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Wiesbadener Ts

st. Jahrgang.

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«rfolgen. „Wiesbadener Tagblatt".

Politische Uebersrcht.

Die gewohnheitsmäßigen Pessimisten, welche uns ein- reden wollen, daß wir in der schlechtesten aller Welten leben sind in dieser Woche wieder einmal gründlich Pügett gestraft worden. Es passieren zuweilen auch an- aenehme Dinge, und zu denen rechnen wir das erfreu-, licke Ereignis, daß Venezuela die erste Rate der Entschädigungssumme pünküich bezahlt hat. Hoffentlich wird damit der gute Wille und die Kasse der Herren Venezolaner nicht erschöpft sein. Jedenfalls wird die Regierung den Daumen draufhalten müssen, damit uns die blauen Lappen, die uns die Herren Castro und Ge­nossen schulden, nicht durch die Lappen gehen.

Vom rein finanziellen Standpunkt haben wir za ohnehin in Venezuela ein nichts weniger als gutes Ge­schäft gemacht, denn die Kriegskoste,t, die gar nicht so ohne sind, müssen wir ebenso wie die anderen Staaten ms dem Eigenen drauflegen. Der Reichskanzler Graf Bülow hat sich genötigt gesehen, die Regierung nn Reichstage gegen den Vorwurf zu verteidigen, daß in diesem Falle die Elle länger geworden sei als der Kram Der Reichskanzler hat die in der Venezuelasache erhobenen Vorwürfe zu entkräften gewußt, indeni er geltend machte, daß wir durch das Verhalten der vene­zolanischen Regierung zu unserem Vorgehen gezwungen und daß wir im übrigen bei unserer Taktik auf die Taktik der anderen Mächte Rücksicht zu nehmen genötigt waren. Ungünsfig hat die Regierung im Reichstag bei dem Etat für die Expedition nach China abgeschmtten, denn der Reichstag hat entsprechend dem Antrag der Kommission von diesem Etat 3 Millionen Mark gestrichen, wie der Reichstag sich überhaupt bei der Bemessung des Budgets einer in Anbetracht der Finanzlage vollauf be­rechtigten Sparsamkeit befleißigt.

Eine schwierige Position hat die Regierung gegen­über der vom Reichskanzler Grafen Bülow dem Zentrum in Aussicht gestellten Aufhebung des § 2 des I e s u i t e n- gesetz es. Das Zentrum steht auf seinem Schein,

während einerseits von einzelnen Bundesregierungen gegen diese Maßnahme Einspriich erhoben wird, uno andererseits in weiten Volkskreisen sich eme siacke Be­wegung gegen diese Abschwächung des ^esuttengesetze^ geltend nmdjit. Angesichts dieses Widersiandes hat der Reichskanzler Graf Bülow sich zu einer Art „Flucht m die Öffentlichkeit" entschlossen, indem er in einer offiziösen Darlegung den Standpunkt der Regierung nnt der not­gedrungenen Rücksichtnahme aiif eine so starke Partei, wie es das Zentrum sei, zu rechtfertigen versucht hat.

Zu einer Flucht in die Öffentlichkeit hat sich auch der o. ö n i g G e o r g v o n S a ch s e n entschlossen, indem er sich mit einer Kundgebung über die „Eheirrungen am sächsischen Kose an das sächsische Volk wandte, nachdem der Hof diese Dinge allzu lange mit emer wenig ange­brachten Geheimnistuerei behandelt hatte, ^-er Wunsch des Königs, daß die Unruhe und die Aufregung,,welche die Ehetragödie am sächsischen Hofe in weiten Kreisen der Bevölkerung hervorgerufen hat, „endlich der Ruhe und dem früheren Vertrauen Platz machm" mögen, wird sicherlich allseifig geteilt werden, aber das Vertrauen ist eine zarte Pflanze, die einer sorgsamen und liebevollen

Behandlung bedarf. ^ r r . . . .

Das ollten der Zar von Rußland und seme Ratgeber wohl bedenken. Das vom Selbstherrscher aller Reußen verkündete Reformprogramm, welches zur Zeit der Beratung einer Kommission unterliegt, hat im russischen Volke weitgehende Hoffnungen rege ge­macht. Wenn diese Hoffninigen auf eine modernere Aus- gestaltung des staatlichen Lebens in Rußland, die unter den früheren Zaren schon so oft getäuscht worden smd, abermals mit einer Täuschung endigen sollten, wenn die kreißendenBerge nur eine lächerlicheMaus gebären sollten, wie das von Kennen, der russischen Verhältnisse be­fürchtet wird, dann könnte der schwere Rückschlag, auf die anfigouvernementale Bewegung gar nicht ausbleiben, und die Opposition könnte alsdann der zarischen Selbst­herrlichkeit viel gefährlicher werden als die weit­gehendsten Reformen. . ......

Einen bedeutsamen Sieg hat die französisch e Regierung über die Opposition, welche die Frage der Kongregationen zum Sturmlauf gegen das Kabinett Combes benutzt hatte, davongetrageii. Weniger glücklich als Herr Combes ist der bedauernswerte Sultan Abdul Aziz von Marokko, welcher mit dem Absenden von Siegestelegrammen derart alle Hände voll zu tun hat, daß er gar nicht dazu kommt, seinen Konkurrenten Bu Hainara endgültig aus dem Felde zu schlagen. Auch in Makedonien geht das Mord- und das Reformhand­werk noch immer seinen gemütlichen Gang weiter. Bisher ist aber bei dem Morden mehr herausgeiommen als bei den. Reformieren, denn unter dem Halbmond hat das Mordhandwerk noch immer goldenen Boden!

Drr ülUHs «nt ei« tl|tli(l)C6 ßtpMis.

(Zur Charakteristik der Orthodoxie.)

Die Orthodoxie beklagt sich mit Vorliebe über die Kirchenflucht der heutigen Generation. Sie macht dafüo den Materialismus, die Genußsucht, die gottentfrem- dete Wissenschaft und hundert andere Zelterschecnungen berat,twortlich. Daran, daß sie selbst an dieser nrcht zu leugnenden Gleichgültigkeit gegen die kirchlichen Formen und Formeln schuld ist, denkt sie zuletzt. Und doch hatte sic allen Grund, bei sich selbst anzufangen. Denn schlimmer als alle diese angeblichen Ursachen der Kirchen­flucht ist die orthodoxe Unduldsamkeit. Tresc nimmt schon in großen Städten bisweilen eine recht ungemüt­liche Gestalt an. Aber schlimmer, viel schlimmer ist es damit auf dem platten Lande bestellt. Was hier vielfach für Grundsätze herrschen, darüber gibt die Rede, die Herr Pastor Schall am Mittwoch im Abgeordnetenhausö hielt, lehrreiche Aufschlüsse. Besonders die Intoleranz, die bei Begräbnissen seitens der orthodoxen Pastoren herrscht, trat dabei kraß in die Erscheinung. Man darf aber wohl vermuten, daß es in Wirklichkeit noch viel schlimmer ist, als dieser geistliche Vorkämpfer vor dem Lande auszuplaudern für gut Hielt. , .. .

Da ein Beispiel oft mehr beweist als hundert Grunde, so sei hier nach dem „Boten aus dem Riesengebirge" ein Fall erzählt, der die kirchliche Unduldsamkeit in einen, besonders krassen Lichte zeigt und zugleich die enge Ver­bindung von staatlicher und geistlicher Gewalt offenbart.

Im Jahre 1900 veranstaltete der, Gastwirt Gottwald in Wüsteröhrsdorf am Sonntag Judica eine Tanzmusik: Der Pastor Kollmitz nahm daran Anstoß, obwohl dem! Eottwald die polizeiliche Erlaubnis erteilt war, und machte bald darauf dem Gottwald am Altar in der Kirche ernste Vorwürfe. Gottwald nahm sich das sehr zu Herzen. Eines Tages im Winter wurde er neben einem über den Dorfbach führenden Steg im seichten Wasser tot aufge- funden, und es wurde gemunkelt, er habe sich das Leben genommen. Nach der Aussage des Amtsvorstehers Geißler konnte ebensowohl ein Selbstmord, wie ein Unglücksfall vorliegen. Der hinzugerufene Arzt vr. med. Kuhnert aus Haselbach gelangte sogar zu der Über­zeugung. daß ein Unfall wahrscheinlicher sei, als ein Selbstmord. Der Gemeindekirchenrat aber hielt den Selbstmord für erwiesen. Demgemäß wurden dem Gott- wald die kirchlichen Ehren versagt. Idun begann die Witwe des Verstorbenen einen fast zwei Jahre dauernden Kampf, um für ihren an der Mauer beigesetzten Mann nachträglich ein ehrliches Begräbnis durchzusetzen. Aber Nie ihre Bemühungen blieben vergeblich. Gemeinderat, Superintendentur, ' Konsistorium und Oberkirchenrat wiesen sie mit ihrem Anfiage ab.

Berliner MmnmngMlder.

Von Paul Lindenberg.

^ientrtotcttnot? — Ei« Kongreß der dienenden Geister. -- Reiche Hvamibl «ni liebevolle" Behandlung. — Emviangöabend be, Gräfin " Bülow. - Jutercsiante Gesellschaft. -- ..Der Gesandte von Pernambneo". — Sltelier-Ansstellungen. — Jsmael Gentz.

Nun rede mir einer noch etwas von der Dienst- b o t e n n o t in Berlin! Hört man fortwährend jammern und klagen: „Es gibt keine netten Dienstmädchen mehr, was man bekommt, ist mürrisches, unfreundliches Zeug, nur widerwillig wird jede Arbeit verrichtet, ach, wir armen Hausfrauen sind doch gar zu geplagt, am liebsten möchte man in ein Hotel ziehen, um bloß dieser Drenst- boten-Misere zu entgehen!" - Und da führte mich der Zufall kürzlich in einen Saal, wo eine ganze Anzahl weiblicher Dienstboten versammelt war: Haus- und

Stubenmädchen, Köchinnen, Zofen, Bonnen, Gärtnerrn- uen, Wäschermadls, selbst an Ammen fehlte es nicht, und was waren das alles für liebe, manierliche, entgegen- kommende Geschöpfe, sauber und appetitlich, lustig und auter §)iuae, die, mie e§ in den bekannten Gesuchen heißt, besonders auf „liebevolle Behandlung" sahen. Und deren schienen sie sicher zu sein, denn zum Engagement dieser dienstbeflissenen Zeitgenossinnen hatten sich meist Herren eingefunden, die, wenn sie überhaupt darüber verfügten, ihre besseren Hälften vorsorglich zu Haus ge­lassen hatten. Und so wickelte sich alles viel leichter ab, denn wir Herren sind ja weit vertrauensseliger wie unsere Frauen, die oft eine merkwürdige Neugierde haben nach Zeugnissen und Leumundspapieren und sonstigen Ausweisen über vergangene Tage, während wir uns weniger darum kümmern im Hinblick auf eine eventuelle rosenrote Zukunft. Fa, so sind wir nun 'mul! Derartige Nachforschungen aber unserer teuren Ehegesponsmnen wären einem Teil dieser dienstbeflissenen Mägdelein garnicht angenehm gewesen, wie etwa jenem reizenden Kammerzöfchen in kurzem, spitzenbesetzten, lichtrosa Kleidchen mit blinkender Diamantagraffe, die wohl ein Andenken an die einer früheren Herrschaft geleisteten

treuen Dienste war: auf solch wißbegierige, unange brachte Erkundigungen hin hätte sich besagtes Boudoir kätzchen gewiß sofort hilfeflehcnd an ihren hochgewach jenen, blonden Begleiter und Beschützer mit den lebens­lustigen, übermütigen Augen gewandt, dem die lockere Matrosentracht ausgezeichnet stand, obgleich er sonst mehr auf die Anrede „Königliche Hoheit" achtet, wie etwa auf „alte Teerjacke" oder „sideler Blaumops". Und der Matrose hätte — vielleicht hat er's gar getan! — das zierliche Kind in den Arm genommen, um sie in flot­testem Walzertakt durch den Saal zu schwingen, wäre dann in irgend einer lauschigen Ecke vor Anker gegangen und hätte gesagt: „So, mein Schatz, für den Schreck von vorhin sollst du belohnt werden, nun wollen wir eme Flasche Champagner trinken, „prost, es lebe das Leben!

Denn trotz der geharnischten Philippika des Grafen Douglas im Abgeordnetenhause gegen den Alkohol ward auf dem G e s i n d c b a l l im Kaiserhofe dem Bacchus manch schäumendes Opfer gebracht, und hörte man öfter den Knall von Sektpfropfen als wie Nörgeleien über versäumte Dienstpflichten. Letztere bestanden hauptsäch­lich in Erledigung der Tanzkartc, und Terpsichore hatte sich nicht zu beklagen, daß ihr diese irdischen Angestellten sich faul und saumselig erwiesen. All diese heiteren und ausgelassenen, in Dienstbotentracht gekleideten Fräulein, die sonst melir im Coulissenreich als in der Küche zu Hause sind, sie wirbelten mit ihren Köchen, Dienern, Burschen, Portiers, Dienstmännern, Lakaien, Haushofmeistern re., deren Namen man teils im Bühnen-, teils im Gothatschen Almanach finden kann, fröhlich im Kreise umher bis zu sehr vorgerückter Morgenstunde, hieß es doch mit diesem Fest Abschied nehmen von dem diesjährigen Karnevals­getriebe jenes Berlin, in dem man sich nicht gern lang­weilt. ...

Gleichsam ein Abschiedsfest war auch der sungsthrn stattgefundene zweite und letzte Empfangsabend der Frau Gräfin Bülow im Reichskanzler- Palais. Dürfte dock schon jetzt, wenn diese Zeilen er­scheinen, die Gemahlin unseres Reichskanzlers in ihrem sonnigen Geburtslandc weilen, in Rom, um sich von den geselligen Anstrengungen des Berliner Winters zu er­holen. Zwar merkte man der anmutig-fesselnden Gräfin keinerlei Abspannung an, als sie an jenem Abend ihre

Gäste empfing, die von y 2 10 Uhr an in immer dichteren Scharen die von Dienern in Galatracht flankierten Treppen emporstiegen, und als sie für jede und jeden der drei- bis vierhundert Damen wie Herren, von denen die ihr bisher unbekannten durch den auf das umsichtigste seines Amtes waltenden Grafen Eulenburg vorgestellt wurden, einige freundliche Worte, eine herzliche Be­grüßung hatte. Graf Biilow, frischer ,lnd elastischer ans­schauend wie seit langem, unterstützte seine Gemahlin, gern die ihm vertrauteren Herren in ein Gespräch ziehend, obwohl an diesem Abend politische Fragen kaum erörtert wurden. An Politikern fehlte es zwar nicht in dem mannigfaltig zusammengesetzten Gesellschaftskreise, aber gerade weil jede Einseitigkeit vermieden war, ward auch die lebhafte und angeregte Unterhaltung nicht von irgend einem speziellen Thema beeinflußt. Und welche Jnternationalität dabei: Chinesen, Japaner, Koreaner aus dem fernen Osten, die Botschafter Rußlands, Italiens und der Türkei, man hörte viel französisch und englisch sprechen, an jüngeren, wie älteren fremden Diplo­maten und Militärs fehlte es ebenso wenig, wie an un­seren Ministern, hohen Beamten und Offizieren. Reben der eleganten Figur Herrn v. Rheinbabens sah man die schlanke Gestalt des Ministers des Königlichen Hauses, v. Wedel, neben verschiedenen Admiralen, unter ihnen Herr v. Tirpitz, den Chef des Großen Gcneralstabes, Grafen v. Schlieffen, und General v. Berdy, diesen in Zivil, an einstige, in diesen Räumen verbrachte Zeiten mochten sich der Oberpräsident v. Bötticher und Prinz Alexander v. Hohenlohe erinnern, die Stadt Berlin repräsentierten Oberbürgermeister Kirschner und Bürger­meister l)r. Rcicke, letzterer sich, wie gelegentlich auch Generalleutnant v. Dinklage-Kampe, Braunschweigischer Gesandter Freiherr v. Cramm-Burgdorf und Prinz Hein­rich zu Sckönaich-Carolath, zur Literatur haltend, die g. Adolf Wilbrandt, H. Sudermann, Eugen Zabel nertraten, während man von Kunst, Musik und Wissen- ichast die Professoren A. v. Werner, Paul Meyerheim, G Ebcrlein, Schweninaer, Eulenburg, Leyden, Delbrück, «ein ferner H. Grünfeld, unseren brillanten Cellisten, und Arthur Nickisch bemerkte. Bon dem schwächeren Ge- Nckecht seien die Erbpriuzessin zu Wied, die Fürstin 1 Eulenburg mit ihren Töchter», die Prinzessin zu