si. Jahrgang.
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Ko. 128 .
VerlagS-Fernsprecher No. 2988.
Dienstag» den 17. War;.
RedaktionS-FernspreLer No. 82.
1903 .
Abend-Ausgabe.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 16. März.
Auf der Tagesordnung steht zunächst der Vertrag -wischen dem Reiche und Luxemburg wegen Weiterbetriebs -er Wilhelm-Luxemburgbahn durch die Reichs-Eisenbahn- ° rwaltung. Die Genehmigung des Vertrags erfolgt miderspruchslos. — Es folgt die erste Lesung der Novelle . ... Seemannsordnung vom 2. Juni 1902. Die Novelle bezweckt lediglich, eine Vorschrift im 8 52 in Betreff der R-rechnung der Heuer der Leicht-Matrosen in den Fällen,
ein Schiff mehr als zwei Jahre auswärts weilt, zu berichtigen, und zwar dahin zu berichtigen, daß der Leichtmatrose mit Beginn des dritten Jahres die Heuer des Nollmatrosen und vom vierten Jahre ein Fünftel mehr ml Heuer erhält. — Abg. Molkenbu h r (Soz.) hält -z für notwendig, bei dieser Gelegenheit gleich auch noch -wei andere zum mindesten unklare Bestimmungen der Seemannsordnung zu korrigieren, entsprechend den Anträgen, die Redner auch bereits für die zweite Lesung, die gleichfalls schon auf der Tagesordnung steht, eingebracht hat. Er beantragt jedoch, die Vorlage zunächst an eine Kommission zur Vorberatung zu verweisen. — Abg. Kirsch (Zentr.) spricht sich gegen die Kommissionsbe- ratung aus und tritt für die unveränderte Vorlage ein. __ Staatssekretär Posadowsky bemerkt, es sei nur durch einen Druckfehler in das Gesetz htneingekommcn, daß der Leichtmatrose vom zweiten statt vom dritten Jahre die höhere Heuer erhält. An diese einfache Be- X richtigung gleich materielle Änderungen der Seemanns- ordnung zu knüpfen, davor möchte er, der Staatssekretär, dringend warnen. Schließlich stellt Redner noch eine Novelle zur Seemannsordnung in sichere Aussicht. — Schwarz- Lübeck (Soz.) spricht sich im Sinne Molken- buhrs aus und will die Vorlage an die Krankenversicherungs-Kommission verwiesen wissen. — Abg. Semler (nat.-lib.) widerspricht jedem Versuch materieller Änderungen der kaum erst beschlossenen Seemannsordnung. Das Haus solle sich lediglich beschränken auf Korrektur jenes Druckfehlers. — Abg. L e n z m a n n (freis. Volksp.) äußert sich in gleichem Sinne und gibt den Sozialdemokraten zu erwägen, daß doch sogar die Gefahr vorhanden sei, daß durch ihre Mehrforderungen bet der Krankenversicherungs-Novelle auch letztere Vorlage scheitern könne. — Abg. H e r z f e l d (Soz.) polemisiert gegen den Staatssekretär. — Geheimrat v. I o n g u i e r c s erklärt, eine dem Wunsche der Sozialdemokraten entsprechende Novelle zur Seemannsordnung werde erst dann kommen, wenn die Krankenversicherungs-Novelle mit den 26 Wochen zur Tatsache geworden sei. — Damit schließt die erste Lesung. — Der sozialdemokratische Antrag auf Verweisung der Vorlage an eine Kommission wird abgelehnt.
Der Preis ist Magdeburg!
Roman von Max Dorning.
I.
Es war ein unfreundlicher Apriltag des Jahres 1809. Trübe und schwer hing der Himmel auf die alte Stadt Magdeburg nieder und jenes unbeschreibliche Gemisch, das kein Regen mehr und noch kein Schnee ist, strömte in endlosem Gusse aus den Wolken herab und machte die Straßen lind Gassen schlüpfrig und fast ungangbar. Wer nicht aus dem warmen Hause hinaus mußte, ging sicher nicht hinaus, und- Diejenigen, die etwa uin irgend welcher Geschäfte willen sich auf den Straßen sehen ließen, hatten es gar eilig, wieder unter Dachl und Fach zu kommen.
Öde und verlassener als sonst jemals lagen darum heute Gassen und Plätze der lebhaften, reichen Handelsstadt, und kaum irgend welchen anderen Lärm hörten sie heute, als das Rasseln der Trommeln und das Klirren der Gewehre, wenn etwa größere oder kleinere Truppen- abteilungen der französischen Garnison auf die Wachen oder in ihre Kasernen zogen.
So oft aber solche Truppen daherkamen, einzelne gleichgültig und verdrossen, andere aber und die meisten herausfordernd und keck um sich schauend, blieb auch wohl einer oder der andere Bürger stehen, blickte ihnen trotz Schnee, Regen und Kälte nach und murmelte wohl vor sich hin:
„Daß Euch doch der Teufel holte, Euch nichtsnutzige Blutsauger!"
Das aber sagte er säuberlich leise und gab scharf Obacht, daß es Niemand hörte. Aber er sagte es doch.
So trübe und düster, wie es heute auf Straßen und Gassen aussah, war es an diesem Tage auch in dem mächtigen, hochgegiebelten Hause am Breitenweg, in welchem die große Handelsfirma Friedrich Wilhelm Fahrer.bach ihr Heim hatte.
Schweigsam und gedrückt saßen die zahlreichen An gestellten des Geschäfts vor ihren Schreibtischen, vergaßen
— In der zweiten Lesung wird zunächst der die Berichtigung zum 8 62 aussprechende Artikel 1 der Vorlage dcbattelvs angenommen. — Nunmehr befürwortet Abg.
M v l k e n b u h x (Soz.) einen Antrag, im 8 99 statt „drei Monate" zu sagen: „26 Wochen" Krankenunter- stützung. — Ohne weitere Debatte wird dieser Antrag gegen die Stimmen der Sozialdemokraten abgelehnt. Ebenso wird noch ein weiterer sozialistischer Antrag abgelehnt, so daß die Novelle zur Seemannsordnung in unveränderter Fassung angenommen ist. — Es folgen Petitionen. — Eine Petition wegen Abänderung der Gewerbeordnung, betreffend Schank-Konzessionen, wird dem Kommissionsantrag entsprechend der Regierung als Material überwiesen. — Eine Petition, betreffend Haftung der Straßenbahnen für Beschädigungen, beantragt die Kommission der Regierung zur Erwägung zu überweisen. Ein Antrag Meister (Soz.) will Überweisung zur Berücksichtigung. Dieser Antrag gelangt zur Annahme. — Eine fernere Petition, betreffend Haftung der Besitzer von Kraftwagen, Automobilen re. für Sachbeschädigungen, wird ebenfalls der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen. — Eine Anzahl Petitionen bezweckt Erweiterung der gesundheitlichen Schutzbestimmungen für Arbeiterinnen. Die Kommission beantragt teils Überweisung als Material, teils Übergang zur Tagesordnung. Hier gelangt ein Antrag Wattendorf auf Überweisung zur Erwägung statt als Material zur Annahme. — Verschiedene Petitionen vertane en ein Verbot medizinischer Eingriffe an Menschen zu anderen als diagnostischen Heil- und Jmmunisierungszwecken. Die Kommission beantragt Verweisung zur Erwägung. Der Antrag gelangt zur Annahme. — Eine Petition wegen anderweiter Regelung des Verkehrs mit Heilmitteln außerhalb der Apotheken wird der Regierung als Material überwiesen. — Geheimrat F o b o l s k y erklärt hierbei auf eine Anfrage, der weiteren Freigabe von gewissen einfachen Drogen sei noch nicht näher getreten wordeu, da über die vorjährige Verordnung erst noch Erfahrungen abzuwarten seien. Auch die Petition, betreffend die Erweiterung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb, wird als Material überwiesen. Insoweit die Petitionen das Verbot des Nachschubes bei Ausverkäufen fordern, werden dieselben auf Antrag des Abg. Bassermann zur Berücksichtigung überwiesen. Eine lange Reihe weiterer Petitionen wird debattelos nach den Anträgen der Kommission erledigt. — Eine Anzahl Petitionen vom Textilarbeiter-Verband und den christlichen Gewerkschaf- ten in Eupen, hauptsächlich den Wunsch nach Einführung 10-stüudiger Maximal-Arbeitszeit in der Textil-Jndustric enthaltend, beantragt die Kommission teilweise zur Berücksichtigung, teilweise aber nur zur Erwägung zu überweisen. — Ein Antrag Dasbach (Zentr.) will durchweg Überweisung zur Berücksichtigung. Dieser Antrag wird angenommen. — Mittwoch 1 Uhr: Dritte Beratung der Novelle zur Seemannsordnung, daun Fortsetzung der Etatberatung. — Schluß 6 Uhr.
häufig ganz ihre Arbeit und manche von ihnen kauten sinnend und grübelnd an ihren: Gänsekiel herum. Kein Wort wurde laut; Alle hatten offenbar mit ihren Gedanken mehr als genug zu tun, so daß ihnen keine Zeit übrig blieb, dem, was ihnen schwer und dumpf durch Kopf und Herz zog, Worte zu leihen.
Selbst Karl Bauer, der neben dein Amt des ersten Packers und Verladers auch im Nebenamt als erster und stets gern gesehener und gehörter Witzbold des Hauses tätig war, war heute still und stumm und kein einziges geflügeltes Wort entfloh dem Gehege seiner Zähne.
Mit feuchtschimmernden Augen, vergrämt und blaß, wie man es sonst nie an ihr gewöhnt war, ging Fräulein Gertrud, des Herrn Friedrich Wilhelm Fahrenbachs Nichte, die seit dem frühen Tode ihrer Eltern im Hause wohnte, uncher und wagte kaunr Jemanden anzusehcn. Das freundliche „Guten Morgen!" welches sie sonst den Herren im Kontor wünschte, — wie müde und schwer war es heute über die frischen, roten Lippen gekommen, und Otto Walter, der jüngste Lehrling des Hauses, der in Fräulein Gertrud sein Ideal anbetete, hatte vorhin in dem dunipf raunenden Tone eines unheilverkündenden Sehers erzählt, daß er das Fräulein schluchzend und weinend aus ihrem Zimmer habe treten sehen.
Ten Chef und alleinigen Inhaber der Firma, Herrn Friedrich Wilhelm Fahrenbach, aber hatte heute überhaupt noch Niemand zu Gesicht bekommen. Er hielt sich in seinem Arbeitszimmer verschlossen und ließ keinen Menscher:, selbst rricht sein iiber Alles geliebtes Nichtchen, zu sich. Seinem Vertrauten und ersten Angestellten, Herrn Schort, der ihm einige wichtige Eingänge vor- legen wollte, hatte er durch die Tür hindurch zugerufen, er, Schort, möge die Sachen nur nach seinem eigener: Ermessen erledigen.
So etwas aber, daß Herr Friedrich Wilhelm Fahrenbach sich seiner Pflicht und seinen geschäftlichen Obliegenheiteil entzog, war seit Menschengedenken noch nicht vor- gekommen, und Alle waren darum darüber einig, daß
Preußischer Karrdlag.
Abgeordnetenhaus.
Berlin, 16. März
Man streitet sich weiter über die Mädchenbildung, über die höhere Tochter unserer Witzblätter, die das notwendige Produkt unserer heutigen Mädchenschulen sei» und über das Ubermädchen, das die Konservativen und diesmal auch die Freikonservativen für die notwendige Folge von Mädchengymnasien und dergleichen Neuerungen halten. — Abg. Müller-Sagan (freis. Ver.) wendet sich gegen die Ausführung des Abg. Jrmer und die Mädchengymnasien und lobt den Kultusminister, daß er durch die Genehmigung der Realgymnasialklassen in Schöneberg und Charlottenburg den Bedürfnissen der Zeit entgegengekommen. Es werde doch hoffentlich auch eine günstige Rückwirkung auf die Entwicklung des gesamten höheren Müdchenschulwesens eintreten. Redner schildert unter der Unruhe des Hauses die ethische und volkswirtschaftliche Bedeutung einer gediegenen Frauenbildung. Man solle den Frauen alle Gelehrtenberufe eröffnen und die weitere Entwicklung abwartcn. — Die Abgg. Dr. Friedberg (uat.-lib.) und Ernst (freis. Ver.) schlossen sich im wesentlichen den Ausführungen des Abg. Müller an, während die Abgg. V o r st e r (freikons.), Schmitz- Düsseldorf (Zentr.) und Dr. Jrmer (konf.) sich gegen die Konzessionierung der Mädchengymnasien, sowie gegen das Universitätsstndium der Frauen auS- sprachen. - Minister Studt erklärte, die Unterrichts- Verwaltung beabsichtige nicht, volle Mäbchengymnasien zu errichten. Bei den bisher in Schöneberg, Charlotten- bnrg und Köln errichteten Gymnasialkursen für Mädchen handele es sich um einen Versuch. Man könne deshalb nicht sagen, daß die Schulverwaltung den uferlosen Forderungen der Frauenrechtlerinnen eutgegenkommc. — Schließlich wurde die Debatte auf den Abend vertagt.
In der Abendsitzung eutspinnt sich zunächst eine Debatte über die Ausführung des Pfarrerbesoldungsgesetzes und die Unzulänglichkeit der Besoldung der Landpfarrer. — Der Titel, welcher 120 000 Mk. für eine Unterrichtsansstcllung in St. Louis verlangt, wird von dem Abg. .Krawinkel (nat.-lib.) bekämpft unter Hinweis auf die amerikanische Zollpolitik und die Plackereien, denen sie die fremde Einfuhr unterwirft. Die Beschickung einer amerikanischen Weltausstellung werde nur benutzt, um der deutschen Industrie ihre Geheimnisse und Vorzüge abzulanschen. Deutschland dürfe sich nicht wie ein jüdischer Schnorrer behandeln lassen, der erst hinausgeworfen wird und dann hinten hereinkommt, um zu fragen, ob man ihm etwas abkaufen wolle. — Minister Studt weist es ab, die in Frage stehende Sache vom Standpunkte der Zollplackerei zu betrachten. ES handle sich darum, eine Darstellung des preußischen Unterrichtsmesens zu geben, und vom Stande desselben ein erneutes Bild zu erhalte n, sei von Interesse für den
der Stachel tief in der Brust des stolzen Mannes sitzen müsse, lind in der Tat, der Stachel saß tief.
Sein einziger Sohn und Erbe, der vierundzwanzlg- jährige Ernst, war seit gestern Abend, wo er mit seinem Vater itod> eine lebhafte Auseinandersetzung gehabt, spurlos verschwunden und llur in einem Briefe hatte er mit wenigen Worten von Vater und Vaterhaus Abschied genommell.
Spurlos war er verschwunden, und doch wußte ein Jeder, vom Chef des Hauses bis herab zum jüngsten Laufburschen, ganz genau, wohin der Verschwundene sich gewendet.
Ein tiefer Gegellsatz waltete seit Jahren schon zwischen Vater und Sohn. Ter Erste, ein ruhiger, stolzer und verschlossener Mann, der nie mehr sprach, als nötig war, machte keiil Hehl daraus, daß er auch heute noch, wie vor wenigen Jahreil fast alle Deutschen, ein begeisterter Verehrer des großen Welteroberers Napoleon war. Über seinem Schreibtisch hing, von Meistert and gemalt, ein kostbares Gemälde des Kaisers, und die Offiziere der Garnison wußten, daß es für sie kein angenehmeres und aastfreieres Hans in Magdeburg gab, als daS hohe, weite Gebäude an: Breitenweg, und daß Niemand in der Stadt mehr Sympathieen für ihren Kaiser und Feldherrn hatte, als Herr Friedrich Wilhelm Fahrenbach. Von Napoleon allein erwartete er die Gründung einer neuen, lebenskräftigen Welt und Gesellschaft an Stelle der alten, die durch und durch voll Moder und Verwesung keiner Verjüngung mehr fähig war; von dem Genie und dem Alles umfassenden Blicke des Kaisers hoffte er die endliche Wiederherstellung eines gesicherten, fest geregelten Staatslebens, in dem Handel nnd Wandel ruhig ihre Bahnen ziehen könnten, wie es seit den Tagen des alten Fritz schon längst nicht mehr erhört war. Das alte Preußen hielt er, wie zahlreiche Tausende noch, für rettungslos verloren, und den Tag sah er nicht fern, an welchem auch das bei der Katastrophe von Tilsit noch übrig gebliebene Preußen rechts der Elbe aufgehen werde und müsse in dem großen Weltreich, sei es als unmittel- bare Provinz, sei es als Vasallenstaat Frankreichs.
