Beilage nun Wiesbadener TagklaU.
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Übci'ltfle einmal, bevor Du gibst, zweimal, bevor Du nimmst, und tausendmal, bevor Du verlangst.
" M. v. Edner-Eschcnbach.
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(8. Fortsetzung.)
Der Wallheser.
Roman von O. o. Kis-Killay.
„Nein, ich gehe nicht fort", sagte sie rauh, „um nichts st, der Welt! Übrigens", sagte sie milder, „übrigens ^eißt du. daß meine Jahre gezählt sind . . . Mein Nierenleiden ist so schlimm, daß ich es nicht mehr lange niachen werde ... Es lohnt sich nicht für die kurze «eit..."
Sie brach ab. In tiefem Schweigen, saßen Mutter ^d Tochter nebeneinander, dem trüben Laufe ihrer Gedanken folgend. Plötzlich fuhr Frau Gordan wieder auf.
„Höre, Käthe", sagte sie mit einem sonderbaren Lächeln, „du meinst doch auch, daß der Vater immerhin noch Heiratsgedanken haben dürfte.— wenn ich in den nächsten sechs oder stebeir Jahren sterben sollte. Er ist ein schöner, wohlerhaltener Mann, nicht wahr?"
Käthe antwortete nichts, ihr Herz schnürte sich vor Widerwillen zusammen.
„Ich muß sehen, ob das Mer für den Vater kalt gestellt worden ist", sagte Frau Gordan und erhob sich.
Nachdem die Mutter gegangen war, blieb Käthe noch sitzen. Sie vergrub den Kopf in beide Hände und sann. Ras hatten Vater und Mutter aus ihrem Leben gemacht? Es war, als senke sich die Last der fremden Schuld bleischwer aus ihre junge Seele herab, llnd was die Mutter gelitten und geduldet, war es das Höchste, zu fern sich heroische Selbstverleugnung aufschwingen kann, oder wcw es wahnsinniges Fakirtum, welches eigenes und fremdes Sein verstümmelt? . . . Die Mutter war ihr unheimlich geworden . . .
An diesem Abend weinte Käthe die bittersten Tränen, die sie se geweint. Noch nie hatte sie den großen Mangel ihres Leben so schmerzlich empfunden, den Mangel einer treuen, warmen Liebe, der sie unbedingt vertrauen durste. War sie ihr in der Zukunft Vorbehalten? Das wußte Cott allein.
In dem offenen Landauer, der im raschen Trabe dem Warschauer Bahnhofe zufuhr, saßen Käthe und ihre Tante, die Frau Kommerzienrätin Donner. Ein Frühlings- Achen zog durch die Lust, in den Sauares grünte der Nasen und hier und da wagten sich schüchtern« Knospen an den Bäumen hervor.
Der Wagen hielt vor dem Bahnhofsgebäude und die Damen stiegen aus.
„Noch eine Viertelstunde Zeit", sagte Frau Donner ihre Uhr mit der über dem Eingänge vergleichend.
Die Damerl durschritten die Halle und den Korridor, welcher zum Wartezimmer erster Klasse führte. Es waren wenig Leute da. Sie ließen sich auf das Sofa nieder.
„Weißt du, Käthe", sagte die alte Dame, nachdem sie sich ausgepilstet hatte, „du bist mir ganz unfaßbar, xxi sitzest du so pomadig da, als wäre es nicht dem Braungam, der jetzt zur Hochzeit anlangen soll. Wirklich, ich glaube, iL bin mehr aufgeregt als du." ,
„Was soll ich denn tun, Tante? fragte Käthe lächelnd. „Ich bin glücklich, und das innere Gluck sitzt im Herzen und bedarf keiner Worte."
Ja, Käthe war glücklich. Sie war vollkommen zufrieden und blickte vertrauensvoll der Zukunft entgegen. Das große Sehnen ihres Herzens, an cmem anderen starken Herzen geborgen zu ruhen, war erfüllt seine Liebe mußte sie schützen, — vor ihr selbst und ihren Grübeleien. Wie manches Mal hatten ihr seine Briefe über eine böse Stunde hinweggeholfen. Seme hoffnungv- freudige Zuversicht teilte sich ihr unwillkürlich mn und verscheuchte die unruhigen Gedanken, llnd schließlich _ liegt nicht des Menschen Schicksal auch einigermaßen in seiner eigenen Hand? .
Der Vater hatte in jener einzigen Unterredung, me sie mit ihm uiiter vier Augen gehabt, einige denkwürdige Worte fallen lassen. Er hatte sie eines Tages zu sich m sein Arbeitszimmer beschieden und ihr eröffnet, welche Summe er ihr als Jahresrente bestimmt habe. Mit Tränen in den Augen hatte sie seine Hand an die Lippen geführt. Da war ein Zucken durch das strenge Antlitz gegangen, und er hatte sie auf den Scheitel geküßt. Dann, als sie sich schon zur Tür gewandt, hatte er gesagt: „Ich will dir einen guten Rat geben, Küche. — Ems ist m der Ehe not: Solidarität — nicht nur der Interessen,
sonderii Solidarität der Gedanken. Es kommt nicht von selbst, und es ist Sache der Frau, sich darum zu bemühen. Tust du das, so wirst du glücklich, und wirst auch glücklich
machen." t ...
Käthe war stillschweigend gegangen ,md hatte diese Warte in ihrem Herzen bewahrt. Ja, der Vater hatte recht, Solidarität war ein Haupterfordernis m der Ehe. Aber nicht ganz im Sinne des Vaters. Bei ihm hieß Solidarität ein Aufgeben der eigenen Gedanken, der eigenen Individualität. Das konnte sie nun und nimmermehr! Nachgeben wohl, sich selber aber aufgeben, — nie! Gewiß ließ sich auch ein Kompromiß finden, wenn man nur ernstlich wollte und liebte . . . Und es mußte ja Liebe sein, die sie für Werner empfand, — beschäftig ten sich doch ihre Gedanken ausschließlich mit ihm.
Der langgedehnte Pfiff der Lokomotive ließ sich ver nehmen.
„Da kommt der Zug!" ries die Kommerzrenrätrn, die Hand an die Brust pressend. „Oh, wie mir das Herz klopft!".
Auch Käthens Herz hatte stürmisch zu pochen begonnen. Schnell eÜten die Damen hinmrs und erreichten den Perron, als der Zug bereits stand und die Pasia- giere scharenweise herausströmten. Und da war er, — der Mann in grauem Überzieher und grauem Filzhut, der sich ihnen jetzt mit raschen Schritten näherte.
Sprachlos hielt Werner die unbeweglich dastehende Käthe in seinenArmen und wandte sich unmittelbar darauf zur Kommerzienrätin, der er mit Wärme die Hand küßte. Das Gepäck wurde einem Träger übergeben, und die kleine Gesellschaft schritt dem Ausgange zu.
Während Werner Tante Luisens eifrige ,zragen beantwortete, sah Käthe ihn verstohlen von der Sette am Es war ein anderer, mit dem sich ihre Gedanken diesen Winter über beschäftigt hatten. Dieser hier war alter und gleichsam zusammengeschnrmpst. . Er lachte und si« äh ganz deritlich die Fältchen, die sich an den .lugen- winkeln bildeteii. Und sein Gesicht war so grau . . » Sie zog fröstelnd die Schultern zusammen.
„Hast du mir nichts zu sagen, Käthe?" flüstert« Werner, ivährend die Kommerzienrätin dem Kritsaier um- 'tändlich die Adresse des Hotels angab, in welchem —ernec absteigen sollte. ' _
Käthe lächelte gezwungen. Was sollte sie ihm sagm? Daß er nicht ihrem Trautnbilde entsprach? Daß wieder der erkältende Hauch des Zweifels über sie gezogen wäre Unter banalen Fragen uiid Berichten erreichten sie das Hotel. Werner, der auch während er nnt der v,anre sprach, sein Auge nicht von dem lieblichen Gesicht seiner Brant verwandt hatte, stieg aus. Sobald er sich von ecm Reisestaub befreit, sollte er sich seinen künftigen Schwieger- eltern vorstellen. Während der Heimfahrt ergoß sich Tante Luise in Lobeserhebungen über den liebenswürdigen jungen Mann. _ t —
„Was sitzest du so fischig da, Käthe?" sagte sie halb ärgerlich, als Käthe nichts auf ihre Trraden erwiderte. „Man könnte wirklich meinen, ich wäre die Braut! ^
„Ich wünschte, du wärest es, Tantchen, und ich dimste nur dabei stehen", antwortete Käthe mit emem erstickte» Seufzer. *
Während die Kommerzienrätin eifrig und in ihren Worten sich' überstürzend der ängstlich dremschEnden Mutter ihre Eindrücke mitteilte, stand Käthe am rlZnstA die Stirn gegen die Scheiben gepreßt, iind ging mit sich selber zu Gerücht. Was hatte sich verändert? Ein wenig Reisestaub, der sich über das selbstgeschaffene Bild gelebt,
. und das hatte genügt? Sie haßte sich selber m diesem Augenblick.
Die Türklingel ertönte. .
„Lauf ihm entgegen", ermahnte die Tante, ntdem sw das herbeigeeilte Stubenmädchen zuruckwie^. h*
Sache der Braut, den Bräutigam zu empfangen.
Käthe gehorchte. Als sie die Tür Wftwte stcmd Werner vor ihr, frisch rasiert, mit glückstrahlendem
Gesicht. ,, r
Meine Käthe, mein Lieb!" sagte er mit hawerstickter Stimme und schloß sie in seine Arme. In emem langM, heißen Kusse preßten sich seine Lippm auf die So daS war der erste Liebeskuß! Warum wurde ihr aber nur schwül in der Umarmung? ...
Der Bräutigam wurde den Eltern vorgestell t.D »
Mutter zitterte nervös am ganzen Körper und siauuu^ etwas Unverständliches. Der Vater fugte d:e Hände dÄ jungen Paares ineinander uiid sprach einige passmidÄ Worte. Es war entsetzlich feierlich,-— zumTavonlaufen! m., r ‘it'ante Luise rettete die Situaffon. indem sie vor Rührung und Vergnügen in ein herzhaftes Lachen aus-
brach. , , ,,
(Fortsetzung folgt.)
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