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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. - 1

Nr. 192. Donnerstag, 19. Huguft. 1915.

18. Fortsetzung.) ff DOS (TCUttd)Cn. < Nachdruck verboten.)

Erzählung von Horst Bodemer.

Leichten Herzens ritt Heini Klevenich nicht auf kaupischkeim zu. Das plötzliche Erscheinen von Tantchen auf der Bildfläche hatte ihn recht nachdenklich gestimmt. Die Auskunft wenigstens hätte er sich ruhig vorlesen lassen können. Dann hätte er ungefähr gewußt, wie es um Böhmers stand. Allgemein hieß es ja: sie müssen sich durchschinden, — schade um die netten Leute! . . . Mein Gott, „durchschinden" war noch lange nicht pleite und die Emmi war das einzige Kind! I der Tausend, waren schlechte Jahre gewesen, so kamen auch wieder lbessere. Allgemein hieß es doch jetzt, der Landwirtschaft gehe cs besser. Freilich, Herr Böhmer hatte voriges Jahr die Maul- und Klauenseuche, aus Rußland ernge- schleppt, im Stall gehabt. So etwas riß ein beträcht­liches Loch ins Portemonnaie. Vor allem, wenn die Goldstücke so wie so hübsch zusammengehalten werden mußten. . . . Ach was, die Hauptsache blieb, daß ihm in einer guten Stunde ein hübsches Mädel für Zeit und Ewigkeit in die Arme baumelte! Da war er wieder der fröhliche, rheinische Jung, lachte, und zog sich die Mütze ein bißchen schräger aufs Ohr. Das waren Hirn­gespinste! Ein bißchen mehr oder weniger Geld machte die Seligkeit nicht aus. Die Hauptsache blieb: cs langte! Und das tat es! Und ein schlankes rankes Mädchen stand womöglich jetzt schon am Fenster und sah sich die Augen nach ihm aus ... Da zog er die Uhr. Wie? fast zwanzig Minuten nach fünf. Punkt sechs, wie er gesagt, pgssierte er ein. also Schritt geritten, und sich ein bißchen in der maifrischen Gotteswelt umge­sehen! . . .

Der mittelgroße, breitbrüstige Oberleutnant von Rcuschenberg kam die knarrende Treppe herauf und sang nach der Melodie: Der Sandmann ist da:

„Das Tantchen ist da.

Das Tantchen ist da.

Es hat so schönen Wein vom Rhein,

Der schmeckt auch uns Ostpreußen fein.

Das Tantchen ist da!"

Die runden Backen, die fröhlichen, grauen Augen, die so verschmitzt aus dem bartlosen Gesicht blickten, die schon beträchtlich dünn werdenden dunklen Haare ver­rieten den fröhlichen Gesell, der gern jede Gelegenheit zum Festefeiern wahrnahm.

„Mein gnädiges Fräulein, da bin ich, Gott sei Dank! Und herzlich willkommen in der äußersten ost­preußischen Ecke!"

Die beiden Hände, die ihm Fräulein Würmeling entgegengestreckt, wie hilfeflchend, führte er an die Lippen.

„Guten Tag, lieber Herr von Rauschenberg I Und herzlichen Dank für Ihre Postkarte!"

„Die mir den Vorzug Ihrer Anwesenheit in der Villa Angrabeit verschafft hat! . . . Ja also! Wie mir der getreue Karolek soeben berichtet hat, wandelte die Senta mit dem Heini auf dem Rücken, trotz Tantchens Überfall, die alten liebgewordenen Pfade. Das läßt allerdings auf hochgradige Verliebtheit schließen! Ach,

wenn ich so ein Tantchen hätte, ich blieb bei den sicher mitgebrachten Fleischtöpfen und Flaschen vom Rheine. Nur auf die Aachener Printen würd' ich unter allen Umständen verzichten! . . . Nein, nein, ich weiß schon, was kommen soll, momentan bin ich ganz gesättigt. Hab' gerade im Kasino gegessen! Makkaroni mit Schinken, Hammelvücken mit Bohnen, dünne Suppe und Käse, alles für eine Mark achtzig, mehr kann der Mensch nicht verlangen! Aber die Ohren müssen Ihnen geklungen haben! Die Neuigkeit Ihrer Anwesenheit hat die ganze Tafelrunde zu drei stürmischen Hurras aus Sie begeistert. Daß ich aber meine Schritte hier­her gelenkt, Hab' ich hübsch für mich behalten, denn ich bin gefaßt auf ein ernstes Zwiegespräch. Was es frei­lich nützen soll, ist mir total schleierhaft! Aber vielleicht erleichtert's das Herz!"

Tantchen war der Redeschwall sehr recht gewesen. Das war ein Ton, der ihr das Herz etwas leichter 'pachte. Erst fuhr sie sich mit dem Batisttaschentüchlein über die Airgen, trompetete dann gerührt hinein und holte aus dem Eßzimmer eine volle Weinflasche mit zwei Gläsern. Rauschenberg kniff die Augen zusammen und musterte das Etikett.

„Ah, Marcobrunner! Ja, ja, Tantchen, Sie bringen uns mit vielem Erfolg die höhere Kultur bei! Auf Ihr Wohl! Und dann wälzen Sie sich die Last von Ihrem edelmütigen Herzen!"

„Herr von Rauschenbevg, der Heini ist doch von allen juten Jeistern verlassen", sprudelte Fräulein Würmeling erregt hinaus.

„Ja, wer ist denn das nicht, wenn er verliebt ist?"

Da tat Tantchen einen ganz tiefen Seufzer und holte einen großen Bogen aus ihrer Handtasche.

„Ich will Ihnen vorlesen, nur das Wesentlichste, was die Auskunftei, an die ich mich jewendet, mir mit» jeteilt hat!"

„Der Tausend, Tantchen, Sie sind ja reineweg staatsgefährlich!"

„Alles muß seine Ordnung haben, also hören Sie, Herr von Raujchenberg! . . . Böhmer hat Laupischkeim zu teuer von seinem Schwiegervater übernommen. Hat drei Jeschwister seiner Frau auszahlen müssen, das soll rhm nach und nach je langen sein, obgleich er in den ersten Jahren nach der Übernahme dicht vorm Bankerott jostandeu hat. Die letzten Ernten waren in hiesiger Jejend wejen allzu jroßer Trockenheit schlecht! . . . Maul- und Klauenseuche voriges Fahr hat seinen Kredit bis znm äußersten anjespannt! . . . Die zweite Hypo­thek soll ihm jekündigt worden sein. So!"

„Ei wei, ei wei", sagte Herr von Rauschenberg und legte die linke Hand auf den Hinterkopf. „Das Letztere wußte ich noch gar nicht! Daß das übrige aber so unge­fähr stimmt, kann ich bezeugen!"

Ta brachen Tantchen die Tränen aus den Augen.

„Und nun ist der Heini hinjeritten und will sich heute verloben! Ejal, sagt er, ich nehme sie, und wenn