Einzelbild herunterladen
 

51 . Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

19,000 Abonnenten.

Anzeigen-PreiS r

Die einspaltige Pctitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Altzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden SO Pfg., für auswärts 1 Mk.

Anzeige«-Annahme

für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittag«, für die Morgen-Ausgabe bi« nächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit

3 Uhr nachmittags. Sorge getragen.

— Für die Aufnahme später eingercichter Anzeigen zur

Pp. 134. verlags.Fernsprecher N». 2888.

Abend-Ausgabe.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 19. März.

Am BnnbesratStifchc: Reichskanzler Graf Bülow, fac Staatssekretäre v. Richthofen und Tirpitz. Tages- vrdimng: Etat des auswärtigen Amtes. — Abg. von Bertling (Zentr.) fragt den Reichskanzler über den Erfolg der Aktion in Venezuela. Der Reichskanzler möge doch noch einmal erklären, worauf es denn Deutsch­land in Venezuela angekommen sei, und was Deutschland dort erreicht habe. Redner fragt weiter, wie es mit dem Dreibund sei. Die Äußerung des Kanzlers, der Drei­bund sei für Deutschland keine Notwendigkeit, habe in !j>cr ausländischen Presse einen gewaltigen Nachhall ge­sunden, namentlich in der italienischen. Ans der Äuße­rung des französischen Ministers Delcassck gehe hervor, als ob Italien vielleicht nicht mehr so genötigt sei, mit Deutschland Seite an Seite zu gehen. Auch hierüber erbitte er Auskunft vom Kanzler. Ferner bringt Redner die macedonischc Frage zur Sprache. Wie verhalte sich die deutsche Regierung zu den dortigen Vorgängen? — Reichskanzler Graf Bülow erwidert: In der Vene­zuela-Angelegenheit habe es sich nicht um territoriale Machterweiterungsgelüste gehandelt, auch nicht um Gloriolen, sondern nur um die Abwickelung eines durch die Unzuverlässigkeit des Schuldners schwierig gewor­denen Geschäfts mit außergewöhnlichen Mitteln, und auch darum, die deutsche Ehre zir wahren. Deutschland habe sich dort in einer Zwangslage befunden. Der Reichskanzler geht alsdann auf die Hetzereien der aus­ländischen Presse ein, die versucht habe, Deutschland mit der englischen und der amerikanischen Regierung zu ver­hetzen. Am eifrigsten sei dabei der New-Aorker „Herold" gewesen. Aber diese Versuche seien gescheitert an der Loyalität der Kabinette in England und Amerika und an der Ehrlichkeit der deutschen Politik. Die venezolanische Regierung habe die deutschen Forderungen als berechtigt anerkannt, die erste Rate bereits geleistet und die Zoll- Einkünfte von La Guayra verpfändet. Die Kosten der Blockade seien gering. Von der Forderung der Erstattung derselben hätten Deutschland, England und Italien aber abgesehen. — Was den Dreibund anlange, so müsse er erklären, daß derselbe erneut worden sei. Der Drei­bund lege den Beteiligten keine anderen Schranken auf, als sie durch die Rücksicht auf Erhaltung des Status quo, das heißt des Friedens, geboten seien. Der Dreibund sei weit entfernt, die Völker in beengende und der Natur der Völker nicht entsprechende Fesseln zwingen zu wollen. Für Deutschland habe der Dreibund unbedingt seinen bisherigen definitiven Charakter behalten. Deutschland halte gegenüber seinen beiden Verbündeten mit deutscher Treue an dem Vertrage fest und es habe anch Bürgschaft dafür, daß in all den beim Abschluß des Dreibundes vor-

Freilag, den 20. März.

gesehenen Fällen auch seine Verbündeten fest und treu zu zu ihm ständen. Auf keinen Fall dürfe das deutsche Drei- bundverhältnis mit Zoll- und handelspolitischen Fragen verquickt werden. (Bravo! rechts.) Der Dreibund und seine Erneuerung sei auch nicht erkauft durch irgend­welche zollpolitischen Zugeständnisse. Was seine vom Ab­geordneten Hasse angeführte Äußerung über den Drei­bund anlange, so habe dieselbe gerade zu der Erneuerung des Dreibundes wesentlich beigetragen. Der Dreibund sei unverändert geblieben und bcbaltc dasselbe inter­nationale Schwergewicht, das er bisher besessen habe. Deutschland sei gewiß stark genug, um sich allen Angriffen erwehren zu können, Deutschland müsse aber auch stark erhalten werden. Wenn Herr Delcassck erklärt habe, der Dreibund zwinge Italien nicht, sich an einem Angriffe gegen Frankreich zu beteiligen, so habe Herr Deleasss jedenfalls damit nur sagen wollen, daß der Dreibund einen defensiven Charakter trage und daß sich von ihm niemand eines Angriffes zu versehen habe. Der Herr Vorredner habe auch vom Orient gesprochen. Die deut­sche Regierung strebe in Konstantinopel keinen Einfluß an, namentlich keinen ausschließlichen Einfluß. Das sei und bleibe für den Reichskanzler ein fundamentaler Grundsatz deutscher Politik, daß die deutsche Regierung im Orient keine aktive Politik treibe und für niemanden die Kastanien aus dem Feuer hole. — Bezüglich Macc- doniens stehe Deutschland jeder Maßnahme sympathisch gegenüber, welche dort eine Besserung der Verhältnisse anstreben, ohne den Besitzstand der europäischen Türkei zu gefährden. Die Zustände in Macedonien seien zweifel­los verbesserungsbedürftig, aber auch verbesserungsfühig. Deutschland sympathisiere ausrichtig mit dem Bestreben, Ruhe, Ordnung und Sicherheit herzustelle», wie das Rußland und Österreich-Ungarn in die Hand genommen hätten. Deutschland halte fest an seiner bewährten Politik im Orient, Deutschland habe dort keine direkten Inter­essen und seine Mitwirkung werde niemals fehlen, ivo cs sich um die Erhaltung des allgemeinen Friedens handle. (Bravo.) — Abg. Hasse (nat.-lib.) richtet hef­tige Angriffe gegen den deutschen Gesandten in Washing­ton, Speck von Sternburg. Er macht ihm den Vorwurf, die deutschen Interessen nicht genügend zu wahren. Die Hälfte seines Gehaltes sollten eigentlich die Vereinigten Staaten übernehmen. Ein Gefühl der Beschämung müsse den Deutschen ergreifen ob eines solchen Tiesstandes deutschen Bewußtseins. Redner verbreitet sich dann ein­gehend über die Bekämpfung des Deutschtums in Ungarn und bezeichnet es als nötig, dem magyarischen Größen­wahn einmal auf die Finger zu klopfen. — Abg. O e r t e l (kvns.) meint, der Dreibund sei für Deutschland weit weniger wichtig als für Österreich und Italien, und das­selbe gelte auch hinsichtlich der Handelsverträge. Aus Venezuela sei Deutschland so leidlich hervorgegangen. Mit Liebenswürdigkeiten sollte Deutschland zurückhalten­der zu sein sich gewöhnen. Das gelte nicht nur gegenüber England, sondern auch gegenüber Amerika. Redner übt dann noch scharfe Kritik an Frhrn. Speck v. Sternburg. — Reichskanzler Graf B ü l o w erwidert dem Abg. Hasse:

Redaktions-Fernsprecher No. 82. 1003»

Wenn dieser von Venezuela noch eine besondere Sühne verlange, so wolle er wohl damit sagen, daß er, der Reichskanzler, vom Präsidenten Castro fordern solle, die­ser solle nach Deutschland einen Sühne-Prinzen schicken. (Heiterkeit.) Aber er, Graf Bülow, müsse offen gestehen, daß er au dem einen chinesischen Sühne-Prinzen genug habe. (Stürmische Heiterkeit.) Deutschland habe in Venezuela erreicht, was zu erreichen gewesen sei. Mehr anzustreben, würde ein Fehler gewesen sein. Der Reichs­kanzler nimmt sodann den Bevollmächtigten Speck von Sternburg in Washington gegen die Angriffe des Abg. Hasse in Schutz. Derselbe habe die ihm zugeschriebeucn Äußerungen nicht getan. Sternburg sei offenbar von den amerikanischen Journalisten mißverstanden worden. Lebhaft zu bedauern seien die Äußerungen, die Abg. Hasse gegenüber Ungarn gemacht habe. In die inneren Ver­hältnisse eines anderen Staates sich einzumischen, habe die deutsche Regierung weder ein Recht, noch ein Inter­esse, und sie werde und könne niemals intervenieren zu Gunsten fremder Untertanen deutscher Abstammung. Wie Fürst Bismarck die deutschen Beziehungen zu Ungarn jederzeit behandelt habe, so sei es noch heute richtig. Im Jahre 1883 habe Bismarck zum Ausdruck gebracht, daß Deutschland sich in innere Angelegenheiten Ungarns keinesfalls einzumischen gewillt sei, und im Jahre 1873, wo es sich um einen Erlaß an den General v. Schweinitz in Petersburg gehandelt habe, welcher von dem Mißtrauen Andrassys Meldung machte, als werde noch die Zeit kommen, wo Deutschland seine Machtstellung auf die Deutschen in Österreich-Ungarn anszudehnen ge­denke, habe Bismarck geantwortet, Deutschland denke nicht daran, ein Schntzrecht zu beanspruchen über die siebenbürgischen Dentschen, und cs habe auch kein Ver­langen nach einem Schutzrecht über die Deutschen in den russischen Ostsee-Provinzen. Mit diesem Beispiel sei nun wohl dem Abg. Hasse der Unterschied klar gemacht worden zwischen Phantasie und Wirklichkeit, zwischen Gefühls- Politik und Real-Politik, an welch letzterer die deutsche Regierung sesthaltc. (Beifall.) — Abg. Gradnauer (Soz.) kritisiert das Vorgehen Deutschlands in Vene­zuela als zu schneidig. Weiter beleuchtet er den Fall der Frau Kugel, die man in Rußland monatelang ohne jeden Grund festgehalten und ins Gefängnis gesteckt habe, und schließlich verbreitet er sich über Auslieferungen an Ruß­land. — Staatssekretär Freiherr v. Richthofen er­widert, für die letzteren sei das Abgeordnetenhaus zu­ständig und nicht der Reichstag. (Lachen links.) Was den Fall Kalajew anlange, so seien bei diesem Manne Schrif­ten verdächtigen Inhalts gefunden worden, ja sogar direkt aufrührerischen Inhalts. Deshalb sei Kalajew ausgewiesen worden. Im übrigen habe die russische Regierung die deutsche ersucht, das Treiben der russischen Anarchisten in Deutschland zu überwachen. Diesem An­suchen sei gefolgt worden. (Ruf: Na also!) Gegen die Anarchisten hätten doch alle Regierungen ein gemeinsames Interesse. Der Staatssekretär legt noch dar, daß in den

Der Preis ist Magdeburg!

Roman von Max Dorning.

(3. Fortsetzung.)

Der andere lächelte, das feine, überlegene Lächeln des Menschenkenners.

„Hm," sagte er, „ich müßte ein Stümper sein inj meiner Kunst, Menschen zu beobachten und zu beurteilen, wenn ich nicht wissen sollte, daß bei einem jungen Mann, dem Sohn eines der reichsten Kaufherren unserer ver- loreneir Stadt Magdeburg, und einem glühenden Patrioten, nicht alles in Ordnung ist, wenn dieser mutter­seelenallein auf der Landstraße zu Fuß nach Berlin will und ganz erschrocken zusammenfährt, als er sich plötzlich bon — einem Schweinetreiber erkannt sieht! Ein solcher geht seinen ganz besonderen Plänen und Absichten nach, lieber Genosse von der Landstraße!"

Errist reichte dem Sprecher die Hand.

„Ihr habt recht!" gab er zur Antwort. „Ich habe Wider den Willen meines Vaters meine Heimat verlassen, um in der österreichischen Armee gegen Napoleon zu fechten!"

Mt wenigen Worten erzählte Ernst seinen Abschied aus dem Vaterhause. Hellauf leuchtete es da in den Augen Schenks.

„Seht Ihr, daß ich meinen Mann richtig erkannt habe! Aber wozu wollt Ihr nach Österreich, um gegen die Unterdrücker zu känrpsen? Nicht dort am Strande der Donau, nicht auf der Hochebene Mährens, sondern hier, hier in diesen sandigen Heiden, hier in den dunklen Kiefernforsten, an den User» der stillen, träumerischen Seen — mit einem Wort: hier auf unserem geliebten heimatlichen Boden, hier wird sich Preußen seine Frei­heit erkämpfen! Ich trau' denen nicht an der Donau da unten: 's ist ein wetterwendisch Volk in der Hofburg und ihre Versprechungen wiegen nicht schwer. Wir selbst müssen handeln, mein Freund, und jetzt ist der Augen­blick gekommen, wo Napoleon mit seinen besten Armeen durch Österreichs Erhebung sich gefesselt sieht!"

„Aber was wollen wir tun? Der König will nicht vorwärts mit seinem Volke —"

„Wohl, so wird das Volk ohne den König selbständig losbrechen!"

Fast erschrocken trat Ernst einen Schritt zurück.

„Wie? Ihr wolltet —"

„Den Aufruhr von Ort zu Ort, von Hütte zir Hütte, von Kirche zu Kirche tragen, das Landvolk bewaffnen mit Knüppeln und Dreschflegeln, wenn keine Gewehre da sind, in die Herzen aller Schwachmütigen die große Lehre vom Vaterland senken, und dann, lvenn der Augenblick gekommen, wenn von allen unseren Hügeln und Kirch- türmeir die Feuersignale denr Lande sagen: Jetzt ist's

Zeit? — dann auf den Feind losbrechen wie ein Welter­strahl! Und wenn der König dann noch unentschlossen ist,.so wird er auch wider seinen Willen mit fortgerissen werden: er wird, er soll nicht anders können, als sich an die Spitze der Erhebung stellen! Seht, darum schleiche ich als Viehhändler durch das Land, suche die Guten und Tapferen in Schloß und Hütte Zusammen und bereite sie vor auf den großen. Tag unserer Ernte! Und glaubt mir, es ist nicht leicht, in die träge Seite dieses zähen, lang­samen Volkes den Feuerbrand zu werfen; es kostet un­endliche Mühe, unendliche Sorgen und — unendliche Vorsicht, wenn man nicht den allerorts lauernden Spionen in die Hände fallen will!"

„Noch versteh' ich Euch nicht ganz!" entgegnete Ernst staunend. „In einem solchen Aufstande, chic Ihr ihir vorbereitet, muß Ordnung und Ziel — es muß auch eine Seele da sein —"

Schenk nickte.

„Ihr habt Recht!" gab er zurück. „Aber dort kommen uns Leute entgegen! Ich muß in meinem Amte sein!"

Er knallte hinter seinen Vierfüßlern lustig mit der Peitsche:

„Ho, hü, ho hü!" rief er dabei und brachte die kleine quiekende und schnaubende Schar in Ordnung. „Guten Tag, Leute!" rief er dann den Entgegenkommenden zu. „Wer kauft Schweine? Schöne, hübsche, junge Tiere! Billig sind sie, billig!"

Die Landlerite schüttelten den Kopf.

„Kein Geld zum Kauf!" antworteten sie.

„Die Franzosen schltchpen alles aus dem Lande!"

„Hol der Teufel die Franzosen!" wetterte Schenk, „daß sie einem ehrlichen Mann das Geschäft verderben!"

„Ja, hol sie alle der Teufel!" knirschte einer der Land­leute im Weitergehen.

Schenk warf ihnen einen Blick nach.

„Seht Ihr", fuhr er dann zu Fahrenbach gewendet fort, „da habt Ihr selbst gehört, wie es im Volke grollt und tobt! Werste nur einer den Funken ins Pulverfaß — für das Ausstiegen ist mir nicht bange! Und der Funke wird geworfen werden! Hört mich weiter! Ihr fragtet vorhin nach der Seele unseres Unternehmens. Es ist der Oberst v. Kalte!"

„Kalte?"

„Ja! Eine Schar fester entschlossener Gesellen sucht er zunächst. Mit dieser tvill er im kühnen Handstreich Magdeburg nehmen, um diese starke Festung zum Mittel- Punkt und zur Stütze für die weiteren Unternehmungen zu machen!"

In Fahrenbachs Augen flammte ein heller Blitz der Begeisterung auf.

„Magdeburg! Meine Vaterstadt!" ries er. „Ist das sicher?"

„Ganz gewiß! Es gilt Magdeburg! Haben wir die Festung, so wird der ganze Norden sich erheben und sich um uns scharen!"

Entschlossen reichte Fahrenbach dem Sprecher die Hand.

„Meiner Vaterstadt gilt's!" sagte er. „Wie könnte ich mich da weigern! Ich gehe nicht nach Österreich — ich bin der Eure!"

Kräfüg schlug Schenk in die dargebotene Rechte ein.

„Ernst Fahrenbach", sprach er in gedämpftem Ton, und feierlich klang seine Stimme, „ich werbe dich zum Kampfe für unseren heimischen Herd! Schwöre mir, treu zu uns zu stehen, die fremde Unterdrückerbrut zu hassen, dein Leben für dein Vaterland einzusetzcn! Das schwöre mir hier in Gottes freier Natur im Angesicht