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Up. 123. verlagS-Fernsprecher N». 2953. SnMStag» fettt 14. 1110ff.

NedaktionS-Fernsprechcr No. 52. 1903»

Morgen-Ausgabe.

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Uepilbliimnische Intoleron).

Unser Pariser Korrespondent schreibt unterm 11. März: Außer der religiösen gibt es auch eine politische Unduldsamkeit. Voir der letzteren soll im folgenden ausschließlich gesprockien werden, obgleich die Grenzen dr>r beiden Arten häufig ineinander übergehen. Die politische Intoleranz gewisser republikanischer Parteien „egen andere der Republik gleichfalls ergebene Elemente Mcht sich in Frankreich von Tag zu Tag mehr breit. Kiele Politiker gefallen sich darin, den Begriff dessen, was sie republikanische Orthodoxie nennen und als ihr Alleiniges Eigentum in Anspruch nehmen, immer mehr rinzuschränken. Die Zeit liegt schon weit hinter uns, lt,o es genügte, um ein Republikaner zu sein, die Republik aufrichtig zu lieben und ihr nach besten Kräften zu dieiren. Seit Jahren ist man hierzulande daran gewöhnt, Männer als Reaktionäre und Klerikale behandelt zu sehen, die in den Fußtapfen von Thiers, Gambetta und Epuller geblieben sind, also von Leuten, die wohl als echte Republikaner gelten können. Schon unter dem vorigen Ministerium Waldeck-Rousseau begann die In­toleranz der Republikaner gegeneinander an Ausdehnung zuzunehmen und schon damals war in den Augen vieler der blinde Gehorsam gegenüber dem Regierungspro­gramm die conditio sine qua non, um in den Schoß des alleinseligmachenden Republikanismus ausgenommen zu werden. Unter dem jetzigen Kabinett hat sich die .republikanische Orthodoxie" noch bedeutend verschärft. Acht nur außerhalb des „Blocks" gibt es kein Heil mehr, ondern auch innerhalb desselben sind gestrenge Jngui- itoreu erstanden, die ein Ketzergericht m den eigenen stechen veranstalten wollen. Die Tempelwärter ließen z. B. die Mitglieder der Alliance democratique nur ungern und nur als verdächtige Elemente, auf die man ein wachsames Auge haben müsse, in den „bloc" zu und bedrohten sie kürzlich mit Exkommunikation, wenn sie sich einfallen ließen, bei der Deputiertenwahl im 4. Pariser Arrondissement den ehemaligen Seinepräfekten und Botschafter der Republik Poubelle zu unterstützen. Die Beispiele der politische Unduldsamkeit häuften sich in jüngster Zeit zu sehr, als daß wir sie alle anführen könnten.

Neuerdings geht man noch einen Schritt weiter und legt die Axt an den Stamm. Obwohl es scheinen könrrte, daß der Block zur einzigen Aufgabe hätte, das gegen­wärtige Ministerium zu stützen, entdecken verschiedene Blockbestandteile plötzlich auch reaktionäre Flecken im Kabinett selber. Ein Minister nach dem andern wird don den gnnä links stehenden Splitterrichtern unter die Lupe genommen. Zuerst kam Finanzminister Rouvier an die Reihe, dessen Eigenschaft als gemäßigter Repu- blikaner von jeher den Radikalen und Sozialisten ein Dorn im Auge war, die es nicht Wort haben wollen, daß cs einzig und allein seiner fiiianztechnischcn Geschick­lichkeit au danken ist, wenn das Staatsschiff die Klippe

des Bankerotts wieder einmal glücklich umschiffte. Der Minister des Auswärtigen Telcassd findet ebenfalls keine Gnade und wird rundweg für ein verdächtiges Subjekt erklärt. Um zu wissen, was einzelne Blockleute vom Unterrichtsminister Chaumid halten, genügt cs, einen Blick in die „Lanterne" oder die „Pente Rspublique" zri werfen, wo von ihm beharrptet ivird, daß sein Ideal die Freiheit des klerikalen Unterrichts ist und daß die Päpstlichen, die ihm jetzt Blumen streuen, nach seinem Tode sein Standbild errichten würden. Dem Justiz- minister Balld wird Lauheit inr Kampfe gegen die Ultramoirtanen vorgeworfen und bedeutet, daß der beste Dienst, den er der Republik erweisen könnte, darin be­stände, schleunigst seiner Wege zu gehen. Sogar .Kriegs­minister Andrck ist in Ungnade gefallen, seitdem er bei Gelegenheit einer kürzlichen Interpellation den: Natio­nalismus dadurch entgegenkam., daß er die strengste Mannszucht in der^ Armee für unumgänglich erklärte, was natürlich den Sozialdeinokraten, die ja einen festen Kitt für den Block abzugeben sich einbilden, wenig behagte. Was endlich den Ministerpräsidenten Combes selbst be­trifft, so erinnern sich die Leser, daß er, nachdem er kürzlich religiöse Anwandlungen auf der Rednertribüne der Kammer gezeigt hatte, wenige Tage später gezwungen war, in das materielle Fahrwasser einzulenken, um nicht in Acht und Bann getan zu werden.

Alle diese Angriffe gegen die Minister beweisen, daß wir recht haben, wenn wir behaupten, daß die politische Unduldsamkeit in Frankreich in starkem Wachstum be­griffen ist und baldigst eine dringende Gefahr für die Republik bedeuten wird, da sie, wenn sie zur Regel wird, den Staat direkt dem sozialdemokratischen und revoluüo- näreu Lager in die Hände liefert. Schon jetzt glauben einzelne Parteien die Präzisionswage im Besitz zu haben, auf welcher allein abgewogen werden kann, welche Eigen­schaften für den Titel eines wahren Republikaners pus- schließlich ins Gewicht fallen, und bald wird es soweit kommen, daß kein Mensch sich mehr darüber auskennt, wie weit man sich von der goldenen Mittellinie entfernen muß, um nicht als Reaktionär zu gelten. Es ist gut, daß auch für den Jakobinismus die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Gerade weil das Jakobinertum, das sich täglich mehr Einfluß zu verschaffen weiß, in seinen äußersten Konsequenzen — die Extreme berühren sich auch hier — viel Verwandtschaft mit dem Cäsarismus hat, wird die Stunde bald schlagen, wo die mittleren Schichten der Bevölkerung zur Einsicht kommen, daß das jetzige Treiben innerhalb des Blocks nicht glückver­heißend für die Nation ist.

KMKeMMlnahMverMW im Reg.-Wrke md k\\ Dei Kreisen Wiesbaden Staöt nnd M.

Die amtlichen statistischen Darlegungen, welche an die Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember i9üu an» knüpfen, rechnen bis jetzt noch immer nicht mit den end- gültigen, sondern nur mit den vorläufigen Ergebnissen derselben. Das macht jedoch in Bezug auf deri ihnen innewohnenden Wert nichts aus, da der schließlich« I

Unterschied zwischen beiden Ergebnissen erfahrungs­gemäß nicht so umfangreich ist, daß er an den Schlüssen, die sich auf das letztere gründen, irgend etwas Nermens- wertes ändern könnte.

Tie ortsanwesende Bevölkerung unseres Regierungs­bezirks Wiesbaden stellte sich bei der letzten Volkszählung nach den vorläufigenErmittelungen auf 1 007 241 Köpfe, gegen 006 295 bei der Volkszählung von 1895, mithin eine Zunahme um 100 946 Köpfe oder um 11,14 %. Unter den zusammen 36 preußischen Regierungsbezirken steht der unsrige mit dieser seiner prozentualen Zunahme- zifscr an achter Stelle. Von den hinter uns stehenden 28 Regierungsbezirken haben zwei sogar eine A b nahm« zu verzeichnen, nämlich Königsberg und Gumbinnen, und zwar der Regierungsbezirk Gumbinnen um nicht weniger als 10 676 Köpfe oder 1,33 %. Unser Regie­rungsbezirk Wiesbaden steht daher in dieser Beziehung recht hervorragend da.

Nach Städten, Landgemeinden und Gutsbezirken ge­trennt, verteilt sich die bei der letzten Volkszählung er­mittelte Einwohnerzahl desselben wie folgt:

40 Städte.mit 530 298 ffiimo.

891 Landgemeinden . . . . „ 476 943 „

— Gutsbezirke . . . _. „_—_ „ _

981 Gemeindevcrbände . . . mit 1007 241 (nitro.

Unser Regierungsbezirk gehört zu den 8 unter den zusammen 36 preußischen Regierungsbezirken, welche einen Gutsbezirk nicht aufzuweisen haben, und zu den­jenigen 15 unter 36, die eine Einwohnerzahl von mehr als eine Million umfassen.

Was nun die 18 Kreise anlangt, aus denen sich der Regierungsbezirk Wiesbaden bei der letzten Volkszählung zusammensetzte, so haben sich deren Zunahmeverhältnisse von der vorletzten zur letzten Volkszählung, getrennt für Städte und für ländliche Ort, wie folgt gestaltet:

Städte.

Land.

Überhaupt

Proz.

Pro,-,.

Proz.

Kreis Biedenkopf . .

4"

1,17

+

3,76

_L

3,59

Dillkrcis .......

J-

10,40

+

6,48

4 -

7,83

Oberrvesterwaldkreis .

“f*

8,71

+

1,88

+

2,32

Westerburg .

+

4,37

—

1,11

0,87

Unterwesterwaldkreis .

+

7,85

4-

11,68

+

11,37

Obcrlabnkreis ....

H”

2,15

+

1,69

+

1,60

Limburg .

+

7,98

+

1,36

+

8,02

Unterlahnkreis . . .

-f

0,94

+

1,77

1,53

Et. Goarshausen . .

-j-

13,78

+

0,11

_j_

6,22

Rheingaukreis . . -

4 -

4,97

+

3,98

4-

4,37

L a n d k r. Wiesbad

e n

20,49

+

15,36

17,10

Untertaunuskrcis . .

+

4,53

+

0,45

+

1,10

Usingen .

—

0,50

1,70

1,60

LbertaunuSkreis . . .

+

8,53

+

11,27

+

9,93

Höchst .

+

27,89

+

38,59

+

81,78

Landkreis Frankfurt a.

M.

+

32,82

+

19,92

+

28,02

S t a d t k r. Wi e s b a d

e n

+

16,12

—

+

16,12

Stadtkreis Frankfurt a.

M.

+

17,47

—

+

17,47

Die größte prozentuale Zunahme hatten also aufzu- weisen für die Städte der Landkreis Frankfurt a. M. (32,82), für das Land der Kreis Höchst (33,59) und überhaupt dann wiederum der Kreis Höchst (31,78 %)„ Nicht angenehm berührt das Zurückgehen der Bevölke- rung in den Kreisen Westerburg und Usingen. In Wester­burg, ist nur das Land, in Usingen aber ist sowohl die ilädtische, als die ländliche Bevölkerung zurückgegangen. Allerdings findet sich dort nur eine einzige Stadt, näm-

Feuilleton.

Klopstocks Ruhestätte.

(Zum 14. März.)

Ein Besuch des Ottenser Friedhofs von Arthur Stentzel.

Wenn man, von dem in modernem Stil erbauten Hauptbahnhof im südwestlichen Teil Altonas kommend, den mit Monumentalbauten geschmückten Kaiserplatz überschritten hat und nahe dem Elbstrand am neuen Verwaltungsgebäude die Klopstockstraße betritt, so ge­langt man nach wenigen Schritten zu der altehrwürdigen Ehristianskirche. Das in architektonischer Hinsicht recht einfache Bauwerk aus dem Jahre 1735, das von einem niedrigen Turm überragt wird, entbehrt keineswegs des inneren Schmucks. Seinen Altarraum umgeben vier- hohe gemalte Fenster, ein Geschenk des Ehepaars Johan­nes Vaur, dessen prunkvolle Erbbegräbnisstätte der West­seite der Kirche gegenüber hart an der Klopstockstraße liegt. In dem Gewölbe unter dem Schiff der Kirche be­findet sich u. a. das Cubmannsche Erbbegräbnis, dessen Testator der Kirche eine Stiftung vermacht hat, damit diese die Unterhaltung der Grabstätte für immer besorge und alljährlich am 28. Juli unter Glockengeläut und be­stimmter Feierlichkeit eine Besichtigung der Gruft ver­anstalte, auf der die Worte prangen: „So lange der Wind weht und der Hahn kräht, soll dies Grab nicht geöffnet werden." Hier ruhten auch einst 13 Jahre lang die Ge­beine Karl Wilhelm Ferdinands, Herzogs von Braun­schweig, der, als ältester Sohn des Herzogs Karl und der Prinzeß Charlotte, einer Schwester Friedrichs des Großen, am 9. Oktober 1736 geboren, als Oberkomman­deur der preußischen Heeresmacht in der verhängnis­vollen Schlacht bei Auerstädt am 14. Oktober 1806 tödlich

verwundet wurde, nach Ottensen bei Altona flüchtete und hier am 10. November desselben Jahres starb. Aber bereits im Oktober 1819 wurden seine sterblichen Über­reste nach Braunschweig überführt, wo ihm 1874 eine von Pönniger geschaffene Reiterstatue errichtet ward.

An das Gotteshaus schließt sich rings ein von vielen hohen Bäumen bestandener Friedhof, dem eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten, die auf ihm den ewigen Schlaf gefunden, einen gewissen Nimbus verleiht. Unter all den großen Toten dieser ernsten Stätte der größte ist unser unvergeßlicher Dichter Klopstock, der nun, am 14. März 1903, gerade 100 Jahre in kühler Erde ruht, im Schatten eines mächtigen Baums, der jetzt 99 Jahre alten Klopstock-Lindc. Fürwahr ein herrliches Plätzchen, das der unsterbliche Schöpfer des „Messias" für sich und die Seinigen erworben! — Wenn in lauen Sommertagen ein leises Rauschen durch die weite Blätterkrone der Linde geht und muntere Vögel ihr Liedchen anstimmen, dann ist jnst das rechte Wetter zum Betrachten der geweihten Stätte, deren Monumente in Lapidarschrift eine gar tiefe, unendlich innige Sprache zu uns reden . . . aus längst vergangener Zeit und doch so nachdrucksvoll, so dringend, so zu Herzen gehend, daß man gar bald inne wird: so spricht nur ein großer Mann, ein Genie! Und jetzt zum Gedächtnistagc, der am Sonnabend unter großer Beteiligung der kirchlichen, städtischen und militärischen Behörden Altonas und Hamburgs an Ort und Stelle gefeiert werden wird, dürften den fern von dieser Ruhe­stätte weilenden Freunden des Dichters die schönsten aller Grabschriften Zeugnis ablegen von dem Geist des großen Toten. Drei Denkmäler aus grauem Sandstein mit weißer Marmorfassade schmücken das mit einem schmiede­eisernen Gitter umgebene Epheugrab. Das größte Monument ist Klopstock selbst gesetzt, es trägt eine trau­ernde Frauengcstalt, die auf einer Urne lehnt und in der Rechten ein großes Kreuz hält, darüber eine Garbe

Ähren und an der Spitze ein schwarzes eisernes Kreuz, das Ganze ein Werk des Bildhauers Scheffauer in Stutt. gart aus dem Jahre 1804. Seine Inschrift, in Verfal- Antiqua gehalten, lautet wortgetreu:

8AAT VON GOTT GESAEET AM TAGE DER GARBEN ZU REIFEN.

BEY SEINER META UND BEY SEINEM KINDE RUHET

FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK.

ER WARD GEBOREN D : 2ten JULI 1724 ER STARB D : 14ten MÄRZ 1803. DEUTSCHE NAHET MIT EHRFURCHT UND MIT LIEBE DER HÜLLE EURES GRÖSSTEN DICHTERS NAHET IHR CHRISTEN, MIT WEHMUT UND MIT WONNE DER RUHESTÄTTE DES HEILIGEN SÄNGERS,

DESSEN GESANG, LEBEN UND TOD JESUM CHRISTUM PRIESS.

ER SANG DEN MENSCHEN MENSCHLICH DEN EWIGEN, DEN MITTLER GOTTES UNTER DEM THRONE LIEGT SEIN GROSSER LOHN IHM, EINE GOLDNE HEILIGE SCHALE VOLL CHR1STENTHRÄNEN.

SEINE ZWEITE LIEBENDE UND GELIEBTE GATTIN

JOHANNA ELISABETH SETZTE DIESEN STEIN.

ANBETEND DEN DER FÜR UNS LIEBTE, STARB, BEGRABEN WARD UND AUFERSTAND.

Links von diesem Stein erhebt sich ein zweiter, klei. nercr, ebenfalls in Sandstein und weißem Marmor ge- halten und eine Garbe tragend und gleich seinem Nachbar mit der Front nach der Klopstockstraße gewandt. Er ist des Dichters erster Frau, Margareta (Meta) Möller aus