und lästig wurde .... Es war nur aber so schwer, meine Bewegung zu bemeistern. Ihre ganze Erscheinung, der Ausdruck Ihres Gesichts, sogar die Trauerkleidung, alles zusammen erinnerte mich so lebhaft an die Frau, der ich einmal — den Tod gegönnt habe."
Er schwieg. Käthe wußte nichts darauf zu erwidern. Ihre Teilnahme war lebhaft erregt. Es mußte sich etwas tief Tragisches in dem Leben dieses Mannes abgespielt haben. Ob es wohl seine Frau gewesen war? Er trug keinen Ring.
„Denken Sie sich aber noch einen Fall", fuhr sie in Gedanken an den Vater fort, „den Fall, daß man einem Menschen, der in voller Lebenskraft steht, den Tod wünschen kann . . . Wenn er nämlich an dem Bewußtsein einer Schuld zu tragen hat, die er nie, nie wieder gut machen kann?"
Die Augenbrauen des jungen Mannes zogen sich schmerzlich zusammen. Nach einer Pause sagte er fest:
„Einem solchen Menschen dürfen Sie nicht den Tod wünschen. Es giebt keinen so tiefen Fall, von dem man sich nicht wieder aufraffen könnte. Hat der Mensch gefehlt, so diene sein Leben als Sühne und nicht sein Tod."
„Auch wenn er nicht mehr gut machen kann?"
„Auch dann. Gerade sein Schuldbewusstsein stachele ihn an, an-anderen gut zu machen, was er an dem einen verbrochen hat. Er werde ein neuer Mensch. Gnädige Frau, ich bin der Ansicht, daß wir auch aus dem überführten Verbrecher einen neuen Menschen machen könnten, wenn wir, statt ihn in den Tod zu schicken, ihm etwas Geduld und Liebe entgegenbrächten. Außer in den Fällen, wo das arme Verbrechergehirn unzurechnungs- fähig ist. Aber solche gehören auch nicht unter das Richtbeil, sondern ins Irrenhaus."
Sie schwiegen eine Weile, dann nahm das Gespräch eine andere Wendung. Bald plauderten sie wie alte Be- kannte. Käthe wurde von einem sich immer steigern- den Glückgefühl ergriffen. Es war ihr, als wichen die grauen Schatten, die ihr Leben verdüstert hatten, weit zurück. Wie kam es, daß dieser Fremde, von dessen Dasein sie noch vor kurzer Zeit nichts gewrrßt, ihr in diesen wenigen Stunden so nahe gerückt war? Als besäßen sie die Gabe des Gedankenlesens, verstanden sie sich mft halben Worten. Bald ernst, bald munter floß ihre Unterhaltung fort, von einer eigentümlichen Hast durchzogen, als hätten sie etwas nachzuholen, was sie während ihres ganzen Lebens versäumt. An seiner geklärten, freudigen Lebensanschauung fühlte Käthe ihren durch di« Verhältnisse künsllich genährten Pessimismus weichen und das machte sie froh. Und im Untergründe ihrer Gedanken dämmerte die Ahnung, daß es auch für sie etwas Schönes, Wunderbares auf Erden geben könnte!
Der Abend war längst gekommen und der Zug rollte unaufhaltsam in der Dunkelheit fort. Das alte Ehepaar streckte sich auf seinen Sitzen aus und bald verkündeten langgezogene Schnarchtöne, daß sie eingeschlafen waren»
Gossar zog seine Uhr hervor.
(Fortsetzung folgt.)
Samstag, den 28. März, Abends 8 1 /* Uhr präcis, im Restaurant Tivoli:
Haupt-Versammlung.
Tagesordnung:
1. Rechnungsablage des Schatzmeisters über das Jahr 1902.
2. Bericht des Schriftführers über das Jahr 1902.
3. Ergänzung der Satzungen.
4. Neuwahl des Vorstandes, der Commissionen und Revisoren. F481
Um zahlreichen Besuch bittet Der engere Vorstand.
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