S1. Jahrgang.
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Jj0. 131» Berlags^ernsprecher No. 225S.
Morgen - Ausgabe.
„IItr König Ijnfs gesagt!"
Budapest, 16. März.
Ein Wort des Königs, das mährend des gestrigen CercteS in der hiesigen Hofburg gefallen ist, macht gegen- wärtig, wenn auch noch nicht in der Presse, so doch in politischen Kreisen die Runde, und aller Wahrscheinlich- teit nach wird dieses Wort des Monarchen in Bälde sowohl in der Presse wie im ungarischen Reichstage ein schc lautes und böses Echo finden. Wie oppositionelle «lbgeordnete berichten, soll der Herrscher gestern wäh- send des Cercles mit den Deputierten eine sehr ungnädige Stimmung gezeigt haben, und als die Rede auf die nunmehr an 60 Tage lang dauernde Obstruktion des ungarischen Parlaments in Sachen der Wehrvorlage kam, sagte der Kaiser-König plötzlich mit ungewöhnlicher Strenge im Tone: „Ich gebe nicht nach! Die Rekrutierungsvorlage muß unter allen Bedingungen so Gesetz werden, wie sie eingereicht wurde!" Peinliche Stille folgte auf diese Erklärung. Auch der König blieb ernst und schweigsam und die Anwesenden entfernten sich pon dem Hofempfange unter dem Eindrücke eines viel- leicht folgenschweren Ereignisses . . . Ja, wir leben jetzt wieder eine seltsame, schwere politische Zeit in Österreich- Ungarn. Über Nacht sozusagen hat das Bild gewechselt l-nd eine verkehrte Welt eröffnete sich unseren Staatenlenkern mit neuen Schwierigkeiten. In Österreich herrscht über allen Wipfeln Ruh'! Als ob es niemals einen Sprachenstreit gegeben hätte, so sittig sitzen die Parteien >m Wiener Parlamente beisammen, und die urplötzlich erstandene Arbeitsfähigkeit des österreichischen Reichsrats erledigt das Rekrutierungsgefetz im Handumdrehen, ebenso wie die erste Lesung des Budgetvoranschlages, und diese Woche sollen auch schon die Ausgleichsvorlagen drankommon und von einer Obstruktion iveit und breit keine Spur! In Ungarn hingegen ist die Obstruktion üppia in die Halme geschossen: die Rekrutenaushebungen mußten vertagt werden, noch stehen für die Generaldebatte der Wehrvorlage fünfundvierzig oppositionelle Redner mit ellenlangen Reden und Beschlußanträgen ohne Zahl in Reserve, und dann erst kommt die Spezialdebatte, bei welcher sich bei jedem Paragraphen dieses „Schauspiel für Götter" erneuern soll. Was soll da werden?! Die Jndeninity der Regierung geht zu Ende und wenn nicht ein „Ex-lex-Zustand h la Banffy" ein- treten soll, muß das Kabinet zumindest eine neue Indemnität bekommen. Bisher hoffte Ministerpräsident Szell auch zuversichtlich darauf, daß die Opposition, welche die Obstruktion nicht offen eingestehen und nur von einem nationalen Widerstande wissen wollte, wie der demokratische Abgeordnete B a s z o n y i ihren Kämpf so trefflich und charakteristisch getauft hatte, wenigstens den Budyetanforderungen kein Bein
Donnerstag» den 19. War;.
stellen werde. Aber das gestrige Wort des Königs scheint alle diese Hoffnungen zu nichte zu machen. Denn die Stimmung des Landes, hierüber ist keine Täuschung möglich, das beweisen schon die mühelos zu stände gekommenen Straßenmanifestationen, sowie die sich täglich eineuernden Monstredeputationen aus der Provinz, welche Petitionen gegen die Wehrvorlage überbringen, ist eine dieser Borlage durchaus feindliche. Allerdings ist die ungarische Nation, einem großen Kinde gleich, mit kleinen Geschenken, wie z. B. mit trikoloren Bändern für die Offiziere der ungarischen Regimenter und derlei anderen artigen, naflonalen Kleinigkeiten, leicht zu versöhnen, aber das strenge Königswort vom „N i ch t n a ch- g eb eit" ist nur zu sehr geeignet, wie ein rotes Tuch zu wirken, das man dem wildgemachten Chauvinismus vorgehalten hat. Schon spricht man davon, daß dieses königliche „mot d’oMre" unter dem Schlagworte der Verantwortlichkeit der Regierung für alle Äußerungen der Krone im ungarischen Parlamente sehr energisch zur Sprache gebracht werden soll und zu überaus stürmischen Scenen fuhren werde. Auch soll die Regierung, falls nicht rechtzeitig Retraite geblasen würde, die neue Jn- demnity unter keinen Umständen bekommen. Denn dann soll auch gegen diese die unverhüllte Obstruktion ein- setzen. Freilich, auch die Regierung soll ihren geheimen Plan fertig haben: die Absetzung der Rekrutenvorlage
von der Tagesordnung: hierauf Notierung des Budgets unter obligatem Jubelfeuerwerk der triumphierenden Opposition, hernach Bewilligung der Ausgleichsvorlagen,
und dann — •-Einreichung neuer Militär-
N e f o r m v o r l a g e n , in deren Rahmen die Forderungen der Armeeleitung nach Erhöhung des Rekruten- Kontingents in verstärktem Maße enthalten sein sollen. Das ist ja alles recht hübsch und kltig ausgedacht, schade nur, daß der geheime Plan — verraten ist! . . .
pie MersterlMM in der MiüljrsM.
Von Karl Born.
Im Laufe ihres Daseins tritt an eine Generation zweimal ein außerordentlich gehäuftes Sterben heran: Das erstemal im zarteren Kindesalter, im ersten Lebensjahre; das zweitemal im Greisenalter, in den siebziger Jahren. Während die Sterblichkeitshäufung in den Greisenjahren erklärlicherweise normal genannt werden mutz, kann man die übergroße Sterblichkeit im ersten Lebensjahre, die besonders in Deutschland allgemein zu bemerken ist, nicht anders als unnatürlich bezeichnen. So starben vergleichsweise von 100 Lebendgeborenen im Bezirk:
Nord-Drontheim .... 7,29
Gotland.8,99
Chemnitz ...... 37,90
Landshut. 43,05.
Die unermeßliche Differenz zwischen dem norwegischen und schwedischen Kreise einerseits und den deutschen Bezirken andererseits muß tatsächlich die
Redakiions-Fernspretbcr No. 52. 1903.
schlimmsten Bedenken entstehen lassen. Überhaupt ist die deutsche Kindersterblichkeit, die dem Nationalökonomen ein unwiederbringlicher Vvlksverlust ist, ein überaus trauriges Kapitel, und Arzte wie Eltern und Politiker können nicht genug tun, die ungesunden Zustände auf diesem Gebiete zu bekämpfen.
Bor allem sind eS Unwissenheit, niedrige Mvral- zuständc, armselige wirtschaftliche Verhältnisse, fortgeschrittene Degeneration und Alkoholverwüstung, die, wie überall, so auch in der Kindersterblichkeit ihr trauriges Machtwort sprechen. Neben diesen kulturellen Schädlingen spielen aber auch die Jahreszeiten eine ganz bedeutende Rolle. Üben diese auf die Sterblichkeit der Erwachsenen fast gar keinen erkennbaren Einfluß aus, so ist dies bei den Kindern, namentlich den jüngsten Jahrgängen, auffallend anders. Jedermann weiß, wie verheerend die Hochsommermonate in der Kinderwelt auf- räumen. Unter den Sterblichleitsursachen nehmen bekanntlich die Magen- und Darmerkrankungen die erste Stelle ein. Alle übrigen Spezialfeinde der Kinderwelt zusammengenommen, äußern sich nicht annähernd so gefährlich. Die heißen Monate sind nun die besten Förderer aller kindlichen Magenerkrankungen, besonders in den Städten, wo die künstliche Ernährung vorherrscht und die Milchverhältnissc im Hochsommer äußerst schwierige werden.
Allerdings herrscht in den Kreisen der Mütter auch vor dem Frühjahr eine gewisse Furcht; man bringt der Übergangszeit vom Winter zum Sommer oft die größte Besorgnis entgegen. Wie ungerechtfertigt dies aber ist, zeigen die Ermittelungen städtischer Gemeinden. In Leipzig zum Beispiel verteilten sich in der Periode 1889 bis 1893 tausend jährliche Kindersterbefälle auf die einzelnen Vierteljahre wie folgt:
Januar—März ..... 167
April—Juni.198
Juli—September .... 402 Oktober—Dezember ... 173
Diese Zahlen, die annähernd in gleicher Gruppierung in fast allen Städten wiedcrkehreu, reden eine deutlich« Sprache. Der ungeheuerlichen Sterblichkeitshäufung im Hochsommer steht die kühlere Zeit des Jahres ausnehmend günstig gegenüber. Auch im österreichische» Graz machte man ganz ähnliche Erfahrungen. Die Monate März und April zeigten die geringste Sterblichkeit der Kleinen an Magen- und Darmkrankheiten, ungefähr 3 bis 4 % der Lebenden. Diese Ziffern stiegen dort aber im Hochsommer erschreckend:
Juli.10,4 Prozent
'August.15,9 „
September .... 17,2 „
Scheidet im Frühjahr also die Gefahr der Verdauungsstörungen ziemlich aus, so ist es eine andere, welcher die Mütter ihre Hauptaufmerksamkeit zu widmen haben, die Erkältungsmöglichkeit. Sind die Frühjahrstage auch sonnenreich und milde, so bringen doch die häufigen Temperaturveründerungen die Möglichkeit einer Erkältung mit. So erklärt sich das Vorherrschen des Keuchhustens in dieser Zeit. Gerade der Keuchhusten ist eine ausgesprochene Kinderkrankheit, welche nur ganz aus-
Ferrilletorr.
Enfant terrible.
Von Oskar Leedc.
Im Salon der Familie Richter saß ein junges Paar in seliger Träumerei eng aneinander geschmiegt.
Er — der Ingenieur Franz Hellwig — hatte sich soeben mit dem beglückenden „Ja" den ersten Kuß von den Lippen des Haustöchter!eins geholt, das zwar nicht mehr in der ersten Jugendblüte stand, aber noch recht jung und frisch aussah. .
Während sie noch ganz von bräutlichem Gluck erfüllt an seiner Schulter lehnte und mit selbstvergessenem Lächeln den Schmeichelworten lauschte, die er ihr zuflüsterte, wurde plötzlich die Tür aufgerissen und der sechsjährige Max, das Schreckenskind der Familie, stürmte in der ihm eigenen geräuschvollen Weise ins Zimmer.
Eine Weile blickte er, die Hände in den Hosentaschen, musternd auf die Gruppe, dann öffnete er wieder die Tür und schrie auf den Korridor hinaus:
„Mama, jetzt kannste kommen, eben hat er die Grete geküßt" Tie junge Verlobte fuhr entsetzt zusammen.
„Aber Mar!" Dann schaute sie ängstlich zu ihrem Bräutigam aus. um den Eindruck zu erforschen, den jene Worte, die nur allzutief hinter die Coulissen schwiegermütterlicher Strategie blicken ließen, auf ihn gemacht hatten.
Aber er lächelte ihr liebevoll zu. „Recht so, Schatz, wenn deinen Eltern meine Werbung nicht unerwartet und ungelegen kommt", meinte er vergnügt und schloß sie in seine Arme.
Frau Richter war inzwischen ins Zimmer getreten und hatte dem jungen Paar unter Vergießung der üblichen Rührungstränen ihren mütterlichen Segen erteilt. Auch der Schwiegerpapa, der eine halbe Stunde später aus der Stadt heimkehrte, zeigte sich anfangs tief
ergriffen, wurde aber bald darauf, gleich den anderen, äußerst lustig, so daß schließlich eitel Freude auf allen Gesichtern des kleinen Kreises zu lesen war.
Da die Nhr bereits die vierte Nachmittagsstunde verkündete, machte die Dame des Hauses den Vorschlag, einen kleinen „Verlobungskaffee" zu trinken, was allerseits mit lebhaftem Beifall begrüßt wurde.
„Max, geh mal schnell hiniiber zum Bäcker und hole einen Napfkuchen", hieß es, aber der hoffnungsvolle Knabe machte keine Miene, von dannen zu eilen, sondern blieb vielmehr in seiner Lieblingspose — die Hände in den Hosentaschen — an der Tür stehen.
„Na, wird's bald!" kam es in drohendem Tone von den Lippen der Mutter.
Aber Mäxchen schüttelte das semmelblonde Haupt und meinte dann mit würdevollem Nachdruck:
„Weeßte Mutter, da brauche ich gar nicht erscht rüberzugehen, die pumpen uns doch nischt mehr.,"
Totenstille herrschte für einen Moment im Zimmer. „Musters" Augen schossen wahre Blitze, die glückliche Braut sah todunglücklich aus und der Alte versuchte seine Verlegenheit vorerst unter einem dröhnenden Gelächter zu verbergen, um dann die ganze Sache als einen äußerst gelungenen Irrtum hinzustellen, dem jedenfalls eine Verwechselung mit einem in der gleichen Straße wohnhaften Namensvetter zu Grunde liege.
Erleichtert aufatmend, _ stimmte nun auch der Bräutigam mit in das allgemeine krampfhafte Gelächter ein protestierte aber' seinerseits gegen die Anschaffung eine Kuchens, da ihm infolge eines hohlen Zahnes der Genuß von Süßigkeiten Schmerzen bereite.
Der kleine Max sah verwundert zu dem „neuen Onkel" auf.
„Ach, das ist aber dumm", meinte er dann offen und fügte eifrig hinzu: „Weißt du, du mußt es machen wie die Grete. — Die nimmt abends ihre Zähne heraus und tut sie morgens wieder in den Mund "
Die Purpur erglühende Braut sprang mit Tränen in fctt Augen empor. „Ungezogener Junge, behalte deine Weisheit für dich", rief sie entrüstet und lief, ehe es jemand verhindern konnte, aus dem Zimmer.
Der neugebackene Verlobte saß da, wie vom Donner gerührt, sein Schwiegerpapa räusperte sich geräuschvoll, während „Mutter" geschäftig einige Fäserchen von dev sammtenen Tischdecke las. Ter Stifter des unheil- kündenden Schweigens aber, das sich nun auszubreiten begann, blickte verwundert von einem zum andern, ohne zu begreifen, was er angerichtet!
Schließlich begann der Bräutigam in scheinbarer Un- befangenheir wieder ein Gespräch mit seinem kleinen Schwager und fragte denselben, ob er Briefmarken sammle.
Maxchen bejahte dies stolz und holte sogleich sein „Album", ein Schreibheft von zweifelhafter Sauberkeit herbei, in welchem der junge Ingenieur gedankenlos oder üelmehr recht gedankenvoll blätterte.
Plötzlich fesselten zwei unscheinbare „Marken" seine Aufmerksamkeit. Es waren dies die bekannten Zettelchen, die der Gerichtsvollzieher zuweilen den Möbeln anzu- heften pflegt.
„Junge, das sind doch keine Briefmarken", lachte er.
Ter glückliche Besitzer des Albums sah ihn eine Weile erstaunt an. „Schade", meinte er dann. „Ich habe sie erst gestern gefunden. Sie klebten hinter dem Klavier und hinter dem Büffet."
Der junge Bräutigam legte resigniert das „Album" auf den Tisch, und längere Zeit hindurch hörte man keinen Laut als das Ticken der Wanduhr.
Als Herr Dr. ing. F. Hellwig aber eine Viertelstunde später aus dem Hause trat, ließ er einen prügelnden Vater, eine keifende Mutter, eine unglückliche Entlobte und ein heulendes „Enfant terrible" zurück.
