Viesbsdkiltr Tsgblck.
Ai. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — BczugS-Prcis: durch den Verlag Si» Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
10,000 Abonnenten.
Anzeigcu-Preiör Die einspaltige Petitzcile für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg..." liellamen die Petitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.
Z . ‘äLnwirltmi* für die Abend. Auggabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen.AuSgabt bir 3 Uhr nachmittag,. — Für die Aufnahme später emgereichter Anzeigen zur
nächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
Us. 135.
«erlagS^ernsprecher N». 2953.
Samstag» den 21. Mari.
Nedaktions-Fernsprecher No. 52.
1903.
Horgen-flusgabe.
An unsere Post-Abonnenten!
Uw die erfahrungsgemäß beim vicrteljahrswechfel eintretenden Störungen im Bezug zu vermeiden, ersuchen wir unsere Erlichen Post-Abonnenten, alsbald die Erneuerung ihres Abonnements bewerkstelligen zu wollen. Dieselbe kann sowohl tei den Postämtern als auch durch das Bestellxerfonal derselben
erfolgen, des „Wiesbadener Tagblatt".
Mrilmrüml und geistige Arbeit.
Alte Irrtümer haften fest wie die zähen Wurzeln der Eiche Alan mutz roden und hacken und fo ein Stück rQ d dem anderen losbringen. Ähnlich) geht es mit der Anschauung, daß Fabritarbeit und geistige Arbeit schroffe Gegensätze seien. Diese Annahme ist so festge- wach eir, daß man nicht mehr prüft, sondern einfach glaubt Ein Irrtum irr sozialen Dingen ist stets gefährlich und so hat auch dieser Schaden angerichtet. In den wirtschaftlichen Kämpfen unserer Tage hat er als Waffe dienen müssen. Man hat behauptet, die weitere Ent- tvickelung der Fabrikindustrie sei auch deshalb bedenklich well sie den Arbeiter zum Automaten, zum willenlosen Werkzeug der Maschine Herabdrücke. Nun können Automaten-Akenschen auch ganz nützlich sein, aber bedenklich ist es allerdings, wenn die große Klasse der Fabrikarbeiter durch ihre tägliche Beschäftigung gewissermaßen dem geistigen Stumpfsinn zugetrieben würde. Diese Ge- fochr droht aber, wenn ein Mensch bei der sein Leben aus- füllenden Arbeit lediglich willenloses, mechanisch tätiges ift.
Der höher gebildete Mensch hat meistens sehr merk- .tnirbtge Vorstellungen von der sogenannten mederen Arbeit. Er keimt wohl entlegene Kulturen und glaubt aenau zu wissen, was sich auf tausend Sonnenweiten entfernten Sternen ereignet. Aber unter welchen Bedingungen der Baum vor seiner Türe wächst, wie ein Schuh entsteht oder welche geistige Kraft ein Arbeiter mfwenden inuß, der mit der Maschine das Tuch zu feinem Rock webt, davon hat er meist nur recht unklare Vorstellungen. Vielen Geblldeten fehlt der Sinn für die kleinen Dinge des menschlichen Lebens. Sie schweben so erhaben im Nebel ihrer höheren Kultur, daß sie die festen G run dlag eir derselben, nämlich d as Wesen der menschlichen Arbeit, nicht mehr erkennen. Müssen sie dann einmal eine gewöhnliche Heerstraße durch die niedere" Werkarbeit eines großen Volkes wandern, so ist ihnen rechter Hand, linker Hand alles fremd. Sie
scheu liicht die Millionen Geistesflammen, die aus dieser Arbeit aufleuchten; es geht ihnen etwa wie jenem schöngeistigen Mädchen, das über ein Stoppelfeld ging iind sich glücklich schützte, nuir endlich zu wissen, wo me Streichhölzer wachsen. Diese grobe Unkenntnis tragt mit dazu bei, daß man vielfach aus die „niedere" Arbeit von obeii herab sieht:.man bringt ihr zii wenig Achtung eiitgegcn, weil man sie 51t wenig kennt. .
Natürlich kann man voii niemand verlangen, xn me technischen Einzelheiten der Berufe einzndringen, aber das Wesen des modernen Arbeitsprozesses sollte jeder Gebildete wenigstens im allgemeinen kennen 311 lernen suchen. Er sollte sich darüber Klarheit verschaffen, welche Summe nicht nur körperlicher, sondenr^ mich geistiger und seelischer Arbeiterkräste her moderne iZ-abrrt- betrieb in Anspruch nimmt. Er würde dann nicht nui manche wichtige ErsLseinungen der Zeit besser verstehen, sondern auch auf die sogenannte „niedere Arbeit, etwas weniger gerinaschätzig herabsehen. Mancher schlichte Fabrikmann verrichtet beute tatsächlich an der Maschine mehr nützliche Arbeit als mancher Gelehrte, der zahr- zchntelaiig das Tüpfelchen über dem i in seiner Wissenschaft erforscht. Warum soll man das nicht ehrlich atu» sprechen» Diese gelehrte Kleinarbeit ist bekanntlich notwendig und sie wird von der Wissenschaft voll em- geschätzt. Doch es fällt keineni Menschen ein, zu behaupten, daß diese gelehrte Beschäftigung geistig stumpf mache. Das nimmt der Bildungsphilister nur bei der Fabrikarbeit an und zwar ganz allgemein, möge sie auch mit ihrem vielgestaltigen Mechanismus an den Arbeiter, der diesen ,',u beaufsichtigen und zu regulieren hat, sehr- hohe geistige Ansprüche stellen.
Wer für die Alltagshantieruiigen jeincr Nebcn- mcnschen einen Blick hat. der weiß, daß auch die einfachste menschliche Arbeit eine gewisse Aufwendung von Geisteskraft erfordert. Der Stcinklopfer an der Straße hat zu beobachten, wie er den Stein legt und wie er den Schlag führt: und das ändert sich fast mit jedem Steine, je nach seiner Größe und Struktur. Also auch bei dieser einfachen Verrichtung eine gewisse Aufweudung geistiger Kräfte. Aber wie weit ist der Weg von hier bis zu den Ansprüchen des maschinenmäßigen Arbeitsprozesses in der Fabrik, dessen Durchführung dem Arbeiter anver- tratlt ist! Natürlich gibt es auch hier große Unterschiede, aber im allgemeinen kann man wohl sagen, daß mit der Entwickelung unserer Technik, die immer leistungsfähigere, aber auch immer kompliziertere Maschinen baut, auch die Ansprüche an die geistigen Kräfte der Arbeiter sich erhöhen. Ter naive Bildungsmensch glaubt, die Maschine laufe allein. Gewiß, bei der nötigen Antriebskraft läuft sie auch allein, aber lute? Eine fehlerlose Ware läßt sich aber nur bei größter Aufmerksamkeit des Arbeiters Herstellen. Man glaubt kaum, ein wie zartes,
empfindliches Wesen so eine komplizierte Maschine ist:
fast genati so, wie viele moderne Menschen mit ihren empfindlichen Nerven. Professor Kraft hat kürzlich ausführlich über die „Ethik der Maschine" geschrieben und in der Tat möchte man fast sagen, daß manche moderne Maschine Seele und Charakter habe.
Schon hieraus ergibt sich, daß ihre Bedienung denn doch mehr erfordert als einfache mechanische Handgriffe. In sehr vielen fabrikmäßig betriebeneii Erwerbszweigen muß-der Arbeiter heute den Arbeitsprozeß fast in demselben Umfange kennen, als wenn er ohne Maschine ausgeführt würde. Bis zu einem gewissen Grade muß dem Arbeiter auch die Konstruktion der Maschine bekannt sein, da er diese für das Verarbeiten oft des verschiedenartigsten Materials vorzurichten hat und der Gang den Maschine nach dem Material geregelt werden muß. Kleine Unregelmäßigkeiten in der Bewegung dev Maschine üben oft auf die Güte der Ware großen Ein- fluß aus. Es ist also die Pflicht des Arbeiters, die Ursache jener Unregelmäßigkeiten sofort zu erkennen und zu beseitigen. Bei dem heutigen schnellen Gange der Maschinen erfordert es schon eine geistige Anstrengung, den raschen Fortschritten des Arbeitsprozesses unausgesetzt zu folgen, alle Telle der Ware uiid der Maschine zu beobachten und die vorgeschriebene Ent- Wickelung des ganzen Arbeitsvorganges genau inne zu halten. ' Zu dieser geistigen Tätigkeit sind für einem modernen Fabrikarbeiter noch gute Charaktereigenschaften luterläßlich. Er hat mit dem Material sparsam zu Wirt- schäften und es vor Verunreinigung zu schützen. Die leicht zii beschädigende Maschine hat er mit größerec Sorgfalt wie ein guter Reiter sein Pferd zii behandeln; er innß sie mit äußerster Vorsicht putzen und in Ordnung halten.
Zwar stellt nicht jede Fabrikarbeit diese Ansprüche, doch im allgemeinen ist durch die Entwickelung _ des Maschinenwesens die geistige Tätigkeit des Arbeiters nicht herabgedrückt, sondern mehr angespannt. Auch in der Bebauung des Bodens lernt man das kennen. Der Landwirt hütet sich, seine teueren Maschinen einem dummen Knecht anzuvertrauen. Er überträgt ihre Füh- nmg stets seinen intelligentesten Leuten und manche Gutsbesitzer behaupten selbst, daß sie die Maschine in ihrem Betriebe nicht genügend verwenden können, weil es aii genügend intelligenten Arbeitern fehle.
Bei der ganzen Beurteilung der Maschinenarbeit muß man noch berücksichtigen, daß sie einerseits allein die Möglichkeit schafft, die Dauer des menschlichen. Arbeitstages zu verkürzen, andererseits aber auch für viel? Ge- werbszieeige diese Verkürzung zur Notwendigkeit macht, Tie Arbeit an der Maschine strengt in erster Linie die Nervei:, aber nicht die Muskeln an. Maßgebende Großbetriebe für Präcisionsmechanik binden daher ihre Leute
Feuilleton«
Pariser Pries.
8»ei i«ic Unsterbliche. — Theater und Thcatcrlente.
Paris, 17. März.
Die vierzig Unsterblichen der Acaddmie Frangaise qatten in den letzten zwei Jahren ihrem Namen Ehre gemacht: in der langen Frist von 25 Monaten starb keiner von ihneri. Nunmehr hat der Tod nachgehvlt, was er in letzter Zeit versäumte, und binnen einer Woche zwei der bedeutendsten Mitglieder der Akademie niedergemäht: Gaston Paris und Ernest Legouvd. Der erstere ist als namhafter Literarhistoriker und Sprachforscher nt Deutschland, auf dessen Universitäten in Göttingen und Bonn er seine Bildung vervollständigte, ebenso bekannt wie der letztere, welcher seine große Popularität als Dramatiker hauptsächlich der Mitarbeiterschaft . mit Eua^ne Scribe an dessen hervorragendsten Lustspielen verdankte. Die wissenschaftlichen und literarischen Bestrebungen von Gaston Paris wurden in Deutschland tm vorigen 5Vahre dadurch anerkannt, daH ihm Wilhelm II. den Orden pour le rndrite verlieh. An Ernest Legouvä interessiert uns vor allem, daß er bis nt das höchste Greiienalter sich die vollste körperliche und geistige Frische bewahrte Als er vor Monatsfrist seinen 07. Geburtstag beging, von dem ich in einem früheren Briefe bereits sprach, überraschte er seine Freunde und Bewunderer durch die Schlagfertigkeit seines Witzes, welche unter einem leichten Jnflnenzaanfall nicht zu leiden schien, und als vor 14 Tagen seine Kollegen seine goldene akademische Hochzeit feierten und ihn so heiter, so lächelnd, so elastisch und so weit entfernt von den Gebrechen des Alters sahen, sagten sich alle, daß die Acaddmie Frangaise es bald der Acaddmie des Sciences gleichtun und den hundertsten Geburtstag Legouvss begehen könnte, wie die Schwesterkörperschaft einst das hundertste Geburtstagsfest des Chemikers Eugtzne Chevreul begangen hatte. Diese Hoffnung hat sich nicht verwirklicht. Ernest Legouvd ist am 14. März ganz unerwartet in demselben Hause der Rue Saint-Marc gestorben, in welchem er am 15 . Februar 1807 geboren war, wo er alle seine Werke
geschrieben hatte und wo er, umgeben von den Seinigen,
fast ein Jahrhundert hindurch lebte. Militär- und Literaturgeschichte zusammen haben die drei Dumas aufzuweisen, die Literatur allein besitzt die drei Legouvd. Der Mann, der jetzt, mit Jahren und Ehren beladen, sanft entschlafen ist, war in der Tat der Sohn und Enkel von Schriftstellern. Der Großvater hatte ein Trauerspiel „Attilie" geschrieben, der Vater sich durch „Fe mdrite des femmes" einen Namen gemacht. Von den Werken des jetzt Gestorbenen sprach ich schon bei Gelegenheit seines letzten Geburtstages. Ernest Legouvü pflegte von sich zu sagen: „So lange werde ich der glücklichste Mensch von der Welt sein, als ich vier Gegenstände mit gleichem Eifer handhaben kann: meine Feder, mein Florett, mein Rasiermesser und meine Gabel". Wir wissen nicht, ob sich Legouvd bis in sein biblisches Alter hinein selbst rasierte. Daß er aber bis zuletzt eine brave Klinge im Essen und Fechten schlug, darf die Kulturgeschichte als verbürgt registrieren. Noch am Tage vor seinem Tode erkundigte er sich, wie alltäglich, „was es zu Mittag gäbe", und war erfreut, als man ihm einen Lieblingsfisch ankündigte, und noch am selben Tage besuchte er den in seinem Hause gelegenen Fechtboden des Fechtmeisters Rue, wo er seit 1878 täglich auf eine halbe Stunde der Fechtkunst oblag, in welcher er es zur Meisterschaft gebracht hatte. Denn Legouvd war nicht nur der Senior des Instituts, sondern auch der der Pariser Fechter, obwohl beide Eigenschaften sich schlecht miteinander zu vertragen scheinen. Er galt außerdem als unbestrittene Autorität in allen Duellregeln, als Justiniar der Ehrenhändel, obwohl er niemals Gelegenheit hatte, was in Paris bemerkt zu werden verdient, in einem Duell die Kunst zu zeigen, welche er sich während fast 00 Jahren angecignet hatte, da er schon im Alter von 7 Jahren begann, den Stoßdegen zu handhaben. Was endlich das vierte, von Legouvä in seinem zitierten Ausspruch genannte Werkzeug, die Feder, betrifft, so veröffentlichte er noch 8 Tage vor seinem Ableben im „Temps" eine Studie über die Moral La Fontaines. Da er also drei der erwähnten Instrumente authentisch und eines, das I Rasiermesser, hypothetisch — ich hatte leider keine Zeit, mich über diese wichtige Frage zu vergewissern, nehme I aber an, daß, wer den Degen mit Eleganz zückte, auch vor
diesem Toilettciigegenstaiid nicht gezittert haben wird — bis zuletzt in der Hand führte, dürfen wir getrost glauben, daß er bis zur Todesstunde der glücklichste Mensch gewesen. Oftmals ist Legonvd über das Geheimnis seines hohen und heiteren Alters ausgefragt worden. Ms Achtzigjähriger ließ er sich in einer Pariser Zeitschrift darüber so verlauten: „Sie wollen das Areanum meinen Gesundheit wissen? Ich verdanke sie meinen Geschmacksrichtungen. Ich habe deren sehr verschiedene gehabt und einzelne bis zur Leidensthaft getrieben. Erschrecken Sie nicht, icki zähle sie nicht alle aus, aber fünf davon muß ich mit der Erkenntlichkeit erwähnen, mit welcher man von seinen guten Freunden spricht, denn ich habe keine besseren Begleiter in meiner Laufbahn, keine wirksameren Tröster in meinen Leidensstunden gehabt als sie. Sie heißen: die Liebe zur Arbeit, zum Theater, für die Fechtkunst, für die Blumen und für die Lektüre mit lauter Stimme." In letzterer Fertigkeit zeichnete sich Legouvs übrigens praktisch und theoretisch aus, wie sein klassisches Buch: „L’Art de la lecture" beweist. Ist es aber wirklich das Theater, die Fecht- und Vortragskunst, die ihn während beinahe eines Jahrhunderts frisch an Körper und Geist erhalten haben? Man kann viele Lieb-. Haber von all diesen Künsten und Geschmacksrichtungen, die trotzdem frühzeitig dieser Welt beit Rücken kehren mutzten, aufzählen. Ein Teil der Wahrheit über die erstaunliche, geheimnisvolle Frische, die sich Legouvd so lange zu erhalten wußte, dürfte darin zu finden sein, daß er Zeit seines Lebens ein zufriedener Mensch war, dem alles glückte, die großen wie die kleinen Dinge. Welcher Glückspilz er gewesen, erhellt aus der folgenden kleinen Episode, die der „Gaulois" erzählt. Als die Kommune im Jahre 1871 das Pariser Rathaus in Brand steckte und die Zivilstandsregistcr sämtlich in Flammen aufgingen, konnte Legouvss Geburtsschein zuerst erneuert werden, da ihn die Direktion des Condorcct-Gymnasiums, di zufällig eine Ausfertigung desselben im Archiv hatte, sofort zur Stelle brachte. Der Leser möge verzeihen, daß ich so lange bei Legouvä verweilte, der doch bei weitem nicht ein Stern erster Größe am französischen Theaterhtmmel ist Aber die Bereinigung von geistiger und körperlicher Kraft bis in ein Alter, das nur ganz wenigen beschieden, ist beutzutage so außerordentlich selten, daß es sich schon
