I. Beilage mm Wiesdahem'r Tagdlatt.
Uo. Morgen-Ausgabe. Freitag, den SV. Mär;.
61. Jahrgang. 1903.
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2 ES bleibt noch eine grohe Entdeckung in der Literatur * zn^machen, jiämlkt) ^Schriftsteller nach der Quantität zu de- ^
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(7. Fortsetzung.)
Der Maltheser.
Roman von O. v. Kis-Killay.
Wieder fühlte Käthe, wie die Vduttor zusammenzuckte.
„Nicht wahr, der Vater liebte dich nnd du hast ihn auch geliebt?"
«Ach, Kind, was fragst du darnach", kam es jetzt leise von den Lippen der Angeredeten. Es ist so lange, lange her . . . mehr als einundzwanzig Jahre . . ."
„Ich weiß, daß der Vater sehr in dich verliebt war", keharrte Küche. „Aber du? Hattest du chn auch schr gern?"
„Er war ein schöirer, großer Mann", sprach Frau Gordan wie träumend.
„Nicht wahr, der Vater wurde gleich nach der Hochzeit nach Rostow versetzt?"
„Ja, und es war eine lange endlose Fahrt. Damals gab es noch nicht so viel Eisenbahnen wie jetzt. Eine schreckliche Reise, und doch sagen die Leute, sie sei schön."
„Dir warst aber doch glücklich damals?"
„Ich hatte Heimweh, Heimweh nach den Meiuigen, nach meinem frommen, friedlichen Elternhause . . . Und ich fürchtete mich vor seiner Leidenschaft . . ."
„War er nicht gut, nicht liebevoll mit dir?"
. „Ich fürchtete mich vor seiner Liebe."
„Kam es schon damals zum Konflikt zwischen euch?"
„Noch nicht gleich, denn ich fürchtete mich. Er der- wngte blinden Gehorsam, und ich wagte nicht zu widersprechen. Ich mußte mit seinen Augen sehen, mit seinen Ohren hören ..."
Frau Gordan hatte eintönig wie ein Automat vor sich hingesprochen, während ihre Hände mechanisch Käthens Scheitel streichelten. Bei den letzten Worten kam ein gehässiger Klang in ihre Stimme und die trüben Augen blitzten auf.
„Der Zwiespalt kam aber bald."
„Erzähle, Mrrtter."
„Ja, siehst du, Käthe, so lange er mir nur mein äußeres Tun und Lassen vorschrieb — ich mußte mich ja fügen. „Er soll dein Herr sein", war mir am Traualtar gesagt worden.. Er streckte aber seine Hand auch nach meiner Seele auS . . . das ertrug ich nicht . . . Mein ganzes Innere empörte sich gegen ihn. Ich wagte aber nicht zu widersprechen, und ich suchte ihn zu hintergehcn. Der erste Streit war wegen meiner Mutter. Ich war krank vor Sehnsucht nach ihr und schrieb ihr fast alle Tage. Er verbot es mir, denn er wollte mein alleiniger Gott sein. Er nannte es Sentimentalität und sagte ein Brief in der Woche sei genug. Da tat ich es denn heimlich und stahl mir bei ihm die Briefmarken. Wir führten eine Doppelkorrespondenz, Mutter und ich. Eine offizielle und eine, die ich sorgfältig vor ihm verbarg. Er
kam aber dahinter, und da gab es eine Scene ... Er drohte, er würde meinen Verkehr mit der Mutter vollständig abschneiden. Da, Käthe, war es zum erstenmal, daß — doch genug davon. Ich schwieg und habe immer geschwiegen."
„Du hättest es aber nicht tun sollen, Mutter", sagte Küche tiefatnreud, „offen und ehrlich hättest du ihm ent- gegentretn müssen, — das war dein Recht."
Frau Gordan schüttelte langsam dm Kopf.
„Die Fraum habm keine Rechte, mein Kind. Selbst die Religion schützt sie nicht vor dein Mann. „Er soll dein Herr sein", sagte die Schrift. Übrigens wenn ich in seine Nähe kani, hatte ich ein Gefühl —■_ du weißt, man sagt, kleinere Tiere wiirdm von dem Blick der Schlange fasziniert. So war es auch mit mir. Und doch bin ich ihnr einmal entgegengetreten, eigentlich ohne Absicht, - das hat er mir nie verziehen. Ich will es dir erzählen. Du weißt, als llntersuchungsrichter mußte er oft weit aufs Land hinausfahren. Da nahm er »sich_ jedesmal mit. Es war mir schrecklich. Das Übernachten in den dumpfen Bauernstubm, der Anblick des Jammers — alles dieses machte mich krank. — Ich sehe eS noch heute ... . Es war an einem Herbstnachmittage und der Wind blies kalt. Wir hatten über den Fluß zu setzen, an dieser Stelle ist er sehr breit . . . Währmd der Vater mit dem Bootsmann u:sterhandelte, trat ein junger Gutsbesitzer, Herr Jwanoff, hinzu. Wir hattm ihn ein paarmal in Gesellschaft getroffen. Ein ehemaliger Seeoffizier. Er mußte ebenfalls hinüber, und die Herrm beschlossen, die Fahrt zusammen zu machen. Plötzlich erklärte der Vater, er wolle die Segel aufgehißt habm, um schneller drüben zu sein, dagegen protestierte Herr Jwanoff, er meinte, wir würdm bei dem Winde in den Grund segeln. Da der Vater auf seiner Meinung bestand , wandte sich Herr Jwanoff an mich und sagte, ich hätte zu entscheiden, er übemähme die Verantwortung nicht, lind da,. Käthe, — stimmte ich Herrn Jwanoff bei. Du weißt, wie ängstlich ich dein: Segeln bin. Ich hatte auch währmd der ganzen Unterredung wie im Fieber gezittert. Der Vater sagte nichts, — er schwieg auch während der ganzen Fahrt. Mich fröstelte, und nicht nur, weil der Wind mir so kalt um die Ohren pfiff. Und Herr Jwanoff — bei jedem unerwarteten Windstoß fragte er dm Vater, ob er noch bei seiner Meinung beharre. Am anderen Ufer trennten wir uns, und da 'brach es los. Er stand vor mir mit rollenden Augm und geballtm Fäusten ... Ich hätte Partei für einm fremden Mann gmommm, ich hätte ihn beschimpft . . . Was er noch sagte, weiß ich nicht mehr, — ich weiß nur, daß es mir leid tat, nicht tot auf den Wellm zu treiben. Dann hätte die Not ein Ende gehabt. Ter Bootsmann hatte die ganze Seme mit angesehen. Plötzlich sagte er: „Eh, Barin, mach' nicht so viele Worte. Eine gute Tracht Prügel, — daS verstehen die Weiber am besten." Da erst kam der Vater zu sich." — Sie schloß mit einem zittemdm Seufzer.
„Wurde es nicht wieder gut zwischen euch?" — fragte Käthe, welcher während der Erzählung eine schwere Träne nach der anderen über die Wangm gerollt war«
„O ja, leidlich, er wurde wieder gut, — aber der Riß war da. Bald darauf kam aber auch mein Unfall ... Du weißt, als ich mir das Nasenbein brach. Das > war der eigentliche Anfang, — seinerseits."
„Das war der Anfang?" — wiederholte Käthe, er- wartungsvoll aufblickend.
„Ja, denn darnach wurde ich häßlich. Glaube mir, Käthe, nur für die hübsche Frau lohnt es sich zu leben. Als du geboren wurdest, weinte ich bittere Tranen Mitleids. Dann aber, als du dich so reizmd entwickeltest, tröstete ich mich. — Wo blieb ich denn stehen? Ja, der meinem Unfall. Es war mitten im Winter. Ich hatte wieder einmal den Vater aufs Land begleiten Flüssen. Tie Pferde wurdm wild und gingen durch. Der Schlrttm schlug um und ich fiel mit dem Gesicht auf eine scharfe Eiskante . Und da lag ich blutend ain Boden, wahrend er, statt mir beizustehen, den Kutscher durchprügelte.. Ich wurde ins nächste Torf geschafft und dort blieb ich einige Tage liegen. Ein Arzt war nicht zu haben. Ais ich endlich Hülfe erhielt, war es zu spät. Die Nase blieb verunstaltet. Seitdem betrachtete mich der Vater nur nnt Widerwillen. Das machte mich scheu und ich zog mich von ihn: zurück. Und du weißt,_ wenn man sich von berden Seiten auch nur einen Schritt zurückzieht, so liegt bald eine ganze Welt dazwischen ... Es wurde schlimmer nnt den Jahren. Ich verlor Glauben und Vertrauen,
UNd ..." „
Käthe war auf die Füße gesprungen. Tiefste Empörung färbte ihre Wangen rot.
„Es ist doch gut, Mutter, daß ich weiß, worauf ich mich gefaßt zu machen habe! Auch ich kann mir das Nasenbein brechen, auch ich kann häßlich werden, — irden- falls bleibe ich nicht ewig jung . Ich glaube aber, dag ich mich dann anders stellen werde als du, Mutter. 'Lage mir", — sie warf sich neben ihr auf das Sofa nieder, „habt ihr denn nie an eine Trennung gedacht?" —
Frau Gordan blickte die Sprecherin groß an.
„Er hat es nicht verlangt, Übrigens", fügte sie in Überguellender Bitterkeit hinzu, „sein Vergnügen rst ms durch mich gestört worden. Er hat alles, was er braucht
. Und dann die Gütergemeinschaft und unser Kind . ."
„Aber du selbst, Mutter", fuhr Käthe dringend fort, „warum bist du denn geblieben, da ihr beide so unglücklich wart?" •— _ . .
Frau Gordan znpfte nervös an den Franien der
Tischdecke.
„Warum? Ja, siehst du, Käthe, ich stamme aus einer Zeit, wo mau nicht so leichtfertig über die Ehe dachte, wo man sie heilig hielt . . ."
Käthe schlug die Hände zusammen.
„Das nennst du die Ehe heilig halten, wenn zwei Menschen sich jeder: Augenblick ihr Dasein verbitten:? O Gott, welche Begriffsverwirrung! Und ihr opferst du dein Leben, deine Menschenwürde! Höre aber, Mutter", sie umschlang sie leidenschafllich. „jetzt ist die Zeit ge- kommen, — mache dich frei und greb ihn fre:! Komm! mit nach Deutschland, und wenn du nicht bei mir leben willst, so richtest du dich selbständig ein. Ich kenne den Vater, er wird dich anständig versorgen. Du stehst noch in der .Kraft deiner Jahre, du könntest noch ein neue» Leben beginnen, wenigstens Ruhe und Frieden finden!"
Frau Gordan stieß die Tochter fast heftig von sich« Ihre Augen nahmen einen irren Ausdruck an.
(Fortsetzung folgt.)
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t der Damen
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