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Beilage zum Wieslillüener TagdlaN.

Po. 129. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch, den 18. Mars.

81. Jahrgang. 1909.

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Neid ist dem Mensche» natürlich; Laster und ein Unglück zugleich.

dennoch ist er ein Schopenhauer. §»,

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(5. Fortsetzung.)

Der Maltheser.

Noman von O. v. Kis-Killay.

Zu Hause angelangt, wurde sie von der Tante mit Fragen bestürmt. Nach dem ersten starren Entsetzen brach die alte Dame in lautes Wehklagen, und als der Bericht zu Ende war. in Tränen aus.

„Ach. Käthe. Käthe", schluchzte sie. „warum habe ich dich nicht gezwungen, init nach Wiborg zu gehen! Dann wäre dies alles ungeschehen geblieben! Mein armes, armes Kind, jetzt bist du blamiert, entehrt! Alle Welt wird mit Fingern aus dich weisen!"

. „Aber Tante", unterbrach sie das junge Mädchen un­geduldig. „wenn die Geschichte mit allen Einzelheiten be­kannt wird, hat sie ja nichts auf sich. Wir müssen nur Sorge tragen, sie herumzubringen, und dabei den Kopf hoch halten."

„Es wird aber nichts Helsen", jammerte die Tante, „niemand wird eine pikante Unterstellung missen wollen! Sahst du nicht, wie listig Frau Staatsrat Mohr lächelte und wie bedeutsam sie dich ansah?"

„Ach was. der alte Giftpilz! Jedermann kennt sie und weiß. daß sie im stände wäre, einem neugeborenen Kinde einen Makel anzuhängen. Was die sagt, ist mir völlig gleichgültig. Und alle vernünftigen Tente werden schließlich einsehen. daß wir nicht zu unserem Vergnügen hungernd und frierend die Stacht auf einer wüsten Insel zugebracht haben."

Tie Tante trocknete mit einein ihr wunderlich stehen­den Ausdruck der Entschlossenheit die Augen.

„Es giebt nur noch ein Mittel, alles wieder gut zu machen. Ich will mit Rauenberg sprechen, er muß dich heiraten."

„Heiraten?" Käthe sprang von ihrem Stuhle aus. „Du willst ihn zu einer Heirat zwingen, weil er eine Ungeschicklichkeit begangen hat? Übrigens babe ich auch ein Wörtchen mitzureden. Ich lasse mir nicht ohne weiteres eine Buße auferlegen, wo ich doch ganz un­schuldig bin!"

- „Aber Rauenberg ist doch ein so netter und ein so wohlsituierter Mann ..."

„Aha. da liegt der Hase im Pfeffer! Du hast es nun einmal auf diese Heirat abgesehn. Es würde dir der Ge- danke an eine Rehabilitation gar nicht einfallen, wenn ich dasselbe Abenteuer z. B. mit dem lächerlichen, albernen Assessor erlebt hätte oder mit dem armen Schlucker, dem klemm Hauslehrer ..."

„Du willst mich fangen. Käthe. — ich antworte dir aber darauf, daß du weder mit dem einen noch mit dem anderen dieser Herren die Bootfahrt unternommen hättest. Daß du es mit Rauenberg tatest, beweist ja, daß du an seiner Gesellschaft Vergnügen findest. Und daß er in dich verliebt ist. sieht ihm jeder an."

Käthe wollte etwas erwidern, schrak aber zusammen, vis sie in diesem Augenblick Rauenberg an den Fenstern ihrer Wohnung vorübergehen und in den Hof emlenkcn

sah.

„Daß du nicht ein Wort darüber fallen läßt. Tante!" flüsterte sie hastig und huschte ins Nebenzimmer.

Es klopfte an die Tür und Werner trat ein. Bei seinem Anblick flössen die Augen der alten Dame von neuem über. Sie wies mit einer Handbewegung auf einen Stuhl und zog ihr Taschentuch hervor.

Werner setzte sich. Er sah erregt aus.

„Gnädige Frau", begann er nach kurzem Schweigen, „ich habe Sie um Verzeihung zu bitten. Durch meine Schuld ist Ihre Fräulein Nichte in eine unangenehine Lage gebracht worden . . . ."

„Ach ja", schluchzte die Kommerzienrätin. „es ist schrecklich! Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht! Das arme Kind ist kompromitsiert! Wie werde ich es vor ihreir Eltern verantworten können?"

„Gnädige Frau, ich würde diesen Unfall schmerzlich beklagen, wenn nicht — er giebt mir den Anlaß und den Mut. mich in einer Sache auszusprechen, die mir am Herzen liegt. Ich liebe Ihre Fräulein Nichte und bitte um ihre Hand."

Das glückstrahlende Gesicht der alten Dame kam hinter dem Taschentuch hervor.

„Es fällt mir ein Stein vom .Herzen . . . Mein lieber, junger Freund!" — sie ergriff seine Hand und drückte sie fest —, „wenn Sie wüßten, wie sehr ich diese Lösung her­beigesehnt habe! Wissen Sie. ich habe während dieser zwei Stunden zu Gott gebetet, er möchte Sie auf die richtigen Gedanken bringen .... Es war auch das ein­zige Mittel, um meine Käthe vor böser Nachrede zu schützen!"

„Dann werden Sie wohl auch ein gutes Wort für mich bei Fräulein Käthe und ihren verehrten Eltern einlegen, liebe gnädige Frau? Meine materielle Stellung ist der­art. daß ich ohne besondere Skrupel meine Werbung Vor­bringen darf. Das kleine Kapital, das ich besitze, genügt, um die Kaution zu decken. Was den sonstigen Zuschuß zu unserem Lebensunterhalt betrifft —"

„Oh. da seien Sie ohne Sorge", unterbrach ihn Frau Donner eifrig. „Käthe ist das einzige Kind ihrer Eltern. Tie sind gut situiert, und mein Bruder wird mit Freuden einwilligen. seiner Tochter eine kleine Jayresrente zu garantieren. Und dann", fügte sic schmunzelnd hinzu. „Käthe ist mein Patchen, und es soll Sie ruckst wundern, wenn auch ich von Zeit zu Zeit mein kleines Scherflein in den jungen Haushalt einflicßen lasse."

Werner ergriff gerührt ihr Hände und küßte sie.

„Gnädige Frau, Ihre Güte berechtigt mich zu den besten Hoffnungen. Wollen Sie also meine Fürsprecherin bei'Fräulein Käthe sein?"

„Gewiß, gewiß", antwortete die Kommerzienrätin ge- schäftig. und sich, so rasch es chre Korpulenz gestattete, er­hebend, öffnete sie die Tür zum Nebenzimmer und rief: „Wo steckst du, Käthe? .Komm doch herein!"

Im nächsten Augenblicke erschien diese, als sie aber die erregten Gesichter wahrnahm, blieb sie zögernd stehen.

„Tritt näher, mein Kind", sagte die Kommerzien- räfln zugleich lachend und weinend. „Ach. ich bin so glücklich! Doch jetzt wirst du dein Wörtchen mitzureden haben, ■— ich habe das meinige schon gesprochen."

Wie vom Donner gerührt, starrte Käthe die beiden an.

„Hat Tante die Geschichte eingefädelt?" fragte sie fast drohend.

Die alte Dame streckte die Hände abwehrend aus.

„Nein. nein, ich war es nicht, frage nur unseren jr-ngen Freund. Herr Rauenberg, jetzt müssen Sie aber schon selbst Ihre Sache führen. Ich verschwinde, denn hier habe ich nichts mehr zu tun."

Als die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte standen die jungen Leute noch eine Welle stumm einander gegen­

über. .Käthe sah, wie Werner sich verfärbte. Er wich einen Schritt zurück.

„Hätte ich mich denn doch getäuscht. Fräulein Käthe?* stammelte er gepreßt.

„Nein. nein, gewiß nicht", rief Käthe lebendig werdend. „Es ist nur alles so schnell gekomrnen. wir nuissen übe» die Sache sprechen."

Sie ließ sich in einen Sessel fallen. Werner nahm schweigend an ihrer Seite Platz. Er war bleich geworden.

„Sehen Sie. Herr Rauenberg", begann sie mit zittern­der Stimme, „ich will ganz offen gegen Sie sein. Ich Hobe es gewußt, daß Sie mir gut sind, und auch ich Habs Sie gern . . . Doch nein", fügte sie rascb hinzu, als Werner Miene machte, ihre Hand zu ergreifen, „nicht so. wie es sein sollte, wie Sie es haben möchten . . . Ach. ich hebe mich so sehr diese Zeit über gequält! Und ich quäle mich auch noch jetzt . . . Einerseits sind Sie mir so sehr sympathisch, und eine innere Stimme sagt nur. daß ich vielleicht mein Glück von mir stoße, wenn ich Sie zurück- weise . . . Dann aber schreckt mich der Gedanke, daß ich mich für das ganze Leben bind«; soll; denken Sie doch, so lange man hier auf Erden zu leben hat . . . Und wenn es nun zum Unglück wäre? Mr kennen einander so wenig. Was weiß ich von Ihnen, was wissm Sie von mir?"

„Gnädiges Fräulein", unterbrach sie Werner, „es ist ganz selbstverständlich, daß Ihr Herr Vater über meinen Charakter und meine Vergangenheit Nachforschungen anstellen soll, und ich kanr^Sie versichern, daß ich diese Nachforschungen nicht fürchte."

„Aber. Herr Rauenberg, so habe ich es gar nicht ge­meint". sagte Käthe ängstlich. „So etwas steht ja außer Frage . . . Tante und ich sind 'ja von Ihrer Ehrenhaftig» feit überzeugt. Allen wenn auch alle Nachforschungen bei Ihren Vorgesetzten und Kameraden nur das günstigste Resultat ergeben, sagen Sie. ist es eine Garantie für das Ehe- und Familienglück? Bitte, zürnen Sie mir nicht", bat sie mit tränengefülltem Blick, als sie dm Schatten gewahrte, der bei ihrm Worten Werners Züge überflog, „Ich bin nun einmal eine so seltsame Natur._ selbst­quälerisch und pessimistisch ... Es ist auch vielleicht besser, daß Sie es rechtzeitig erfahren, dann wissm Sie, woran Sie sind."

„Ich fürchte mich nicht", erwiderte Werner, „und hier ist meine Antwort." Er ergriff ihre Hände und preßte sie leidenschaftlich an seine Lippen.

Käthe erglühte.

„Glauben Sie aber nicht auch. Herr Rauenberg", sagte sie. ihm ihre Hände entziehend. „daß Menschm. die sonst gut sind, einander recht unglücklich machm können, wenn sie in ihrm Anschauungen. ihrm LebmSforderun- gm nicht übereinktimmen, vielleicht ganz auseinander-' gehm?"

„Ich bin der Ansicht, daß wirklich gute Mmschm in allen Verhältnissen glücklich werden und glücklich machm konnm. wmn sie nur den emstm Willen dazu mit- brinqen". erwiderte Werner fest. „Die erste Bedingung ist. sich ineinander fügen und zu rechter Zeit nachgebm."

„Ist das aber Glück? Ter nachgebende Teil wenig­stens ist nicht glücklich, wenn er seinen Neigungen so ganz zuwiderhandeln soll. Die Idee der Selbstverlmgnung ist schön als Idee, sie ist aber immerhin nur ein Kreuz- tragm."

„Wie soll ich es aber ansangen, daß Sie mich kmnm IcmOT?" fragte Werner mit trübem Lächeln. „Mein llrlaub geht in wenigen Tagm zu Ende. Morgen reise ich von hier ab. So ist denn jede Hoffnung für mich verlorm?" (Fortsetzung folgt.)

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