Einzelbild herunterladen
 

si. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausaaden. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. SU Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

19,000 Abonnenten.

Anzeigen-PreiSr

Die einspaltige Pctitzeilc für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Arteigen 25 Pfg.-' Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg-, für auswärts 1 Mk.

Anzeigen-Annahme

für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-AuSaabe bis 8 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später emgereichtcr Anzeigen zur nächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewahr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. __

Wo. 130.

Berlags-Fernsprccher Ro. 2953.

Mittwoch» den 18. Marz. N°. 52.

1903.

Abend-Ausgabe.

StaLtuerjüngung.

Mit dem Wort „Stadtverjüngrmg" bezeichnet vr. st v. Mangoldt in einem Reformprogramm für die Woh- nungs- und Ansiedelungsfrage, das er soeben im „Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik" veröffentlicht. j,; n Bestreben, welches darauf hinausläuft, nicht mrr die Bevölkerung unserer düsteren Altstädte an die Peripherie tzer Stadtgrenze anzusiedeln, sondern welches auch den Verwaltungen es ans Herz legen möchte, allerhand An­stalten. die sich heute noch meist im Innern der Städte befinden. nach den Außenbezirken zu verlegen. Die Aus­führung dieser Pläne erleichtern vor allem die Einge­meindungen, die unsere Großstädte im Laufe der letzten c^ahre vielfach vorgenommen haben und wodurch sie ihr Perwaltungsgebiet weit in die ländliche Umgebung hinein vorgeschoben haben. Hier gilt cs nun, durch eine weit­ausschauende Bodenpolitik seitens der Stadtgemcinde Bauland zu sichern. Bauordnung und Bebauungsplan so fcstzulegen, daß eine weiträumige mit vielen Gärten und Cärtchen durchsetzte Wohnanlage entstehen könnte. Die Gemeinde müsse bei Zeiten große Bauländereien hier er­werben und die aufzuschließenden Terrains sobald als tunlich in gute Verbindung mit dem Stadtinnern durch Straßenbahnen zu bringen suchen. Das Bauland sollte von der Gemeinde oder vom Staate, der ja innerhalb dieser Gelände heute schon öfters Grundbesitzer ist. ver­mittels Erbbaurecht oder ähnlicher Nonnen an bau­lustige Private unter spekulationsvorbeugenden Be, dingungen ausgetan werden.

Da diese Viertel auch der unbemittelten Bevölkerung zur Ansiedelung dienen sollen, feien allerhand Vorkeh- ruitgett hier zu treffen, wie Volkslesehallen und -Büche- rcieir, Volksbäder, vielleicht auch Filial-Gemeindeh Luser mit Krippen. Kleinkinderschulen, Versammlungssälcn. Anlage von kleinen Mietgärten (sogenannten Schreber­gärten) auf Gemeindeland tväre im Interesse derjenigen Leute zu befürworten, die. in Mietskasernen wohnend, des Hausgärtchens entbehren. Slbgesehen von Schulen, die ja naturgemäß in nächster Nachbarschaft der Schul­jugend errichtet tverdeu. sollten aber auch andere In­stitute und Heime, z. B. für Alte, Gebrechliche, Blinde. Taubstumme. Krüppel, auch Spezialschulen. Seminare w. dahin verlegt werden. Man könnte auch daran denken. Keinindustrie-Anlagen hier auf Gemeindekosten zu er­richten. in denen die motorische Kraft in Form von elektrischem Strom den Gewerbetreibenden zur Ver­fügung gestellt würde. Die Großindustrie ist im Inter­esse der Stadtverjünqung noch weiter an die Peripherie hinaus zu locken. Auch für das Militär, welches heute mitunter noch, wie z. B. in Berlin, inmitten der Stadt

liegt, sollte die Heeresverwaltung die Kasernen in den Außenbezirken errichten. ,

■ Gar manche Städte suchen schön wesentliche Punkte dieses „Derjüngungs"-Programms zu erfüllen. Betreffs der Bodenpolitik und der Förderung des Kleinwohnungs­baues sind einzelne rheinische Orte und Frankfurt a. M. zu nennen, betreffs der „Dezentralisierung" der An­stalten vor allem Dresden, wo das Militär schon sert Jahren in der auf altem fiskalischem Waldland erbauten „Kasernopolis". weitab vom Stadtkern, konzentriert stk und die Fabriken auf besondere Viertel angewiesen sind. Auch die Wohlfahrtsanstalten haben hier Staat und Stadt seit langen Jahren an die Peripherie zu legen sich angelegen sein lassen. Freilich sind manche, wie die Blinden- und Taubstummenschulen allmählich umgebaut worden, aber die vielen Anstalten, die.die Gemeinde und Vereine in den sogenannten LößnitzMäkfern errichtet haben, zeigen, daß, in Erwägung mannigfacher Um­stände. schon einer Dezentralisation und nnt ihr emer Verjüngung des Stadtkerns vorgearbeitet worden ist.

Daß die Flucht der Wohnbevölkerung in die Vororte und Außenbezirke fast in allen Großstädten in vollem Gange ist. beweisen die Ergebnisse der letzten Volks- zählung. Diese Bewegung, welche die B'ldung einer „City'st d. h. eines reinen Geschäfts- und Verwaltungs- kcrns im Zentrum, eines breiten Wohnkranzes um die Peripherie derselben und von Jndustriekolonieen mit ihrer unvermeidlichen Rußentwickelung an besonders für den Bahnverkehr begünstigten Stellen schafft, ist bereits in vollem Gange; es kommt nur darauf an. dieselbe durch gesetzliche und ortsstatutarische Normen in Bahnen zu lenken, die in erster Linie dem Gemeinwohl dienen. Eine Zeit der ruhenden Bodenspekulation und der bedächtigen gewerblichen Entwickelung scheint zur Anbahnung der­artiger Reformen geeigneter zu sein, als die Probe unge­stümen Aufschwungs. P- s.

Die Greuel im jtonpptnat

Großes Aufsehen erregt in England ein Buch von Kapitän Guy B u r r o w s . das soeben unter dem Titel: „The Curse of Central Africa" erschienen ist. Die Literatur, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf die am Kongo geübten Methoden lenken will, wächst zusehends. Auf die Klagen E. D. Morels in seinem Werk über West- asrika folgte die ironisch so betitelte „Civilifation im Kongoland" von Fox Bourne. und jetzt erscheint Kapitän Guy Burrows mit seinem Band -Der (Fluch Zentral­afrikas" auf dem Plan. Burrows ist Engländer, ein früherer Beamter des Kongostaates, der einen Bezirk zu­gegebenermaßen mit Takt und Erfolg verwaltet hat: jetzt liegt er allerdings im Streit mit den Behörden des Staates, die einige seiner Behauptungen bestreiten. Burrows ist nicht der einzige Verfasser des Buches. dessen

Text von Mr. I. G. Leigh herausgegeben worden ist.

Dieser sagt in einer längeren Einleitung, „daß er mit Wissen Burrows Auslassungen und Abschwächungen vor­genommen hat. weil das Werk für die allgemeine Ver­breitung bestimmt war. Tie ernsten Anklagen sind jedoch durch eine Masse imbestreitbaren Beweismaterials ge­rechtfertigt, das jeden Augenblick vorgezeigt werden kann." Die folgenden Stellen sind dem Vorwort ent­nommen. „Am 7. Oktober 1895 behielt Lothaire, der damals eine Expedition gegen die empörten Batatelas befehligte, in Lusuna 400 Männer. Frauen und Kinder, die sich unter seinen Schutz stellen wollten, in Hast. Davon wurden vier Häuptlinge und 26 Männer ausgewählt und ungesetzlich ermordet. Zwei Häuptlinge wurden so grau- sam teuflisch gernartert, daß es kaum glaublich erscheint, daß eines Weißen Hirn derartiges ausgedacht hat. An einem Querbalken, der gegen drei senkrecht im Boden stehende Pfähle geschlagen war. wurden die elenden Opfer mit Stricken am Hals, in der Mitte und an den Füßen befestigt. Dann zog ein Doktor in Anwesenheit Lcthaires und der anderen Europäer die Skalpe der ge­marterten. Männer ab. Sein schwarzer Gehülfe be­lustigte auf Befehl des Doktors die weißen Zuschauer dadurch, daß er die Schienbeine durch sägte un d den Opfern Nasen und Ohren abschnitt. Dies Verfahren dauerte etwa eine Stunde, dann wurden die Unglück­lichen abgeschnitten, der Gnade von Lothaires Soldaten überwiesen und in den Busch geworfen." Ein zweiter andersartiger Fall wird folgendermaßen berichtet: „Am 28. August 1895 wurden in Stanley Falls zwei Männer kurz vor der Station wegen des Verdachts des Kanni­balismus verhaftet. . Ein Leichnam, ohne jede Spur von Gewalttätigkeiten war im Busch gefunden worden. Darauf befahl der belgische Beamte, daß die Gefangenen in Ketten gelegt und ein von demLeichnam abgeschnittenes Bein um "jedes Hannes Hals gebunden wurde. Dann wurden die Leute ohne Wasser und Nahrung inmitten dev Station den Strahlen der Sonne ausgesetzt." Photo- graphieen bezeugeir diese Schandtat, ebenso wie die zu­erst erzählte.

Bemerkenswert sind besonders auch folgende Aus­führungen: „Es wäre nicht richttg, die Annahme zuzu­lassen, daß die Aufmerksamkeit der Behörden auf die Mißhandlung der Eingeborenen und die schlechte Ver­waltring der Beamten nicht gelenkt wäre. An bie Haupt­quartiere wahrscheinlich jedes Bezirkes des Freistaates ist zu verschiedenen Zeiten dokumentarisches Beweis- material, das von verantwortlichen und gewissenhaften Beamten bezeugt ist. gesandt worden, und zwar von Er­eignissen, die keine Regierung unbemerkt vorübergehen lassen könnte. In einigen Fällen 'folgte darauf eine Untersuchung und manchmal die Bestrafung kleiner Misse­täter; aber in der Regel haben die ehrlichen Beamten, die es für ihre Pilickt hielten, ihre unmittelbaren Vor­gesetzten oder die Behörden in Boma von den Missetaten

Der Preis ist Magdeburg!

Roman von Max Dorning.

(1. Fortsetzung.)

„Du wirst mich nicht zur Lüge zwingen wollen, lieber Vater!" hatte Ernst gesagt. „Mein Herz ist drüben cm anderen Lager!"

„Das weiß ich längst!" grollte der Vater. „Und ich bereue meine Kurzsichtigkeit, mit der ich Dich an den Herd alles Unheils, nach Berlin, habe ziehen lassen! Glaubst du wirklich, daß jenem Staate, an denr dir hängst, eine Auferstehung beschieden ist?"

„Ich glaube es bestimmt", erwiderte der Sohn und jeme Augen blitzten.

„Dir irrst! Der Mann da oben" — dabei wies Fahrenbach auf das Bfld des Kaisers _ über seinem Schreibtisch —, „gegen den Ihr Euch in kleinlichen Conspirationen und Zettelungen ergeht, ist Euch zu groß! Laß das Alte vergangen sein, mein Sohn!"

„Das will ich, Vater! Alles Alte soll vergangen sein, aber das Neue, das da kommen wird, ist ein Anderes, als du es träumst! Neues Leben im alten Preußen — das ist's, was ich meine!"

Oft hatten die Beiden so miteinander gesprochen. Aber sie Beide fühlten und wußten es: es kam bei solchen Unterredungen nichts heraus, sie konnten Beide der eine den anderen nicht in seinen Anschauungen be­irren und erschüttern.

Und noch ein Zweites fühlte der Vater: daß nämlich die Denkweise seines Sohnes kein Geheimnis war und daß dieser sich von Tag zu Tag mehr bloßstellte. Die französischen Offiziere und die westfälischen ' Beamten hatten scharfe Augen und Ohren, und wenn sie auch dem Vater allgemein wohlwollten, so war immerhin ein mehr oder minder heftiges Zusammentreffen mit dem Sohne möglich, dessen Ausgang dann ganz unbe­rechenbar sein mußte. Dem wollte aber Herr Friedrich Wilhelm zuvorkommen: so weit ging seine Begeisterung für den Kaiser doch nicht, daß er nichts dazu getan hätte.

seinen einzigen Sohn vor Prozeß. Urteil und Füsilade, womit man sehr schnell bei der Hand war. zu schützen.

So sandte er denn Ernst aus eine größere Reise. Dieselbe sollte durch die Rheinbundstaaten und Frank­reich gehen, und der Vater hoffte, daß Ernst in diesen Ländern, wo die Sympathieen für den Kaiser oberrauf waren, in seiner Abneigrmg gegen diesen voerde er­schüttert werden.

Aber das Gegenteil geschah.

Statt des unruhigen, beweglichen Jünglings, der im Sommer 1808 in die Welt gezogen war. kehrte im März 1809 ein ernster, ruhiger Mann zurück, dessen Gesinnungen sich gefestigt, dessen Denk- und Anschau­ungsweise sich geklärt und geläutert hatten.

' „Da ist einer, der genau weiß, was er will!" so hatte sich Herr Friedrich Wilhelm gesagt, als er den Heimgekehrten umarmte.

Und in der Tat. schon wenige Tage danach sollte der Vater erfahren, was der Sohn wollte.

„Ich möchte einige Worte mit dir sprechen, lieber Vater!" sagte er. als er in das Arbeitszimmer des alten Herrn trat.

„Du weißt, mein Sohn, daß ich stets zu deiner Ver­fügung stehe! Bedarfst du etwa Geld, um dir das schöne Reitpferd zu kaufen, von dem du mir gestern erzähltest?"

Ernst schüttelte den Kopf.

„Vielen Tank für deine Güte, lieber Vater! Aber deshalb kam ich nicht!"

„Weshalb denn? Sprich!"

Der Sohn schwieg einen Augenblick, che er fortfuhr:

„Du weißt, lieber Vater, daß der Krieg zwischen Österreich und Frankreich vor der Tür steht-"

Herr Friedrich Wilhelm neigte das graue Haupt.

„Ich weiß! Man hat von 1805 noch nicht Schläge genug! Gut. wenn wir also mehr bekommen!"

„Wie dem auch sei. lieber Vater, und was auch die Zukunft bringe, ob Sieg oder Niederlage; ich möchte um deine Zustimmung bitten, in die österreichische Armee einzutreten!"

Herr Friedrich Wilhelm blieb ruhig und kühl, wie immer. Aber er mußte doch wohl erregt sein, denn er erhob sich schnell aus dem Sessel, in dem er bisher ge­sessen. sah- seinen Sohn einen Augenblck durchdringend an und entgegnete dann nnt seiner klaren, festen Stimme:

„Nein! Diese Zustimmung werde ich nicht geben!"

„Vater!"

„Gäbe ich dir diese Zusttmmung. so würde ich mich des Hochverrats gegen meinen Landesherru schuldig machen, und du wirst von mir nicht erwarten, daß ich um einer -— sagen wir einmal — törichten Illusion willen zum Verbrecher werde!"

„Ter Losb-ruch Österreichs dient hohen, heiligen Interessen, Vater!"

Herr Friedrich Wilhelm lächelte spöttisch.

„Die man in der Donau ersäufen wird, wenn der Feind vor Wien steht! Genau wie 1805! Hals über Kopf machte man Frieden, als der Schlag von Austerlitz gefallen war! So wirds auch diesmal gehen: Alles wiederholt sich uns im Leben, und die lächerlichen Komödieen zu allermeist! Genug davon! Hat dir das Reitpferd gestern gefallen?"

„Du willst mich nicht hören, mein Vater! Du willst mich durch Beweise deiner Liebe von meinen Plänen abwendig machen! Du wirst keinen Erfolg damit haben! Laß mich, laß mich ziehen! Vater!"

Und in überwallendem- Gefühl sank Ernst vor dem Vater nieder und ergriff seine Hand.

„Steh auf!" entgegnete der alte Herr ernst. „Ta ist nicht dein Platz! Ich habe dir meine Entscheidung mitgeteilt und du weißt, daß ich an meinen Entscheidungen nichts zu ändern pflege!"

„Und-" schwer, mühsam drängten sich die Worte

über des Sohnes Lippen — „und-wenn-

ich diesmal-deiner Entscheidung nicht nach-käme,

mein Vater? Nicht Nachkommen könnte?"

Herr Friedrich Wilhelm blätterte in den Papieren auf seinem Schreibtisch.

„Ich verstehe dich nicht recht!" sprach er kühl.