L» Jahrgang.
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p0. 125. «erlags-Fernfprecher No. AS».
Sonntag» den 15. Marx.
RedaktionS-Fernfprecker No. S2.
1803.
Morgen »Ausgabe.
Politische Uebersrcht.
Der „kleine Kulturkampf", wie man in einer freilich elwaS starken Ausdrucksweise den Trierer Schulstreit genannt hat, ist schneller und glatter erledigt worden, als die Pessimisten annahmen. Ter Reichskanzler und Ministerpräsident Graf Bülow hat mit seiner Ankündigung, daß der Trierer Bischof Korum sein Anathema gegen die staatliche paritätische Töchterschule jj; Trier zurücknehmen werde, recht behalten. Und diese Zurücknahme ist am letzten Sonntag in ebenso feierlicher Fonn erfolgt, wie seiner Zeit die Verkündung des Erlasses. Ein Streit hat sich darüber entspannen, ob der Sieg der Regierung, der an sich ja nicht zu leugnen ist, ein bedingter oder ein unbedingter ist. Bischof Korum hat die Sachlage so dargestellt, daß ihm zwecks Zurücknahme des Erlasses besondere Konzessionen gemacht worden seien. Der Kultusminister Dr. Studt hat aber diese Darstellung im preußischen Abgeordnetenhause ausdrücklich dementiert, indem er die Versicherung abgab, daß dem Bischof Korum über das hinaus, was die Regierung schon vorher im Abgeordnetenhause gum, Trierer Fall erklärt Hatte, keinerlei Zugeständnisse gemacht worden seien. Aber „Abhülfe" bei angeblichen „Mißständen" ist versprochen worden und viele meinen, dies seien sehr wesentliche Zugeständnisse.
In scharfem und erfreulichem Gegensatz zu dem Zusammenstoß zwischen der preußischen Regierung und dem Trierer Bischof stand die Form, in der sich am Mittwoch die E i d e s l e i st u n g des neuen Erzbischofs von Köln, Dr. Fische r, abgespielt hat. Ob cs nun beabsichtigt war oder nicht, so drängt sich doch der Vergleich nüt dem Bischof Korum ganz von selbst aus, wenn man die Rede, des Erzbischofs liest, der den Gehorsam gegen die Obrigkeit und die Treue gegen den Herrscher- als eine Pflicht bezeichnete, die er mit warmem Herzen und mit freudigster Zustimmung leiste. Und nicht minder scheint die Bezugnahme auf das Verhalten des Bischofs Korum hervorzutreten, wenn der Kaiser es als die Aufgabe des Erzbischofs, also des Klerus überhaupt bezeichnete, in den Gemütern der Geistlichen und Gemeinden die Liebe 311m Vaterlande, den Gehorsam gegen die Obrigkeit und die Eintracht tmter den Bewohnern des Landes zu pflegen.
Von einer solchen Eintracht ist zur Zeit in den Verhandlungen des Reichstags nichts zu merken, obwohl es dort nach dem Sprichwort „viele Köpfe, viele Sinne" angesichts der mangelhaften Besetzung des Hauses eigentlich recht friedlich zugehen sollte. Aber diese Friedlichkeit verbot sich in der verflossenen Woche schon ganz von selbst, da die Verhandlungen des Reichs-
tags dem Militäretat galten, welcher -t- der Militarismus steckt eben an — die Gemüter int Reichstage von jeher in kriegerische Stimmung versetzt chat. So ist es denn .auch diesmal bei der Beratung des Militäretats zu sehr lebhaften Debatten und einzelnen recht heftigen Zusammenstößen gekommen, währeitd die Etatsdebatte im Abgeordneten Hause sich in wesentlich friedlicheren Formen abgespielt hat.
In wesentlich friedlicheren Formen hat sich auch die zweite Auflage des Prozesses E x n e r im Vergleich zur ersten Verhandlung abgespielt. Das Gericht hat Exners Straftaten diesmal wesentlich milder betrachtet und ihn vor allem von der Anklage des betrügerischen Bankerotts freigesprochen. Während der raffinierte Herr im ersten Verfahren zu 5 Jahren Zuchchatts verurteilt worden war, ist er diesmal mit der Strafe von 2y 2 Jahren Gefängnis davongekommen, von denen die Hälfte noch dazu auf die Untersuchungshaft angerechnet worden ist. Weniger Glück als Herr Exner hat der geflüchtete Kurpfuscher Nardenkötter gehabt. Sein „Kuraufenthalt" in London ist jäh unterbrochen worden und wir werden den „berühmten" Mann bald wieder den Unseren trennen können.
Etwas ins Gebiet der politischen Kurpfuscherei schlägt die R e f 0 r m a k t i 0 n , deren Einleitung Zar Nikolaus dttrch sein neuestes Manifest angekündet hat. Ter Zar liebt es, von Zeit zu Zeit die Welt durch solche Manifeste zu überraschen, aber der praktische Effekt ist — man denke nur an das bekannte Llbrüstungs- manifest — zumeist sehr gering gewesen. Auch die vom Zar angekündigten Reformen auf dem Gebiet der Verwaltung sind nicht geeignet, einen ernsten Umschwung in Rußland herbeizuführen. ? f n durchgreifende Reformen, an die Einführung verfassungsrechtlicher Zustände in Rußland denkt Zar Nikolaus nicht. Mit der Politik der „kleinen Mittel" wird er aber weder die rückschrittlichen Zustände in Rußland zu beseitigen, noch der immer drohender um sich greifenden revolutionären Bewegung erfolgreich zu begegnen vermögen.
Deutsches Deich.
Das Koalitionsrecht der Eisenbahner, das im preußischen Abgeordnetenyausc bei der Beratung des Eisenbahnetats zur Sprache kam, und das beim Etat des Reichseisenbahnamtcs auch vor das Forum des Reichstags eiticrt wurde, ist zu einer heiß umstrittenen TagcSfrage geworden. In der Debatte wies der Eisenbahnminister es ausdrücklich von der Hand, daß er den Arbeitern das Koalitionsrecht nehmen wolle, stellte sich aber unbedingt auf den Standpunkt, daß jeder Arbeiter den Vertrag, den er mit dem Staate geschlossen habe, innehalten müsse. Breche er diesen Vertrag, so mache er sich eines Treubruches schuldig: Pflicht des Ministers
als eines guten Haushalters aber sei es, allen Ber
einigungen entgegenzutreten, die einen Massentrcubruch, mit dem eine große wirtschaftliche Kalamität zum Nachteil der Gesamtheit verbunden sei, als rechtmäßiges Kampfmittel predigten. Während also der Minister das Koalitionsrecht der Eisenbahner, wenn auch unter bestimmten Bedingungen, anerkennt, haben nunntehr eine Reihe von Stimmen, päpstlicher als der Papst, dieses Recht überhaupt bestritten. Den Beweis hierfür sucht die „Nordd. Allg. Zig." durch Heranziehung des § 182 der preußischen allgemeinen Gewerbeordnung vom 17. Jan. 1845, der den Eisenbahnern das Koalitionsrecht versagt, zu führen. Diese Beweisführung erscheint als verfehlt, denn einmal handelt cs sich in dem fraglichen Paragraphen nicht um ein Koalitions-, sondern ein Streikverbot, dann aber ist vor allem das Gesetz durch die Reichsgewerbeordnung von 1869 in allen seinen Teilen aufgehoben. Diese Auffassung, daß die Reichsgewerbeordnung die analogen Bestimmungen der Einzelstaaten breche, wird auch von den Gerichten geteilt, wie eine kttrzliche Entscheidung des Kammergerichtes in einem Falle, wo der 8 152 der Gewerbeordnung mit dem Hannoverschen Polizeigesetz kollidierte, beweist. Dagegen erscheint eine andere Auffassung, nämlich, daß Arbeiter im Betriebe von Eisenbahnen überhaupt nicht unter die Gewerbeordnung fallen und ihnen ans diesem Grunde der 8 152 nicht zukvmme, berechtigt. Auch der Minister hat ausdrücklich nur den Werkstättenarbeitern, als nicht integrierendem Bestandteil des Betriebes, das Koalitionsrecht zugesprochcn, dagegen nicht denen, die unmittelbar im Betriebe stehen, die also nicht als gewerbliche Arbeiter im Sinne der Gewerbeordnung anzusehen sind. Allerdings wird es schwer sein, immer diese diffizile Unterscheidung mit Erfolg durchzuführen. Als die beste Lösung dieses Dilemmas erscheint der von Profestor Francke in der „Sozialen Praxis" vorgeschlagene Weg, „mehr und mehr die Arbeiter der Staatsbetriebe mit den vollen Rechten der Beamten auszustaffieren." Die Arbeiter erfahren dadtrrch eine materielle Besserung ihrer Lage, die Streiks unnötig machen, sie übernehmen zugleich die Pflichten der Beamten, bei denen kein Zweifel besteht, daß der 8 152 der Gewerbeordnung auf sie keine Anwendung findet. Allerdings scheint die Regierung im Reich wie in Preußen der Verwirklichung dieser Ideen doch noch recht fern zu stehen. 8. r.
Neichsfiskus und Wohnungsfrage.
Die heutige Wohnungsnot, wie sie in allen aufstrebenden Gemeinwesen zu Tage tritt, ist wesentlich eine Begleiterscheinung des industriellen Aufschwunges, denn mit der wachsenden Anhäufung von Menschen, die die industrielle Entwickelung herbeiführt, vermag die Bautätigkeit regelmäßig nicht Schritt zu halten. Die Bevölkerungszahl hat die Tendenz, schneller zu wachsen als die Wohngelegenhcit. Der Grund für diese Erscheinung ist in der Tatsache zu suchen, daß der unsere städti-
FemUeton.
Berliner MminungMlüer.
Von Paul Lindcnberg.
Berlins Anzapfung. - Kleine Ursache«, große Wirkungen. - Präsident D. R. Francis in Berlin. — Das Modell der Deutsch-Tiroler Alpen für St. Louis. — Lilli Lehman«. — Ein interesiautes Debüt.
Als ein „Schnauferl", von dessen Kräftettberschnß man mehr und mehr abzwacken will, bis es ganz hübsch lahm und langsam dahinwackelt nnd sein „töff! töff!" bloß noch wie der Stoßseufzer eines 70-jährigen Asthmatikers ertönt, erscheint uns die S t a d t B e r l i n. In beiden Parlamenten ist man ihr tüchtig zu Leibe gegangen nnd wird nach den theoretischen Erörterungen nun wohl bald direkt die Zwickschraube ansetzen, bis der städtische Säckel gehörig erleichtert wird durch allerhand Zuschüsse zn staatlichen Einrichtungen, die Berlin als Reichshauptstadt zu gute kommen. Man kann sich denken, wie gern regierungsseitig auf solche Vorschläge etnge- gangen wird, aber auch, wie man sich im „Roten Hanse" wappnet, um jedweden Ansturm auf den nervua rerum, die Kasse, siegreich abzuschlagen. Ob's gelingt, ist eine andere Frage. Und die Waffen zu einem energischen Vorgehen gegen die städtischen Gelder liefert die Stadtvertretung ihren Gegnern selbst. Hatte kürzlich der Magistrat empfohlen, den Beitrag für die Sternwarte im Treptower Park hinsichtlich des gemeinnützigen Unternehmens und seiner ungünstigen finanziellen Lage von 6000 auf 8000 Mark zu erhöhen: nein, hieß cs in der Budgetkommission, is nich - ivas braucht Berlin so etwas Privates über Wasser zu halten. Das war selbst unserem Magistrat zu bunt, denn im Protokoll wurde geäußert, „daß die Stadt Berlin im Vergleich zu anderen Städten, die für Theater, Konzertsäle u. s. w. zu sorgen hätten, nicht allzuviel für wissenschaftliche Zwecke leiste". Stimmt auffallend! Und wie verhält sich zu dem Streichen jener 2000 Mark die Tatsache, daß für den Umbau des Rathauskellers, dessen Bier- und Weinstuben durch
aus noch genügen, sofort eine halbe Million Mark be
willigt wurde? Da gibt es doch wohl zunächst Wichtigeres, als derart hohe Opfergaben für Bacchus und Gambrinus!
Mit welch ironischem Lächeln müssen die Amerikaner von solchen Quärgeleien um lumpige 2000 Mark lesen, die, wohlverstanden, einem edlen gemeinnützigen Unternehmen dienen sollen. Und mit welchem Neid hören wir von den großen Summen, die „drüben" wissenschaftlichen Instituten u. s. w. von reichen Leuten zur Verfügung gestellt werden! So ein Mr. Rockefeller, der Olkönig, widmete medizinischen Forschungen bereits 4V 2 Millionen Mark und will den Betrag bis zu 50 Mill. ansdehnen — ach, wir könnten auch so'n Ol gebrauchen, es würde durch indirekte Verwendung, vielen das Dasein verlängern und die Last der Sorgen erleichtern. Übrigens hat Berlin an sich, was das äußere Bild anbelangt, auf einen weitgereisten, einflußreichen Landsmann Mr. Rockefellers, auf D. R. F r a n c i s , den Präsidenten der Weltausstellung in St. Louis, einen außerordentlich günstigen Eindruck gemacht, so kurz auch nur der Aufenthalt des Genannten hier war. Sir Francis ward vom Kaiser empfangen, der über eine Stunde mit ihm plauderte und seinen Sympathieen für Amerika und die geplante Weltausstellung beredte Worte verlieh. Vom persönlichen Wesen des Kaisers, der Art und Weise seines Sichgebens, der die verschiedensten Gebiete berührenden lebhaften Unterhaltung war der Amerikaner völlig hingerissen, immer wieder erzählte er davon beim Diner, das ihm zu Ehren der Staatssekretär v. Richthofen gegeben, und sandte eine Depesche an Adolphus Busch, den deutschen Vorsitzenden der auswärtigen Angelegenheiten der Weltausstellung, nach St. Louis: „Your emperor wonderful man, friendly to America." Aber auch Sir Francis, früher Minister des Innern und Gouverneur des Staates Louisiana, erweckte hier warme Sympathieen durch sein schlicht-männliches Auftreten, seinen weiten Jnteressenkreis, seine umfassende Bildung: man hat das Gefühl, daß d'e wichtigen Fragen der Weltausstellung bei ihm in den besten Händen liegen.
Sir Francis konnte hier das Modell der d e u t s ch - t i r 0 l c r Alpen in Augenschein nehmen, dessen Übertragung in die Wirklichkeit zu den ersten und anmutigsten Sehenswürdigkeiten der erwähnten Weltausstellung zählen wird, wie dies im vergangenen Sommer in Düsseldorf der Fall war, wo das Tiroler Dörfchen mit dem wundervollen Hintergrund der schneebedeckten Alpen die Besucher immer wieder und wieder anzog. Nur daß am Mississippi der Maßstab ein viel größerer sein wird als am Rhein, denn dort wird das Gelände 86 000 Quadratmeter umfassen gegen 8000 Quadratmeter in der frohsinnigen rheinischen Künstlerstadt. Das Modell, das in dem Prachtbau der ausftthrenden Firma B 0 s w a u L Knauer am Viktoria Luise-Platz ausgestellt ist, zeigt uns ans das anschaulichste die reizende Anlage mit all ihren malerischen Einzelheiten: den traulichen Häuschen mit Lauben, Giebeln, Türmen, dem wuchtigen Rathausc, in besten stimmungsvoll ausgeschmücktem Festsaale bequem 2500 Personen bewirtet werden können, der von steilem Vorsprung grüßenden Kapelle, einer am Eingang von den Standbildern Wilhelm Tells und Andreas Hofers flankierten Dorfstraße mit buntem, volkstümlichem Leben und dem vielfach überbrückten, rauschenden Gietzbache, sowie mit dem stattlichen Tiroler Schlößchen, dessen Türme, Zinnen und Spitzen keck in die Lüfte ragen. Hinter diesem Schloß liegt das umfangreiche Panorama-Gebäude, das seinen Besuchern die Zauber der Alpenwelt mittelst elektrischer Bahn, Auf- züge:c. erschließt, während in einer benachbarten Felsengrotte die Rundgemälde der bayerischen Königsschlösser untergebrachi sind. Alles ist künstlerisch-vornehm erdacht, wie bei der Ausführung auch die bewährtesten Kräfte tätig sein werden, um Musterhaftes zu schaffen unter der sicheren Leitung Hermann Knauers, dem Meister des gleichartigen Düsseldorfer Unternehmens. Und so iverden wir auch in dieser Beziehung in St. Louis mit Ehren bestehen, und werden uns einer echt deutschen Schöpfung freuen können, die in engem Bunde Kunst und Natur vereint.
Kunst nnd Natur in vollendetster Weise gab uns Frau Lilli Lehmann, die in Verdis „La Traviata"
