1. Leilaae nun Wiesbnüener Tayblait
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Mo. 139* Morgen Ausgabe.
Träumen von Glück, aufstehen zu Sorge», das ist jedes ^ Los. der leb! und liebt.
Lord Byron.
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(10. Fortsetzung.)
Der Mallheser.
Roman von O. v. Kiö-Killay.
Die Dunkelheit war jetzt vollständig hereingebrochen. Käthe wandte sich vom Fenster ab und schritt auf den Fußspitzen zum Tische, wo die verhängte Lampe stand [ m b zündete sie an. Ein gedämpfter Lichtschein verbreitete sich durch das Zimmer.
Lauschend blieb sie einen Augenblick stehen — ob die Mutter wohl noch schlief? Es war kein Laut zu vernehmen. Sie setzte sich in den Lehnstul)l und nahm still ihre Häkelarbeit vor.
Die.Kranke war aus ihrem Schluinmer erwacht, regte stch aber nicht, aus Furcht sich zu verraten. Sie wollte allein mit ihren Gedanken sein, den schweren Gedanken, die sich zu verwirren drohten. Ihre Frist war bald ab- gclaufen. das wußte sie. Sie fühlte es an dem Absterben ihrer Gliedmaßen, an dem Absterben der Gedanken . . . Eine jähe Angst überkam sie. Wie, wenn das Uhrwerk stockte, bevor sie noch das eine vollbracht, das eine, um das sich seit Jahren ihr ganzes Sinnen gedreht hatte? Tiefes eine, das sie wie eine Rolle einstudiert, tausendmal, immer wieder durchlebt, das eine, das ihr in den Demütigungen, dem Elend ihres Lebens den Trost gebracht?
Sie stöhnte.
Käthe erhob sich schnell und trat an ihr Bett. Sie erschrak, als sie in das Gesicht der Mutter blickte. Der Tod hatte seinen Stempel auf ihre Stirn gedrückt. Sie befühlte ihre Hände — sie waren kalt.
„Wünschest du etwas, Mütterchen?" fragte sie mit unsicherer Stimme.
„Es wird bald aus sein", flüsterte die Sterbende, „rufe den Vater . . . aber schnell . . ."
„Der Vater ist in sein Komitee gegangen", antwortete Käthe bekümmert. „Es ging dir ja so viel besser .... Er sagte, daß er vielleicht nicht rechtzeitig zum Essen zurück sein würde."
„Er muß kommen", ächzte dieKranke, „telephoniere!"
Käthe eilte fort, dem Gebote der Dtutter Folge zu leisten. Als sie zurückkehrte, staunte sich über die Wandlung, welche sich in deren Aussehen vollzogen hatte. Eine innere Erregung schien ihre Lebenskräfte neu angefacht zu haben. Ihre Wangen brannten, und ihre Stimme klang vernehmlich, als sie fragte:
„Hat er geantwortet?"
„Er kommt gleich", sagte Käthe, einen Küß auf die tzt erwärmten Hände drückend. „Es geht dir wieder lsser, Mütterchen, gottlob!"
Die Mutter erwiderte nichts.
Eine lange bange halbe Stunde verging, während elcher nichts als die unregelmäßigen Atemzüge der ranken zu vernehmen waren. Das hinscheidende Leben sie» sich im Gehör konzentriert zu haben. Ein Zug
_ Dienstag, den 24. Mär;
peinlichster Erwartung lag auf ihrem Antlitz ausgeprägt. Bei jedem Geräusch eines sich nähernden Wageiw nchsteti sie die brechenden Augen nach dem Fenster und horchte.
„Sie hat ihn doch geliebt!" dachte Käthe, und da» Herz krampfte sich ihr zusammen m bitterem Weh^
Endlich erklang die Hausglocke. Es fuhr em Auf- leuchten über das eingesunkene Gesicht der Kranken und
sie rang nach Atem. „ t .. . , ,, n r; .
Kräftige Schritte näherten sich und die hohe stattliche Gestalt des Geheimrats Gordan erschren^m der -wir. L» drang mit ihm das Leben in das stille lsterbezrmmer.
Er ließ sich neben dem Bette auf emen Stuhl nieder. „Wie geht es dir, arme Bertha?" fragte er mit gedämpfter Stimme. c . ., , ,
„Es geht zu Ende", sagte sie stockend. „Und ich habe dich rufen lassen . . . weil mir . . . etwas . . - ai'l dem Herzen liegt. Gelobe mir. August . . . meine letzte ^.itte
zu erfüllen ..." t „ ...
' „Wenn es in meiner Macht steht und nicht etwas ist.
das ..." er vollendete nicht. ^ . , „
„Du sollst mir geloben . . . nicht wieder zu heiraten , sprach sie langsam, mit erlöschender Stimme. ^ o „Aber, liebe Bertha", fuhr der Geheimrat aus. „da» sind Krankenphantasieen! Dir bist erstens gar nicht so schlimm daran und so etwas vorauszubesprechen, m zum mindesten . . . Du begreifst ja, ein solches Versprechen kann ich doch nicht geben —"
Mit einer letzten gewaltsamen Anstrengung richtete sich die Sterbende auf. Sie war schrecklich anzusehen _ — ihre Brust arbeitete heftig, in die Augen kam ein seltsames Licht. Fast wie ein,Jauchzen klang es, al» sie mit schriller Stimme hervorstieß:
„Und jetzt . . . sollst du hören . . . weshalb ... ich dich . . . darum bat. . . Ich will nicht . . . daß ein anderer Wesen so namenlos elend werde ... wie ich es gewesen bin . . . Und nun . . . bin ich dir entronnen !" Der Geheimrat sprang auf, seine Augen blitzten
drohend. . r ,.
Da überkam sie die alte Angst, packend, gewaltig. Sie stieß einen heiseren Schrei aus und streckte ihm die Hände wie zur Abwehr entgegen. Einen Augenblick nur, dann sank sie in die Kissen zurück — tot.
Starr wie eine Bildsäule hatte Käthe den erschüttern- den Vorgang mit migesehen. Es herrschte tiefes Schweigen. Dann die Starre brechend, warf sie sich laut aufweinend an die Brust des Vaters, welcher ebenfalls regungslos stehen geblieben war.
„Oh, es war hart, hart!" schluchzte sie. „So Hatto sie nicht fortgehen müssen!"
Der aus Rußland kommende Zug hatte seine Vassagiere in Evdtkuhnen abgesetzt. Sie hatten, nachdem die Zollrevision überstanden war, den hier harrenden deutschen Zug bestiegen, der nun in rasender Eile west wärts durch die unabsehbaren Ebenen flog.
Käthe Rauenberg saß in einem Nichtraucherwagen, welchen außer ihr nur noch ein altes Ehepaar einnahm. Sie war müde von der endlosen Fahrt durch die Einöden Rußlands, müde auch von den: erlebten Leid. Sie hatte keine Lust zu plaudern. So saß sie denn in ihre Ecke gedrückt mid sah in die vorübereilende Landschaft hinaus.
Ein trüber, naßkalter Tag . . • Es war, al» >■ der Regen dem Zuge nicht Nachkommen, denn i wenige Tropfen rieselten an den Fenstern nieder. hatte er sich aber auf Kosten der ganzen Gegend gütlich getan. Wasserlachen lagen zu tetbcn Seiten befrachtete Lastwagen blieben im Kote der Ehausie stecken, die Rücken der auf den Wiesen weitenden stuuer glänzten im schimmernden Roß. Weit und breit ent trostloses Grau in Grau. Und doch, trotz der verregneten Stimmung weckten die freundlichen Dorfschaftem an denen man vorübereilte, die gemütlichen kleinen^ stadte mit den roten Dächern eine Idee de» Friedens, de» Woht- bc Hägens, der Ruhe. Wie sehnte sich Käthe nach der Ruhe, dem Schlummer, der in den kleinen, alltäglichen Dmgen liegt! Sie fühlte sich unter der Wucht der großen Tragik fast erdriickt. Die schauerliche Sterbescene kam ihr nicht mehr aus dem Sinn. Immer wieder sah sie die Mutter sich in ihrem Bette aufrichten, die mageren Hände aus. strecken, und dann der letzte heisere Schrei . . . War es ein plötzlicher Ausbruch des Wahnsinns gewesen?
Sie, die Milde, Weichherzige, hatte wissentlich, wie aus einem Hinterhalte, aus dem sicheren Gewahrsam des Todes, den Streich gegen den langjährigen Genossen ihres Lebens geführt! Wann war der teufliche Plan et- sonnen, wann zur Reife gebracht? Ohne Abschied war sie von ihrem Kinde gegangen, sie hatte die Trost: mgen der Religion verschmäht, nur von dem einen Gefühle, dem Rachedurst beseelt ...
Käthe weinte um die Mutter, um das Bild, was sie im Herzen gehegt. Sie trauerte auch um den Vater. Mußte er nicht unter der Wucht des Schlages zusammen- brechen? Konnte er je wieder ruhig werden, m dem Bewußtsein, ein anderes Menschenleben geknickt gU haben, ohne Möglichkeit, seine Schuld wieder gut zu machen? Und er litt, das sah man ihm an. In wenigen Tagen war er gleichsam gealtert, seine Haltung war nicht mehr so stramm, sein Gesicht gelb und eingefallen. War es das Schuldbewußtsein, das ihn drückte? Oder der Gedanke an die Demütigung, die er nicht hatte rachen können? Sie hatten kein Wort über den Vorfall geredet. Nur als sie von dem prunkvollen Begräbnisse hennge- kehrt waren, hatte er geäußert: „Die arme Frau stt ihr Lebtag nicht recht normal gewesen." Dann war ihrer nicht mehr erwähnt worden.
Gegen Käthe hatte der Vater eine ungewohnte Zärtlichkeit an den Tag gelegt und ihre Gesellschaft fast ängstlich ausgesucht. Als sie ihn aber dann gefragt, ob sic nicht noch einige Zeit bei ihm bleiben diirfe. hatte er mit einiger Härte erwidert: „Tu wirst von Werner erwartet und gehörst zu ihm. Du sollst keinen anderen Gedanken haben als ihn."
Und nun ging es nach Hause, zu ihm. Würde er sich freuen, sie wiederzusehen? War sie ihm denn mehr, al» v>as chm jedes andere Weib sein konnte? Warum war es so — lag die Schuld an ihr? „Du sollst keinen anderen Gedanken haben außer ihm", hatte der Vater gesagt. Ja, aber nicht denselben Gedanken wie er! War dieses riber- Haupt bei denkenden Menschen möglich, besonders ber Verschiedenheit der Charakteranlagen -- dem natürlichen Antagonismus der Geschlechter — „Insterburg!"
(Fortsetzung folgt.)
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