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si. Jahrgang.

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verlagS-Fernsprecher R». 298».

Morgen-Ausgabe.

Gewerbe-Hygiene.

Studie von Di', med. H. Balder

Es ist Pflicht des modernen Staates, über den Ge­sundheitszustand seiner Untertanen zu wachen. Die Volks- Gesundheit ist sein bestes und sicherstes Kapital. So hat er denn auch dafür einzutreten, daß die arbeitende Be­völkerung unter günstigsten hygienischen Bedingungen chr Tagewerk verrichten kann.

Dieser sozialen Pflicht hat das Deutsche Reich zuin Teil entsprochen in dem Arbeiterschutzgesetz vom 1. Juni 1891, in der Fabrikinspektion und in der Einführung der Unfall- und Jnvaliditätsrente. Und darum durfte auch kurz vor der Jahreswende anläßlich eines tragischen Er­eignisses von allerhöchster Stelle einer Arbeiterdeputation gegenüber mit Recht wieder betont werden, daß unser Vaterland hinsichtlich seiner sozialen Gesetzgebung an der Spitze der Kulturstaaten marschiere und ihm das Wohl­ergehen der Arbeiterschaft am Herzen liege.

Trotzdem aber kann ich die zwei Worte „zum Teil" uicht streichen; denn erstens wird der gesetzliche Arbeiter- ckutz, wie wir im weiteren erkennen werden, nicht aller hygienischen Forderungen gerecht, und zum anderen chützen Gesetze an sich nicht vor Übertretungen. Wir müssen eben den Gedanken aufgeben, daß Gesetze, auch menschenfreundliche, von der Hygiene diktierte Gesetze an sich die Menschen bessern. Gesetze müssen vielmehr von der breiten Öffentlichkeit ausgenommen, vom öffentlichen Bewußtsein getragen werden, und die Gesamt!,eit muß sich an ihrer'Durchführung beteiligen; dann erst wirken, bessern sie.

Hierbei habe ich vor allem die Kinderarbeit im Sinne. Rach den Bestimmungen des Arbeiterschutzgesetzes dürfen in Gewerbebetrieben Kinder unter 18 Jahren gar nicht, über 13 Jahre nur, wenn sie nicht mehr zum Schulbesuch verpflichtet sind, und dann bis 14 Jahre sechs, bis 16 Fahre zehn Stunden beschäftigt werden. So das Gesetz. Aber wie steht's in Wirklichkeit?

Aus einer amtlichen Enauete, die 1898 Fürst Hohcn- lche unter dem Drängen der deutschen Lehrerschaft ver­anstaltet hatte, wissen wir nach den Ermittelungen des Statistischen Amtes", daß allein im Busen „Jndustria" 306 823 schulpflichtige Kinder, am gefährlichen Kap des Handels 17 623, in der Scylla und Charybdis der „Gast- und Schankwirtschaften" 21 620, in den Netzen des „Aus­trage- und gewöhnlichen Laufdienstes" 171 769, nebenbei mif der Fahrt 11 787, daß also Summa Summarum 532 283 schulpflichtige Kinder erwerbstätig sind. Dabei aber hat man den gewaltigen Meerbusen „Landwirtschaft und Gesindedienst" gar nicht untersucht. Und im Speziellen stellte eine in Hamburg in 27 Gemeinde­schulen vorgenommene Erhebung fest, daß 31 Kinder von 3 Uhr früh, 42 von 4 Uhr, 116 von 5 Uhr und 374 Kinder von 6 Uhr früh an beschäftigt werden.

Nach den Bestimmungen des Arberterschutzgesetzes ist den Arbeitern an Sonn- und Festtagen eine Arbeitsruhe

Mittwoch» de« 18. Mar;.

Rcdakiivns-Fernsprecher No. 82.

1903.

von 24 Stunden zu gewahren; folgen zwei Festtage auf

einander, so muß die Arbeitsruhe mindestens 36Stunden, zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten 44 Stunden be­tragen. Tausende von Kindern aber müssen am Sonntag häufig noch länger arbeiten als an Werktagen.

Der Lehrer Konrad Agahd, der diese tieftraurige Tat­sache in seinem Buch „Kinderarbeit und Gesetz" behandelt, soll uns einen Fall erzählen.

„Da war der Karl. Morgens trug er Bückware aus von *45 Uhr bis %7 Uhr, dann ging es in die Schule. Am Nachmittage wird er schlafen, nicht wahr? O, nicht doch! „Der wird ja nun schon elf Jahr, da kann er ooch noch 'ne Laufburschenstelle verdragen!" So die Eltern! Und der Junge mutzte von 2 Uhr bis 6H^ Uhr Lauf­burschendienste tun. Mehr, mehr, noch nicht genug! Am Abend und am ganzen Sonntag werden Kegel aufgestellt. Halb bezecht trollt er um Mitternacht heim."

Gewiß hat die Arbeit an sich einen erzieherischen Wert, aber mit Recht sagte Staatsminister Graf v. Posadowsky: „Jener Wert kann, wenn diese Arbeit übertrieben wird, freilich auch darin bestehen, daß ein solches Kind zum Krüppel oder Idioten erzogen wird."

Und es ist festgestellt, daß über 60 Prozent der Er­werbsschüler geistig geschädigt werden. Nicht minder aber beeinträchtigt die Lohnarbeit das physische Wohl der Kin- der. Die Lungenschwindsucht, die man auch als Prole­tarierkrankheit bezeichnet hat, fordert früh ihre Opfer.

Darum ist es nur ein Gebot der Selbsterhaltung, wenn das Deutsche Reich durch das inAngriff genommene „Gesetz, betr. Regelung der gewerblichen Kinderarbeit", einen Damm gegen die schnöde Ausnutzung der Kinder oufführen will. Denn durch die Fürsorge für die Jugend entlastet der Staat doch die von ihm für invalide Arbeiter, für Kranken- und Jrrenpflege angelegten Fonds und stützt und sichert seine Grundfeste, die Volksgesundheit.

Und wie gegen die gewerbliche Beschäftigung der Kinder, so erhebt die Hygiene auch gegen die Frauen­arbeit ihre Stimme. Die Hygiene kann verlangen, daß die verheiratete Frau dem Hause erhalten bleibt-und un­behindert ihres hohen Amtes als Mutter und Erzieherin der kommenden Generation walten kann. Denn durch die gewerbliche Beschäftigung der Frau und Mutter leidet schwer das Familienleben. Die Reinlichkeit, die ein wirk­sames Schutzmittel gegen die Verbreitung der Volks­ki ankhciten ist, kann nicht mehr genügend aufrecht er­halten werden, die Reinlichkeit der Wohnung und der Bewohner; durch den Zeitmangel für die Bereitung zweckmäßiger, schmackhafter Speisen wird der Ernäh­rungszustand der Familienmitglieder schwer geschädigt und die Pflege und- Erziehung der Kinder vernach­lässigt. So stirbt die Freude am Familienleben, der Sinn für Zucht und Ordnung.

Diesen Forderungen der Hygiene aber kommen die gesetzlichen Vorschriften über Frauenarbeit nicht nach: sie betonen einseitig den moralischen Standpunkt, wäh­rend- der hygienische zu wenig berücksichflgt wird.

Und Frauen- und Kinderarbeit ist sowohl die Ursache, als auch die Folge des beklagenswerten Notstandes, der den Arbeiter unter die ungünsügsten hygienischen Be­dingungen versetzt. _

In unserem Zeitalter der Naturwissenschaften und der Technik ist an die Stelle des Einzelbetriebes der Maschinen- und Fabrikbetrieb getreten. Tie Fabriken erzeugen Massenproduktion, der Markt wird mit Waren überschwemmt. Die nächste Folge ist ein Sinken des Warenpreises. Daraus ergibt sich wieder eine Reduzie­rung der Löhne. Me Maschine hat den Menschen ersetzt, arbeitet billiger als Menschenkraft und verringert oben­drein die Anforderungen an die Muskeltraft des ein­zelnen. Dadurch erfolgte der massenhafte Zudrang physisch schwacher Personen, namentlich der Frauen und Kinder, zum Gewerbebetrieb; und diese wurden, weil sie durchweg billiger als verheiratete Männer arbeiten können, vom Fabrikherrn vorgezogen, und so wuchs immer mehr der Pauperismus; denn Kinder- und Frauenarbeit drückt die Löhne der Erwachsenen. Und es ist falsch, wenn andere sagen: weil die Löhne so niedrig sind, arbeiten Frauen und Kinder. Dadurch werden näm­lich die Löhne noch mehr verschlechtert. Das gibt eine Schraube ohne Ende.

Das Arbeiterschutzgesetz bringt Vorschriften über die Arbeitsräume, über Ankleide- und Waschgelegenheiten, über die Maßregeln zum Schutze gegen verdorbene Luft und gegen die Einatmung von Staub und giftigen Gasen und über die Sicherung der Arbeiter durch Schutzvor­richtungen an den Maschinen. Aber auch diese Beftim- mungen genügen nicht ganz den Ansprüchen der Gesund­heitspflege und Gesundheitswirtschaft.

Naturgemäß muß sich der Arbeiterschutz zum ersten auf die Hebung des Notstandes und zum zweiten auf die Beseitigung der allgemeinen und speziellen Schäden, der Gewerbekrankheiten, erstrecken.

Mit Darlehns- und Unterstützungskassen, ivie mit Unfallversichcrungsanstalten wird der Pauperismus nicht aufgehoben. Weit mehr hälfe ein Reichswohnungsgesetz, das' die verderbliche Bodenspekulation labm legt und die Errichtung von Familienhäusern. Einzelne menschen­freundliche Großindustrielle haben hierin schon dem Staat vcrgearbeitet. Wenn auch die ärmste Familie über eins den hygienischen Forderungen entsprechende, behagliche, mindestens aus Wohnzimmer, Schlafstube und Küche bestehende Wohnung verfügt, dann wird auch das Familienleben sich bessern ; Trunksuchtsgesetze werden entbehrlich werden; die Moralität wird sich heben, die Mortalität sinken.

In der Ernährungsfrage folge man den Vorschlägen des Hygienikers Prof. Rubner, die sich auf Verbilligung der Waren durch Konsumvereine, Beseitigung des Klein­betriebes, Produktivassoziationen, auf Erschließung neuer Hilfsquellen (Herstellung künstlicher Nahrungsmittel, Förderung von Ackerbau, Fisch- und Viehzucht) und auf bessere Ausbildung der Mädchen in Küche und Wirtschaft richten.

Die sanitätspolizeiliche Überwachung des Nahrungs- niittclmarktes sollte verschärft, die Errichtung gemein­nütziger Institute, wie Volksküchen und Volkskaffee- Häuser, in größerem Umfange betrieben, bezw. von den Gemeinden oder vom Staat in die Hand genommen wer­den. Die anzuwendenden Summen werden sich durch

Feuilleton.

Englische Sitten.

Viel ist in den letzten Jahren über den Imperialis­mus, den Großbritannien aus seine Fahne geschrieben zu haben scheint, hier und im Auslande gesprochen worden, dort wohl durchgängig, indem man denselben abfällig kritisierte, hier bald in beistimmcnder, bald in abfälliger Weise. Ob derselbe durch den letzten Krieg einen Schritt vorwärts gemacht oder nicht, darüber ist man sich auch noch nicht so recht klar. Die Frage ist im beiahenden Sinne insofern zu beantworten, als er für England eine Gebietserweiterung gebracht hat, andererseits ist sein Prestige dadurch aber unfraglich gewaltig erschüttert worden, und damit hat seine Stellung den „loyalen Kanadiern und Australiern gegenüber entschieden ge­litten. . „ . ,

Uber kurz oder lang dürfte dies zum Abfall der be­treffenden Länder führen und der Ruf „Afrika für die Afrikander!" auch einst wieder ertönen und die Erfolge der jetzt errungenen „Siege zugleich mit den früher erkämpften zu nichtc machen. Ob also in politischer Hinsicht der Imperialismus günstige Resultate errungen hat oder nicht, bleibe dahingestellt, auf fried­lichem Wege ist es aber entschieden vorwärts geschritten, und seine Eroberungen erstrecken sich hier nicht nur auf ferne Länder, nein, in Europa selbst hat er die größte Ausdehnung gewonnen. Langsam und unmerklich breitet er seine Herrschaft aus, und wenn das gesteckte Ziel, alle Welt zu anglisieren, auch noch nicht völlig erreicht ist, so winkt es doch in nicht zu weiter Ferne. Zwar das Land hat man nicht unter seine Herrschaft gebracht, aber da­für, was eigentlich mehr wert sein müßte, einen großen Teil aller Bewohner der europäischen und amerikanischen Staaten zu seinen Anschauungen bekehrt, und während

diese anläßlich des afrikanischen Krieges Großbritannien nicht bitter genug verdammen konnten, richteten sie sich mehr und mehr nach den ungeschriebenen Gesetzen, welche von dort ausgehen und die da bestimmen, wie man sich zu tragen und amüsieren, wie sich zu benehmen hat.

Ohne ihre Sitten irgendwie aufdringen zu wollen, gelingt es den Engländern, sie überall einzubiirgern, selbst wenn der gesunde Menschenverstand keine Er­klärung dafür findet. Wer war es z. B., der zuerst dekretierte, daß es ein Zeichen gewöhnlichster Abkunft und schlechtester Erziehung sei, wenn man das Messer zum Munde führe? Niemand kennt den bedeutenden Mann — oder ist vielleicht einer Frau die großartige Errungenschaft zu verdanken? heutzutage erwarten wir ja das Höchste von ihnen — und ebenso wenig wüßte man jetzt einen Grund anzugebcn, weshalb diese Bewegung mit dem Messer eine so schreckliche, für sensitive Gemüter direkt empörende sei. Eins nur ist sicher, daß diese An­schauung zuerst sich in England verbreitete, um dann prompt ihren Weg in der ganzen civilisierten Welt zu machen.

Das Merkwürdige diess Erfolges ist, daß der Brite oder die Britin vielmehr — denn diese ist hauptsächlich Trägerin des Anglizismus und bildet mit den Missio­naren, die Baumwolle und Opium verkaufen, die Avant­garde des Imperialismus —, wie gesagt, eigentlich nichts dazu tut, um ihren Sitten Eingang zu verschaffen. Es ist ja wahr, wenn sie ihre Lorgnette, ihren photogra­phischen Apparat oder ihr Herbarium auf eine Kommode niedcrlegt, so tut sie dies in einer Weise, als ob sie da­von Besitz ergreifen wollte, aber dies ist eben ein Zug des englischen Charakters. In Wirklichkeit pflegt sie an­fänglich alles zu acceptieren, alles zu verstehen, alles zu bewundern. Nach und nach aber führt sie ihre kleinen Gewohnheiten ein. Ihr ist es zu verdanken, wenn unsere Frauen auf der Reise um 8 Uhr morgens korsettiert,

frisiert und für den Tag kostümiert sind; das morgend­liche Peignoir, sei es auch noch so elegant, ist eine Un­möglichkeit, ein Skandal geworden. Und ebenso tragen die Engländer die Schuld daran, wenn todmüde nach mehrstündigem Marsch man sich für die Abendmahlzeit in große Toilette werfen mutz. Man sollte meinen, daß jemand ihnen gesagt hat: „Gehet dahin und anglisiert alle Tables d’höte."

Noch mehr empfindet vielleicht, wer eine Seereise machte, daß Britannia Herrscherin, selbst wenn es ein deutsches Schiff ist, das ihn durch die Meere trügt. Die Schiffssprache ist englisch, nach britischer Art und britischem Geschmack sind alle Mahlzeiten hergerichtet, die von den Passagieren zur Vertreibung der langen Weile arrangierten Spiele werden absolut den auf englischen Dampfern üblichen nachgeahmt.

Überhaupt ist ja, was Sport und Spiel betrifft, England vollständig maßgebend. Lawn-Tennis nicht mit Leidenschaft zu lieben, stempelt eine junge Dame sofort als nicht „dazu gehörig", Fußball findet in der ganzen Welt begeisterte Anhänger, und wenn Cricket und Golf sich noch nicht auf dem europäischen Festlande ein­gebürgert haben, so liegt dies wohl daran, daß die Plätze dafür meist fehlen. Aber man wird sie schaffen, das ist keine Frage, wie sie sich für die anderen aus England stammenden Spiele gefunden haben, wenn dieses etwas in dieser Hinsicht als vergnüglich und zweckmäßig er­kannt hat, dann gibt es kein Widerstreben.

So erobert Großbritannien sich auf friedlichem Wege ein Land nach dem anderen. Ein Militärstaat ist es nie gewesen und wird es auch nicht werden, sollten auch noch manche Chamberlains es in blutige Abenteuer stürzen. Der Imperialismus wird sich in anderer Weise Geltung verschaffen, wie er dies ja auch bisher getan, und Missio- nare, weit mehr noch aber Reisende ohne Mission, seine besten Apostel fein. H. L a n d.