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M* Jahrgang.

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N-. 118.

Berlags^hernfprecher No. AS».

Mittwoch, de« 11. März.

Rebaktions-FernspreLer Ro. 52.

1903.

Abend-Ausgabe.

Nach dem Trierer Zwischenfall.

Keine noch so eifrige Beschwichtigung der Minister und der ministeriellen Presse wird die Besorgnis be­seitigen, daß der Rückzug des Bischofs Korum eine vom Vatikan präsentierte Kostenrechnung riach sich ziehen wird. Wenn Graf Bülow durch den Fürstbischof Kopp m Rom nichts anderes hatte eröffneir lassen, als was er bet der Beantwortung der nationalliberalen Inter­pellation im Abgeordnetenhause in Aussicht gestellt hat, so ist das wahrhaftig nicht so wenig, wie es die Offiziösen in allen Tonarten jetzt behaupteir. iDc tt klaren Worten hatte der Reichskanzler davon gesprochen, daß berechtigte Beschwerden des Bischofs von Trier berücksichtigt worden wären, wenn man sie der Staatsregierung in geeigneter Weife unterbreitet hätte, und die Zusage fehlte nicht, daß demgemäß auch weiterhin werde verfahre:: werden. Bischof Korum hatte somit ein Anreckst darauf, in seinem jüngsten Publikandum von den zu erwartenden ent­sprechenden Maßnahmen der Regierung 311 reden. Von dem Umfange des staatlichersests zu gewährenden Ent­gegenkommens wird es abhängen, für wie groß noch der Sieg des Grafen Bülow gehalten werden soll. Jedenfalls ist vor übereiltem Jubel zu warnen. Je empfindlicher den äußeren Formen nach die Demütigung des Bischofs Korum ausgefallen ist (und das ist sie wirklich), desto miß­trauischer muß man dem Vatikan gegenüber sein. Es wäre sicherlich das erstemal, daß die Kurie uns etwas um­sonst täte! Jedenfalls hat Graf Bülow mit ihr wie von Macht zu Macht verhandelt. Er wird, wenn man ihn des­halb tadeln wollte, einwenden können, daß dieser Weg immer noch besser sei, als der des offenen Kampfes nüt einem unbotmäßigen „Kirchenfürsten". Aber es kommt bei diesen Dingen nicht lediglich auf das an, was sich durch diplomatische Klugheit jewellig erreichen läßt, sondern selbst bei noch größeren Erfolgen gegenüber der Kurie bliebe das Bedauert: zurück, daß die Staatsgewalt nicht als selbstherrlich bestimmend-, nicht in Ausübung ihrer Hoheitsrechte, sondern bittweise aufgetreten ist, viel­leicht Allerdings hat austretcn müssen. Schon indem wir eine Gesandtschaft beim Vatikan unterhalten, ist ausge­drückt. daß das Eirwernehmen mit der Papstkirche durch fortgesetzte Verständigung und nicht im Wege einseitiger Ausübung staatlicher Souveränität gesucht werden soll. Insofern hat der Zwischenfall von Trier sein Erstes im Gefolge: er hat wieder einmal eindringlich zum Bewußt­sein gebracht, wie beschämend im letzten Grunde das Ver­hältnis Preußen-Deutschlands zum Vatikan ist, wie be­schämend es vor allem im Vergleiche mit der Freiheit und Selbständigkeit ist, die sich die französische Republik in allen kirchenpolitischen Fragen dem Vatikan gegenüber zu wahren versteht. Tie Schärfung des antiklerikalen Ge­

wissens tit der deutschen Bevölkerung, die wir als wich­tigste Rückwirkung der Trierer Episode anscher: können, mag denrgemäß als moralischer Gewinn gegenüber den nicht unwahrscheinlichen Verlusten gelten, mit denen uns die Abwickelung dieses Vorganges noch bedrohen kaum Tie Regierung wird es in Zukunft hoffentlich nicht so leicht wie früher haben, sich das Wohlwolle:: des Zentrums durch übermäßige Willfährigkeit in kirchen­politischen Augelegenheiten zu sichern. Bei dieser Ge­legenheit möchten wir — in weiterem Zusammenhänge — auf die eigentümliche Erscheinung aufmerksam machen, daß das bayerische Zentrum nach seinem bedeutenden Siege über das Ministerium Crallshein: so gut tvie nichts vor der Öffentlichkeit tut oder sagt, was die Aufmerk­samkeit dauernd auf jenen Umschwung hinlenken müßte. Es herrscht völliges Schweigen innerhalb der blmnveißen Zentrumspartei, und man möchte vermuten, daß diese Taktik im Einverständnis mit der neuen Regierung beob­achtet wird, die es begreiflicherweise vorzieht, ihre Position erst in der Stille zu befestigen und nach außen hin dann erst mir „Taten" hecvorzutreten, die naturgemäß eine Zeit der Vorbereitung gebrauchen. So ist dein: auch der Zwischenfall von Trier bayerischerseits fast garmcht be­achtet worden. Man hat die Sache dort gelassen mit angesehen und Herrn Korum weiter keine moralische Unterstützung gewährt.

*

Die „Germani a", bc§ führende Zentrums­organ in Berlin, bespricht gestern in einem längeren Artikel die Zurücknahme des Trierer Publikandums und die von der Presse daran geknüpften Erörterungen, und hält es für verfehlt, von einem Siege ober von einer Niederlage auf der einen oder der anderen Seite zu reden. Es handle sich in Wirklichkeit nur um einen wadus vivendi unter Aufrechterhaltung der Grundsätze, ähnlich dem mockus vivendi, den Fürst Bismarck mit der Revision der Mai-Gesetze geschaffen hat. Unrichtig sei auch die Blättermeldung, daß gestern bereits ein Vertreter des Kultusministeriums in Trier selbst mit Bischof Korum verhandelt habe. Bisher sei überhaupt noch kein Vertreter des Kultusministeriums in dieser Angelegen­heit in Trier gewesen. Indes dürfte dies zur völligen Klarstellung über die Beschwerden in hohem Grade an­gezeigt erscheinen. Durch die Zusage, den Wünschen der Trierer Katholiken gerecht zu werden, habe die Regierung dem Bischof zum Teil recht gegeben. Die Hauptsache fei, daß nunmehr friedliche und erträgliche Zustände in Trier hergestellt werden.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 10. März.

Tagesordnung: Fortsetzung der zweiten Lesung des Militär-Etats. — Beim Titel sächsisches Kriegsministe­rium erneut Abg. O e r t e l (kons.) seine vorjährige Be­schwerde über Ungleichheiten in den Bureau-Personal- Gehältern beim preußischen und beim sächsischen Kriegs­

ministerium. — Beim Titel Militär-Justizverwaltung betont der Abg. B e ck h (freis. Volksp.) die Reform­bedürftigkeit der Militär-Strasprozeßorbnung. — Abg. Rören (Zentr.) bemängelt die Kostspieligkeit des mili- tärgerichtlichcn Untersuchungsverfahrens. — Beim Kapi­tel Geldverpslegung der Truppen hatte die Kommission die Gehalts-Mehrforderung für 180 Oberstleutnants in Höhe von 1350 Mk. gestrichen, desgleichen für 18 Oberst­leutnants im sächsischen und 9 im württembergischen Kontingent. Ein Antrag v. Normann und Genossen verlangt Wiederherstellung dieser Gehalts-Aufbesserung für die insgesamt 205 Oberstleutnants. — Abg. Nor­mann (kons.) empfiehlt diesen Antrag aus Gründen der Notwendigkeit und der Gerechtigkeit. — Abg. Rören (Zentr.) bittet um Ablehnung des Antrags v. Normann. Der vorgeschlagene Weg sei ungangbar, denn es solle hiev eine Gehaltserhöhung erfolgen, nicht für eine Stelle, nicht für alle Oberstleutnants, sondern nur für 180 der­selben, weil sie wegen ihres Alters qualifiziert seien für eine höhere Stelle. Bei einer neuen Militärvorlage liehe sich die Angelegenheit regeln, aber jetzt nicht. — Abg. v. T i e d e m a n n (Reichsp.) tritt für den Antrag voir Norrnann ein, ebenso Abg. Paasche (nat.-lib.). — Kriegsminister v. G 0 ß l e r bittet um Annahme des Antrags v. Normann und Bewilligung der Forderung. — Abg. Rören (Zentr.) beantragt mit Rücksicht auf das ziemlich schwach besetzte Haus die Abstimmung über den Antrag v. Normann auszusetzen. — Abg. Singer (Soz.) zweifelt die Beschlußfähigkeit des Hauses an. — Der Namensaufruf ergibt die Anwesenheit von nur 172 Mitgliedern. — Das Haus ist also beschlußunfähig. — Die Sitzung wird geschlossen und die neue Sitzung auf nachmittags 3(4 Uhr mit der Tagesordnung: Militär, Etat anberaumt.

Die neue Sitzung beginnt um 3 Uhr 45 Minuten. —> Bei dem Kapitel Militär-Erziehungs- und Bildungs­wesen hat die Kommission die Forderung für eine neue militär-technische Hochschule gestrichen. Sie beantragt statt dessen Bewilligung von nur 60 000 Mk. zur Er­weiterung des militär-technischen Studiums der Offiziere an der technischen Hochschule zu Charlottenburg, zu Ent­würfen für ein ballistisches Laboratorium. — Kommissar Professor vr. Müller führt aus, daß nur über die Organisationsfrage eine Meinungsverschiedenheit bestehe, über die Sache selbst nicht. Der Weg einer besonderen militär-technischen Hochschule sei der zweckmäßigste. — Abg. Spahn (Zentr.) beantragt Rückverwetsung der Position an die Budget-Kommission. — Dieser Antrag wird angenommen. Die Position geht also nochmals an die Budget-Kommission zurück. — Abg. Eickhoff (freist Volksp.) wünscht Besserstellung gewisser Lehrer-Kate- gorieen an den Kadetten-Anstalten. — Generalmajor v. Einem sagt wohlwollende Erwägung zu. — Abg. Eickhoff (freis. Volksp.) befürwortet ferner eine Reso­lution zu Gunsten der seminaristisch gebildeten Lehrer an den Unteroffiziersschulen und -Vorschulen. Diesel­ben sollten den seminaristisch gebildeten Lehrern an den Kadettenschulen im Gehalt gleichgestellt werden. — Die

Are Freundin uns Nusfrsch-Men.

Erlebnis aus der Mädchenzeit.

Von Elsbcth Meyer-Focrster.

(5. Fortsetzung.)

Das Wort entfesselte Gelächter. Es war klar, die Rolle, welche Herr Markwart in diesem Kreise spielte, war keine heroische. Mir tat er leid. Das hatte er nicht um die verlogene kleine Person verdient, wenn er auch ctlvas phrasenhaft und nicht gerade energisch war. „Du hättest wirklich keinen Grund, über deinen Mann zu spotten", sagte ich, indem ich der: Stuhl zurückschob, den mir Herr Glescanka mit scheuer Miene hingesetzt hatte. Sie zuckte müde die Achseln: „Was soll ich m:t ihm? Ich mag ihn nicht mehr! Er langweilt mich zu Tode. Er ist kein Mann für polnisch Blut."

„Hat er gemerkt, daß Helka fort ist?" fragte Frau Glescanka, „hat er gefragt?"

Helka wehrte pathetisch ab: „Laß doch, Mama, mag er fragen! Mag man ihm gesagt haben! Mag er ber- kommen, meinetwegen. Um so eher wird es klar." Ein heftiges Klopfen an der Tür unterbrach ihre Worte. Ich dachte bei mir: Das ist er. Wie auf das Sfichwort ge­rufen erscheint er jetzt!

Aber es war jemand ganz anderes, der in der Tür erschien. Ein Polizeileutnant, gefolgt von einem Schutz- merrat. Er blieb einen Augeitblick, nachdem er die Tür ousgerissen halte, auf der Schwelle stehen und überflog mit den Augen die Anwesenden: „Im Namen des Ge­setzes", rief er mit erhobener Stimme, „erkläre ich die Versammlung für aufgelöst." Mit raschen militärischen Schritten trat er weiter in der: Saal hinein und wieder­holte sein Gebot zum zweiten Male, den Schutzmann wie eine surchtgebietende Ehrenwache hinter sich. Der Herr aus der Tribüne hatte in seiner Rede aufgehört, lang­sam, zögernd, mit trotzigen Schritten verließ er seinen Platz und gesellte sich, über die kleine Treppe springend,

dem übrigen Publikum zu. Es umdrängte den Polizisten und de:t Leutnant. Tie erhitzten, weingeröteten Ge­sichter trugen den Ausdruck des Trotzes und des Er­staunens. „Was ist los, was ist die Ursache, was wollen Sie hier?" schrie es wild durcheinattder. Ter Polizei- letttnant hatte sein Protokoll erhoben und las mit be­fehlender, schnarrender Sttmme, wie eine Ordonnanz zu Pferde, die ihre Instruktion aitstellt: „Der Verein zum tapferen Ladivenka ist politischer Umtriebe bezichtigt und geht ihn: vom Königlichert Polizei-Präsidium die Weisung zu, sich augenblicklich aufzulösen. Der Ehemann Cornelius Glescanka und seine Gattin Rosa, geborene Czichon, fordere ich hiermit auf, sich als die Begünstiger dieser politischen Versammlung mwerzüglich mit mir zur Wache zu bemühen. ^ Ebenso die Herren, welche mir auf bei- gegebener Liste namhaft gemacht sind." Er las eine Menge Namen ab, deren Träger stumm, in kalter Haltung sich durch leises Kopfneigen als die Vermuteten zu er- kennen gaben. „Die übrigen Herrsckiaften räumet: sofort das Lokal", fuhr der Polizeileutnant in seinen Unter­weisungen fort. Er stand jetzt an das Fensterkreuz ge­lehnt, ganz nahe der Tür, als wolle er jedem Unbe­rufenen die Gelegenheit zum Entkommen nehmen, und überblickte mit geschüfüicher Ruhe das Wirren und Schwirren des ausgestörtei: Bienenschwarms. Herr und Frau Glescanka standen wie entgeistert. Der alte Mann aus seinem leisen Rausch, aus seiner geistigen Betäubung plötzlich aus so schroffe Weise aufgeweckt, sah aus als begriff er nicht. Frau Glescanka rang die Hände und brach in Tränen aus, wobei sie ihre Unschuld wortreich beteuerte. Die Gäste suchten nach threr Garderobe, ihren Schirmen ttnd Stocket: in einer stummen, verbissene:: Art, wie wenn Unterdrückte zu zerbrochenen Waffen greisen. Die hübsche Kellnerin in Nationaltracht war verschwunden. Mit einer Handbewegung veranlaßte der Polizetteutnant den Schutzmann, sich in die Küche und die Nebenräume zu begeben, um dort etwaige noch vor­handene verdächtige Individuen gleichfalls zu sistieren.

Der Schutzmann blieb eine ganze Weile draußen-, und während dieser Zeit blieb Zeit genug für die Anwesenden, sich schweigend, in feindseliger Haltung gegen den Leut­nant zu entfernen. Die Sistierten hatte,: sich zu einem kleinen Haufen gruppiert, an ihrer Spitze der schwarz­bärtige junge Redner, der mit unterdrückter Stimme den anderen Unterweisungen gab. „Ich bitte, Herrschaften, sich zu beeilen", sagte der Beamte, in demselben kurzen und schroffe,: Tone, der dieser Bitte von vornherein den Ausdrucks eines Befehls gab. Herr und Frau Gles­canka erhoben sich. Sie hüllten sich in die von ein paar bereitwilligen Händen _ herbeigebrachten Mäntel. Der alte Mann setzte die Bärenmütze aus sein grauhaariges Künstlerhaupt, und nachdem- sie Helka umarmt und ge­küßt hatten, schoben sie hinaus, den anderen voran — un­schuldige Führer dieses heimatlosen, hoffnungslosen^ kleinen Heeres.-

Helka und ich blieben in dem großen Saale allein. Man hatte die Türen von außen verriegelt, denn zum Zweck einer Haussuchung nach polittschein Material, die eine Stunde später erfolge:: würde, durfte ke:n U „be­rufener vor der Rückkunft des Polizeileutnants das Haus verlasse::, noch aber in dasselbe gelangen. Der Leutnant hatte uns, als an der Affäre-Unbeteiligten, ::: höflicher Weise freigestellt zu gehen. Da aber Selka starr und wie entgeistert saß, plötzlich aus allen Himmeln gerissen, be­schloß ich, die Stunde bei chr auszuhalten. Ich hatte ihr freilich erst zugeredet, mit mir zu kommen. Nach Haus, zu ihren: Manne, oder, wenn sie das in ihren: Trotz durch, aus nicht wollte, zu mir in die Pension. Doch sie wehrte mit heftigen Worten ab: „Nein, nein, wie könnte ich meine Eltern verlassen in einem solche,: Augenblick!" Ihr Pathos rührte mich. Nicht umsonst war ich neunzehn dreiviertel Jahr. — in diesem Alter, in dem man die Backfischjahre an Gläubigkeit und Enthusiasmus über- trifft und für das falsche Pathos der Menschen noch kein Gefühl hat. Ja, es hielt mich sogar etwas wie ein ge. heimer, wollüstiger Schmier im Bann, ein unbewußtes