&i. Jahrgang.
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. 124.
Verlags-Fernsprecher No. 2858.
Samstag» den 14. Mar;.
Sledaktions-Fernfprecher No. 52.
1903.
Abend-Ausgabe.
Urformen in Uußlnnd.
Als Zar Nikolaus II. im November 1894 den Thron hestieg, glaubte man in Rußland, daß nun die Hoffnungen, welche sich unter den früheren Zaren als Täuschung erwiesen hatten, itt Erfüllung gehen und der sehnsüchtige Wunsch »ach einer konstitutionellen Regicrnngsform verwirklicht wcrdeir würden. Tiefe Hoffnungen haben sich als eitel erwiesen. Zwar hat der junge Zar manche Reformen gnf deni Gebiet der inneren Verwaltung durchgeführt, Md die Mitzstände der korrupten Beamtcnwirtschast mrd der Polizeiwillkür sind immerhin in etwas gemildert ,vordem aber darüber hinaus ging der Reformeifer Wolaus II. bisher nicht. Vielmehr erklärte er am 29. Januar 1897 bei denl Empfang der Abordnungen der Städte und Stände die von einigen Semflwos geäußerten Wünsche, eine Vertretung des Volkes an den Staatsangelegenheiten teilnehmen zu lassen, für „absrirde Träume".
Von diesen „absurden Träumen" will auch das neueste M a n i f e st des Zaren nichts wissen, wenn es auch sonst einige sehr bemerkenscherte Reformen und 2lb- stellungen schwer empfundener Übelstände ankündigt. Freilich ist das Reformprogramni des Zaren, als dessen Urheber man wohl den Finanzminister Witte, den Führer der Fortschrittsbewegung innerhalb der russischen Regierung ansehen kann, so allgemein und in so unbestimmten Umrissen gehalten, daß es schwer zu sagen ist, was bei diesen Reformplänen herauskommen wird, umsomehr da der russische Bcamtenapparat schon dafür Sorge tragen wird, daß diese Reformen ihm nicht unbequem werden.
. Forscht man nach den Ursachen, welche den Zaren zu seinem, immerhin bemerkenswerten Schritt bewogen haben, so kann man, ohne ungerecht gu sein, wohl behaupten, daß das Reform-Manifest nur gum Teil ein Produkt des Wohlwollens, zum anderen Tell aber ein Produkt der Furcht ist. Tie revolutionäre Bewegung in Rußland droht der Regierung über den Kopf zu wachsen. So lange diese Bewegung sich auf die Studenten beschränkte, glaubte man sie mit der Knute ersticken zu können. Als die Bewegung auf die Bauern Übergriff, wurde man schon bedenklicher. Aber seit die revolutionäre, oder richtiger ausgedrückt antigouvernementale Propaganda von den Bauern auf das Heer Übergriff, und als sie sich von den studierten Kreisen ans auf einen Teil der Beamtenschaft verpflanzte und- sogar unter dm Offizieren Wurzel zu schlagen anfing, da begann bei den: Zaren und seinen Beratern die Erkennüüs zu dämmern, daß die Galgen, an die man die Hochverräter knüpft, nicht ausreichen, um diese Bewegung zu ersticken.
Als der Ausfluß dieser Erkenntnis kann das Reform- Manifest des Zaren gelten, aber das Manifest kündigt «sine Politik der kleinen und deshalb unzulänglichen Mittel an. Alan will Neues schaffen und scheut sich doch, mit dem Alten und Überlebten zu brechen. So soll das Hauptübel, unter dem die russischen Bauern leiden, der Gemeinbesitz an Land, nicht beseitigt, sondern es soll den Bauern nur der Austritt aus der Gemeinde erleichtert werden. Immerhin kann man hierin die Anfänge des Übergangs zum Privateigentum an Land erblicken. Gegen die Raskolniken, d. h. die nicht der orthodoxen Kirche angehörigcn Dissidenten und Sektierer, soll dem Manifest des Zaren zufolge Toleranz geübt werden, aber der Umstand, daß die orthodoxe Kirche alle ihre Vorrechte und weitgehenden Befugnisse behält, ivird dafür sorgen, daß es mit jener Toleranz in der Praxis schwach bestellt sein wird.
Bedeutsamer könnte vielleicht die angekündigte Reform der Gouvernements- und Kreisverwaltung werden, wem: die Semstwos, die Organe der landwirtschaftlichen Selbstverwaltung, wirklich nicht nur ihre früheren Befugnisse wieder erhalten, sondern wenn sie auch, wie angekündigt wird, durch Personen, welche „das'öffentliche Vertrauen genießen", verstärkt werden. Aber man kann zu dieser Reform, die fast wie der Urkeim der Ansätze zu einer Art parlamentarischer Vertretung erscheint, nur wenig Zutrauen haben. Tenn entweder wird man als Teilnehmer zu den Gouvernements-Konferenzen Leute einladen, welche nicht das öffentliche Vertrauen besitzen, dann wird die Reform ein Dekorationsstück bleiben. Oder aber die Vertreter werden das öffentliche Vertrauen genießen, dann wird man sie schleunigst mundtot machen.
So ist alles in allein zu befürchten, daß bei der mit so großem Trara angekündigten Reformaktion nicht viel herauskommen wird. Ist doch in dem Reformvrogramm von einer Reform der abhängigen und bestechlichen Justiz, voir einer gerechteren Verteilung der die unteren Be- völkerungSklasscn zu Boden drückenden Steuerlasten, von einer Befreiung der Bauernbevölkerung von. dem adeligen Joch mit keinem Sterbenswörtchen die Rede.
Eine ernsthafte Ära der Reformen wäre eben in Rußland nur anzubahnen, wenn die Massen des Volkes in irgend einer Weise, etwa in der von den Fortschrittlerii in Rußland vorgeschlagcncn Form der Gonveruements- landtage, zum Mitraten und Mittaten zugelassen würden. Ties wäre auch das einzige Drittel, um der immer gewaltiger um sich greifenden Unzufriedenheit der Massen, die in der revolutionären Bewegung ihren Ausdruck findet, mit Erfolg entgegen zu arbeiten. Zu dieser Erkenntnis aber snrd der Zar und seine Berater noch nickst gelangt. Wir sagen n o ch nicht, denn früher oder später wird auch in Rußland die Stunde schlagen, wo die Regierung das, was sie freiwillig nicht gewährt hat, unfreiwillig wird zugestehen müssen!
Deutscher Reichstag.
Berlin, 13. März.
Vor Eintritt in die Tagesordnung teilt Präsident Graf Ballestrem mit, daß der Abgeordnete v. Oldenburg (tons.j sein Mandat niedergelegt habe. — Tie Beratung des Militär-EtatS wird fortgesetzt bei der Forderung: fünfte Rate für einen Truppen-Ubungsplatz in Neu- hammer und die dazu von der Kommission beantragte Resolution, den Reichskanzler zu ersuchen, bei künftigen Anforderungen für neue Trugpen-ltbungsplützc zuvor genaue Entwürfe und Kostenanschläge feststellen und den in Betracht kommenden Grnnderwerb durch Vorverträge sichern zu lassen. — Kriegsminister v. Goßler erklärt die Angriffe in der Presse gegen die in dieser Angelegenheit in Betracht kommenden Persönlichkeiten für durchaus nicht gerechtfertigst. EtatS-überschreitungen lägen nicht vor. Es seien von den schon bewilligten sechs Millionen sogar noch ein bis zwei Millionen übrig. Was den Grafen Dohna anlange, so handle es sich gar nicht um Privatbesitz desselben, sondern um einen Familienbesitz. Gegen den Oberförster Märcker lasse sich gar nichts sagen. Er habe sich als ein sehr tüchtiger Mann erwiesen. Auf Grund eines Obergutachtens sei der Besitz mit 2 750 000 Mk. bezahlt worden, d. h. nur 340 000 Mk. mehr, als man zuerst habe zahlen wollen, während Graf Dohna 760 000 Mk. nachgelassen habe. Im ganzen, also nicht nur für den Dohnaschen Besitz, sondern auch für alles übrige Gelände seien bezahlt worden pro Hektar 663,40 Mark, also weit weniger, als für fast alle übrigen Plätze bezahlt worden seien. Die Ausrodung des Waldes sei teurer geworden gegen den Voranschlag, weil fremde Arbeiter hätten herangezogen werden müssen. Die Wege- Anlagcn hätten anstatt 100 000 Mk. 312 000 Mk. gekostet. Nach weiteren Ausführungen bittet der Minister das Hans, bis zu 3 Millionen Mark zu bewilligen, vorläufig aber unverkürzt P /2 Millionen gut zu heißen. — Abg. v. K a r d 0 r f f (Rcichsp.) wünscht nochmalige Rückver- wcismig der Position au die Kommission. — Abg Bebel (Soz.) erklärt, er wolle keiner Person einen Vorwurf machen, aber die Behörden hätten besser dafür sorgen müssen, nicht übers Ohr gehauen zu werben. Die Grund- erwerbskosten hätten sich nicht um 300 000 Mk., sondern um 700 000 Mk. höher gestaltet. Den Reichstag treffe der Borwurf, daß er schon Bcwilliguugsbcschlüsse fasse auf Grund von Voranschlägen, die er nicht hinreichend nachgeprüft habe. — Abg. Müller- Sagan (freist Volksp.) will auf die Angelegenheit hier nicht näher eingehen, weil er es für nötig hatte, die ganze Sache nochmals in der Kommission zu prüfen. Weiter sei erforderlich, die Beziehungen zwischen der Heeresverwaltung und den Rustikal-Bcsitzern im Einigungsamte aufzuklären. Er beantrage daher Rückverweisnng an die Kommission. — Präsident Graf B a l l e st r e m will darüber abstimmen lassen. — Abg. Mttller-Sagan (freis. Volksp.) zieht seinen Antrag zurück, den sofort Abg. Spahn (Zentr.) wieder anfnimmt. Hierauf wird Rückverweisnng der
Der grausame Zweifel.
Novcllcte von George Feri.
Sie waren zwei glückliche Geschöpfe gewesen. Am Meeresstrande in einem Winkel der Normandie waren sie sich begegnet und hatten Gefallen aneinander geflinden. Sie, Edith Ribierre, war von bezaubernder Anmut und Reinheit und hatte mit ihreir zwanzig Jahren etwas unaussprechlich Anziehendes. Es war ein reizender Anblick, wenn sie an den klaren Sommermorgen heiter und zufrieden am Strande spazieren ging und aller Augen sich auf sie richteten; aber, wie alle Frauen, die sich ihrer Schönheit bewußt sind, schien sic diese stummen Huldigungen und Verehrungen nicht zu beachten. In ihrem ganzen Wesen lag eine solche Hoheit, daß man sie für eine Prinzessin von Geblüt hätte halten können. Er. Adrian von Mauves, war einer der vom Glücke Begünstigten, denen et mit vollen Händen reichlich die Mittel in den Schoß streut, um sich allen Luxus und ausgesuchteste Eleganz leisten zu können. Vor allem Sportsmann, war er dennoch höheren Genüssen nicht abhold und bemühte sich, in der Bewegung der Geister kein Fremdling zu bleiben. Alles in ihm war etwas oberflächlich, über alles Mögliche wußte er sich zu unterhalten, aber vielleicht war gerade das der Grund, daß er in der eleganten Welt stets gern gesehen war.
Seitdem sich die beiden begegnet waren, hatte sich eine unerklärliche gegcnseiflge Zuneigung ihrer bemächtigt, und nachdem sie sich kennen gelernt, liebten sie sich so zärtlich, daß binneir kurzem ohne Prunk und Glanz in aller Stille die Hochzeit gefeiert wurde. Zwanzig Jahre dauerte das idyllische Glück der beiden Liebenden, die wie für einander geschaffen schienen; ihre Seelen gingen ineinander auf, die eine schien die andere zu ergänzen.
Adrian von Mauves, der in seiner Jugend manch Abenteuer gehabt hatte, glaubte nun endlich die ersehnte Ruhe gesunden zu haben, die wonnige Oase, von der wir Menschen so gern träumen. Er war das Muster eines Ebegatten und würde geglaubt haben, seiner Ehre etwas ä» vergeben, wenn er auch nur einen anderm Gedanken
gehabt hätte, als den an seine Edith. In ihr konzentrierte sich sein ganzes Leben, sein ganzes Wollen und Lieben, ihr allein gehörten alle Fasern seines Herzens, und in jeder Stunde seines Daseins stand das angebetete Bild jener Frau lebendig vor seinen Angen. Er fühlte sich krank, wenn sie krank war, er glaubte die lieben zu müssen, die sie liebte, und die zu hassen, die sie haßte, wenn er überhaupt in seinem reinen Glücke zum Hassen fähig gewesen wäre. Für Edith und mit Edith fühlte er sich zu jedem Wagnis, zu jedem Heroismus befähigt, ohne sic war er nichts als ein gewöhnlicher Mensch.
Aber nach zwanzig Jahren ungetrübten Glückes, das durch einen Sobn, namens Armand,'noch erhöht wurde, raubte das unerbittliche Schicksal ihm diejenige, die Fleisch von seinem Fleische, Geist von seinem Geiste war Edith Mauves. die über alles geliebte Gattin, wurde aufs Krcnrkenlager geworfen, und mit ergcbmcm Blick, in dem sich der Abglanz eines glücklichen und nur zu schnell entschwundenen Lebens wiederspiegeltc, schien sie den ge- ängstigten Gatten um Verzeihung zu bitten wegen der Tränen, die sie ihm kosten würde.
„Sieh, Adrian, ich habe dir das Glück gebracht, aber es. ist ohne Zweifel zu groß für uns gewesen, dmn jetzt kommt das Verhängnis, um es uns zu rauben. Aber, willst du? . . ."
Sie konnte nicht fortfahren, ein Schinerzensschrei, den ihr die Krankheit anspreßte, warf sie in die Kissen zurück.
Voni Schmerz überwältigt, warf sich Adrimr über sie. Aber Edith lächelte ihm zu, als ob sie ihn beruhigen wollte; sie versuchte, weiter zu sprechen, aber konnte kein Wort hervorbringen. Mit sichtlich übermenschlicher Anstrengung gelang es ihr endlich.
„Adrian", fuhr sie fort, „unser Armand ist nicht hier; sage ihm, daß ich ihn so gern noch ein letztes Mal geküßt hätte, ehe ich sterbe. Und dann . . . habe ich dir noch etwas zu sagen, Adrian . . . Willst du mich anhören? . ."
Er nickte zustimmend mit dem Kopfe, denn vor lautem Schluchzen kam kein Wort über seine Lippen, und heiße Tränen rollten über seine Wangen.
„Adrian", sagte sie leise, „wenn ich tot sein werde, verbrenne alle Briefe, die du findest . .
Sie rang nach Atem und fuhr fort
„In meinem Schreibtisch . . . verstehst du, nicht wahr? . . . Adrian, versprichst du mtr's?"
„Ja, ich schwöre dir's ! Ach, meine arme Edith, meine teure, meine angebetete Edith! . . ."
„Ich .
Plötzlich neigte die Kranke ihr Haupst die Lippen schlossen sich, die Augen wurden starr, die Seele hatte den schönen Körper verlassen.
Lange blieb Adrian in stummer Verzweiflung stehen, dann warf er sich plötzlich über ihren entseelten Körper und drückte einen langen Kuß über die bleichen Lippen der für immer verlorenen Gattin, die er so innig geliebt, als wollte er versuchen, ihr seine eigene Seele einzu- hanchcn.
S}«
Wenige Tage nach dem Begräbnis betrat von Mauves wieder das genieinsame Schlafzimmer, in dem er seit dem Tode der Gattin nicht geschlafen hatte aus Scheu, das Andenken an das angebetete Weib dadurch zu entweihen. Dieses Zimmer sollte ihin jetzt ein Heiligtum sein, allem Profanen verschlossen, wo sein gebrochenes Herz in der Erinnerung an die selige Zeit Trost und Frieden suchen wollte. Der Schatten der Todten schien durch das Zimmer zu schweben, in welchem kein Gegenstand, kein Möbelstück ton seinem früheren Platz entfernt worden war.
Beim Eintritt in das Zimmer fühlte sich Adrian wie von heftigem Fieberschauer geschüttelt, Tränen verschleierten seine Augen, und vom Schmerz überwältigt, sank er in einen Lehnsessel nieder. In diesem feierlichen Augenblicke kam etwas wie Gewissensbisse über seine Seele; er fragte sich, ob er während der zwanzig Jahre ihrer Ehe das Weib wahrhaft glücklich gemacht habe, durch das er in vollem, beständigem Glücke gelebt hatte. Gewisse Tage tauchten in seiner Erinnerung auf, an denen-er aus ihrem Antlitz Zeichen von verborgenem Kummer, von heimlichen Enttäuschungen gefunden zu haben glaubte. Sollte in ihm der Grund gelegen haben, wenn er trotz aller seiner heißen Liebe ihr glühendes Herz nicht befriedigen, dem vollendeten Wesen das Glück nicht geben konnte? (Schluß folgt.)
