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si. Jahrgang.

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|jj0. 122» Berlags-Fernsprecher No. 2953.

Abend-Ausgabe.

Der Aufmarsch zum Wahlkampf.

Der Aufmarsch der Parteien zum bevorstehenden Nainpf um die Reichstagswahlen hat bereits auf der aanzen Linie begonnen, obwohl uns >wch ein Viertel­st von den Wahlen trennt. Die Vorbereitungen zum Wahlkampf haben diesmal besonders früh und mit un­gewöhnlicher Lebhaftigkeit eingesetzt, und in den meisten Wahlkreisen ist die Aufstellung der schon

i'rfolfit. Bei dieser Aufstellung der Kandidaturen fällt eine Erscheinung ganz besonders auf, nämlich die ganz außerordentliche Zunahme der Wahlkandidaten, deren «ahl die vom Jahre 1898 ganz erheblich übersteigen wird. Dian ist diesmal mit der Aufstellung von Kandi- daturcn wesentlich freigebiger, einmal, weil die Gegen­sätze zwischen den meiste,: Parteien sich verschärft haben, sa daß Einigungen über gemeinsame Kandidaturen und Wahlkompromisse schwerer herbeizuführen sind, und zweitens, weil die Parteien begreiflicher Weise durch die Ausstellung von möglichst viel eigenen Kandidaturen ihre Chancen für die Stichwahlen möglichst verbessern wollen.

Zum Teil spielt bei dieser Ausstellung eigener Kandi­daten in Wahlkreisen, wo von irgend welchen Wahl-Aus­sichten nicht die Rede fein kann, auch ein gutesStückPartei- protzentum eine Rolle. Dies ist z. B. bei der Sozial­demokratie der Fall, welche dicönral einen förmlichen Sport mit der Ausstellung von ganz bedeutungslosen Zählkandidaturen treibt, um später mit den Zahlen der­jenigen protzen zu können, die sich angeblich für den Ersatz des jetzigen Staates durch den Bebelschen Zukunftsstaat begeistern, in Wahrheit sich aber nur befleißigen, ihrer Unzufriedenheit mit dem oder jenem den denkbar stärksten Ausdruck zu geben. Nächst der Sozialdemokratie weist daS Zentrum den stärkste,: Eifer in der Aufstellung von Kandidaturen auf, obwohl es in der Natur der Sache liegt, daß die Partei außerhalb ihres jetzigen Bestandes nirgends besondere Wahlchancen hat.

Tic diesmal ganz besonders zahlreiche Aufstellung von Kandidaturen und die dadurch bedingteZersplitterung bringt es mit sich, daß die Wahlsituation, obwohl der Aufmarsch der Parteien in vollem Gange ist, zur Zeit noch völlig dunkel ist, und daß das Wahlbild als ein förm­liches Tohuwabohu erscheint. Gemeinsame Ziele sind eben bei den Parteien alles in allem wenig vorhanden, da die Situation, welche bei dem Kampf um den Zoll­tarif Zentrum, Nationalliberale und einen Teil der konservativen Parteien geeinigt hat, sich völlig verschoben hat. Heute bestehen zwischen den Parteien, welche den Zolltarif zu stände bringen wollten, wesentlicheMeinungs- verschiedenheitcn über den Abschluß der Handelsverträge, welcher die Hauptaufgabe des neu zu wählenden Reichs-

Die Freundin aus Dusftsch-Polen.

Erlebnis aus der M ä d ch e n z e i t.

Von Elsbeth Meyer-Focrster.

(Schluß.)

Der herbe Duft des Herbsttages lag bereits in der Luft — die wehmütige Stimmung, die das sich rötende Laub der Bäume, das Schweben der Sommerfädcn her- vorrust, — eine Ahnung davon, daß diese lächelnden, kürzer werdenden Septembertage schon die Vorboten des großen Abschieds sind.

Ich hatte Wein kommen lassen, und wir aßen und tranken, und ich freute mich, daß Hella fürs erste von dieser Beschäftigung ganz eigenonmren schien, ohne sich zu zieren, und ihre traurigen Reminiszenzen somit für diesen Augenblick unterbrach. Aber ihr Appetit schien nach dem ersten, heftigen Anlauf mit ein paar reichlichen Gabelbissen gestillt. Sie schob den Teller zurück, warf 'die Serviette achtlos auf den Stuhl und starrte vor sich hin.

„Seltsam", — murmelte sie. „Seltsam doch, dieses Leben!! — Also dir geht es gut?!"

Ich uickte mit dem Kopf, fast verlegen vor ihren, ge­spannten Blick. Fühlte ich doch dieser Armen gegenüber fast wie Schuldbewußtsein, wie gut es mir in, Grunde ging. Doch nur einen Augenblick dauerte Hellas Teil­nahme am anderen Schicksal. Die Frage in ihrem Blick erlosch. Ihre Gedanken kehrten zu ihrem eigenen Schick­sal zurück.

Ich weiß die Reihenfolge nicht mehr, in der sie von ihren Erlebnissen sprach. Ich erinnere mich nicht der ein­zelnen Momente mehr, — kaum noch in großen Zügen des Zusammenhangs. Es kan, alles so abgerissen, stoß­weise über ihre Lippen hervor; mitunter von einem zornigen Lachen, dann wieder von einem Achselzucken, auch wieder einmal von einem Theaterfluch unterbrochen. ;— Es klang so erbittert und verwundet, so für ewige Zeiten hoffnungslos, was sie da sagte, und so schonungs­los offen, aus dem Cynisinus jener Frauen heraus, die

Freitag» den 13. März.

tags bilden tvird. Und andererseits werden sich zwischen den früheren Gegnern des Zolltarifs und denjenigen,

■ die zwar jenen Zolltarif wollten, aber auch Handels­verträge wollen, mancherlei Berührungspunkte ergeben.

Auch die Bestrebungen, einen Zusammenschluß der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie zu stände zu bringen, haben nur zun, Teil Erfolgs gehabt, und eigentlich Wahlkartelle sind bisher nur in, Königreich Sachsen und sonst nur ganz vereinzelt in wenigen Wahl­kreisen, also in rein lokaler Weise, zu stände gekommen. Es kann dies weiter nicht Wunder nehmen, da eben zivischeu den bürgerlichen Parteien sehr erhebliche Diffe­renzen vorhanden sind und zun, Teil ein ganz außer­ordentlich starker Zündstoff angesammelt ist.

Verhältnismäßig wenig hat man bisher von den, seinerzeit in Aussicht gestellten Krieg zwischen der konser­vativen Partei und dem Bunde der Landwirte gehört, doch ist der Bund sehr lebhaft an der Arbeit und er hofft, in einzelnen Wahlkreisen der konservativen Partei und der Reichspartei eigene Kandidaten durchzubringen, um so diesmal als selbständige Gruppe in den Reichstag ein­ziehen zu können. Zum Zentrum steht der Bund der Landwirte in anßerordentlich scharfem Gegensatz, wäh- rend fein Verhalten der nationalliber'alcn Partei gegen­über nicht einheitlich ist.

Sehr scharf hat sich die Situation zwischen der national- liberalen Partei und dem Zentrum zugespcht, und ins­besondere in Bayern wird der Wahlkampf zwischen diesen beiden Parteien mit außerordentlicher Heftigkeit geführt. Nicht niinder feindselig stehen sich diesmal die freisinnigen Parteien und das Zentrum gegenüber, welch letzteres außerdem noch ganz besonders mit der Gegnerschaft der Sozialdemokratie zu rechnen hat. Was die Taktik dieser Partei betrifft, so ist es ein ganz besonders hervorstechen­der Zug der sozialdemokratischen Agitation, daß sie dies­mal ihre eigentlichen Ziele fast völlig zurücktreten läßt und sich lediglich als radikale Opposition gebärdet.

Ein charakteristisches Bild in dem gegenwärtigen Wahlkamps ist endlich die bemerkensiverte Erscheinung, daß die Polen offen gegen das Zentrum Front machen und dasselbe in Rheinland und Westfalen nur unter der Bedingung unterstützen wollen, daß das Zentrum in Oberschlesien die von den Polen ausgestellten Kandidaten unterstützt. Welche Flüchte der geplante Zusammenschluß der Deutschen in der Provinz Posen gegen die Polen zeitigen wird, läßt sich zur Zeit noch nicht beurteilen.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 12. März.

Das Hans beschließt zunächst, die nachgcsuchte Ge- nchmignng zur Einleitung von Privatklagen wegen Be­leidigung gegen die Abgg. Fischer-Sachsen, Bock-Gotha, Schmidt-Frankfurt a. M. und Eckhardt nicht zu erteilen.

sich längst als die Deklassierten fühlen, daß ich fürs erste nichts wie Mitleid, tiefes, begreifliches Mitleid dieser Verwirrten gegenüber empfand, che ich ansing, bei ruhigerer Überlegung den Maßstab fürs Verschulden an- znleaen.

Mit der Heilung des Risses ihrer Ehe bcgann's; —- jenem Zurückkehren 311 Conrad Markwart, von dem sie mir dann noch in einen, flüchtigen Briefe Kunde gegeben hatte. Ein trockenes, ödes Ehejahr mußte, es gewesen sein, welches die beiden ungleichen Gatten diese Frist über wieder zusammenhielt. Dann war Pan Luüowsky an, Firmament erschienen, — der beredte Pole und Walst- nrann aus den, Krakauer Kreise, der seiner Zeit den Ver­dacht der anarchistischen Verschwörung ans das Restaurant gelenkt hatte. Ter „tapfere Ladwenka" selbst war zwar geschlossen worden, aber Pan Lubowsky fand in das Privatheim der alten Glescankas ungehindert Zutritt, wie vordem in das Restaurant, und da er als wohl­habender Agrariersohn einen hübschen Anhang bon wohlhabenden Freunden und jungen, sreiheitsdürstigen Schmarotzern um sich hatte, was das schwache, alte Ehe­paar bald zu den weitesten Zugeständnissen beschwatzt und eine Art „Tempelchen" wurde bei ihnen abgehalten, ein gewerbsmäßiges Glücksspiel, das eines Tages entlarvt, ai, die große Glocke gehängt und zu einem Prozeß er- hoben wurde, der den politischen weit in den Schatten stellen sollte.

Die leichtsinnigen und unverbesserliche!, alten Leute wurden stehendei, Fußes in Haft genonimen. Gegen Pan Lubowsky schwebte das Verfahren erst. Am Tage, da er in llntersuchungshaft genommen werden sollte, fahndete man umsonst nach ihm. Er war verschwunden; mit ihm Hella Glescanka. — •—

Ob und wie oft, ans welchen Wegen und bis zu welcher Vertraulichkeit sich die beiden während dieser Vorgänge gesehen hatten, darüber sagte Helka nichts. Mit hastigen, gleichsam gepeitschten Worten eilte sie über die Zeit des Treuverrats hinweg. In Salzburg, auf den, Wege nach der Schweiz, wurde Lubowskv voi, Kriminalbeamten ein- geholt und nach Berlin zurückgeführt; sie selbst, die Ver­

Redaktivns-Ferusprcckicr No. 52. 1903.

Ebenso wird die Genehmigung verweigert zur Zeugen­vernehmung der Abgg. Stöcker und Tntzaner in Königs­berg in einer Strafsache gegen den Redakteur Noske in Chemnitz. Außerdem gelangt noch zur Erledigung die Angelegenheit des Abg. Hegelmaier, der von dem Amts­gericht in Stuttgart zu einer Zeit, wo er sich dort auf­hielt, behufs Zeugenvernehmung vorgeladen wurde unter der Androhung der gesetzlichen Zwangsmaßregeln. — Die Geschäftsordnungs-Kommission beantragt eine Reso­lution des Inhalts, daß es zulässig sei, außerhalb Berlins weilende Mitglieder des Reichstags in ihrem jeweiligen Aufenthaltsort als Zeugen zu vernehmen. — Abg. L e n z m a n n (freis. Volksp.) äußert sich entschieden gegen diesen Kommissionsbcschluß und beantragt Rück­verweisung an die Kommission. — Abg. G a m p (Rcichsp.) schließt sich diesem Antrag entschieden an. — Abg. Nasser ur a u n (nat.-lib.) tritt gleichfalls der Auf­fassung bei, daß in dem gegenüber Hegelmaier versuchten Zwange eine Beeinträchtigung der Rechte des Reichstages liege. — Abg. Singer (Soz.) hat gegen eine Rückver- wcisung an die Kommission nichts einzuwenden. — Die Angelegenheit geht nochmals an die Kommission zurück. — Alsdann wird die Beratung des Militär-Etats fort­gesetzt. — Beim Kapitel Bekleidung und Ausrüstung der Truppen erklärt Generalmajor v. Gallwitz auf eine Anregung aus dem Hause, daß dem Wunsche, im Inter­esse des Handwerks mit Innungen über zu liefernde Ar­beiten abznschließen, bereits nach Möglichkeit umhgegeben worden sei. Die Güte der Arbeit sei aber nicht immer nach Wunsch. Redner bemerkt noch, daß ein Monopol für Regimeutsschncidcr zur Anfertigung von Extra- Sachen nicht bestehe. Wie er davon erfahren habe, sei sofort Remedur cingetreten. — Beim Titel Garnisons» Verwaltung erklärt auf eine Anregung Generalmajor v. Gallwitz, daß eine Aufbesserung der Kasernen- Juspektorcn-Geyülter gegenwärtig nicht in Aussicht ge. nommen sei. — Beim Titel Kasernenmiete bringt Abg. Kirsch (Zentr.) die Verlegung der Husaren von Düssel­dorf nach Krefeld zur Sprache und betont dabei, daß für ihn und seine Freunde der Hauptpunkt die Frage der! finanziellen Wirkung der Verlegung deS ganzen Regt-' ments sei. An militärische Gründe für eine solche Ber- legnng könnte er nicht glauben. Wenn auch, wie er Sr- stätigen könnte, beim seinerzeitigen Empfange des Kaisers in Krefeld diesem die schönsten Damen vorgeführt worden seien (Redner hat die Photographieen der betreffenden Damen bei sich und läßt sie unter den Mitgliedern cirku- liercn), so hoffe er doch, daß die Abgeordneten nicht so impulsiver Natur sein würden, um zu vergessen, wie schwere finanzielle Bedenken einer solchen Verlegung nach Krefeld entgegenstnnden. — Generalmajor v. Gall­witz erwidert, die Verlegung der Husaren nach Krefeld sei schon lange Zeit erörtert worden und entscheidend für die Verlegung seien Rücksichten auf die Ausbildung gewesen, in erster Linie die Exerzierplatzfrage. Im übrigen liege die Kostensrage an sich nicht so, wie der

blendete, dem Gatten wieder zugebracht.. Ec weigerte sich, sie auszuuehmeu. Er hatte bereits die Scheidungs­klage eingercicht. Seine Geduld, seine Zärtlichkeit, seine großen Worte waren ausgelöscht, — endgültig. Er hatte jene Härte schwacher Naturen, die, einmal erwacht, grau- samer ist, als die der Starken. Sie bettelte auch nicht länger an seiner Schivelle. Inmitten ihrer Bedrängnis schon wieder von Abenteuerplänen erfüllt, ging sie ins Unbekannte hinaus.

Ihre Lage aber war bald trostlos. Die Eltern in Untersuchungshaft, vom Gatten verstoßen, ohne Mittel und Wege zum Fortkommen stand sie hilflos da, ein Opfer ihrer törichten Leideuschast. lind wäre es eine solche gewesen! Doch im Grunde fühlte sie keinen Schmerz, keinen Jammer um diesen ihr Entrissenen, dem sie sich ii, ihrem trotzigen Abenteuersinne hingegeben — einer eintönigen Ehe müde, müde des täglichen Einerlei

ihres Lebens.-Ein Agent, eine ziemlich dunkle

Eristenz, an den sie sich wandte, brachte sie zu einer Theatertruppe; ein Wanderleben begann. „O, frage mich nicht nach diesem Leben: es ist ein Hundedasein, das der Wanderkomödianten!" — —

So kam sie bis nach Warschau. Es war zwei Jahre nach dem Scheidungsprozeß. Sie hatte durch einen Brief der Ettern, die in Berlin ein kümmerliches Leben führten, erfahren, daß Conrad Mart'wart nach Warschau berufen worden war, um die Leitung des Geschäftshauses, in dem er eil,st die Prokura geführt, „ach dem Tode des Chefs für die Hinterbliebenen zu übernehmen. Sie beschloß ihn aufzusuchen, ihn noch einmal um Gnade anzuslchen. Es wurde ihr erspart, sich die fürchterlichste Demütigung ihres Lebens zu holen. Schon von, Portier des Hauses — eines der elegantesten Gebäude der Villeuvorstadt — erfuhr sie, daß Conrad Markwart bereits wieder ver­heiratet sei, mit der jüngsten Tochter seines verstorbenen Chefs.

Sie kannte das hagere, blasse, häßliche Mädchen, über dessen steifes Aussehen sie sich in früheren Zeiten so oft moyuiert batte, dem Bilde nach — und ein verzehrender Groll erfaßte sie bei dem Gedanken an die Nachfolgerin,