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51. Jahrgang.
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77 H77*« für die Abend.Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für d,e Morgen.AuSgabe ms.i uyr nn-r>n 8 G
All^ktAkN - Annahm e nächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit «sorge get ag n. -----—
-Ol XHItvt. Redaktions-Fernsprecker N». 52. 1903.
|J(>. 136. Verlags-Fernsprecher No. 2958. AaMSlNg» Oftl
Abend-Ausgabe.
Sic Friedensmiffion des Dreibundes.
* ©ie Auslassungen, mit denen der Reichskanzler a- 1 -a f B ü l o w in der Reichstagssitzung am Donnerstag die Richtung der auswärtigen Politik Deutschlauds klar- ^leat hat. haben nichts Überraschendes gebracht und
ten dies der Natur der Sache nach mcht tun. Denn die deutsche Politik bewegt sich seit langer Zeit m den- irlben durch die eigenen Interessen, durch, die Zuge- ^riakeit zum Dreibund und durch das unverändert gute ^rhältnis zu den meisten anderen Staaten vorgezeich- netex Bahnen. Was aber der Reichskanzler über die Nenezuela-Frage, über die Stellung Deutschlands zur maoedonischen Frage und über die vom Standpunkt der i, ternaüonalen Politik berechtigte Rescrvrerthelt gegcn- iber der beklagenswerter Derrtschenhetze rir Ungarn aus- llibrte errtsprach ebenfalls durchaus der bisher beobachteten Haltung der deutschen Regierung und den frühere Erklärungen des Grafen Bulow So hat die Pro- orammrede des deutschen Reichskanzlers weder Neues, noch Sensattonelles gebracht, und das rst immer, crn günstiges Zeichen für die auswärtige Politik emes
E^Ewen besonderen Kommentar verdienen wohl die Be merkunaen des Grafeir Bülow über die Enieuerung und W Charakter des Dreibundes, obwohl auch diese Bemerkungen nichts Neues enthalten, sondern mit den früheren Ausführungen des Reichskanzlers uberein- timmcu Was Graf Bülow anr Donnerstag,, über den Dreibund gesagt hat. ist nur eine weitere Ausführung der treffenden imd genau genommen erschöpfenden Beiuer- foucr, die er im vorigen Jahr machte, als er den Drei, Hund als eine „Versicherungsgesellschaft aeaen Friedensstörungen" bezeichnete.
Der Reichskanzler hat ausdrücklich bestätigt, wav ,a freilich längst bekannt war. daß die am 28. Juni 1902 Unterzeichnete Erneuerung der Dreibundvertrage nicht ohne wesentliche Schwierigkeiten vor sich gegangen ift. Aber gerade der Umstand, daß der Dreibund trotz der Agitation der Franzosenfreunde in Italien und der Tschechen und Klerikalen in Österreich verlängert worden ist beweist am besten, wie sehr dieses Bündnis den Lebensinteressen der beiden Staaten eiitspricht. welche bei diesem Bündnis mindestens so auf die Rechnung kommen
wie Deutschland. , ,
Graf Bülow hat ferner hervorgehoben, was freilich auch schon bekannt gewesen ist. daß die Verträge mim= veränderter Form verlängert worden sind. Es ist fa schon früher in die Öffentlichkeit gedrimgeii. daß von Seiten Jtalims starke Anstrengungen gemacht wurden.
um dem Dreibundvertrag seine, übrigen^ rem defensive Spitze gegen Frankreich zu nehmen. Aber die deutsch Regierung hatte sich bei den iin vorigen ^ahre gepflogenen Verhandlungen arif den berechtigten Standpunkt geMlü- entweder deii Dreibund, wie er ist, oder gar kernen
Was besagen nun diese iinver ändert, gebliebenen Dreibundverträge? Der am 7. Oktober 1d7.>abge- ckflossene Vertrag z wi s ,ch en Dents ch l and und Ö ste r r ei ch - Un g a r n ist seinem ^nhalt, nach genau bekannt. Artikel 1 des Vertrages verpflichtet beide Staaten für den Fall, daß eines der Reiche von Rutz- laird angegriffen wird, einander mit der gesamten Kriegsmacht berzustehen und den Frieden nur gemeinsam und übereinstimmend zii schließen. Artikel 2 i-ev ^>crtragev verpflichtet jeden der beiden Staaten, wenn er von einer anderen Macht als Rußland angegriffen wird, mindestens wohlwollende Neutralität zii beobachten, wenn fedoch Nußlaiid den Angreifer unterstützt, mit ganzer Heeres- macht dem angegriffenen Verbündeten berzustehen br^?
zum gemeinsamen Friedensschluß. . ,
Der Inhalt der zwischen Deutschland und Osterreich'- Ungarn einerseits undJtalien andererseits abgeschlossenen Verträge ist dagegen niemals authentisch bekannt geworden. Man weiß jedoch ziemlich sicher daß der deutsch-italienische Vertrag beide Kon trahenten verpflichtet, dem anderen mit seiner gesamten Land- und Seestreitmacht gegen Fraiikrerch beizustehen, wenn dieses einen Angriffskrieg gegen Teutfchland unter- nehmen sollte. Der französische Minister Delcassö hatte also air sich recht, wenn er mit beabsichtigter Spitzfindig- keit hervorhob, daß Italien durch den Dreibund nicht gezwungen werden könne, sich an einem Angriff auf Frankreich zu beteiligen. Tavo^r kann allerdings der dem rein defensiven Charakter des Dreibundes nicht dre Rede fein, und Frankreich würde die Wirkung dieses Bünd- nisses nur dann verspüren, wenn es — aber so töricht wird es schwerlich sein wollen — seine Existenz durch cmcn neuen Angriffskrieg aufs Spiel setzen wollte.
Ter Dreibund gleicht, und das ist sein Vorzug und seine Stärke, den Sicherheitsvorkehrungen, die man in i,euerer Zeit an den Straßenbahnen angebracht hat: sie treten nur bei einem Unfall in Aktion. Gerade diese reine Abwehr-Funktion des Dreibundes, den wir als eine Axt internationaler Unfallverh ü tung s- m a ß n a h m e bezeichnen möchten, bedingt, die weltpolitische und ausschlaggebende Bedeutung dieses Bünd- nisses Da der Dreibund den beteiligten Mächten nur solche Verpflichtungen auferlegt, die ihnen selbst nützen, ohne den anderen Staaten zu schaden, so ist die sichere Gewähr gegeben, daß dieser Bund, der am 1. Maic. abläuft, um unverändert weiter zu laufen, sich auch in Zukunft erweisen wird als eine „Versicherungsgesellschaft gegen Friedensstörungen".
Deutscher Reichstag.
Berlin, 20. März.
Die Beratung des Etats des auswärtigen Amtes wird fortgesetzt beim Titel Staatssekretär. —* Abg. Bernstein (Soz.) kommt zunächst zurück auf die Liebesdienste der deutschen Polizeibehörden gegenüber Rußland und auf die internationale Überwachung der Anarchisten. Daß deren Überwachung in Deutschland durch russische Spitzel gestern vom Staatssekretär gleichsam als etwas Selbstverständliches hingestellt worden sei, dagegen müsse protestiert werden. Die Spitzel seien größtenteils Lockspitzel, die erst zum Verbrechen anreiz- ten, und geradezu eine internationale Gefahr. Redner geht dann auf die Verhältnisse zwischen Deutschland und England ein und behauptet. Schuld an der Mißstimmung Englands gegen Deutschland trage vor allem die alldeutsche Heye gegen England. In Macedonien bedürfe es durchgreifender Reformen, ebenso auch zu Gunsten der Armenier. Was die jüdische Bevölkerung in Rumänien anlange, so hätten dieser gegenüber die rumänischen Staatsmänner ihre früheren Versprechungen noch arger gebrochen als selbst die Türkei, und hier liege böser Wille, nicht Unfähigkeit vor. Die rumänischen Staatsmänner hätten e« mit ihrer Schlauheit verstanden, sich um die ein- neganaenen Verpflichtungen herumzuörücken und Europa stehe dabei und dulde das. (Redner schreit die» förmlich ins Haus hinein und schlägt wiederholt mit der geballten Faust auf das Pult.) Er frage den Reichskanzler, ob ihm irgend etwas von einem Schritt gegen die rumänische Regierung bekannt sei. — Abg. Oer t e l ttoiis.) erwidert, Rumänien sei nicht der Ansicht, den Berliner Vertrag gebrochen zu haben und die anderen Machte müßten wohl derselben Ansicht sein, da sie nicht cm- schritten. Redner spricht dann den Regierungen das Recht zu, die Anarchisten zu überwachen, denn der Anarchismus sei eine böse Krankheit, die ausgerottet werden müsse. Das Einschreiten Deutschlands in Venezuela ser zum sehr wesentlichen Teile der Diskonto-Gesellschaft zu Gute gekommen. Betreffs des Interviews des Freiherrn Speck v Sternburg wolle er bemerken, er verlange durchaus nicht, daß der Reichskanzler immer die Kürasster- stiefel trage, aber derselbe solle wenigstens im Auslände den Gedanken erwecken, daß er auch Kürassierstiefel tragen könne. - Staatssekretär Freiherr von R i ch t h o f e n bemerkt dem Vorredner, nach dem Vertrage der Diskonto-Gesellschaft mit Venezuela über die große Eisenbahn-Gesellschaft daselbst habe die Diskonto- Gesellschaft wohlbegründete Ansprüche an Venezuela gehabt. ' Das Geschäft sei für diese Gesellschaft garnicht einmal ein besonders glänzendes gewesen. Venezuela habe sich ja auch tatsächlich zu einer Neuregelung seiner Anleihe-Verhältnisse verpflichtet. — Abg. Gradnauer lSoz.) erörtert nochmals die Liebesdienste, die die deut- sche Polizei Rußland erwiesen und bezeichnet dieselben
Der Preis ist Magdeburg!
Roman von Max Dorning.
(4. Fortsetzung.)
Es war um die Btütagsstnnde eines Tages, als Herrn Friedrich Wilhelm, der schreibend und rechnend in feinem Arbeitszimmer saß. der Besuch des franzosisäien Garde-KapitänS Vicomte Raoul de Charillon gemeldet wurde. Ter genannte Offizier, der allgemein als ein hochbegabter Mann galt, dem eine große Zukunft bevor- stehe, war zur Dienstleistung bei der Kvnunandantur der Festung kommandiert und Herrn Friedrich Wilhelm da- her gesellschaftlich wohlbekannt. Tie Besuche, der französischen Offiziere waren in dem gastlichen Hause nichts Ungewöhnliches, sogar etwas Alltägliches imd Gewohntes. Wer trotzdem hatte Herr Friedrich Wilhelm, als er dem meldenden Diener mit einem „^ehr willkommen!" in das Empfangszimmer folgte, das dunkle Gefühl, daß dieser Besuch diesmal doch etwas Unge- wohnliches bringen werde und irgendwie mit ihm oder seinen Angehörigen in Verbindung stehe.
Und dieses Gefühl sollte ihn nicht täuschen.
Der Vicomte, eine vornehme, weltmännische Erscheinung von tadelloser sympathischer Haltung, mit geistvollen und energischen Zügen, war in großer Uniform und trat Herrn Friedrich Wilhelm, als dieser, das Empfangszimmer betrat, mit tiefer, ehrerbietiger Ver Neigung entgegen. „ r r
„Ich bitte um Verzeihung. Herr Fahrenbach . begann er mit wohllautender, klangvoller Stimme, „wenn ich zu ungelegener Stunde käme —"
„Ganz und gar nicht, mein Herr Vicomte! Sw wissen, daß mein Haus den Offizieren des Kaisers alle • Zeit offen steht!"
Der Vicomte verbeugte sich.
„Mein Besuch ist kein gewöhnlicher diesmal, Herr Fahrenbach!" .
„Es würde mich nur freuen, mein Herr Vicomte, wenn ich Ihnen in ungewöhnlicher Angelegenheit irgend wie zur Verfügung stehen könnte!"
Ter Offizier verneigte sich aufs neue.,
„Ich habe gestern abend", fuhr er fort, „die Mit- teiluiig erhalten, daß der Kaiser mich in allernachster Zeit zur Armee befehlen iverde. die gegen Österreich marschiert. So sehr ich mich freue, damit aus dem öden Einerlei des Festungsdienstes herauszukommeu, so schmerzlich ist es mir doch, einen Ort verlassen zu nnissen, der mich mehr hat finden lassen, als irgend ein anderer, und an dem ich deshalb mit besonderem Vergnügen verweilt habe. Ta mein Abberufungsbefehl jeden Tag ein- tressen, vielleicht allerdings auch noch mehrere Wochen lang ausbleiben kann, so habe ich das Bedürfnis. snr alle Fälle eine Angelegenheit in Ordnung zu, bringen, die mir vor allen anderen überaus am Herzen liegt. Das ist der Grund, weshalb ich die Ehre habe, zu dieser Stunde vor Ihnen zu stehen. Herr Fahrenbach!"
Er schwieg.
„Sie wissen", entgegnete Herr Friedrich Wilhelm, „daß ich, wo immer ich kann, zu Ihren Diensten stehe, Herr Vicomte!"
Dabei sah er seinen Besucher erwartungsvoll an. Er war zu sehr Menschenkenner. um nicht schon nach den ersten Worten gemerkt zu haben, daß es etwas besonderes sein müsse, was hier zur Sprache kommen würde. Die kühle Ruhe, mit der er soirst einem Besucher gegenüberzustehen Pflegte, fing an, einein lebhaften Interesse Platz
zu machen. . v,
„Es handelt sich um Ihr Fräulein Nichte, Herr Fahrenbach!" nahm der Vicomte wieder das Wort.
„Um meine Nichte?" fragte Herr Friedrich Wilhelm erstaunt. Das allerdings hatte er nicht erwartet. „Ich verstehe nicht ganz. Herr Viconite --"
„Ich werde ausführlicher sein, mein Herr! Seit dem ersten Tage, an dem ich die Ehre hatte. Fräulein Gertrud kennen zu lernen, habe ich mich immer mehr und mehr zu der liebenswürdigen jungen Dame hingezogen gefühlt. Ich habe mich ernst und gewissenhaft geprüft, ich bin eindringlich mit mir selbst zu Rate gegangen, ich habe bei meinen Erwägungm nichts mißer Acht gelassen, weder die Verschiedenheit der Nationen., der wir angehören. noch die Verschiedenheit der Religionen — und ich
bin zu der Überzeugung gekommen, daß es sich bei mir um eine tiefe, unauslöschliche Neigung, handelt, die mrr die sichere Gewähr bietet, daß eine Verbindung nnt Fräulein Gertrud das Glück meines Lebens sein wurde."
Herr Friedrich Wilhelm war aufs Höchste überrascht. Aber er blieb äußerlich ruhig und kühl wie immer.
„Ich weiß nicht. Herr Vicomte", antwortete er. „ob , ie mit meiner Nichte über diese Frage bereits ge- sprachen haben?"
Der Vicomte schüttelte das Haupt.
„Nein, Herr Fahrenbach! Es ist die Sitte memes Landes, daß der Werbende seinen Antrag zunächst Bei den Eltern oder deren Stellvertreterir anbringt —"
„Ich weiß, ich weiß! Bei uns will's die Sitte anders: die Eltern pflegen bei solchen Dingen zu allerletzt gefragt zu werden, und diese Frage ist dann immer eine Art notwendiges übel, das man möglichst vorsichtig anzufassen sucht. Nun ivohl. Herr Vicomte, auf Ihren offenen Antrag eine offene Antwort! Ihr Antrag ehrt mich sehr: Sie sind ein reichbegabter Mann, dem eine schöne Zukunft offen steht — Sie sind mehr als das. Sie sind ein Ehrenmann, dem jeder Vater ohne Bedenken jein Kind anvertrauen darf, und Sie sind endlich, auch das fällt ins Geivicht, aus einer alten, vornehmen Familie, mit der in verwandtschaftliche Beziehungen zu treten jedermann nur schmeichelhaft sein kann. Wenn ich also trotz alledem zu Ihrem Antrag nicht Ja sage, so bitte ich überzeugt zu sein, daß meine Gründe nicht in Ihrer Person liegen!" , .
Charillon verneigte sich. Auf seinen Wangen war eine leichte Röte erschienen , ... ...
„Ich habe", fuhr Herr Friedrich Wilhelm fort, „über die Frage einer Ehe mit meiner Nichte noch nie ge- svrochen Mein und ihrer verstorbeuen Eltern Herzens, wünsch, der ihr bekannt ist. war und ist es noch heute, sie möchte die Gattin meines Sohnes werden. Irgend eine bestimmte Entscheidung aber haben die beiden meines Wissens noch nicht getroffen; es ist sehr wohl möglich daß sie beide, die seit frühester Kindheit niitelnande« ausgewachsen sind, ihre gegenseitige Neigung als eme rein aeschwisterliche betrachten. Ich für mein Teil aber ent-
