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Morgen-Veilage der Wiesbadener Tagblatts. >- » >

Nr. 193. _ Sreitag, 20. Nugust. _ 1915.

(4. Fortsetzung.)

f r Dd$ TtlNEcheN." «Nachdruck verboten.»

Erzählung von Horst Bodemrr.

Heini Klevenich wurde doch recht unruhig auf seiner ,/Senla". Seine Blicke ließ er über das Land schweifen. Durch die junge Saat trieb der Rammler die Häsin, dort drüben am Waldrand wurden Kartoffeln gelegt. Die Bircheu standen noch graublau mit dicken Blatt­knospen und hier und da war ein Ast, der besonders der Sonne ausgesetzt war, schon mit jungem Grün ge­schmückt. Der Frühling hat's in Ostpreußen nicht so eilig, am Rhein waren jetzt die Apfelbäume schon am Verblühen. Ein schwüles Zittern lag in der Lust, kam in der Nacht ein warmer Regen, dann sprangen die Blatt- und Blütenknospen. Beim Menschen tat es das erlösende Wort . . . Ein Radfahrer kam ihm entgegen, als er näher heran war. legte sich Heini Klevenichs Stirn in Falten. Den Mann, der da aus dem Stahlroß saß, sah man nicht gern, wenigstens nicht in seinen vier Wänden. Es war der Gerichtsvollzieher. Mit dem hatte er vorigen Herbst, als er aus dem Manöver gekommen war, sehr wider Willen, Bekanntschaft geschlossen. Der Moritz Spieß in Königsberg hatte ihn mit einem Pferd­chen reingelsgt und er hatte sich geweigert, den Rest­betrag zu begleichen. Da hatte er, ins Manöver nach- geschickt, einen Wisch bekommen, auf dem stand „Zahlungsbefehl". Was hatte ihm der Moritz Spieß zu befehlen? Gelacht hatte er drüber! Und zwei Stunden nach dem Einrücken war der Gerichtsvoll­zieher erschienen uni) verlangte Bezahlung, „widrigen­falls Pfändung erfolgt". Da hatte er, nachdem er eine eingehende Belehrung entgegengenammen, seufzend nach seinem Scheckbüchlein gegriffen. Mit Moritz Spieß aber machte das ganze Offizierkorps der „Duster­kosaken" keine Geschäfte mehr. Trotzdem er immer wie­der an die Herren schrieb, daß er das Beste vom Besten Au kulanten Bedingungen in feinem Königsbevger Stall stehen habe . . . Der Gerichtsvollzieher Wachs- muth radelte ganz langsam, als er herankam, zog er den Hut, sagte „Guten Tag, Herr Leutnant" und sah ihn geradezu bedauernd an. Und dann trat er in die Pe­dale, als säße ihm der Teufel im Genick. . . Heini Klevenich mochte große Augen.

Ja, was siel denn dem Manne ein? Er war doch keinem Menschen etwas schuldig. Ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn. Ach, das war ja Unsinn! Er zog die Uhr. Es wollte aber auch gar nicht sechs werden und er war keine 2 Kilometer mehr von Laupischkeim ent­fernt. Der Wald rechts und links vom Wege gehörte Herrn Böhmer. Er war ein bißchen reichlich durch- geforftet worden vorigen Winter. Mancher Stamm, der noch hätte stehen bleiben können, war zu Geld ge­macht worden. Mein Gott, jeder half sich so gut er konnte, wenn der Anblick auch traurig stimmte, beson­ders wohl den, dem der Wald gehörte. Schars hielt Heini Klevenich die Senta am Zügel, sie kannte diesen Weg und wollte sich nach den faulen Tagen einmal wieder ordentlich strecken. Sonst halte ihr Herr doch immer nicht schnell genug nach dem langgestreckten, mit Den umsponnenen lchmbraunen Haus kommen kön­

nen. Und dann spitzte sie mit einem Male die Ohren. Hufschlag erklang von ferne. Scharfer Trab. Ihr Herr mußte den auch gehört haben, denn er neigte sich vor, der Sattel knarrte. Und dann staunte Heini Klevenich schon wieder. Auf seiner breiten Liese, wahr­haftig kein Staatsgaul, kam der Rittergutsbesitzer Böhmer ihm entgegengeritten mit feuerrotem Kopse, sein langer, blonder, von grauen Fäden durchwirkter Vollbart wehte im Winde. Einen Augenblick setzte dom jungen Offizier der Herzschlag aus. Sollte man ihm die mit Bleistift beschriebene Postkarte übel genommen haben? Er hatte darauf seinen Gefühlen durchaus keinen Zwang auferlegt. In diesem Augenblick begriff er es nicht, wie er das hatte tun können ... Da war Herr Böhmer schon,'zog die weiße Schirmmütze.

„Guten Tag, Herr Leutnant! Eigentlich wollte ich Ihnen ein bißchen weiter entgegenrciten. Drehen Sie mit um, denn Laupischkeim wird Sie heute und die nächste Zeit schauerlich sehen!"

Also doch! Und ein fuchsteufelswildes Gesicht machte Herr Böhmer. Er wollte etwas sagen, aber vor lauter Verwirrung blieben ihm die Worte im Munde stecken. Daß man wegen der Postkarte so starkes Geschütz ausfahren würde, hatte er im Traume nicht gedacht. Und während er nach einer Entschuldigung suchte, sagte Herr Böhmer:

„Es war ein Fehler von mir, daß ich Ihnen nicht schon früher reinen Wein eingeschcnkt habe. Wer der Mensch hofft! Und ich bin über manches Hindernis grade noch hinweggekommen! Aber dieses Mal lieg' ich auf der Nase! Verstehen Sie das?"

In der ersten halben Min ^e verstand es Heini Klevenich nicht. Aber dann begriff er. Also an der Postkarte lag es nicht, sondern an dem elenden Mam­mon. Da lachte er sich seine Beklemmung vom Herzen.

„Was Sie mir anscheinend mitzuteilen godenkcn, Herr Böhmer, davon Hab' ich, glaube ich, einen Schimmer! . . . Aber . .

„Sehr richtig, — Schirumer", unterbrach ihn Herr Böhmer. • „Wie die Dinge liegen, muß ich Ihnen aber die volle Wahrheit sagen. Geheimnis wird sie so wie so nicht lange mehr bleiben! Also ich muß runter von Haus und Hof!"

Die Senta inachte einen Satz, weil Heini Klevenicy zusammengezuckt war und sie dabei nrit den Sporen gekitzelt hatte.

- „Herr Böhurer!"

Der knirschte mit den Zähnen, krebsrot wurde sei» Gesicht.

„Ja, ja! Da schindet man sich rum, an die vierund­zwanzig Jahre auf Lampischkeinr und so sieht dann das Ende aus! Hab' ich je den Leuten Sand in die Augen gestreut? Nie, sage ich Ihnen! Wer zu mir kam, herz­lich willkommen, was der Haushalt hcrgibt, steht auf dem Tisch und 'n saurer Mosel und Königsberger helleS Bier! Und die Herren sind trotzdem gern zu mir ge­kommen, vielleicht gerade deshalb. Weil da nicht Frack