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Beilage jitm Wiesbadener Tagblatt.

Uo. 123. Morgen-Ausgabe.

Samstag, den 14. Mar§.

61. Jahrgang. 1908,

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Die Probe eines Genusses ist feine ßninnminp. f»

Jean Paul. *

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(2. Fortsetzung.)

Der Mallheser.

Roman von O. v. Kis-Killay.

„Ich muß sehen, wo ich das Boot festmachm kann", sagte Werner. Leine Stimme klang gereßt.

Ohne ein Wort der Erwiderung schlug Käthe die Dichtung nach dem etwa hundert Schritt mtstmtm Walde ein. In den Waldesschatten gelangt, wo sein Auge ihr nicht mehr folgen konnte, blieb sie stehen und holte tief Atem. Sie wußte, jetzt war es nicht mehr zu Venneiden. Er hatte sie in den Armen gehalten, und jetzt war es über ihn gekommen. Was nun tun, was sagen? Er war ihr nicht gleichgiltig, er war ihr sogar sympathisch. Eie kannte ihn aber noch so wenig, er war ja gar nicht ans sich herausgekommen . . . Während ihres zwei­wöchigen Verkehrs hatten sie nur über die gewöhnlichsten Dinge geredet. Vielleicht gingen sie in ihren Anschein- Lagen und Lebensforderungen himmelweit auseinander. Und wenn dann die .Leidenschaft verflogen war — was blieb zurück, um ein langes Leben auszufüllen? .Leiden­schaft? Sie empfand auch nicht die geringste Spur von Leidenschaft, nichts als ein ruhiges, friedliches Wohlge­fallen . . . Und doch wer weiß, vielleicht stieß sie ein großes Glück von sich, das sich ihr nicht zum zweiten Male darbieten würde. Sie wollte es ihn: sagen, sagen wie es ihr ums Herz stand, sie wollte ihn bitten, Geduld zu haben, ihr Zeit zu geben, sich selbst und ihn kennen zu lernen. . .

Da sah sie ihn bereits eilfertig herankonrmen.

„Gnädiges Fräulein!" rief er schon von weitem, „verzeihen Sie. daß ich Sie so lange warten ließ. Ich war aber nahe daran, bei dem Boote Posto zu fassen. Es war nichts da, lvoran ich es hätte befestigen können; kein Baumstumpf, gar nichts. Da habe ich denn endlich die Kette um einen Stein geschlungen. Sie glitt aber immer wieder ab, und da dauerte es eine Weile, bis ich damit ferüg war."

„Wollen Die nicht als Pionier vorangchm?" fragte Käthe, ^welcher bei seinem Anblick der Mut wieder ent- senk. Ich denke, das Rekognoszieren gehört mm einmal zu Ihren militärischen Fertigkeiten."

„Zu Befehl!" antwortete Werner und schritt auf dem kaum gekennzeichneten Pfade voran. „Können Die sich meine Zerstreutheit denken?" sagte er sich umwendend, „da habe ich diesen Ballast hier" — er wieS auf den Plaid, den er auf seinen Schultern zusammengÄegt trug — „sorgfälttg aus dem Boote gehoben und mttge- nommen. Erst jetzt merke ich, daß nicht alles in Richtig- kut ist — nun, zur Strafe werde ich chn den ganzen Weg zu schleppen haben.. Ich erkenne mich alten Methodiker nicht wieder ..."

Der Waldpfad lief an dem Fuße einer felsigen An­höhe hin. Dort mußte der gerühinte Aussichtspunkt sein.

Über moosige Steine und Blöcke hinweg gelangten sie auf den Kamm. Ein langgestreckter Felsrücken, mit grauem Flechtenuwose bedeckt,'in welckMi der Fuß wie in einem lveichen Teppich versank. Ihm gegenüber, durch einen kanalartigen Arm des Sees getrennt, erstreckte sich eine niedrige, mit dunklen: Tannenwal de bewachsene Insel. Die Bäume spiegelten sich im Wasser und ver­liehen ihni eine intensiv grüne Färbung. Rechts schimmerte die große glänzende Wasserfläche, nur in der Fenw von einzelnen Inselgruppen begrenzt. Hier rollte der Saimen seine Wogen, frei, gleich dem lveiteir, offenen Meere. Heute lag er da, still und friedlich, und >ie Sonne spiegelte sich in seinem Schoße.

Käthe imd Werner blickten schweigend auf das wie in einen grünen Rahmen eingeschlossene Bild. Und über allem schwebte funkelnd und strahlend der nordische Sommer in seinem traumhaften Glanze . . .

Ein Rauchwölkchen wurde am Horizonte sichtbar, das mit jeder Minute dunkler lind dichter anschwoll. Es folgte ein schwarzes Pünktchen, das mit derselben Ge­schwindigkeit Form und Gestalt annahm, und nun wurde das Rädergeräusch des nahenden Dampfers hörbar. Da rauschte er pustend heran, sich majestätisch auf den selbst- erzeugten Wellen wiegend. Jetzt bog er zwischen den beiden Inseln ein. Von den treibenden Rädern aufge­schreckt, schlugen die Fluten hochaufspritzend au den Klippen empor.

Von dem Verdeck de? Dampfers wurde mit Taschen­tüchern zum Felsen hinaufgewinkt, auf welchem Werner? und Käthes Gestalten sich gegm den leuchteudeu Himmel abhoben. Sie winkten wieder.

„Es grüßten uns glückliche Menschen", sagte Käthe, dem Dampfschiffe nachblickend.

„Woraus schließen Sie das?"

„Sie wollten sich auch dem fremden, dem unbekannten Bruder mitteilen, und das tut nur der Glückliche. Im Unglück schließt man sich ab — im Glück wird das Herz so weit, man möchte alle froh sehen, und hat für jeden, der des Weges vorüberzieht, einell freundlichen Blick, ein freundliches Wort. . ."

„Ich habe oft Ihren philosophischen Geist bewundert, gnädiges Fräulein", meinte Werner Iäck)elnd. „Aus den gewöhnlichsten Dingen bäum Sie sofort ein ganzes System auf und analysierm bis ins einzelne. Ich da- gegm fasse die Sachm auf, einfach, wie sie sich mir dar- hietm. ES hat einer mit dem Taschmttlche gewinkt — nun, so hat er ebm gewinkt, und ob er glücklich oder un­glücklich dabei war, darüber zerbreche ich mir nicht dm Kopf."

„Herr Naumberg", unterbrach ihnKathe in besorgtem Tone, „das Schiff pflegt um halb Acht in Mllmcmfttand einzutreffm. Da muß es sehr spät sein! Wir habm schreck- lich viel Zeit vertrödelt und von hier ist es eine gute Stunde ms zur Stadt!"

Wem er zog die Uhr hervor.

„Es ist ein viertel Acht, gnädiges Fräulein", ant- wartete er mit schuldbewußter Mime. „Die Zeit ist mir so schnell vergangen, daß ich alles darüber vergessen habe. Doch seien Sie unbesorgt", schloß er tröstend, „wir

werden das Versäumte uachholm — ich garmrtierR Ihnen, daß ivir vor halb Nmn zu Hause sind.

Käthe erwiderte nichts. Ihre Stim hatte sich ab« verdüstert. Der Gedanke war ihr panüch, zu der heimzukehrm, da die ganze Badegesellschast nach Abmdessm auf der Terrasse versammelt war. Glossm, denen sie dann ausgesetzt sein würde!

Sie begann eilig den Felsen hinabzuklettem. Werner, der sie beobachtete, folgte ihr schweigend. Als aber einmal ihr Fuß zwischen zwei Steinm in die moosige Tiefe v«- sank, ergriff er ohne weiteres ihre Hand und ließ sie nicht eher los, als bis sie am Waldesrande angelangt warm.

Rasch schritten sie durch dm Wald und über die mit' Steinm und Geröll bedeckte Sandfläche dem llfer zu.

Hier blieben sie bettoffm stehen und ein Ruf der Überraschung entschlüpfte gleichzeitig chrm Lippm. —* Wo war das Boot?

Sie schautm sich um — es war nirgends zu schm. Sie hatten es doch hier an dieser Stelle zurückgelassm wo war es hingekommen?

„Es hat sich jemand einm dummer: Scherz erlaubt"^ sagte Wemer ärgerlich, „ich werde ihm aber heim- lmchtm! Jedenfalls wird sich der gmiale SpaßvogÄ nuht weit von hier versteckt habm. Bleibm Sie hier, gnädiges Fräulein, ich will Ausschau haltm."

Bon Stein zu Stein kletternd gÄangte er an ein kleine vorspringende Klippe, welche einm weitm^Ausbu versprach. Da — Werner unterdrückte einm Fluch - war es nicht das Boot, das von einer leichten Strömun getrieben, sich gleichsam neckmd auf dm Fluten wiegte Ja, da lagen auch die kreuzweis gelegter: Ruderstanger: — wie war es nur dahin gekommm? Höhnte ihn ein Spukgeist? Es war kein Zweifel, da« Boot hatte sich durch die schaukelnde Bewegung, in welche. es der vor- beiziehmde Dampfer gebracht hatte, losgelöst, und glttt nun weiter, unaufhaltsam weiter ...

Wemer stöhnte auf. Wie sollte er seiner wieder hab­haft werden? Die Entfemunq war bereits zu groß —< selbst der keckste, geübteste Schwimmer hätte das Wage-e stück nicht unternommen ...

Beklommmm Herzens kletterte er wieder herrmtec und schlug langsam dm Weg zum User ein.

In prickelnder Ungeduld hatte Käthe unterdessen geharrt. Nur jetzt noch zeittg heimkehrm! war ihr Stoß, gebet, und sie würde stch nicht so bald wieder auf ernentz derarttgm Abenteuer ertappm lassen.

Da kehrte er auch schon zurück. Wer was machte ra für ein sonderbares Gesicht? Sie blickte fragend zu ihm auf. ... -

„Ja, gnädiges Fräulein", begann Wemer. „ich bring, schlechte Nachrichten, Ich habe unser Boot gesehen — ey treibt allein auf dm Wellm umher . . ."

Käthe wechselte die Farbe.

„Wie hat es sich losgemacht?"

„Ich dmke, die Wellm des Dampfer? werden « loS- geriffm habm ..."

„Wmn ein Boot infolge einigen Schaukeln? los­kommt. so ist es nicht ordeittlich befesttgt gcwesm. Her« Naumberg", sagte Käthe scharf und wandte sich ab.

(Fortsetzung folgt.)

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