st. Jahrgang.
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|jt0. 115« Verla,«.Fernsprecher No. 2953.
Dienstag» den 10. März.
RebaktionS-Fernfprecher No. 52. 1903.
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Morgen-Ausgabe.
plan Mn die itldMmljlca statt?
Diese Frage wird begreiflicherweise allseits mit immer 'lebhafterem Interesse aufgeworfen, denn jedermann weiß, daß uns nur noch ein Vierteljahr von den Neuwahlen trennt, die, wie mit Sicherheit angenommen wird, im Juni stattfinden werden, uttd trotzdem wir denl Wahltag so nahe sind, ist doch immer noch nichts Sicheres über den Wahltermin selbst zu erfahren. Das ist aber sehr bedauerlich, denn die Parteileitungen und auch vielfach die Wähler, vor allem aber die Reichstagskandidaten sÄbst, haben selbstverständlich ein dringliches Interesse daran, so nahe vor den Wahlen endlich über den Termin der Wahl Klarheit zu haben.
Was unsere Auffassung hierüber betrifft, so sind wir noch heute der Meinung, die wir irr einein Leitartikel vom 17. Juni v. I. im Gegeirsatz zu damals geltend gemachten Anschammgen vertreten haben, daß die Neuwahlen zum Reichstage voraussichtlich am 16. oder 17. Funi cr. stattfinden werden. Tie Legislaturperiode endet, da die Wahlen zu diesem Reichstage am 16. Juni 1898 stattgefunden haben, nach der nahezu allgemein vertretenen Auffassung der Staatsrechtslehrer, der allenr Anschein nach auch die Regierung beipflichtet, am 16. Juni dieses Jahres, so daß mithin die Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß an diefemTermin oder unmittelbar danach die Neuwahlen stattfinden werden.
Für die Anberaumung der Wahlen auf diesen Termin spricht jedenfalls eine starke Wahrscheinlichkeit, denn die Wahlen zum Reichstag haben bisher, so weit die Legislaturperiode ihr natürliches Ende fand und der Reichstag n.cht der Auflösung verfiel, mit einer Ausnahme fast genau an dem Tage stattgefunden, an dem die entsprechende Anzahl Jahre vorher die Reichstagswahlen stattgefunden hatten. Um dies zu zeigen, geben wir in folgendem die Tabelle der bisherigen Legislaturperioden des Reichstags wieder:
I. 3. März 1871 bis 29. Nov. 1873. (Auflösung.)
II. 10. Januar 1874 bis 22. Dez. 1876. (Schluß.)
III. 10. Januar 1877 bis 11. Juni 1878. (Auflösung.)
IV. 30. Juli 1878 bis 15. Juni 1881. (Schluß.)
V. 27. Oktober 1881 bis 28. Juli 1884. (Schluß.)
VI. 28. Okt. 1884 bis 14. Januar 1887. (Auflösung.)
VII. 21. FÄruar 1887 bis 25. Januar 1890. (Schluß.)
VIII. 20. Febr. 1890 bis 6. Mai 1893. (Auflösung.)
IX. 15. Juni 1893 bis 6. Juni 1898. (Schluß.)
X. 16. Juni 1898 bis ?
Nun eben bis zum 16. Juni d. I., an welchem Tage ungefähr, eventuell eben auch am 17. Juni, wahrscheinlich auch die Neuwahlen stattfinden werden. Tie Wahrscheinlichkeit spricht eben dafür, daß die Regierung eben
so wie im Jahre 1898 verfahren wird. Damals endete die Legislaturperiode, da die Wahlen am 15. Juni 1893 stattgefunden hatten, am 15. Juni 1898. Noch während der Session, am 23. April 1898, erging die kaiserliche Verordnung, wonach die Neuwahlen am 16. Juni 1898 vorgenommen werden sollten.
Eine starke Wahrscheinlichkeit spricht, da keinerlei Gründe gegen die Festsetzung des gleichen Termins sprechen, dafür, daß binnen kurzem eine kaiserliche Verordnung ergehen wird, der zufolge die Neuwahlen entweder aufDienstag, den 16., oderMittwoch, den 17. Juni, anberaunrt werden sollen. Dieser Auffassung stellen sich jedoch zwei andere entgegen. Die eine, welche zwar schon hinreichend widerlegt worden ist, aber trotzdem soeben wieder auftaucht, tvill die Fiktion aufrecht erhalten, daß der Reichstag, da er erst am 6. Dezember 1898 zusammengetreten sei, damit auch erst „konsistent" geworden sei, so daß mithin die Regierurig berechtigt sei, die Wahlen erst im Herbst vorzunehmen. Diese irrtümliche Anschauung haben wir jedoch früher schon so hinreichend widerlegt, daß wir wohl auf die erneute Abweisung ver- zichten können.
Zur Zeit macht sich jedoch noch eine zweite Anschauung geltend, welche als Wahltermin den 4. his 6. Juni diagnostiziert. Ta nun aber das Mandat des jetzigen Reichstages erst am 16. Juni abläuft, würden rnitbirr in diesem Falle kurze Zeit zwei Reichstage neben einander bestehen, so daß also in diesem Falle die Auflösung des alten Reichstages notwendig wäre. Der Einwand, daß dies nicht nötig sei, da der Reichstag erst nach der errdgiltigen Feststellung der Wahlergebnisse, der Benachrichtigung der Gewählten und deren Annahmeerklärung, oder eventuell sogar erst nach Erledigung der Stichwahlen, als zu Recht bestehend anzusehen sei, kann nicht als stichhaltig angesehen werden. Denn wenn die Reichsverfassung auch keine Bestimmung darüber enthält, so hat doch die Reichsregierung sich wiederholt ausdrücklich zu dem Standpunkt bekannt, daß die Legislaturperiode mit dem Wahltag beginne. Da aber im Fall einer Auflösung der Reichstag laut Artikel 25 der Reichsverfassung neunzig Tage darnach berufen werden müsste, so spricht die Wahrscheinlichkeit für die Anberaumung der Wahlen auf dm 16. oder 17. Juni.
Deutsches Reich.
Zu den Handelsbcrtragsverhandlungcn mit Rußland.
Als vor kurzem der neue russische Zolltarif veröffentlicht wurde, ertönte das Echo laut genug aus allm politischen und wirtschaftspolitischen Parteien in Deutschland, aber von einer Seite her kam kein Widerhall, auch nicht der geringste, nämlich nicht von Seitm der Regierung. Es war. als hätte Herr v. Witte den Tarif überhaupt nicht veröffentlicht, so wenig reagierten die Blätter
des Grafen Bülow darauf. Sie hatten offenbar die be- stimnite Anweisung, zu schweigen. Ergänzt wird das Bild dadurch, daß auch die russische Regierung ihre Offi- ziösm diesmal an ziemlich kurzer Kette hielt. Nicht entfernt so laut war der Lärm wie damals, als unser eigener Zolltarif zuerst bekannt wurde. Man erinnert sich, daß Herr v. Wflte im Herbst 1901 eine regelrechte wirtschaftspolitische Kriegsdrohung nach Berlin ergehen ließ; gegenwärtig begnügt er sich im wesentlichen mit der Veröffentlichung seines Gegenentwurfs. Die verhältnismäßige Ruhe hüben und drüben kann Verschiedenes bedeuten, vielleicht, daß die Kraft und die Wichtigkeit der Gegensätze über das Stadium eines Wortstreites hinausgediehen sind, vielleicht auch, daß gleichzeitig mit dem Auffahren der Batterieen die Friedensverhandlungen begonnen haben. Es wird berichtet, daß die Vorverhand- luggen über einm neuen Tarifvertrag mit Rußland eingeleitet worden sind. Zugleich äußert sich an Stellm, wo man seinen gewohnheitsmäßigen Optimismus aus erster Hand, aus der Wilhelmstraße, zu beziehm pflegt, ein merkwürdig acceifluiertes Vertrauen auf das GÄingen der Verhandlungen. Über die Berechtigung dieser Zuversicht zu streiten, liegt uns fem. Die Hoffnung, daß kein vertragsloser Zustand zwischen Deutschland und Rußland eintritt, hegen auch wir und muß jeder hegen, der ein Gefühl dafür hat, welche grenzenlose Verantwortung unsere Regierung zu tragm hätte, wenn sie uns in einm Zollkrieg mit dem Zarenreiche verwickelte. Also verständigen wird man sich vermutlich, nur daß es sich fragt, auf welcher Grundlage. Wiederholt Gesagtes muß abermals gesagt werden: Schon vor Jahr und Tag war die Rede davon, daß Herr v. Witte dm Fünfmarkzoll für Roggen hinnehmen werde, wenn ihm dafür der deutsche Anleihemarkt eröffnet werdm sollte. Man hat bisher nimials bestimmt erfahren, ob dies Gerücht wahr oder falsch ist. Weder in Berlin noch in Petersburg hat man sich zur Sache geäußert, obwohl sie von weithin sichtbaren Stellen mit aller Deutlichkeit ausgesprochen worden ist. So weiß man denn nicht, was von diesm Gerüchten gehalten werdm soll, und es bleibt jedem überlassen, sich zu ihnen nach seinem Belieben zu stellm. In agrarischen Kreisen, die trotz aller zur Schau getragmm Gegensätze intime Beziehungen zu »mäßigen Regierungskreisen unterhalten, will man erfahren haben, daß Graf Bülow unter die Getreidemindestsätze nicht herabgehen werde, weil es nicht nötig sein werde. daß er dagegm auf dem Gebiete der Viehzölle erhebliche Zugeständnisse an Rußland machen dürfte. Diese Mit- teilungen werden neuerdings von anderer Seite unterstützt. Sollte der Reichskanzler die Verhandlungen mit Rußland auf der angegebener: Basis führm wolltm, so möchte man annehmm, daß er keine Andeutungen darüber in die Öffentlichkeit hätte gelangm lassen, wenn er sich nicht vorher in vertraulichen Unterredungen vergewissert hätte, daß man an der Newa bereit sein würde, dem an-
FrrriUetan.
Die MUm der deutschen ^utomobilausRellunö
itnö die Hnldignngsfahrt vor dem deutschen Kaiser.
Als am Freitag der Himmel voll grauer Wolken hing und ein solider Landregen den Berlinern die Laune verdarb, erging sich wohl mancher in billigen Unglücksprophezeiungen über den verregneten Verlauf der Huldigungsfahrt. Aber der Schutzgott der Automobilisten — sie brauchen nämlich einen solchen noch recht notwendig — erbarmte sich seiner Jünger, und am Samstag war unverfälschtes, echtes Hohenzollernwettcr. Ein wolkenloser, tiefblauer Himmel wölbte sich über Berlin, das, um in seiner Pracht zur volleu Geltung zu kommen, jenes goldigen Sonnenscheins bedarf, der am Samstagmorgen die beängstigten Gemüter der „Kraftler" erfreute. Da die Ausstellung sich in Charlottenburg befindet, merkt man in Berlin nicht allzuviel von ihr. wenn auch noch häufiger als sonst der unmelodiöse Trompetenton der Kraftwagen erschallt und funkelnagelneue Automobile, von sicherer Hand gelenkt, die Linden hinuntersausen.
Erst am Samstag, kurz nach 2 Uhr nachmittags, nahm der Automobilverkehr via Linden—Brandenburger Tor—Tiergarten größere Dimensionen an und eine nicht endenwollende Reihe von Motorrädern und Autos fuhr im Gänsemarsch nach Charlottenburg, die Insassen im Sportkostüm, während ein Karton den bei der Eröffnung notwendigen Cylinöer barg. Schon lange vor 3 Uhr hatte sich der große, geräumige Saal der „Flora" mit einem distinguierten Publikum gefüllt, welches die Aus- Stellungsobjekte inAugenschein nahm. Im „Weißen Saal" hatte sich das Empfangs-Comitä versammelt und Punkt 8 Uhr erschienen Prinz und Prinzessin Heinrich am Haupteingang, von General z. D. G. Becker, dem Präsidenten des Ausstellungs- Comitäs, begrüßt, während im „Weißen Saal" Direktor Freund, der Vorsitzende der technischen Kommission, der Frau Prinzessin einen Strauß prächtiger Nelken überreichte. Die hohen Herrschaften mit dem
Begrüßungs-Comitä begaben sich hierauf in den Festsaal und nahmen vor dem Palmenhaus in der Mitte des Saales Aufstellung, wo die von Palmen umgebene Bronzebüstc des Kaisers der Gruppe einen malerischen Hintergrund bot. General Becker ergriff das Wort zu einer kurzen Ansprache, in der er die Entstehungsgeschichte der Ausstellung kurz skizzierte. Nachdem der Redner die Fortschritte in der Automobilindustrie während der letzten Jahre hcrvorgehoben hatte, verglich cr die Ausstellung mit einem Buch, dessen Wert auch nicht die Anzahl der Seiten bestimme, sondern das Werk des Autors, das den Inhalt ausmacht. So sei auch hier eine nicht allzugroße Ausstellung vorhanden, die jedoch nur die Elite vereinige und nur Erstklassiges zeige. Er bat darauf den Prinzen Heinrich, die Ausstellung zu eröffnen, und dieser ergriff alsdann das Wort zu folgender kurzen Eröffnungsrede: „Mit der Zustimmung des Herrn Präsidenten erkläre ich die Ausstellung hiermit für eröffnet. Da diese in der Residenz Sr. Majestät stattfindet, rufe ich: Se. Majestät der Kaiser, Hurrahl" Die Musikkapelle fiel mit einem Tusch ein und spielte darauf die Nationalhymne, nachdem diese, wie gewöhnlich, einige Minuten auf sich warten ließ, aber nach einigen wohlwollenden Zurufen intoniert wurde. Prinz Heinrich trat darauf einen Rundgang an, hielt sich bei allen Ausstellern längere Zeit auf und die meist persönlich erschienenen Fabrikanten erteilten auf die eingehenden Fragen des Prinzen Auskunft über ihre Fabrikate. Den ausgestellten Wagen der Heeresverwaltung widmete er zuerst seine Aufmerksamkeit, darauf den übrigen Ausstellern, unter denen sich alle bekannten Fabriken befanden, wie: „Benz u. Co.", „Daimler-Gesellschaft", „Nene Automobil-Gesellschaft" (Berlin), „Adler- fahrrad-Werke" (Frankfurt a. M.), „A. Opel" (Rüsselsheim), „Motor-Werke Argus", „Dürkopp u. Co." (Bielefeld), „Cudell" (Aachen), de Dietrich und die Pneumatikfabriken „Union-Peter" (Frankfurt a. M.) und „Continental" (Hannover). Auf der Galerie waren vertreten die „Corona"-, „Wanderer"-, „Expreß"-, „Excel- sior"-, „Presto"- und Brennaborräder und Motorcykles, von denen die Schrittmachermaschine der „Corona- Fabrik" besondere Aufmerksamkeit erregte, da diese der
erst kürzlich in Australien siegreich gewesene Champion R o b l bei allen seinen siegreichen Rennen gebraucht hat. In den Zelten des „Flora-Gartens" waren ausgestellt: die Dampfmotorwagen, System „Stoltz" (Inhaber Friedrich Krapp, Germania«erst, Kiel), das Omnibusauto von Dürkopp, das im Betrieb gezeigt wurde und auch die Huldigungsfahrt mitmachte, die Daimlerschen Wagen der Heeresverwaltung, ein ganzer Zug für Lastenbeförderung der „Neuen Berliner Automobil- Gesellschaft", Lokomobilen von John Fowler (Magdeburg) und Automobile der „The Locomobile-Compagny of Amerika", deren Vertreter von Prinz Heinrich durch Händedruck ausgezeichnet wurde. Um %5 Uhr verließ Prinz Heinrich mit Gefolge die Ausstellung, nachdem cr sich über das Gesehene dem Comitä gegenüber höchst lobend ausgesprochen hatte. Unter dem Gefolge des prinzlichen Ehepaares bemerkte man: Prinz Joachim Albrecht, Herzog von Mecklenburg, Generaloberst v. Hahnke, die Minister v. Hammerstein und Möller, den Herzog v. Ratibor nebst Gemahlin, Fürsten Hohenlohe, die Grafen Sierstorff und Talleyranö, den Polizeipräsidenten v. Borries und andere mehr. War die Eröffnung am Nachmittag — welche Eröffnung wäre es nicht? — etwas steif und langwierig, so kam Leben in die Ausstellung, als die Teilnehmer an der Huldigungsfahrt zum Aufbruch nach der Trabrennbahn „Westend", dem Aufstellungsplatz zur Abfahrt, rüsteten, ihre Automobile in Bewegung setzten, als auf der Charlottenburger Chaussee ein Fahrzeug nach dem anderen festlich mit Blumen geschmückt nach dem Sammelplatz fuhr und von der hunderttausendköpfigen Menge, die die lange Straße gleich Mauern umschloß, mit Jubel begrüßt wurde. Aber es war keine Zeit zu verlieren, um dem Treiben hier längere Aufmerksamkeit zu widmen, wollte man noch mit heiler Haut das Schloß erreichen, denn die sechste Nachmittagsstunde nahte und die Linden waren mit einem Menschenstrom erfüllt, wie man es selten gesehen hat; es war ja auch Samstag abend! Mit Mühe und Not erreichte man, falls man zu den Wenigen gehörte, die mit einer Passierkarte ausgerüstet waren, den Bürgersteig vor der Schlotzterrasie, wo der große Schloß, platz in seiner absoluten Leere, umsäumt auf der gegen-
