Anlage zum Wiesbadener TagblaN
Uo. 131. Morgen-Ausgabe.
Donnerstags den 19. Marx.
81. Jahrgang. 1903.
äötr sich zuviel mit dem Kleinen abgiebt, wird gewöhn- #> lief) unsähig für das Große. "
Rochefoucauld. ^
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(6. Fortsetzung.)
Der Maltheser.
Roman von O. v. KiS-Killay.
Käthe hatte den Kopf gesenkt und schwieg. Als sie Glieder aufblickte, sah sie Werners Augen so voll Trauer auf sich gerichtet, daß ihr das Herz ganz weich wurde. Sie streckte chm flehend die Hand entgegen.
„Soll ich warten?" fragte Werner bewegt, ihre Hand ans Herz drückend.
„Ja. bitte, warten Sie. Herr Rauenberg", antwortete Köche, welcher helle Tränen in die Augen traten. „Wer wenn ich nach der Wartezeit ebenso zweifelnd und unschlüssig wäre wie jetzt?"
„Dann überlassen Sie es meiner Liebe, die Ihrige zu wecken", sagte Werner. „Ich habe Sie so sehr lieb. Fräulein Käthe, und ich weiß, daß ich Sie glücklich machen kann."
Sie waren aufgestanden und reichten sich die Hände.
„Wir werden einander schreiben?" fragte Köche lerse.
„Es wird meine einzige Hoffnung sein."
In diesem Augenblick zwängte sich erst das Gesicht der Tante durch eine Türspalte, dann erschien sie selber glückstrahlend.
„Ist also alles im reinen?" fragte sie, die Hände faltend.
„Ja. Tantchen", antwortete Käthe und barg chr erglühtes Gesicht an der Schulter der alten Dame. „Wir werden korrespondieren."
*
Köche stand am Fenster des Wohnzimmers und schaute dem Treiben der Schneeflocken zu. Immer dichter fielen sie zur Erde, um in tollem Tanze sofort wieder aufzu- wirheln. Wer durch die Schneeflocken hindurch schimmerte ihr der vergangene Sommer entgegen, mit all seinem Farbenglanz und Blütendust. Ein leuchtender Rahmen für das Bild des Mannes, der ihr ganzes Denken erfüllte.
Seit einer Woche war sie feine Braut. Sie hatte chm brieflich chr Jawort gegeben und heute die glückatmende Antwort erhalten. Es war also abgemacht und endgültig beschlossen . . . Warum waren aber gerade jetzt die alten Zweifel mit neuer Stärke erwacht? Sie war so ruhig gewesen, so sicher chrer selbst. Die regelmäßige Korre- fpondenz war ihr nach und nach zum Bedürfnis geworden, und ihr ganzes Sech drehte sich um die Tage, an welchen sie echen Brief erwartete oder einen schrieb. Besonders wurde chr letzteres unentbehrlich ... Es war chr. als fänden die stürmisch wogenden Gedanken und Enrpfin- düngen, die sich in ihrem Innern kreuzten, hier einen füllen, friedlichen Wfluß. Er. der sie so lieb hatte, mußte sie ja verstehen, llnd das Bewußtsein, ein solches Glück als Rückhalt zu besitzen, hatte ihr die düstere Einförmigkeit des elterlichen Hauses mit einem rosigen Schimmer verklärt. Gesellige Vergnügungen, an denen sie infolge
des zurückgezogenen Lebens ihrer Eltern nur selten teilgenommen und die sie bitter entbehrt hatte, waren ihr jetzt sogar lässig geworden. Ihr inneres Leben, so reich an Träumen und Hofchungen, hatte ihr vollkommen genügt.
Woher kam derrn die plötzliche Wandlung?- Seit denr Morgen, da er sie im Briefe als seine Braut begrüßt, lag es ihr wie ein Druck auf der Seele. „Gebunden! Du bist nicht mehr frei! Jetzt ist kein Rücktritt mehr möglich!" kreiste es ihr im Hirne herum. Sein Brief, so heiß und leidenschaftlich, das zum erstenmal ausgesprochene Du hatten sie ihm zu eigen gemacht. Und jetzt, wo er ihr so nabe gerückt war. fiel der Nimbus, mit dem sie eine mythische Persönlichkeit umkleidet hatte. Sie sah nur den Mann, dem sie mit Leib und Seele verfallen war. und überlegte . . . War er wirklich der richtige? Was wußte sie von ihm? Hatte sie ihn etwa näher kennen gelernt? Er war nie auf die höheren Fragen, die Ideen, mit denen sie ihre Briefe füllte, eingegangen, und ihr waren sie so wichtig. In ihren Augen machten sie den ganzen Menschen aus und lösten ihn von der Durchschnittsmasse. Seine Briefe waren anfangs nur korrekt und sehr nüchtern ge- wesen, sie besprachen nur äußere Erlebnisse. Das Ge- fühl, das er für sie empfand, hatte er nur verschleiert durchblicken lassen. Später kam es immer mehr und mehr zum Vorschein, und schließlich hatte er nur von seiner Liebe gesprochen . . .
Wer auch der Vater war einst verliebt gewesen . . Tante Luise hatte erzählt, er hatte den Beinamen Orlando innmorrrto getragen . . .
Die Schneeflocken kreisten immer wilder, und indem Käthe in den Schneesturm schaute, verwehte er die sonni» gen Träume und strich ihr eisig über das Herz . . .
Es war dämmerig im Gemache geworden. Ein schwerer Seufzer unterbrach die Sülle. Käthe wandte sich um. Die Mutter, eine lange, hagere Gestalt mit gedrückter. vorgebeugter Haltung, erhob sich vom Sofa, in welchem sie regungslos gelehnt hatte und schickte sich cm, die Lampe anzuzünden. Das Licht fiel auf ein schmales, feines Gesicht mit Augen, welche kummervoll und ängstlich blickten. Sie waren immer rot wie von verhaltenen Tränen.
Gab es nicht vielleicht auch eine Vererbung der Schicksale. wie eine Vererbung der äußeren und inneren Eigenschaften? Käthe war ebenfalls nicht eine von den staÄen Naturen, welche sich ihr Recht erobern können . . .
Der schwere Seufzer hallte wie ein Vorwurf in ihrem Herzen nach. Über ihren eigenen egoissischen Träumereien hatte sie die Mutter ganz vergessen. Fragte aber überhaupt jenrand nach der Mutter, kümmerte sich jemand um das, was sie dachte und fühlte? Sie war wie ein Buch mit sieben Siegeln und ging ihres Weges, einsam und verschlossen. Vielleicht fühlte sie kein Bedürfnis, sich mitzuteilen. Nach Kächens Weggange würde sie aber doppelt vereinsamt Zurückbleiben. Zwar hatten sie einander nie viel zu sagen. Stundenlang konnten sie mit ihrer Handarbeit bei der Lampe sitzen, und keine tat dm Rkund aus. Es war aber ein Gefühl der Solidarität der gemeinsam getragmm Langeweile des Daseins, welches Mutter und Tochter verband. Das monotone Ticken der Uhr begleitete die stets in demselbm Kreise sich drehenden Gedanken, bis der tiefe Seuszer der einen die andere
aus ihren Träumereien erweckte. Zuweilen hatte Käthe versucht, vorzulesen. Sie war aber nicht sicher, ob die Mutter mit bei dem Lesen tvar. Sie unterbrach sie nie mit einer Bemerkung und konnte bei der interessantesten Stelle mit einer wahren Todesangst auffahren. um irgend einen vergessenen Befehl dm Diestboten zu erteilen. Sie war vergeßlich und zerstreut, die gute Mutter . . . Viel von der Unzufriedenheit des Vaters mochte davon herrühren ...
Frau Gordon hatte wieder Platz genommen und sückts eifrig an ihrer Tapisseriearbeit. Von einem plötzlichen Impulse ergriffm, warf sich Käthe neben ihr auf dis Kniee nieder und schmiegte ihren Kopf in ihrm Schoß.
„Latz jetzt die Arbeit, Mütterchen", bat sie, „und habe mich etwas lieb ..." „ ^
„Was fehlt dir. mein .Kind?" fragte Frau Gordan besorgt, ihr die Hand auf dm Scheitel legm.d.
„Nichts fehtt mir, Ätutter, als daß rch einsam brn. einsam wie du ..."
Frau Gordan fuhr erschrockm auf.
„Das sagst du. Kind, heute, an dem Tage, da du Braut und glücklich geworden bist?" ,
„Mütterchen", sagte Käthe, ihr ins Antlrtz bückend, „sind denn auch in deinen Äugen Heirat und Glück ern und dasselbe?" . „
„Ja. gewiß, mein Kind, ... im gewöhnlichen Smn^
. . . wmn man nicht gerade zu dm Emanzipierten gehört -—■ aber sonst . . ."
Käthe lachte kurz auf. , .
„Sage mir. Mütterchen, wann sing es ber drr an.
Frau Gordan sah betroffen zu ihr nieder.
„Was denn, mein Kind?"
„Nun. das Elend nach dem Glück, das große Elend deines Lebens ..." .
„Um Gottes willen, Kind, wie darfst ou überhaupt so eüvas aussprechen! Ich weiß auch gar nicht, was du meinst ..." .
„Du. weißt es. Mutter, und brauchst dich nrcht zu ver- stellm. Ich bin kein Kind mehr, dem man aus Pädagoge- schon Rücksichten Märchm aufbindm muß. Glaubst du nicht, daß die Erkenntnis dieses entsetzlichen Zwiespalts meinem ganzen Leben, meinem Charakter eine andere Richtung gegeben hat? Glaubst du, ich wäre fonit cin<2 solche Skeptikerin. eine Grüblerin geworden? Ich war noch ein Kind, als ich die fürchterliche Entdeckung machte, daß Vater und Mutter unglücklich sind . . . Wer rch schwieg, die Starre teilt sich mtt . . ."
Frau Gordan fuhr zusammm. , ......
„@r ist nicht unglücklich, er kann es nicht sern!" lüetz sie heiser hervor. „Es ist ja sein Wlle!" „ . „
„Es steht mir nicht zu. die Richterin zu sprelm , fuhr Käthe unbeirrt fort. „Es kann aber nicht sein frei« Wlle sein, fremd im eigmm Hause zu lebm ..."
Käthe fühlte, wie die Hände, welche ihren Kopf umschlossen hielten, zitterten.
„Mütterchen", bat sie, sich fester an sie druckmd, „rch habe dir nicht weh tun wollm. es ist mir ober selber sa weh ums Herz. Sage mir. wie alles gekommm ist. Es wird dir gut tun, dich auszusprechen . . . llnd besser ist es. du sagst es mir. damit dein Kind nicht dcnselbm Weg gehe, den du gegairgm bist."
(Fortsetzung folgt.)
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