Verlag Langgaffe 21
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Zreitag, 20. August 19lS.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 383. » 63. Jahrgang.
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ßrnenfe N»ne Um Des leiüoajlers gegen WM.-IM mir) W alle Zeilen frei netten Bin InDlanD.
Die Bedeutung der ttanzlerrede.
8. Berlin, 19. Aug. (Eig. Drähtbericht. Zenf. Bin.) Äußerlich war es das alte Bild, das sich nun schon zum vierten Male seit Kriegsbsginn wiederholt. Ein namenr- sich auch auf allen Tribünen überfülltes Haus, gespannte Aufmerifamkeit, stürmischer, minutenlanger Beifall bei der kurzen Ansprache des Präsidenten sowohl, der noch einmal die militärischen Errungenschaften des ersten Kriegsfcchres und die wunderbare Haltung 'des ganzen Volkes in die Erinnerung zurückrief, wie dann bei der großen R e i ch s k a n z l e r r e d e! Aber die Bedeutung der Sitzung ging fast noch über die der früheren Tagungen hinaus. Die Kairzlerrcde war, wie man 'agen darf, ein Erei>gnis von geschichtlicher Bedeutung. Sie mutz, wenn die Welt unier dem Donner der Kanonen noch nicht taub geworden ist, den Verleumdungen unserer Feinde und dem Irrglauben der Neutralen, daß Deutsch I a n d Schuld und Verantwortung an diesem Weltbrand trage, ein Ende machen, lind wenn der Kanzler auch einmal wieder wohlweislich -— wie es uns scheint, klüglich — vermied, über die Kriegsziele zu sprechen, an einer Stelle wenigstens hat er Len Schleier ein wenig gehoben. Darüber, daß die polnischen Schicksalswege. wie sie sich gestalten mögen, nun für ewige Zeiten sich von Rußland trennen werden, kann nach der Kanzlerrede kein Zweifel mehr sein, ebensowenig über die Stellung, die Deutschland in Europa anstrebt, ob mit oder ohne Selbstvevschiebung.
Der Kanzler sah wohl und gebräunt wie nur je aus. Seine Sprache ist in diesem Kriegsjahre kncchper, sozusagen militärischer geworden, und wenn die Stimme auch stellenweise etwas heiser klang und einige Sätze dadurch verloren gingen, der Inhalt war von geradezu vorbildlicher Klarheit und einige der Hauptsätze von packender Wirkung. Der Kanzler dankte zunächst den benachbarten Neutrale n, den Schweizern, den Holländern und Schweden, für ihre Dienste bei dem Jnvalidcnaustausch usw. Er gedachte der militärischen Erfolge, insbesondere auch der AbfiHr, die sich Jtalien geholt, und des unerschütterlichen Widerstandes der t ü r k i s ch en Armee an der Dardanellenfront und er zog aus den Erfolgen in Galizien und Polen, in Litauen und Kurland die erfreuliche Folgerung, daß wir einen ..starken Arm frei hätten, zu neuen Schlä- g e n". Dann aber häufte der Kanzler die Dokumente, um die ungeheure Blutschuld darzutun, die unsere Gegner aus sich geladen haben. Er zeigte, wie England, das angeblich um der belgischen Neutralität wegen das Schwert gezogen, heute die Neutralität der kleinen Staaten, wie z. B. Griechenland, achte, wie Rußland den polnischen Boden verwüstet, kurz, wre Freiheit und Zivilisation ausischen, für die unsere Gegner zu kämpfen vorgeben. Was die Vorgeschichte dieses Krieges angeht, so lehnt der Kanzler nicht nur den Vorwurf der politischen Kurzsichtigkeit db, sondern er ist stolz auf die jahrelangen, wenn auch immip- fruchtlosen Bemühungen, eine Verständigung mit England herbeizusühren,' eine Verständigung, die diesen und jeden Krieg unmöglich gemacht haben würden.
Es war außerordentlich interessant, wie der Kanzler noch einmal die englische E i n kr e rffu n g s p o I i- t i k und die Versuche, dieser Politik zu begegnen, schilderte, die Haltung Englands nach den> Marokkokonflikt, als England an dem „ersten Ritt über den Bodenfee" genug zu haben schien, die Mission Haldanes und die Bemühungen um die berühmte „Derstänidigungsform", die schließlich daran scheitern mußten, daß England sich zu keinem anderen Zugeständnis bequemte, als zu- dem feierlichen, doch selbstverständlichen Versprechen, es würde nicht ohne Provokation Wer uns herfallen. Natürlich wollte England, wie der Kanzler mit Recht forderte, nur freie Hand behalten für den Fall, -daß der eine oder andere seiner Freunde- über uns her- sallen würde. Dann kam die hübsche Gegenüberstellung der deutschen und englischen Dakstellung über die Gründe, warum die Verständigungsform schließlich Mißglückte: Deutschland hatte die englische Neutralität beansprucht für den Fall, daß ihm ein Krieg „aufgeswungen" würde. Herr Asquith behauptet jetzt, tvir hätten sie für jeden Fall verlangt, wo Deutschland
in einen Krieg „verwickelt" würde, eine, wie der Kanzler ganz mit Recht betonte, für die englische Politik und Wahrheitsliebe außerordentlich bezeichnende „Korrektur" der Geschichte.
Aus derselben Höhe steht es, wenn von englischer Seite die Instruktion des Reichskanzlers an den deutschen Botschafter in Wien vom 27. Juni 1914 jetzt als eine erst nachträglich in die Akten lancierte „Fiktion" dargestellt wird, jene Note, in der die deutsche Regierung das ganze Gewicht ihrer Stimme in die Wagschale !oarf,>um Österreich zur Fortsetzung der anscheinend unterbrochenen direkten Besprechung mit Petersburg zu veranlassen. ■ Ebenso räumte der Kanzter schließlich mit der Behauptung «auf, wir verdankten unsere Siege nur der Tatsache, daß wir auf den Krieg vorbereitet gewesen seien, den wir gewollt hätten. Als Kronzeugen konnte er sich auf den russischen Kriegs- Minister und seinen bekannten Artikel aus dem Frühjahr 1914 berufen.
Der Höhepunkt der Kanzlerrede waren aber doch seine Ausführungen über Polen, die von ihm ausgesprochene Erwartung, daß die alten geschichtlichen Gegensätze zwischen Deutschen und Polen endgültig aus der Welt geschasst würden und das vom russischen Joch befreite Land einer glücklicheren Zukunft entgegensöhen werde. Daneben aber, wie ßesagts dir dramatische Gegenüberstellung des Europas, das unsere Feinde sich erträumten, mit einem ohnmächtigen Deutschland in der Mitte und des Europas, das dieser ungeheure Weltkrieg neugestalten werde! Deutschland strebe nicht nach der Herrschaft übcrEuropa, der Frieden habe es am glücklichsten vorwärts gebracht. Aber der Krieg habe gezeigt, welcher Größe das deutsche Volk fähig sei. Deutschand werde den Kampf durchhcrlten, bis die v e r- führten Völker von den wahrhaft Schuldigen den Frieden fordern, bis die Bahn frei sei, für ein neues, von französischen Ränken, von russischer Eroberungslust und englischer Vormundschaft befreites Europa.
Wer den Kanzler kennt, wird ihm ohne weiteres glauben müssen, daß -das, was er da gesprochen, mehr als Wortschwall und politische Philosophie -gewesen ist. Eine solche „Freiheit" ist in der Tat ein leuchtendes Ziel: daß das deutsche Volk würdig ist, Führer auf diesem Woge zu sein, und fähig, solche führende Stellung zu behaupten, hat es in diesem Kriege im Felde draußen und daheim gezeigt. Das deutsche Volk wird einig sein in dem innigen Wunsch, daß es dem Kanzler gelingen möge, das Programm, -das er aufgestellt hat, zu verwirklichen. Die Kanzlerrede wurde, wie gesagt, mit lebhaftem Beifall auf allen Seiten des Hanfes ausgenommen: nur Herr Liebknecht betätigte sich zweimal durch einen Zwischenruf, als der Kanzler von der englisch-russischen Aufteilung Persiens sprach, rief er dazwischen: „Das war die Potsdamer E n t r e v u e!" und als Herr Bethmann-Hollwog davon sprach, daß er niemals dem Parlament etwas-verheimlicht habe, rief er dazwischen: „Das Ultimatum!" Der Rost der Sitzung ging im Fluge vorüber. Ohne weitere Debatte wurde die 19-MiIliarden ^Vorlage an die Budgetkommission verwiesen, ebenso die Vorlage auf Abänderung -des Reichs militärgefetzes. Das Gesetz zum Schutze der Schwesterntracht wurde dobattelos in erster Lesung angenommen.
Morgen steht als erstes die Anfrage Liebknechts auf der Tagesordnung, dann die zweite Lesung des Nachtragsetats.
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Sitzungsbericht.
Eigener Drabtbericht des „Wiesbadener Taablatts".
# Berlin, 19 August.
HauS lt-rib Tribünen sind sehr gut besetzt; letztere stellenweise überfiillt.
Am Bmid-esiotstisch: Neicbskanzler Dr. v. Bethmmm- Hollwsg, Dr. Delbrück, Dr. v. Jagow, Dr. Lisco, Dr. Lentze, Dr. H>wenstein, Dr. Sols, Dr. Helffcrich.
Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 2,24 Uhr.
Ansprache des Präsidenten Exzellenz Dr. Raempf.
Wir treten in unsere Verhandlungen ein. In Erinnerung an die ernsten Stunden rem porigen Jahr, wo rer Weltbrand über -uns hereinbrach, haben wir noch einmal den Tag des Vorjahres durchlebt, an dem der Kotier das erlösende Wort gesprochen hat: „Ich kenne keim,« Par
teien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!", Und wo der Reichstag dllrch einmütige begeisterte Annahme der Kriegsvorlagen dem einmütigen Willen des Volkes Ausdruck gegeben hat. Die weltgeschichtlichen Ereign'stx des hinter uns liegenden KriegSjabres sind noch einmal vor unseren. Augen vorübergczogeu. Noch einmal sind »ns zum Bewußtsein gekommen dir schweren, vom ganzen Volk willig getragenen Opfer. Aber auch die glänzenden Erfolge unserer Hr-ere und -unserer verbündeten Macht. Während wir im Westen unerschüttert festk. allen, was wir eroberten, während an den Dardanellen und an der :lalienlschcn Grenze die feindlichen Angriffe an- der Tapferkeit der heldenmütigen Soldaten unserer Verbündeten zerschellten (Bravo!), findet uns der Beginn des zweit«»! Kriegsjahres im Osten in märchenhafter Lage, lBravo!l Wir danken dafür denr Herrn der Heerscharen, wir danken dem Kaiser sowie unseren nnd uns verbündeten Heerführern (Bravo!), wir danken auch den Offizieren nnd Mannschaften (Lebhaftes Bravo!), die zu Wasser nie zu Lande in- unvergleichlicher Tapferkeit und Heldenmut gekämpft haben. (Lebhafte? Bravo!) Wir danken eS nicht minder der Leltung der Geschäfte des Reiches (Bravo!), wir danken dem ganzen V olke, das sich einmütig in den Dienst der großen Aufgabe gestellt Hai (Bravo!) Der Stimmung und den Gefühlen der Nation hat der Kaiser in seir-em erneuten Aufruf an das de-utiche Voll am 31. Jul: beredten Ausdruck gegeben (Bravo I). Vor einem Jahre, bis beule hat das deutsche Volk An Der- tra-i-en auf Gott und die Stärke des Reiches «inerschüttert ausgeholten, um aus diesen Kämpfen -einen Frieden zu. -eiringen, der für alle Völker der freien Kulturentwicklung den Weg bahnen -und die deutsche Zukunft sicherstellen soll und gegen alle Feinde und alle Gefahr, (Lebhaftes Bravo!)
Der Präsident teilt dann mit. daß er aus Anlaß des Falles von W r i s ch -r u dem Kaiser sowie dem Präsidenten des österreichisch-ungarischen Abgeordnetenhauses ans Anlaß des 85. Geburtstages des Kaisers Franz Joseph die Glückwünsche des Reichstags übermittelt hat.
Das Haus ehrt sodann das Andenken des verstorbenen früheren HerrenhauSprästdenikn b. Wedel PieSdirf am-b des verstorbenen Abgeordneten v. L r a m e r - O st e n.
Hierauf tritt das Haus in die Tagesordnung eine Mehrere Rechnungssachen werden den KommifsionS- befchlüffen entsprechend erledigt.
Bei der ersten Beratung des Nachtragsetats erhielt das Wort
Reichskanzler Dr. v. Bethmann-kjollweg.
Meine Herren! Seit Sie das lehtemal tagten, ist wieder Großes geschehen. (Beifall.) Alle mit Todesverachtung und dem äußersten Einsatz von Menschenleben unternommenen Versuche der Franzosen, unsere Westfront zu brechen, sind an der zähen Ausdauer unserer Truppen gescheitert. ,Beifall,) Italien, der neue Feind, der das von ihm begehrte fremde Gut leicht erobern zu können glaubte, ist bisher glänzend a b g e'w ehrt worden (Lebhafter Beifall.), trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit, trotz der schonungslosen Aufopferung von Menschenleben, die er doppelt und umsonst zu bringen sich nicht scheute. Unerschüttert und unerschütterlich steht die : ü r k i s ch e Armee an der Dardanellenfront. ^Beifall.) Wir grüßen unseren treuen Verbündeten (Beifall) und gedenken auch heute noch an dieser Stelle des erhabenen Herrschers der D o n a u m o n a r ch i e, der gestern in sein 8b. Lebensjahr eingetreten ist. (Lebhafter Beifall.) Überall, wo w i r selber die Offensive ergriffen haben, haben wir den Feind geschlagen nnd zurückgeworfen. (Beifall.) Wir haben zusammen mit unserem Verbündeten fast ganz Galizien und Polen, wir haben Litauen und Kurland von den Russen befrei!. (Beifall.) Jwangorod, Warschau und Kowno sind gefallen. Weit in Feindesland bilden unsere Linien einen festen Wall. Wir haben starke Armeen zu neuen Schlägen bereit. (Beifall.) Stelz und furchtlos in festem Vertrauen auf unsere herrlichen Truppen können wir in die Zukunft sehen. (Lebhafter Beifall.)
Inmitten der Schrecknisse des Kriegs gedenken wir dankerfüllt der werktätigen Menschenliebe, die unsere benachbarten neutralen Staaten gezeigt haben. In der Schweiz haben bei dem zweiten Austausch der Kriegsgefangenen mit Frankreich wiederum alle Kreise der Bevölkerung von Genf bis zue deutschen Grenze gewetteifert, um unseren wackeren Kriegern die hinter ihnen liegende schwere Zeit nach Möglichkeit vergessen zu lassen. Die Niederlande haben schon zum zweitenmal den aus England zurück- echrenden Schwerverwundeten opferwillig und hilfsbereit ihre Fürsorge angedeihen lasten (Beifall), und der jetzt zum erstenmal stattgeiundene Gefangenenaustausch mit Rußland, der über weite Strecken des Staatsgebiets von S ch w.ed e.n^Dpch
