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Beilage znm Miesbaüener Tagdlatt.

Uo. 119. Morgen-Ausgabe.

Donnerstag, den 12. März.

61. Jahrgang. 1903.

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S Wer andere wohl zu leiten strebt, muß fähig lein, viel -» «4 zu entbehren. Goethe. |»>

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Der MaUhesrr.

Roman von O. v. KiS-Killaq.

Der Bahnhof des kleinm finnischen Städtchens Will- mcmstrand am Ufer des Saimm wimmelte von ireirgieri- zcn, müßigen Badegästen. Der Zug nach Wibo-rg sollte gleich abgehen, das große Ereignis des Tages, bei welchem keiner fehlen mochte.

Käthe Gordan stand vor einem der Wagenfenster, ans welchem das runde Gesicht einer kleinen ältlichen Dame ängstlich hervorschaute.

„Vergiß nur ja nicht, Käthe, abends vor dem Schlafengehen Türen und Fenster zu schließen . . . Ach, haß ich dir die Erlaubnis gab, zurückzubleiben!"

„Mache dir keine Sorgen, Tantchen", erwiderte das junge Mädchen lächelnd, „ich verspreche dir, daß du morgen bei deiner Rückkehr Türen und Fenster wie auch mich in bester Ordnung wiederfindest. Glückliche Reise, -- amüsiere dich!"

„Amüsieren!" Die weiteren Worte der Dame verhall- ten, da der Zug sich jetzt pustend uird schnarchend in Be­wegung setzte.

Küche Gordan blieb noch einige Augenblicke sinnend stehen, dann schlug sie langsam den Rückweg ein. Sie mußte an einer Gruppe von Herren vorüber und hörte flüstern:

„Welch ein entzückendes Mädchen! Gchört sie auch zur Badegesellschaft?"

„Gewiß. Eine Deutschrussin aus Petersburg, — sie ist die Königin der Badesaison, — etwas unnahbar . . ."

Käthe hörte nicht weiter. Solche Strnßenbewunds- rmrg entlockte ihr kaum ein flüchtiges Lächeln, sie war daran gewöhnt. Hätte diese Bewunderung gefehlt, würde sie sie vielleicht vermißt haben. Im Grund machte sie ihr jedoch nur wenig Freude. Verstand sie sich denn überhaupt auf Freude? Hatte sie sich einmal zur Munter­keit hinreißen lassen, so folgte mit Bestimmtheit der Katzenjammer darauf. Warum war sie io verschieden von anderen jungen Mädchen ihres Alters? Warum fehlte ihr die Harmlosigkeit? Jung, schön, in gesicherter, Verhältnissen, — warum war sie dabei alt, alt mit dem hoffnungslosen Skeptizismus des Alters? „Ich habe einen garstigen Charakter", Pflegte sie zu sagen, wenn man sie wegen ihres Pessimismus schalt. Jemand hatte von ihr geäußert, sie habe die Augen einer zum Unglück Gekennzeichneten. Und sie behielt die traurigen Augen, selbst wenn sie lächelte und sprach. Die Mutter meinte, sie hätte den ernsten Blick von klein auf gehabt, und wäre doch ein mutwilliges Kind gewesen. Es läge am Schnitt der Augen . ... Die Dtutter täuschte sich. Es war das sonnenlose Heim, das schon dem Kinde seinen Stempel aufgedrückt hatte. Das große, nachhallige Kindesleid . . . Ach, . . . sie verdammte sie nicht, dis armen Eltern! Ihnen selber fehlte ja die Sonne. -— Tie Atutter schlich, ein bleicher, farbloser Schatten, einher, scheu und ängst­

lich, wie wenn sie kein Recht aufs Dasein hätte, lind der Vater — er hatte sein Leben für sich und ließ sich nur selten blicken. Aber wie beim Gekrächz, des Habichts die kleinen Vögel sich furchtsam im Lanbdickicht verkriecheil, so zogen sich beim Nahen seiner Schritte die beiden Frauen verschüchtert in sich zurück. Er hatte immer etwas anzu- nierken, zu tadeln, und wenn seine Unzufriedenheit sich nicht in lautenl Schelten kulldgab, so erging sie sich in höhnischen, beißenden Spottreden, die noch schärfer trafen. Zwar waren seine Ausfälle nie gegen Käthe gerichtet. Er legte sogar eine Art ritterliche Galanterie ihr gegenüber an den Tag. Dennoch aber empfand sie die der Mutter zugefügten Demütigungen als rein persönliche, sie sah in ihnen das alte tausendjährige Leid ihres ganzen Ge­schlechtes verkörpert . . . Vater und Söhitter warm ein­ander das Schicksal gewesen. Aber war es nicht vielleicht immer so in der Ehe? Was Käthe im Kreise ihrer Be­kannten sah, diente nicht dazu, sie eines anderen zu über­zeugen. Meistens duldete man einander, und war dieses zweifelhafte Glück es wert, daß man sich dafür in Ab­hängigkeit begab? Es hieß, früher seien die Ehen glück­licher gewesm, — weil die Frauen wmiger gegrübelt und gedacht hätten. Vielleicht war dm späterm Generationerl auch noch Glück beschielten, wmn erst das Weib in seiner künftigen Stellung befestigt und der Mann in neuen An­schauungen erzogen war. Käthe lebte in der Übergangs- Periode und mußte mit an dem Zeitübel tragen. Und sie wußte, sie könne keine gute Frau abgebm. Es fehlte ihr die Blindheit. Sie tvürde ihren Mann unter, die Lupe tun, und wmn sie es auch selber vertrüge, ihn so zu sehm, er ertrüge es nicht, von ihr durchschaut zu werden. Und doch, — sie sehnte sich aus den häuslichen Verhält- nissm hinaus. Ein eigenes Heim! ... ja, rverm man es ohne dm Mann habm könnte! Käthe hatte dm Vor- kehr mit Männern zwar recht geril. Es schmeichelte ihr, wmn sie sich ihr huldigmd nahtm. Sie fühlte sich dann stark, stärker als sie, die sich die Herreil der Schöpfung dünkten. Wenn sie nur nicht immer auf den defiuitivm Abschluß zielm wolltm! Wie viel netter war doch das Surrogat der Liebe, das tändelnde Vorspiel!

Würde sich ihr neuer Freund und Verehrer mit diesem Vorspiel begnügm? Beinahe schien es, als steure auch er jmml Endpunkte zu. Vor zwei Wochm war Leutnant Werner Raumberg von einem Jnfanterie-Reglmmt in Berlin auf einer Soiräe im Kurhause plötzlich aufgetaucht. Er hatte sich sofort Käche und ihrer Tante vorstellm lassen. Aus dem Jnnem Rußlands kommend, wo er ein Jahr lang dem Studium der russischm Sprache obgelegm hatte, wollte er die drei letzten Wochm bis zu seiner Heim- kehr zu einer Reise in Finnland bemitzcn. Vor wenigen Stunden angclangt, beabsichtigte er am näcksten Morgm weiterzugehm. Ter nächste Morgm fand ihn aber noch am Platze. Er hatte sich besonnm und meinte, er dürfe die Gelegenheit nicht versäumen, seinm von Zeit zu Zeit nuftretenden Katarrh durch eine Kur an der hiesigm Wasserheilanstalt loszuwerdm. Er hatte sich in die Llste der Bädegäste eintragen lassm und war der unzertrenn­liche Gefährte der beidm Damen geworden. Käthe trug zwar einiges Bedmkm, sich, so von der übrigen Gesellschaft zu isolieren. Tante Luise jedoch meinte, es sei eine Pflicht der Gastfreundschaft, sich des fremdm jungen Mannes an­zunehmen. Und, fügte sie mit schlauem Lächeln hinzu,

rnan müsse diplomatisch sein, inan wisse nicht, was die Zw« iünft in ihrem Schoße berge, ■—■ die Partie sei nicht zu verachtm . . . Die arme Tante Luise! Trotz ihrer trüben, Erfahrungen in der Ehe hatte sie ihre Illusionen mcho eingebüßt, und sah für ihr Nichtchm in der Heirock dm einzigm Weg zur Seligkeit. Das wollte man erst av» wartm! Übrigens, da die gute Tante sich mit dem Ge­rede der Lelite abfindm zu können glaübte, war es schließ­

lich Käthe auch recht. Sie selbst fand Gefallen an bent netten — verliebten Menschen. Sie war Ihm dankbar für seine so offen zur Schau getragme Hrlldtgung, denn

trotz ihres skeptischen, raisonniermdm Köpfchens Käthe Gordon ein sehr liebckbedürftiges Herz, heiraten? Man komite sich doch nicht nach einer zwei- wöchigm Bekanntschaft für das ganze Leben binden!

Sie war langsam schlendernd an dem Hause, welches sie mit der Tante bewohnte, vorübergegaugen, und schlug nun dm Weg nach einer kleinen Halbinsel, dem Ziel ihrer gewöhnlickim Spaziergänge, ein. Hier war vor Jahren ein Park angelegt wordm, welcher aber jetzt aus Mangel an Pflege verwilderte.

Käthe kannte dort ein verschwiegenes Plätzchm, da wollte sie sich niederlassm und einige Stunden der lang» entbehrtm Einsamkeit gmietzm.

Würde er wirklich Emst machen? Sein Urlaub ging

ihm das große Herzeleid antun . . . Dann wäre es auch mit seiner Liebe aus, — ach, und sie hatte sich so wohl in ihr gefühlt! Er gefiel ihr auch so viel besser.als. die anderen jungen Herren ihrer Bekanntschaft. Vielleicht, wmn die Sache nicht so überstürzt würde . . .

Käthe ging gesenktm Kopfes und hielt den Blick auf dm Boden geheftet. Sie schrak zusammen, als ins Stimme, die in ihrem Jnnem tönte, auch an ihrem Ohr erklang. ^ _

„Soll ich Ihnen beim Suchen helfm, gnädiges Frau- lein?"

Raumberg staiid vor ihr, dm Hut in der Hand. Dis Sonne befchim fein schmales, nerviges Gesicht, deii eng­lischen Scheitel, dm langeii, ausgezwirbelten, blonden Schnurrbart. Die hellm Augm schauten sie mft einem so unverkmnbarm Ausdruck des Entzückens an, daß es sie heiß überlief.

„Darf ich mich Jhnm anschließm?"

Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er neben ihr her, mit dem Spazierstock m der Luft herumfuchtelnd.

„Ich war sehr gespannt, wie sich die Streitfrage von hmte morgm lösm würde", fuhr er fort, während Käthe nach wie vor zu Bodm sah.

Ihr Herz klopfte. Sie befanden sich zuni erstemmL unter vier Augm. Würde ec ccm Ende wirklich etwas sagen?

„Was e§ doch die große Frage, ob Ihre Frau Tant» den Sieg davontragm und Sie mit nach Wiborg nehmen würde oder ob Sie hier bleibm dursten. Freilich war ick über dm Ausgang nicht im Zweifel. Mein Scharf­sinn ist glänzend gerechtfertigt — doppelt, — ich wußte, daß ich Sie hier treffen würde . .

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