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Ubbatow Tagblatt.

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Samstag» 21. Kugust 1913.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 387. - 63. Jahrgang.

Zer lü-RMarden-Kredit einstimmig angenommen

5taatssekretär vr. tzelfferich über die Zinanzen Deutschlands und seiner Gegner.

vorläufig noch keine ttriegsgewinnsteuer.

wir werden durchhalten!

8. Berlin, 2V. Aug. (Eig. Drahtbericht.) Die heutige Reichstagssitzung begann — man darf es wohl so nennen — mit einem heiteren Auftakt, War es doch auch der Tag des Herrn Liebknecht, der seine inzwischen nicht gerade rühm­lich aufgenammene Anfrage verlas. Die Antwort des Staatssekretärs war noch kürzer. Herr v. Jagow lehnte eine Antwort, ob die Regierung zu einem sofortigen Friedensschlutz ohne Annexionen bereit sei, wenn es die an­deren wollen, als in diesem Augenblick unzweckmäßig ab. Stürmischer Beifall begleitete diese Ablehnung. Aber sie wan­delte sich bald in nich! minder stürmisches Gelächter, als Herr Liebknecht zornig etwas dazwischen rufen wollte, was sich un­gefähr so anhörtc, wie: „W ir wollen Friede n".

Der weitere Verlauf der Sitzung war fast völlig ausge­füllt durch die große Rede des Reichsschatzsekretärs, der eine Art Generalbericht über die wirtschaftliche Kriegsfüh­rung in diesem ersten Kriegsjahr darbot. Herr Helfferich isl kein Redner im eigentlichen Sinne des Wortes, und doch börte sich seine große zahlenreiche Rede stellenweise wie ein glänzend geschriebene: wirtschaftspolitischer Leitartikel mir

vielen feinen Pointen und ironischen Spitzen an. Der Staats­sekretär zeigte, wie dieser Krieg die größte Wertz er­ste rung und Wertverschiebung sei, die die Weltgeschichte gesehen, wie er aber vor allen Dingen die Wertbegriffe auch verschoben babe. In der Tat, was können wir uns heute darunter vorstellen, wenn wir hören, daß die monatlichen Gesamtkosten des Weltkriegs sich jetzt bereits auf ungefähr 2 Milliarden belaufen, und daß die in Deutschland bisher be­reits bewilligten 20 Milliarden Mark ungefähr den Wert des gesamten deutschen Eisenbahnnetzes mit allem Material dar­stellen. Trotzdem sind, da unsere Feinde sich noch immer nicht als geschlagen bekennen, weitere Opfer zur Erkämpfung eines Friedens notwendig, wie wir ibn verlangen müssen, und damit auch die d r i t t e Kriegsanleihe, die ja bereits die Kommission einstimmig als notwendig, vor allen Dingen aber auch als möglich anerkannt hat.

Kriegssieuern lehnte der Staatssekretär ab. Wir haben sie nicht nötig, und sie sind in so teuren Zeiten nicht praktisch und würden doch nur einen ganz geringen Prozentsatz der wirklichen Kriegskoften cinbringen. Rur die Kriegs- gewinnsteuer — int engsten Anschluß an die bestehende Reichsvermögenssteuer unter Ausschluß des Zuwachses durch Erbgang — kündigte der Staatssekretär nun auch ausdrücklich an. Ihre Erhebung, nicht etwa die Einführung, soll aber erst nach Beendigung des Kriegs erfolgen, toeil sich erst dann der ganze Umfang der Kriegsgewinne feststellen lasse. Die neu- bewilliglen 10 Milliarden sollen wiederum durch eine An­leihe aufgebracht werden, über die der Staatssekretär be­reits Einzelheiten mitteilte. Sie wird wieder mit 6 Prozent perzinsbar sein, aber im Bewußtsein unserer günstigen finan­ziellen Lage zu einem etwas höheren Kurs als die beiden vor- angegangenen aufgelegt werden. Als Zeichnungsstellen wer­den auch sämtliche Postämter fungieren, es werden Teilzah­lungen bis zu 100 M. zulässig sein, Zwischenscheine ausge­geben werden, damit die Zeichner auch etwas in die Hand be­kommen.

Von außerordentlicher Wirkung war dann, wie der Staats­sekretär den Erfolg unserer und der feindlichen Anleihe gegenüberstellte, wie er es als dringend notwendig erklärte, auch hier das Lügennetz unserer Feinde zu zer­reißen, die es so hinstellten, als hätten wir unsere Kriegs­anleihen überhaupt nur mit Hilfe der Darlehnskassen zustande gebracht, als sei der starke Goldbestand unserer Reichsbank nur darauf zurückzuführen, daß wir so unter der Hand den Goldbestand der Österreichisch-Ungarischen Bank eingehe^mst hätten. Einen günstigen Status zeigten die deutschen Sparkassen, der Stolz des deutschen Volkes, deren Ein­zahlungen in den ersten fünf Monaten dieses Jahres um

Milliarden Häher gewesen seien als im Vorjahr. Die Eng­länder versuchen — so erzählte er unter schallender Heiterkeit des- ganzen Hanfes —, den Wert unserer Anleihen künstlich berabzusehen, indem sie als Kurs der deutschen Reichsanleihe 49 notieren. Er, der Staatssekretär, habe sich vergebens be- Nlüht, auf Umwegen über neutrale Länder zu solch günstigem Kurs zu kaufen, es habe sich aber gezeigt, daß dieser günstige Weg zu einer Schuldentilgung noch nicht gangbar war. Die Beweisführung des Staatssekretärs lief darauf hinaus, das Geheimnis des Erfolgs auf dem finanziellen Kriegsschau­platz sei nicht nur unser Reichtum. Das Geld, das wir brau­chen, verbrauchen wir nicht, das Geld rollt aus der Reichsbank und kehre wieder dahin.zurück. Auch die neue Anleche müsse

ein glänzender Erfolg werden, das sei das beste Mittel zu eineni deutschen Frieden.

Die Erklärungen der Parteiführer, die sich an die Helfferichsche Rede anschlossen, waren ein vollkommen und erfreuliches, vermutlich auch für das Ausland, interessan­tes Spiegelbild der absolut geschlossenen Einmütigkeit des deutschen Volkes. Nicht nur die Zuversicht des Reichsschatz­sekretärs wurde von allen Seiten akklamiert und unterstrichen, auch die Kanzlerrede vom gestrigen Tage fand heute in diesem Haus das gleiche Echo, wie sie es bereits in der Öffentlichkeit gefunden. In begeisterten Worten feierte nainentlich auch der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. David die glänzen­den Leistungen unserer Truppen und gelobte, auch die Sozial­demokratie wolle ihr Bestes tun, die Widerstandskraft aller Schichten unseres Volkes zum Ausharren zu stärken. Der Zentrumsabgeordnete Spahn billigte namentlich die Beth- mannsche Politik gegenüber England, und der nationalliberale Abgeordnete Bassermann sieht ebenfalls eine neue deut­sche Zeit anbrechen, erfüllt von neuen Gedanken und Auf­gaben. Über Kriegsziele spricht der nationalliberale Redner nicht. Die Lösung der volnischen Frage leuchtet ihm noch nicht ganz ein. Über solche Meinungsverschiedenheiten will er sich aber mit den: Kanzler erst nach beendetem Kampf unterhalten. Der fortschrittliche Abgeordnete F i s ch b e ck teilte die Gewißheit des Staatssekretärs, streifte auch die Schattenseiten, die der Krieg zeitige: die bedenkliche Teuerung, die hier und da zutage tretende unsoziale Gesinnung des ein­zelnen. Aber auch er blickt voll frohen Mutes in die neue Zeit und spricht sein Vertrauen nicht nur in die siegreiche Be­endigung des Kampfes, sondern auch für den Abschluß eines glücklichen Friedens aus. Der Konservatwe O e r t e l betonte gegenüber der englischen, zwar crwas schärfer als der Kanz­ler und wie es andere Redner des Hauses getan hatten, die r u s s i s ch e G e f a h r. Er fand die Äußerungen des Kanz­lers über die p o l n i s ch e F r a g e wenig greifbar und machte gewisse Vorbehalte. Der Vole S e Y d a begrüßte die Erklärun­gen des Reichskanzlers über die Zukunft des polnischen Volkes, dessen fteie Entwicklung mit der Entwicklung des deutschen Volkes nicht in Widerspruch stehe. Dann wurde die Kreditvor­lage in zweiter und dritter Lesung einstimmig ange­nommen. Rur der einzige Abgeordnete, Dr. Liebknecht, stimmte wiederum unter schallender Heiterkeit hörbar dagegen.

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Sitzungsbericht.

Eigener Dvahtbericht des ..Wiesbadener TagblattS'.

# Berlin, 20. August.

Am Bundesratsttsch: Dr. Delbrück, Dr. v. Jrgow, Dr. Lisco, Dr. Helfferich. Dr. Kractke.

Aus dem Platz des Abg. Brühne (Soz.) liegt aus An­laß seines 60. Geburtstages ekt großer Blumenstrauß.

Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung kurz nack> 2 Uhr.

Aus der Tagesordnung steb: zunächst

eine kurze Anfrage des Abg. Dr. Liebknecht (Soz.):

Ist die Regierung bei entsprechender Bereitschaft der anderen Kriegführenden bereit, aus der Grundlage des Verzichts auf Annexionen aller Art in sofortige Frieden sverhandlungen einzutreoem?

Staatssekretär Dr. v. Jagow: Ich glaube im Sinvor- slänldnis mit der großen Mehrheit des Hauses mich zu be­finden, wenn ich auf die Anfrage des Alg. Dr. Liebknecht als zurzeit unzweckmäßig «ine Antwort zu erteilen, ab- leh ne. (Lebhafter, sich immer wiederbol.nd-r Beifall.)

Abg. Dr. Liebknecht versucht, seine Anfrage zu erweitern. Seine Worte gehen aber in den: schallenden Gelächter unter. Eine Antwort auf diese zweite Anfrage erfolgt nicht, woraus dem Staatssekretär brausender Beifall entgegen- schcllt.

Es folgt

Die zweite Lesung der Kriegsanleihe.

Abg. Graf Westarp (kons.) berichtet über die Verhand­lungen in der Kommission. Er bittet um einsttmmige An­nahme. (Beifall.)

«eichsschatzsekretär Dr. Helfferich:

Mit dem Ncchttagsetat treten die Verbündeten Regierun­gen zum vierten Male seit Kriegsausbr'.'ch mit dem Antrag auf Bewilligung der für die Durchführung erforder­lichen Geldmittel an den Reichstag heran Tie Bisdged kommission har sich bereits im Geiste der Einmütigkeit und Vaterlandsliebe mit dieser Forderung befaßt. Ich bin sicher, daß die Durchführung des neuen Kredits von zehn Milliarden Mark auch der Zustimmung Ihrer Gesa.nt-

heit sicher ist. Zu Beginn des neuen Kriegsjahres will icki aber vor diesem Hause, vor dem deutschen Volk vor den Ver­bündeten und Neutralen und Feindlichen selbst Sin kurzes Bild von der Finanzlage des vergangenen Jahves umd uinfereir Erwartumgen für die Zukunft geben. Bewilligt wurden bis jetzt 20 Milliarden Mark; mir dem NachlragseMt wrrd der Kriegskredit auf 6 0 Milliarden Mark gebrach:. Der bisher bewilligte Kriegskredit bedarf der Auffüllirng. Daß unsere Schätzungen der Krieysausgaben noch übertroffeN Ivuüdem. liegt an der Aufstellung immer neuer Formationen und deren Ausrüstung und Verpflegung b>ei steigenden Preisen, an dem alle bisherigen Vorstellungen wett nber- tresfenden Munitionsverbrauch, der Vermehrtvng der Kmegs- werlzeuge und Organisation der Verkehrsmittel in den be­setzten feindl'chen Gebieten.

Die monatlichen Ausgaben reichen hart an 2 Milliarden Mark heran.

Wir wollen uns über den Ernst dieser Zeit nicht hrniwegbe- trügen, das Dnrchhalten des zweiten Kriegs­jahres wird noch schwerer sein, als rin ersten. Es ist Not zu lindern urch großem Elend vorzvb>erryen. Die Verbündeten Regierungen werden sich dieser Aufgabe nicht erttziehen. Aus dem Neuen Kredit werden 200 Millio­nen Mark l'ereitgestellt werden zur Verstärkung des Fonds für Unterstützung von Gemeinden und EemeindeverMnden auf denr Gebiet der Kriegsw oh lfahrtsp siege. Diese großen Opfer werden nicht umforrst gebrach! werden.

Wir müssen den aufgezwungenen Krieg biS zum siegreiche« Ende durchkämpfen.

Aber noch immer wollen die Feinde nicht zu gestehe,n, daß ihre Sache verspielt ist. Für di« Aufbringung der Mittel soll dies­mal der Anleiheweg beschrittein -werden,; so lange es an­gängig -st. soll von Kriegssteuern abgesehen werden. Die Kriegsgewinnsteuer, über die bei der Zu­sammenkunft der Finanzminister am 10. Juli in Berlin ein grundsätzliches Einverständnis erzielt wurde, ist jedoch zu einer Gesetzesvorlage noch nicht reif Wir jiiid auch der An­sicht, daß die Erhebung einer solchem Steuer erst nach Schluß des Krieges stattfindeii kann, da sich erst dann die finanzielle Wirkung übersehen läßt. Andererseits ist aber mit dem sich ergebenden Zuwachs des Vermögens die An­lehnung an die Reichsvermögenszutvachssteuer gegeben. Diese Frage unterliegt noch der Prüfung. Die Erwartung der Kriegsgewinnsteider braucht also miemcnd ab­zuhalten, Kriegsanleihe zu zeichnen. Um z. B. auf neue Steuerguellen während des Krieges zu verzichten, hat England trotz mehrfacher gegenteiliger Versuche sich dem angefchlossen. Vorläufig bleibt nur der Weg, die endgültige RvgeNung der Kriegskosten auf den Friedensschluß und die Zeit nach dem Kriege aufzuschieben. Wenn Gott uns dem Sieg verleiht, dann dürfen Mir bei Friedensfchluß die Kostenfrage nicht vergessen. (Sehr richtig!) Das sind wir der Zukunft nuferes Volkes schuldig (Lebhaftes Sehr richtig!)

D«S Bleigewicht der Milliarden müssen dann die Anstifter des Krieges durch die Jahrzehnte schleppen.

(Sehr richtig!) Für die Begebung der Neuen dritten Kriegs­anleihe werden die Zeichnumgseinkadungen gegen Ende des Monats ausgegeben werden. Durch die neue Anleihe müssen wir diese Summen hereinbringen, die wir bereits jetzt über die 13y 2 ; Milliarden, die ersten beiden KrieMvm leihen hinaus, verausgabt haben und die durch Zu-tttknng durch dem Kriegsschatz und durch die bei Kriegsausbruch bereiten Bestände der Reichsbauptkasie gedeckt wobben sind. Diese Deckung hat sich erhöht, umd zwar durch einem Überschuß.

Der Überschuß des ordcnttichcn EiatS von 1914/15 belSuft sich ans 219 Millionen Mark.

(Lebhaftes Hört! Hört!) Alle die gewaltigen Stimmen, die das Reich fett Kriegsausbruch verausgab! hat, sind bis ckuf unbedeutende Beträge im Lande verblieben. Sie haben als Einzahlung auf die letzte Kriegsanleihe gedient und sich dar­über hinaus zu treuem Sparkapital verdichtet. Dies trttt zu­tage in der Inanspruchnahme der Darlehenskassen. Die Dar­lehen für die zweite Kriegsanleihe betragen nur wenig mehr als 3 Prozent des eingezahlten Beitrages von 9 Milliarden Mark. (Hört! Hört!) Trotzdem verbreiten die Feinde in ihrer Presse und nach Reuter, „Daily Telegrapd" die Bvhauptwny, unsere Darlehenskassen gäben Gelder auf alles, foonr auf Zahnstocher, nnd prahlen immer. (Große Heiterkeit.)

Die Einlagen unserer Sparkassen sind glaichsdklS während des Kriege? gestiegen. Trotz gewalttger Zeichnungen auf die Kriegsanleihen sind ihre Einlagen auf mehr als 20 Milliarden mehr gestiegen als vor Ausbruch des Krieges.