Beilage rum Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 117. Morgen-Ausgabe.
Mittwoch, den 11. Marx.
81. Iahrgaug. 1603.
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«! Nicht« Größt?, nicht? Erbabere» ist jcmnl? ohne Egoi?m»? pefcbehen und olme die Lcidenschasl, welche und »» grobe» v Opfern defciingt. Nur die Aurschreitiinge" dieser Triebe ^
^ find verwerflich.
Ernst Höckel.
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(Schluß.)
Die Sängerin.
Roman von E. Schönen.
Dem Norwegischen nachcrzählt von Emil Jonas.
„Du mußt an Lady Churchill schreiben", sagte bii Majorin; „auch ist es deine Schuldigkeit, ihr zu zeigen das; du beklagst, was geschehen ist."
„Ja, ja, ich werde schreiben", antwortete Elsa. Abe als sie sich dazu cmschickte, war es ihr unmöglich, dir rechten Ausdrücke zu finden. Sie sah den strerigen Blick der alten Lady, sie hörte ihr talten vorwurfsvollen Worte. Es lvar ja unter allen Umständen Elsa, die Schuld an allem war.
„Nein, ich kann nicht schreiben", sagte sie schließlich, indem sie sich erhob. „Lady Churchill würde es für Zudringlichkeit ansehen, es überhaupt mißverstehen . . . und an chn selber kann ich doch nicht schreiben . . ."
„Dann tu' ich es", sagte die Majorin bestimmt. „Lady Churchill ist mir nie sehr sympathisch gewesen; sie dünkt sich immer mehr als alle anderen. Aber lvenn die Leute unglücklich sind, muß inan ihre kleinen Schwächen vergessen."
Tie Majorin ging sofort in ihr Zimmer, um in Ruhe den schwierigen Trostbrief auszuarbeiten. Er wurde an Lady Churchills Wohnung in London adressiert und noch an demselben Nachmittage abgesendet.
VI.
Elsa machte keine weiteren Besuche bei den Nachbarn, rurd wenn diese mit chren Geschenken, Äpfeln, Honig, Butter und ähnlichen Leckerbissen kamen, war sie nicht im- stände, mit ihnen wie während der ersten Zeit zu plaudern und zu lachen.
Als der Baumeister aus Stockholm sich einfand, um ihre Befehle betreffs des Asyls entgegenzunehmen, ent- rietz sie dies auf kurze Zeit ihren peinlichen Gedanken.
Sie entwarf selbst den Plan. Jeder der Einwohner sollte ein oder zwei kleine Zimrner und einen kleinen Garten haben. Aber wenn die Handwerker abends gegangen waren, blieb sie untätig auf dem Altan sitzen.
Die Sonne goß ihr Gold über Veilchen und Levkojen, Rosen und Reseda, die nicht im Mosaikstil der kunstmäßig angelegten Gärten des Auslandes gepflanzt, sondern ohne Plan und Ordnung durcheinandergestellt waren. Jede kleine Blume genoß ihr eigenes Leben, ohne Rücksicht auf ihre anspruchslosere oder strahlendere Nachbarin. Die Majorin saß und stickte, während Elsa in einem Schaukelstuhl zurückgelehnt lag und trauerte. Sie hatte während des ganzen Tages nur einen einzigen Gedanken. Wird ihr die Post einen Brief aus Frankreich bringen?
Doch sie wartete vergebens. Des Nachts war ihr Zustand unerträglich. Sie wurde von Visionen und bösen Träumen geplagt. Sie sah Duelle, hörte Schüsse sah den Prinzen, wie er Lord Lionel mit einem großen Jagdmesser verfolgte . . . Dann kam der Leichenzug des Lords . . . Sie wollte hineilen zu dem Sarge er war ja nicht tot . . . Sie begruben ihn lebendig
Aber Lady Churchill wandte den Kopf und starrte sie mit finsteren Blicken an. „Das ist Ihr Werk", sagte sie, indem sie auf die Bahre zeigte. Und lvenn Elsa envachte, perlte der kalte Schweiß an ihrer Sfirn und ihre Hände zitter-ten wie in heftigein Fieber.
*
Eines Vormittags ging dre Majorin nach dein Pfarr- Hofe, während Elsa allein zu Hause blieb.
Sie begann sich mit den Blumen inr Garten zu be- 'chäffigen, riß das Unkraut heraus und begoß die Beete.
Dann setzte sic sich nieder und versank wieder in Träume. Darf ich es zu glauben wagen, daß Lord Lionel uich liebt? Das Driell bedeutet nichts — als Manu von ihre mußte er die Frau vereidigen, in deren Hause er fls Freund empfangen worden . . . Aber Pin Blick und Pin sonderbares Benehmen, als ich ihm sagte,, daß ichinich nie mehr verheiraten würde? . . . Und dann Lady Churchills sichtbare Angst? . . . Aber wenn er niich nun wirk- lich liebte? Was dann? Sie beugte das Harrpt; das .Kinn sank auf die Brust l>erab und sie lauschte.
Wie viele Melodien hier in der Natur des Nordens! Co sauste im Tannenwald hinter ihr, die Insekten summten iii der Luft und auf dem Felde. Ein Bach rauschte mit llarem, munteren Plätschern zwischen den Steinen und hoch in der Luft jubelten die Lerchen. Wenn man eine Sinfonie nach dieser Naturmusik komponieren wollte, welche Drittel würde man da in Anwendung bringen? Und sic begann die Töne der verschiedenen Instrumente mit den Lauten um sich her zu vergleichen — Oboe, Violine, ein entferntes Brausen wie von Messing-Instrumenten . . . altegyptische . . .
Da zeigte sich der Diener auf dem Balkon, auf einem silbernen Tablett ein Schreiben trageird.
Ela fuhr auf und eilte ihm entgegen. Sie ergriff den Brief und öffnete ihn mit fieberhaftem Eifer, ihre Augen verschlangen den Inhalt. Es war, als ob sie ihre eigene Freisprechung oder Verurteilung erfahret! sollte. Der Brief lautete:
„Hotel Paris, Calais, 7. Aug. 18 . .
Meine liebste Mrs. Elsa Wikner!
Zunächst muß ich Ihrer Frau Mutter für ihr freund- liches Schreiben und die schönen Worte danken, worin sie sowohl ihre eigene als auch Ihre Teilnahme für den Kummer, der mich betroffen hat, ausdrückt. Ferner muß ich Sie bitten, zu entschuldigen, daß ich meine Antwort an Sie, Mrs. Wikner, und nicht an Ihre Frau Mutter sende. Aus dem folgenden: werden Sie ersehen, waruin ich das tue.
Mein Sohn ist jetzt, Gott sei Dank und Lob. auf dem Wege der Besserung. Er wurde chloroformiert und die Kugel ihm auS der Brust gezogen. Dann batte er während mehrerer Tage heffigeS Wundfieber, aber seine starke Natur siegte. Unser HauSarzt, der mir hierher gefolgt war, hat mir nun versichert, daß alle Gefahr vorüber sei und daß er in einigen Monaten ganz wieder hergestellt sein werde."
Elsa lachte unter Tränen. „Gott sei ewig Lob und Dank!" rief sie froh aufatniend aus. Dann las sie weiter:
„Er kann keine Gemütsbewegung ertrage,: und muß sich soviel wie möglich ruhig verhalten. Wir wagen deshalb nicht, icher den Kanal zurückzufahren, der nie ganz ruhig ist, sondern wir bleiben bis auf weiteres hier und wohnen, wie Sie sehen, im Hotel Paris. Lionel sitzt in einem Lehnstuhl am Fenster während des ganzen Tages. Wenn er nicht liest, schaut er auf das Badeleben unten
am Strande, was seine ganze Zerstreuung bildet. Jetzt wissen Sie, wie wir es haben, und nun will ich mir erlauben, aufrichtig mit Ihnen über eine sehr ernste Sache zu spreckM. ' r 0 ,
In dein Glauben, daß er für immer mit diesem Leben abznschließen habe, hat inein Sahn sein ganzes Herz nur geöffnet. Er bat mir anvertraut, das; er niemals an die Möglichkeit gedacht habe, jemals eine andere Frau ,;u heiraten als Sie. Ich muß bekennen, daß ich oftmals den Verdacht nährte, daß dein in der Tat so sei. Die Wände in seinem Arbeitszimmer sind seit mehreren Jahre,: „nt Ihren Porträts geschinückt gewesen, die er aus allen Ländern sich liat kommen lassen und die Sie in^ allen Ihren Rollen darstellen. Als ich ihm vorjchlug, sich zu verheiraten, antwortete er stets ausweichend. Niemals habe ich ihn sich mit einer anderen Dame beschäftigen sehen. Ich hielt es nützlich für seine Laufbahn, weniger sich mit Lady Jane verheiratete. Die Dame haben Sie sicherlich bei mir daheim getroffen. Aber er unterbrach Mich stets, wenn ich diesen Plan andeutete. Ich fühlte mich schließlich überzeugt davon, daß er sich mit irgend einem Geheimnis trage und begann, wie gesagt, bereits zu ahnen, wen er im Herzen trug. Ich beobachtete „jeden seiner Blicke und eine Dtutter hat oft ein feines Gefiihl in solchen Sachen. Aber was ich nie voraussehen oder für möglich halten konnte, das war, daß er Ihnen seine Gefühle verriet unb doch zurückgewiesen wurde. Er hat nur alles in einer Nacht mitgeteilt, die wir für seine letzte hielten. Mer später, als ich jedes Wort erwog, das zwischen Ihnen gewechselt worden war, schien es mir, meine liebe Mrs. Wikner. als hätten Sie ihn doch nicht ganz verstanden. Aloin Sohn ist in seinem ganzen Wesen sehr zurückhaltend und so zartfühlend, daß er sich niemals zudringlich zeigen würde, wo er eine Abweisung fürchtet. Aber diese Angst, zudringlich zu scheinen, hat es vielleicht herbeigefllhrt. daß er in Jl,ren Worten eine größere Be- dentung suchte, als Sie möglicherweise selber wollten. Habe ich Recht darin oder nicht? Sw allein sind es, die mir darauf antworten können. Mein Sohn könnte tausendmal für Sic in den Tod gehen, wenn es gilt, die Ehre Ihres Namens zu vertreten. Wohl weiß ich mit Sicherheit, daß sein religiöses Gemüt, sei» unerschütter- licher Glaub? ihm hellen werden, jede Enttmschnna. auf die rechte Weise zu tragen. — ich meine als eine Prüfung van Oben gesendet, aber ich weiß auch, das; sein irdisches Glück in dieser Stunde allein von Ihnen abhängt. Lassen Sie mich hinzilfügen: mir lverden Sie stets eine liebe und willkommene Tochter sein. ^
Doch mißverstehen Sie mich nicht? ^ch darf nicht die Beraiitwortimg übernehmen. Sie in einer so wichtigen Sache, wie dwie. zu überreden. Es ist nur nwin Wunsch, Ämß Sie die Wahrheit ganz und ohne Vorbehalt kennen
lernen. _ „ ,
Mit den freundlichsten Grüßen an Ihre Frau Mutter und cm -Sie selbst, verbleibe ich Jbre ergebenste
Deatrice Churchill."
Elsa saß eine lange Zeit mit dem Brief in der Hand, den Blick auf dem Boden gerichtet. Gewaltsame Er- regungen durchsiürmten ihre Seele. Aber dann überkam sie ein Gefühl der Milde und Wärme, das gleich dem Sonnenschein sich um ihr Herz legte.
Sie erhob sich und ging langsam mit glänzenden Augen und erhobenem Haupte ins Haus. Dort setzte sie sich an den Schreibfisch, öffnete ihr Portefeuille und bc- gann zu schreiben:
„Liebe Lady Churchill!
Ich komme-. ."
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