WikMener Ts
Kl. Jahrgang.
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N-. 127.
«erlagS^ernsprecher No. 2953.
Dienstag» den 17. März.
Nedaktions-Fernsprechrr No. 52.
1903.
IHorgen-flusgabe.
Die Wcklrehr Mr. Charnberlmns.
Unser Londoner u-Korrespondent schreibt unter dem 14. März: Englands Kraftmensch, wie Mr. Cham- berlain oft genannt wird, trifft heute von seiner südafrikanischen Reise in Southampton ein. (Über sein Eintreffen haben wir bereits berichtet. D. R.) Seit einer ^raumen Weile bereits beschäftigten sich seine Bewun- deirer damit, ihm einen großen Empfang zu bereiten, der sich voraussichtlich auf Tage, ja vielleicht Wochen aus- dähnw wird, wenn Mr. Chamberlain den verschiedenen Mdtischen Behörden, Korporationen, politischen Klubs mrd Vereinen, die alle ihn zu ehren wünschen, durch dankendes Ablehnen nicht ungeheuere Enttäuschung bereiten und seiner Popularität Abbruch tim will. Allent- haftcn versteht man es jedoch anscheinend nicht, den großen Mann gebührend zu würdigen, denn der Berichterstatter der „Times" in Southampton schrieb seinem Matte heute in moralisch entrüstetem Tone, daß, wenn Southampton auch bereit wäre, den Helden des Tages hei seiner Rückkehr zu begrüßen, so machte sich doch bisher keine Spur fieberhafter Erregung unter den Bürgern jener Hafenstadt bemerklich. Weshalb solche herrschen sollte, und in welcher Weise die Bevölkerung sie zum Ausdruck bringen könnte, ohne der Trunkenheit oder der Tollwut verdächtigt, mit der Polizei in Konflikt zu kommen, teilt uns jener Korrespondent leider nicht mit. Er erzählt aber, daß, abgesehen von einigen lumpigen Naggen, die hier und da herausgesteckt worden wären, nichts das kommende große Ereignis andeutete. Sout- hempton ist aber nachgerade vielleicht etwas blasiert geworden, denn es hat bereits gar zu viele Freuden gekostet, da es alle die südafrikanischen Helden immer zu empfangen hatte. Es zeichnete sich bei diesen Gelegenheiten stets durch eine höchst bemerkenswerte Unparteilichkeit aus und begrüßte z. B. gleich stürmisch Lord Roberts und Sir Redvers Buller, welch ersterer etwa iy 2 Jahre vor dem Friedensschluß das Ende des Krieges anzumelden kam. während letzterer mit schwer geschädigtem militärischem Ruf nur heimgesandt wurde, um den Sündenbock zu spielen. Begeisterte Bewunderer fanden sich für alle ein, ja selbst für den Unbedeutendsten unter den Burenführern, und so ist es nur selbstverständlich, daß wir morgen Wunderdinge über den Empfang lesen werden, den man dem Kolonialminister bereitete. Dieser wird jedoch sehr bald die Wahrnehmung machen, daß der Stern seiner Partei, und daher auch der seine, im Sinken begriffen ist, und daß, während es zwar noch immer viele gibt, die seine Redegewandtheit, sowie seine Fähigkeit
bewundern, sich selbst in die schwierigste Situation in einem Augenblick zu finden, die Zahl derer jedoch von Tag zu Tag gewaltig anschwillt, die, wie Lord Carrington soeben in Nottingham sagte, über seine Umsicht und Polstik die Köpfe schütteln, die England in einen Krieg perwickelte, der 250 000 000 Pfd. Sterl. und 120 000 Mann kostete. Über das, was Mr. Chamberlain in Südafrika ausgerichtet, wissen wir nur das, was er uns wissen lassen mochte, denn es wurde indirekt wieder einmal eine Zensur ausgeübt, die lebhaft an die Kriegszeitcn erinnerte. Als ganz besonderes Verdienst rechnete man es chm an, daß er es verstand, die Minenmagnaten für einen freiwilligen Beitrag des Transvaal von 30 000 000 Pfd. Sterl. zu den' Kriegskosten zu gewinnen, und doch munkelt man, daß jene Summe nur der Preis für die Eröffnung gewisser Landesteils war, in welchen die englische Regierung nach dem Kriege die Anwerbung von eingeborenen Arbeitern für die Goldminen verboten hatte. Mr. Chamberlain ist daheim unter anderem ungemein bewundert worden, weil er den Forderungen der Buren, die auf eine Modifikation des Friedensvertrages hinausliefen, energischen Widerstand entgegensetzte, und selbst im Auslande hat man ihn ob des Schlußaktes ungemein gepriesen, der sich in der Kapkolonie abspielte, wo er einen glühenden Appell an die christlichen Bürgertugenden der sich daselbst arg befeindenden Parteien richtete. Seine Freunde sagen nun, er hätte in Südafrika den Grundstein für einen dauernden Frieden gelegt, indes seine Gegner wissen wollen, daß er an den noch rauchenden Trümmerhaufen daselbst Feuerlöschversuche anstellte, deren Erfolg ein scheinbarer, aber kein wirklicher gewesen wäre, so daß die Flammen jeden Augenblick wieder auflodern könnten.
Die teure ptrtfWt int „Weißen Anse".
Präsident Theodore Roosevelt trägt zwar, wie die staunende Mitwelt jüngst erfuhr, geflickte Hosen: nichtsdestoweniger finden die Amerikaner neuerdings, daß ihr Präsident im „Weißen Hause" zu teuer wirtschaftet. Die ungewöhnlichen Ausgaben, die der Präsident beim Repräsentieren im „Weißen Hause" gemacht hat, werden viel erörtert und haben sogar den Anlaß zu einer lebhaften Debatte im Kongreß gegeben. Unter den Ausgaben Roosevelts im vorigen Jahre finden sich folgende Posten: Veränderungen und Anschaffungen im Weißen Hause 2 000 000 Mk.: laufende Ausgaben 240 000 Mk.: Gehalt des Präsidenten 200 000 Mk. Zusammen 2 440 000 Mark. Ein Brief von Colonel Theodore A. Bingham, der seit vielen Jahren Obcraufseher der öffentlichen Gebäude und Ländereien, das „Weiße Haus" eingefchlossen, ist, hat besonders die Aufmerksamkeit auf diese Tatsache gelenkt, und Roosevelt, der sich darüber ärgerte, hat Bingham sofort seines Postens enthoben. Die Erhaltung
des Weißen Hauses hat früher nur 100 000 Mk. gekostet,
und Bingham wollte in dem Brief erklären, warum er dieses Jahr 240 000 Mk. fordert. „Die letzten Veränderungen im Weißen Hause", schrieb er, „machen die Erhaltung viel kostspieliger. Wenn z. B. die silbernen Türgriffe und Wappen, die verschiedenen Glasknöpse, die silbernen und goldenen Türangeln rc. repariert oder erneuert werden müssen, so ist das viel teurer als früher. Die Fußboden aus hartem Holz und Fliesen im ganzen Hause erfordern mehr Arbeit, um in Ordnung gehalten zu werden. Ein Vleiarbeitcr ist erforderlich, um nach allen Blciröhren zu sehen, der Elektriker mutz einen Gehilfen haben, während eines Teils des Jahres müssen drei Leute nach der Heizung sehen, weil sie verwickelter als früher ist. Infolge der großen Familie und der vielen Gäste, die der Präsident bewirtet, wird mehr Wäsche gebraucht. Da das Gewächshaus des alten Hauses abgcschasft ist, müssen Gewächse und Blumen zur Ausschmückung des Hauses bei den vielen Gesellschaften von den eine Meile entfernten Gärten geholt oder gekauft werden, was natürlich viel Arbeit macht und mehr kostet." Binghams Schwierigkeiten begannen, als endgültig entschieden war, das Weiße Haus zu vergrößern, und als Roosevelt einen Civil-Architekten mit dem Entwurf der Pläne beauftragte. Die Riesensumme von 2 000 000 Mk. wurde ausgegeben, und der Architekt erhielt je nach der Art der Arbeit 5 bis 10 Prozent Provision. Es wurden vollkommen neue Bureaus für die Behörden eingerichtet und das Innere des Weißen Hauses so geändert, daß e8 eine „passende Wohnung für eine Familie der guten Gesellschaft nach heutigen Begriffen" wurde. Infolge der Veränderungen kann die Familie des Präsidenten bequem wohnen, und er kann seine offiziellen Pflichten von dem Familienleben getrennt halten. Während früher alle Kosten des Lebens im Weißen Hause, Eßwaren und Getränke ausgenommen, 100 000 bis 140 000 Mk. betrugen, ist infolge der Veränderungen, und weil Präsident Roosevelt viel mehr Leute empfängt, der Betrag auf 240 000 Mark gestiegen. Seit vielen Jahren ist Roosevelt der erste Präsident, der eine große Heranwachsende Familie hat. Außerdem hat er mehr Verbindungen mit der vornehmen und europäischen Gesellschaft, was feine Ausgaben natürlich erhöht hat. Seine Staatsdiners waren sehr fein und reichten, nach der Meinung vieler Diplomaten, an die eines kleineren europäischen Hofes heran. Der oben erwähnte Brief Binghams war an den Kom- missionsvorsitzendeu, Mr. Cannon, gerichtet, der anfragte, weshalb in diesem Jahre für die laufenden Ausgaben 240 000 Mk. verlangt wurden: aber trotz feiner guten Absicht hat er sowohl den Präsidenten, wie seine Gemahlin beleidigt, die es besonders taktlos fanden, daß er ihre größere Geselligkeit, die viele Wäsche, die elektrischen Schüsselwärmer und gläsernen Türgriffe erwähnte. Daß Aufhebens davon gemacht wird, ist umso ärgerlicher, weil
Feuilleton.
Me der Mensch all wird.
Von Or. med. Th. Hövel«.
Der Mensch wird alt äußerlich, wie innerlich. Die äußere Veränderung des Körpers wird bedingt durch die innerlichen Umwälzungen. Diese innerlichen Veränderungen beginnen normal erst bei dem fünfzigsten Jahre. Treten sie früher ein, so hat mau es mit einem vorzeitigen Altwerden zu tun. Es ist leider nicht immer die Schuld des Betreffenden, wenn er vorzeittg alt wird. Viele verschulden zwar ihr frühes Alter durch ihre Lebensweise, aber manche werden auch vorzeitig alt, weil sie Krankheiten und Leiden von ihren Vorfahren geerbt haben, und die Neigung früh zu altern, ist schwer zu beseitigen. Zu den unangenehmsten und gefährlichsten Leiden dieser Art gehört vor allen anderen die Verkalkung der Arterien, wissenschaftlich Arteriosklerose genannt.
Es liegt auf der Hand, daß es von den schlimmsten Folgen begleitet sein muß, wenn.sich die Arterien, also die Schlag- oder Pulsader, welche das Blut durch den ganzen Organismus zu treiben haben, durch Ablagerungen von Kalksalzen verengen, wenn sie schließlich durch diese Verkalkung sogar brüchig werben.
Es gibt wohl keinen einzigen Menschen, der im höheren Alter von der Arterisklerose ganz verschont bleibt, aber die Krankheit kann so gelinde auftreten, daß der Betreffende sie garnicht merkt. Solche Greise bleiben bis in das höchste Alter jugendfrisch, d. h., der ganze Organismus, vom Kopf bis zu den Füßen, bleibt leistungsfähig. Diese bevorzugten Greise arbeiten geistig beinahe bis zu ihrem Tode, ihre körperliche Beweglichkeit bleibt beneidenswert jugendlich.
Ganz anders ist aber das Bild bei starker Verkalkung der Arterien: da schwindet die Beweglichkeit, die Elastizität der Gliedmaßen sehr früh, da stellt sich vorzeitig Gedächtnisschwäche und geistige Erschlaffung ein.
Schwer körperlich Arbeitende haben schon von der Mitte der vierziger Jahre starke Verkalkung der Arte
rien, daher auch zum großen Teil das ausfallend frühe Altern bei den körperlich arbeitenden Klassen.
Auch übermäßiger Alkoholgenuß hegünstigt die Arteriosklerose. Bei Alkoholisier: tritt die Verkalkung oft jäh und massenhaft auf und hat frühzeitigen Tod zur Folge. Es ist unter normalen Umständen nicht leicht, den natürlichen Anfang des Greisenalters festzusetzen, weil dann der Übergang von der Manneskraft zur Gebrechlichkeit des Greises ein sehr langsamer ist.
In der Regel nimmt man an, daß der Eintritt des Greisenalters bei Männern zwischen das 50. und 60., bei Frauen zwischen das 48. und 55. Lebensjahr fällt. Dieses Greiscnalter nennt man das erste: das zweite oder höhere liegt erst hinter dem 70. Lebensjahre.
Wie schützt man sich nun gegen frühzeitiges Altern und namentlich gegen die Arteriosklerose?
Wer sich ein hohes Alter sichern und sich namentlich gegen Arteriosklerose schützen will, der muß in der Jugend schon damit beginnen. Es genügt da nicht, daß man alle grobe Ausschreitungen meidet, da will der Körper noch besonders behandelt sein. Wir müssen uns von Jugend an daran gewöhnen, eine strenge Selbstbeobachtung zu üben, d. h. uns in unseren körperlichen Schwächen kennen zu lernen und darnach unsere Lebensweise einzurichten. Wir müssen so früh wie möglich lernen, unseren Körper richtig zu pflegen. Dieses ist umso wichtiger, als wir alle durch die Kultur nur relativ gesund sind. Ist es doch ein nicht wegzuleugnendes Unglück für die civilifiertcn Menschen, daß sie fast alle mit einer bestimmten Krankheitsanlage geboren werden und in der Regel früher oder später an der im Keim überkommenen und später ausgebildeten Krankheit sterben. Wie selten ist der natürliche Tod, d. h. ein Sterben an Altersschwäche, jenes sanfte Hinüberschlummern in ein besseres Jenseits, ohne vorhergegangene Krankheit.
Um sehr alt werden zu können, ist es notwendig, Krankheiten so viel wie möglich zu verhüten, denn fast alle Personen, die ein besonders hohes Alter erreichen, sind fast nie krank gewesen. Die Hauptregel zur Erreichung eines hohen und gesunden Alters lautet: „Beobachte eine vernünftige Mäßigkeit in allen Dingen und lebe so regelmäßig wie möglich."
In unserer Zeit ist der Sport zur hohen Blüte ge
langt. Das ist ein Glück für unser nervöses Zeitalter, aber man vergesse nie: „Der Radler, der Turner oder Ruberer, welcher seinen Sport übertreibt, verfällt, wie der Arbeiter, der frühzeitigen Arteriosklerose."
Hat man das höhere Greiscnalter glücklich erreicht, so ist dann die Hanptrcgel, jede gewaltsame Änderung der gewohnten Lebensweise zu vermeiden. In höherem Alter ist namentlich das Streben nach Abhärtung und Stärkung sehr gefährlich. Der Greis sei mit dem Grade von Lebenskraft und Gesundheit zufrieden, den er sich aus dem mittleren Lebensalter gerettet hat. Man mutz es lernen, sich in sein Alter zu finden und darf nicht auf Vermehrung der Kräfte, sondern nur auf Erhaltung und ökonomische Benutzung derselben bedacht sein. Ein altes Wort sagt: vinum lac senum, lac vinum infantum. Der Wein sei die Milch des Alters und die Milch der Wein der Jugend. Natürlich werden unsere bierfröhlichen Jünglinge über diesen Weisheitsspruch lächeln, aber im Alter werden sic anders denken, wenn die Salz, ablagerungcn ihnen das Gedächtnis allzu sehr schwächten oder die Gicht ihre Glieder schonungslos quält.
Was die Nahrung im höheren Alter betrifft, so mutz dieselbe zwar nahrhaft, aber leicht verdaulich sein. Alles Feste mutz bei mangelhaften Zähnen sehr klein geschnitten werden, sonst gibt es Magenbcschwerden und -Schmerzen. Es sterben eine Menge Greise weit früher als notwendig, bloß weil sie zu viel essen. Alte Leute haben einen schwachen Stoffwechsel und das Blut rollt nur langsam noch durch die Adern, da braucht es keiner Mahlzeiten mehr wie im mittleren Alter. Jede Unmätzigkeit im hohen Alter kann plötzlichen Tod hcrbeiführen, wenn Arteriosklerose vorliegt, und zwar Tod durch den Schlag- flnß. Ob jemand zum Schlagfluß neigt, läßt sich am besten an den Schläfenpulsadcrn erkennen, wenn diese nämlich hart und starr sind.
Die Selbsterkenntnis seiner Konstitution ist für den modernen Menschen von höchster Wichtigkeit. Deshalb sollte jeder wissen, wovon seine Gesundheit abhängt, wie leicht sie verloren gehen und wie man sich gegen den Verlust schützen kann. Das Leben liebt nur denjenigen, der es selber wahrhaft liebt. Was man aber liebt, das sucht man zu erhalten und nicht durch schnellen oder verkehrten Gebrauch zu verkürzen.
