Wiesbadener Tsgblstt.
Sl. Jahrgang.
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gilt. 121. «erl«g».Fern,precher R». AU.
Hopgen-flusgabe.
Jur russtschen Finanzlage.
Seit einiger Zeit widmen sich Paul Rahrbach und die „Preußischen Jahrbücher" mit intensivster Bcharr- tichkeit der Aufgabe, die Kreditunwürdigkeit Rußlands unter dem Witteschen Finanzsystein nachzuweisen. Dieser Feldzug, der anfangs nicht sonderlich beachtet worden ist, zieht neuerdings immer stärker die Auftnerksamkeit ans sich. Paul Rohrbach hat eine Art von Zentralstelle geschaffen, bei der alles zusammenläuft, was sich nur irgend als Unterstützung der Meinung von der Bedenklichkeit der wirtschaftspolitischen Zustände des Zarenreichs darstellen kann. Seine Aufsätze und diejenigen der sonstigen Sachkenner bilden seit Monaten eine ständige Rubrik in den „Preußischen Jahrbüchern". Dem Beobachter kann es zunächst selbstverständlich irur obliegen, von diesen Vorgängen Notiz zu nehmen. Die behandelten Dinge sind zum Teil so schwierig, und die Prüfung des beigebrachten Materials erfordert eine so gründliche Kenntnis der materiellen wie politischen Voraussetzungen, auf denen dies Material beruht, daß es leichtfertig wäre, hier für oder wider zu urteilen. Im jüngsten Heft der „Preußischen Jahrbücher" beruft sich Paul Rohrbach auf russische Fachmänner, vor allem auf Migulin, dessen Zeugnis ihm wichtig dafür erscheint, „wie sich in Rußland nicht nur die Stimmen der unabhängigen Publizistik, nicht nür kritische Köpfe im Ressort des Finanzministeriums selbst, sondern vor allen Dingen auch die nationalökonomische Wissenschaft in ihren ersten Vertretern gegen das System Witte erhebt." Rohrbach wünscht ferner fcstgestellt zu wissen, daß sich auch an maßgebenden Stellen in Deutschland neuerdings das Urteil regt. Er führt ein großes süddeutsches Blatt als Genossen ein im Kampfe für die Wahrheit, „das die Frage, ob Rußland seinen Staatshaushalt ohne fortgesetzte neue Anleihen aufrechtzuerhalten ini stände sei, nicht anders als mit einem runden Nein beantworten kann". Sit wiederholen: Es soll nicht abschließend Stellung zu diesen weittragenden Problemen genommen werden, aber erfahren und wissen muß man, welche Vorwürfe gegen das System Witte geschleudert werden, und so sei aus dem letzten Aufsatz Rohrbachs hier einiges wiedergegeben. Wenn man die sämtlichen russischen Budgets seit 1892 durchgeht, so kommt, sagt Rohrbach, in ihnen das Wort „Anleihe" "überhaupt nicht vor! An der Stelle, wo die Differenz zwischen der Gesamtsumme der budgetmäßig spezifizierten ordentlichen und außerordentlichen Einnahmen und Ausgaben des Etats klafft, wird der Ausgleich regelmäßig durch Einsetzung der Worte „aus dem freien Barbestände der Reichsrentei" nebst irgend einer stattlichen Ziffer dahinter hergestellt. In den finanzministeriellen Kommentaren zu den Budgets ist dann allerdings gelegentlich mich von Anleihen die Rede, aber in der Regel nur von solckmi, die mehrere Jahre zurückliegen und von denen überdies garnicht
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Feuilleton.
Pie FWaymMellimg der Unndjener KeMon.
(Eigener Bericht.)
München, 10. März.
„Mir sau mir und schreib'« uns — uns!" Der höchste Ausspruch des Selbstbewutztseins, der mir momentan einsällt. Der Streit mit der Berliner Taute kam eben recht, um einmal die junge Kraft zu zeigen. Daher fehlen die alten Kämpen — und neue treten auf den Plan. Aber wehe, wehe, wehe — wenn ich auf dies Ende sehe, d. h. in ganz gemeiner Prosa, viel ist nicht da, aber wenig genug. Der Katalog weist über dreihundert Nummern aus, und von diesen dreihundert würde man % ganz gern entbehren. Dieser Katalog hat mir auch verraten, daß volle neunzehn (19!) Maldamen vertreten sind. Ich habe das nachgczählt, weil eigentümlicherweise, die ganze Ausstellung so einen femininen Charakter trägt. Es ist etwas Weichliches, Mattes, Unfertiges, Suchendes in all den neuen Sachen. So wenig, die den sicheren Strich, das Selbstbewnßtsein des Könnens, zeigen. Da tritt uns im ersten Saal Adolfo Levier entgegen, der uns sein „Frl. Nichte" en face, en profil frisch nach der Natur vorsührt. Es ist nur gut, daß im nächsten Saal Rudolf N i s s l mit seinem prachtvoll nuancierten „Biergarten" sich einstellt. Da ist Leben und Freude drin. Dieser behagliche Somwertag versetzt uns sofort in eine solche Stimmung, daß wir gefaßt und mit ruhiger Würde dem Kommenden entgegenschauen. Das nächste, was auffällt, ist von einer Dame, Edda v. Wedel—, eine Porträtstudie (Nr. 246). Schade, daß die müde Farbenharmonie die Freude an der wirklich guten Leistung etwas trübt. E. Stern schwelgt in einem unmöglichen Farbenkonglomerat, „Metzgerei", das -er aber später mit seiner „Wäscherin", einer keck und
Freitag» den 13. Marz.
klar wird, wozu sie denn bei der glänzenden Finanzlage nötig gewesen sind. Schlügt man dann in der Reihe der Budgets, sagen wir drei Jahre weiter, so erfährt man zu seinen! Erstaunen, daß in eben jencin Jahre, wo es anscheinend nur „freie Barbestände" und ähnliche gute Dinge gab, gewaltige Summen im Auslande geliehen worden sind, ohne daß davon in dem betreffenden Budget etwas verlautete. Das Wittesche Kunststück besteht also darin, das Geld längere Zeit vorher zu borgen, es mit den durch absichtlich niedrige Veranschlagung der crdenllichen Einnahmen erzielten Überschüssen des Ordinariums zusammenznwersen, und das Ganze daim
unterschiedslos als . „freien Barbestand" erscheinen zu lassen, aus bem scheinbar als aus einem unergründlichen Reservoir geschöpft werden kann. Rohrbach schließt: „Was kann in den Ohren eines Finanzmannes verlockender klingen, als daß der russische Finanzminister jetzt berichten kann, er habe in den ersten elf Monaten des Jahres 1902 bei seinen ordentlichen Einnahmen einen Überschuß von nicht weniger als 85 Millionen Rubel über den Voranschlag erzielt? Man denke, 85 Millionen Rubel Überschuß in einein Jahre, wo alle anderen europäischen Finanzminister mit Defizits abgeschlossen Haben! In Wahrheit liegt nichts vor als das seit Jahren mit großer kaufmännischer Klugheit geübte Kunststück der Kreditverbesserung, daß die Einnahmen zu niedrig veranschlagt worden sind, um nachher dem erstaunten Publikum die Überschüsse präsentieren zu
famos hingeworfenen Hellichtstudie, vollauf wieder sühnt. Lucy Pellin g-Hall gibt einige Pastelle aus ihrer Heimat Cornwall, wovon ein guter Bauernhof am meisten interessiert. Daß der Witz von den Malweibern, von denen die einen heiraten wollen, die anderen auch kein Talent haben, nicht vergessen wird, beweisen einzelne sehr nette Sachen, die an Waschweichlichkcit nichts zu wünschen übrig lassen. Ich will nicht sagen, daß diese Damen gerade heiraten wollen —! Ach, du lieber E. Hegenbart, o heiliger Sch ramm-Zittau, ihr befindet euch gerade nicht in erlauchter Gesellschaft. Meister Hegenbart gibt verschiedene liebevoll und dabei doch souverän genialte Tierbilder („Ziegen", „Pferde", „Vor dem Stall"), vor denen man ebenso gern ein Weilchen verbringt wie vor R. Schramm-Zittaus „Hühner im Schatten", ein sehr kühn und weitsichtig gegebenes Farbenstück. Sein zweites „Nach dem Regen" fußt etwas zu sehr ans dem eigenen Namen. Keller-Reutlingen hat bei seinen Bildern auch nicht gerade eine glückliche Hand bewiesen. Der „Herbst" läßt sehr kalt, und ist infolgedessen sehr naturgetreu. Sonst gefüllt O. Graf mit etwas unsicher, aber überlegt und fein ausgeführten „Birken", Fr. Hell, der fünf Landschaften vorbringt, die auf die Zukunft vertrösten, M. Hagen, der in „Fernsicht" eine sehr schöne, schwere Waldstimmung liefert, und endlich Karl Bauer mit einem „Herrenbildnis". Der letztere hat außerdem zwei Lithographier« gesandt. Da liegt ja vor allem seine Virtuosität, siehe „Goethe", „Nietzsche", „Schiller" — und „George". Eduard M u n ch hat sich in der Graphik zu Gast geladen. Eine lange Reihe Radierungen beweisen die tolle Phantasie des Norwegers. Am besten ist „Der Tag danach", ein Mädel, halbentkleidet, liegt ans dem Bett, daneben die Chamvagnerflasche — comprenez! Marie Hoogendyk (im Haag) bringt das Porträt I a n T o o r o p s , des Ansstellungslöwen. Jan Toorop ist ein vielseitiger, aber kein eigener. Er besitzt eine be-
RebaktionS-FernspreLer No. ii». 1903»
können. Und dies Kunststück madit sich besonders effektvoll für diesnial, weil der Regen chm zu Hilfe gekommen ist und durch eine ausnahmsweise gute Ernte den in» Gegensatz jum übrigen Europa unerwartet günstige!» Abschluß bewirkt hat. Goldwährung, Eisenbahnen, Industrie, alles hak Herr v. Witte möglich gemacht und geschasst — aber mit fremden Kapitalien, und dis Zinsen, die dafür Jahr nms Jahr ans Ausland zu zahlen sind, übersteigen die zahlenmäßig zu berechnenden Finanzkräfte des russischen Volkes in so ungeheurem Maße, daß keine Vudgetkünste den wahren Zustand noch lange werden verschleiern können.
Don der letzten Wahlstalistik.
Überall im Reiche rüstet man sich bereits zur bevor« sichenden Wahlkampagne und erwägt die Chancen dev einzelnen Parteien sowohl, wie der Kandidaten. Als! Maßstab zur Beurteilung dient, wo nicht gerade Nachwahlen in letzter Zeit stattgefunden haben, allein di« Statistik der lchten Reichstagswahl, die bekanntlich iw Jahre 1898 stattfand.
Eine anschauliche Übersicht, in welchem Zahlenverhältnis die Stimmen auf Vertreter der einzelnen Parteien gefallen sind, gibt unsere beistehende graphische Darstellung. In derselben ist jede der zahllosen deutschen Parteien durch je eine, in ein Rechteck eingezeichnete Figur vertreten, und die Größe dieser einzelnen Rechtecke entspricht der Anzahl der aus Kandidaten der betreffenden
wnndernswerte Technik, aber keine hohe Phantasie. Wo er dies erzwingen will, tritt Bizarrerie ein — z. B. in „Sänger der Zeit", einer Farbenzeichnung in Linien, impression. Als Karikatur betrachtet, ist bas Ding ganz gelungen, aber bei der stilvollen Linienimpression liegt eine Arbeit drin, die an Besserem besser angewendelj wäre. Und dabei soll's nicht mal Karikatur sein. Seine Bleistiftzeichnungen sind famos. Eine Sicherheit in» Strich, bei allem Sichgehenlassen, die den Meister des Porträts verrät. Die paar Reliefs, in weiß und getönt, sind technische Fertigkeiten. Daß er in einer Radierung den unvermeidlichen Ausstellungsstefanschorsch bringt, liegt wohl hauptsächlich am Teppichweber des Lebens. Toorops Hauptarbeit ist Pointillistenleinwand. Das best« ist das Porträt Dr. T. Hier wirkt Freilicht mit dev Kinetoskopmalerei, der Punkticrarbeit, zusammen, uu» die Technik und Kunst des Malers erkennen zu lassen. Aber dieses Bild begründet zugleich die Meinung, daß die hier ausgestellten Werke kaum das beste sind, waS Toorop geschaffen. Und die anderen Holländer des Tooropbundes? — Ja, nun — da ist B a n G v g h , der mehr kurios als originell mit seinen Farbenhaufen wirkt, von denen „Regenstimmung" und „Der grüne Weinstock" auf äußerste Fernbetrachtung Anspruch machen, um als ganz gut zu erscheinen. Ferner Jan B o e r m a n n, der ein wirklich duftiges „Roscn"-Aquarcll lieferte, und Ed. K a r s c n mit einem müden und glatten „Zuiüersee".
Müde ist wirklich der Stempel, der der ganzen Ausstellung ausgeprägt ist. Nochmals: es packt nichts — „e8 hemmt nichts den flüchtigen Fuß" — man kann mit drei — vier Ah's und Oh's die ganzen Säle abmachen. Warum? — Das liegt nicht daran, daß Berlin fehlt, wirklich nicht, sondern ganz einfach, — weil zu viel da ist. Man sucht, sucht, sucht und findet man Gutes, so stört dag Folgende den ganzen Eindruck. Es steckt ja in den meisten dieser Werke eine Arbeit und ein Fleiß, eine Hoffnungs. freudigkeit und eine Kampfeslust, die helle Freude be.
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