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51. Jahrgang.

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P#. 116. «erla,».Fernsprecher R». 2853.

Dienstag» den 10« Marx.

Rebaktions-Fernsprecher No. 82.

1003.

Abend-Ausgabe.

Das Ende des Trierer Schuistrriles.

Der durch den Erlaß des Bischofs Korum in Trier gegen die dortige staatliche paritätische Töchterschule pro­vozierte Streit zwischen der preußischen Regierung und dem Klerus ist mit erfreulicher Prompcheit beendet wor­den, und zwar, wie dies freilich im Interesse der Autori­tät des Staates unabweislich war, durch die bedingungs- lose Zurücknahme des vielerörterten Korum-Erlasses. Am 15. Februar war jener Erlaß, welcher diejenigen Eltern, die ihre Kinder ohne besondere Gründe in die parrtätische Töchterschule schickten, mit der Verweigerung der Ab­solution bedrohte, von den Kanzeln der Trierer Kirchen verkündet worden. Am 2 d. M., also gerade vor einer Woche, hat dieVerhandlung Wer die von nationalliberaler Seite eingebrachte Interpellation im preußischen Möge- ordnetenhause stattgefunden. Und Sonntag berests t ist von den Kanzeln der Trierer Kirchen herab die Zurück­nahme des Korum-Erlasses verkündet worden.

Me preußische Regierung hat also in diesem Falle prompt „gearbeitet", und man kann wohl annchmen, daß Graf Bülow, als er am vorletzten Montag die Er­wartung aussprach, daß der Bischof von Trier sein „Publicandum" rückgängig machen werde, seiner Sache berests sicher war. Nun könnte freilich die Form, in welcher die Zurücknahme des Korum-Erlasses von den Trierer Kanzeln verkündet wurde, zunächsi einige Be­denken errregen. Denn es heißt in dieser Ankündigung, daß die Zurücknahme „wegen veränderter Umstände" er­folge, und weil die Staatsregierung „gemäß den Er­klärungen der Herren Minister int Abgeordnetenhause und weiteren Mitteilungen die Absicht habe, den Wiinschen der Katholiken gerecht zu werden.

Me aus dem Wortlaut dieser Erklärung sich hervor- drängende Auffassung, daß die Regierung Wer die in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 2. d. M. W- gegebenen Erklärungen hinaus dein Bischof Korum oder der Kurie besondere Zugeständnisse gemacht habe, kann jedoch erfreulicher Weise als nicht zutreffend bezeichnet werden. Ter Kultusminister I)r. Studt hat in der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses die ausdrück­liche Erklärung abgegeben, daß die von der Regierung in dieser Angelegenhest ergangenen Mitteilungen sämt­lich über den Rahmen der im Wgeordnetenhause von dem Ministerpräsidenten und dem Kultusminister abgegebenen Erklärungen nicht hinausgehen. Und eine gleiche Er­klärung wurde gestern in der offiziösen „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht. Wie hierzu noch mitzutesten ist, geht die seitens der preußischen Regierung dem Vatikan

übermittelte Erklärung dahin, daß die Regierung bereit sei, die Beschwerden des Bischofs Korum, soweit sie als berechtigt anerkannt werden, abzu­stellen. Mit dem Bischof Korum selbst hat die Regierung überhaupt nicht verhandelt.

Da sich die Negierung zur Abstellung berechtigter Be­schwerden schon im Abgeordnetenhause bereit erklärt hatte, so kann man wohl, auch ohne einer optimistischen Auffassung zu huldigen, angesichts der Form, in welcher die Zurücknahme des Korum-Erlasses erfolgte, von einer Art Sieg der Regierung reden, zu dessen prompter Her­beiführung man dem Grafen Bülow gratulieren darf. Ein Teil des Verdienstes an dieser schnellen . und _ be­friedigenden Regelung der Korum-Affäre wird freilich dem Fürstbischof Kopp in Breslau, dem derzeistgen ein­zigen Kardinal deutscher Nationalität, zugesprochen wer­den müssen. Jni Grunds des Herzens wird sich aber auch das Zentrum zur Beendigung des Trierer Schulstreites gratulieren, denn tatsächlich war den besonneneren Elementen des Zentrums das Vorgehen des streitlusstgen Bischofs gerade jetzt, wo sich das Zentrum mit der Regie­rung in vielen Fragen auf friedlichem Wege besser ver­ständigt, als es weiten Kreisen im deutschen Volke lieb ist, recht unbequem gekommen.

Von einem nachhalstgen Erfolge der Regierung gegen- Wer denr Klerus wird man freilich in diesen: Falle nur dann sprechen können — und nur für diesen Fall halten wir die an die Adresse des Grafen Bülow gerichtete Gratulaüon aufrecht —, wenn die Regierung ihren Er­folg nicht durch Zugeständnisse an den Klerikalismus mst anderen Gebieten zu nichte macht.

Diese Einschränkung wird auch von der Presse, die im übrigen die Zurücknahme des Korum-Erlasses fast durchweg als einen Sieg der Regierung diagnostiziert, mehrfach geinacht. So schreibt die „P o st", es müsse ver­langt werden, daß die Staatsregierung die Tatsache dieser erfolgten Sühne nicht auf ihre Entschließungen in Bezug auf die im Bistum Trier schwebenden Schulfragen ein­wirken lasse. Und die „Nat. Ztg." hebt hervor, daß durch die Desavouierung des Trierer Bischofs seitens der Kurie an der Beurteilung der von dem Klerikalismus in Deutschland gegenwärstg drohenden Gefahren nichts ge­ändert würde. In der Tat hat der Staat fetzt mehr als je Ursache, seine Souveränität auf dem Gebiete des Schulwesens dem Klerus gegenüber zu stabilieren, wie einen rocher de bronce!

*

An weiteren Preßstimmen seien noch erwähnt, zu­nächst eine etwas spöttische Auslassung der „Franks. Zeitung", welche schreibt:

Sehrgut gemacht und namentlich vorzüglich arrangiert. Darin ist Graf Bülow ein diplomatischer Meister. Er hat auch, alL vor acht Tagen im Abgcordnetenhausc über den Trierer Schul-

streit verhandelt wurde, höchstwahrscheinlich schon gewußt, datz er der Zurücknahme des Erlasses deö Bischofs Korum sicher sei, aber er hat es nicht gesagt, sondern nur mit einer Bestimmtheit, die sehr angenehm wirkte, die Aufhebung des Erlasses verlangt. Und dann ist in den nächsten Tagen über den Fortgang der Sache nichts durchgesickert, wenigstens nicht von Berlin aus, und selbst vorgestern noch mutzte der Kultusminister auf eine Anfrage er­klären, datz er nichts wisse. So hat die Verkündigung van den Kanzeln in Trier mit der vollen Kraft der Überraschung und eines ganzen Erfolges gewirkt, zumal das erste ofsiziöse Telegramm nur die knappe Mitteilung enthielt: „Soeben ist von den Kanzeln verkündet worden, datz das Publikandum des Bischofs Korum als nicht geschehen zu betrachten sei." Die einleitenden Sätze, daß ge­mäß den Erklärungen der Minister im Abgeordnetenhause und weiterer Mitteilungen die Regierung die Absicht habe, den Wiinschen der Katholiken in der Schulsrage gerecht zu werden und das; deshalb die Zurücknahme des Erlasses erfolge, hat das Tele- graphcnbureau wahrscheinlich aus Scheu vor den großen Depeschenkosten zunächst weggelassen. Wirklich sehr gut gemacht. Man darf solche Regiekunst nicht unterschätzen, sie hat ihre Bc- dcrtvng in der Politik. Das gehört zum Kapitel von der Wichtig, keit des ernsten Eindrucks, und dieser Eindruck ist sehr günstig. Graf Bülow kann heute in allen Blättern lesen, daß er einen großen, für die Stellung der Staatsrcgicrung gegenüber dem Klcrikalismus bedeutsamen Ersolg errungen hat und daß Bischof Korum und die politische Partei des Zentrums, die das Borgehen des Bischofs Korum verteidigt hat, eine noch nie dagewescne Niederlage erlitten haben. Dabei taucht aber gleich nach der ehr­lich empfundenen Genugtuung in allen Blättern, noch ehe sie den Wortlaut der Publikation gekannt haben, die Frage auf, was ko st et dieser Ersolg? Welche goldene Brücke hat man der» Bischos und der Kurie gebaut, was ist ihnen versprochen wor- den? Denn daß der Bischos und der Papst sich bedingungslos zurückgezogen hätten, dos will angesichts der Natur der katho- lischcn Kirche, der Person dieses Bischofs und der Machtstellung des Zentrums niemand recht in den Sinn.

Die „G e r m a n i a" bemerkt, nun sei es Sache der Regie» rr'Ng, dem Versprechen des Grasen Bülow entsprechend, die in Trier bestehenden Unzuträglichkeiten, Unvollkommenheiten und Mängel, die der Kultusminister selbst zum Teil wenigstens aner­kannt habe, sobald als möglich zu beseitigen, um den Wünschen der Katholiken in Trier in der Schulfrage gerecht zu werden.

Die „Tägl. Rundsch." schreibt: So hat der diesmalige Vorstoß des Trierer Bischofs, weil verfrüht und allzu selbständig unter­nommen, mit einer Niederlage des Bischofs geendet. Der Staat hat sein Recht gewahrt und die Katholiken, die ihre Töchrer auch fernerhin in die paritätische Schule schicken wollen, können dies wenigstens tun, ohne ösfentlich mit der Absolutionsverweigerung bedroht zu werden. Bischof Korum muß die Gläubigen bitten, seine oberhirtliche Willensmeinung, die er vor drei Wochen von der Kanzel herab verkünden ließ, als ungeschehen zu betrachten und er leistet den Widerruf, wie wir das vorhcrgesagt, auf der Grundlage „veränderter Verhältnisse". Prinzipiell nimmt e r n i ch t s z u r ü ck. Er hat die Strafmittel der Kirche zur Unzeit angewandt und deshalb ist er von Rom angehalten worden, die erhobene Rute wieder in den Sack zu stecken. Die Frage, ob er überhaupt das Recht hat, den Besuch einer staatlichen Schule mit der öffentlichen Absolutionsverweigerung zu bedrohen, ist von Rom stillschweigend, ist vom deutschen Zentrum öffentlich bejaht worden. Unter abermals „veränderten Verhältnissen" kann er die Rute wieder aus dem Sacke ziehen. Immerhin hat der Ver­laus des Streites ergeben, datz es zur Zeit für Rom noch nicht ratsam ist, die letzten Konsequenzen seines Systems in Deutsch, land zu ziehen. Das verdanken wir dem Widerstande, der sich im ganzen nichtultramontanen Deutschland gegen den Angriff des Trierer Bischofs erhob, das verdanken wir der nationallibc- ralen Interpellation im Landtage und der Festigkeit der Regier

Die Freundin aus Russisch-Polen.

Erlebnis aus der Mädchenzeit.

Von Elsbeth Meyer-Foerster.

(4. Fortsetzung.)

Am Leipziger Platz tat sich etwas wie ein Garten auf, da grünte und duftete es, die KastanieWäume warfen ihre zitternden Blattschatten auf das vom elektrischen Lichte tageshell überstrahlte Trottoir. Noch die fülle Lirststraße entlang, und die Wohnung des Markwarts am Schöneberger Ufer war erreicht.

Es war kurz vor Toresschluß, ich lief sehr schnell die Treppen hinauf. Im Eßzimmer fand ich Conrad Mark­wart allein ; er mochte gelesen haben, wenigstens lagen Zeitungen vor ihm ausgebreitet, aber die Cigarre hielt er erkaltet in den Händen und seine Miene war zerstrertt und unbehaglich.

„Helka hat sich seit einer Stunde „zurückgezogen", wie man so höflich sagt," erklärte er mit einem gezwungenen Lächeln. „Sie werden sie vergebens suchen, kleine Freundin. Wie ein Fuchs verkriecht sie sich im Bau, wo er am finstersten ist. Zum Unglück habe ich selbst diesen Bau gestiftet." Ich sah ihn fragend an. Er fuhr mit sichtlichem UWehagen fort: „Sie wissen, daß wir oben im Giebel des Hauses noch ein kleines Zimmer besitzen, eine FrerWenstube. Sie scheint eine Art Verhängnis werden zu sollen für unsere Ehe." Er schwieg und stäubte gedankenvoll die Asche von der erkalteten Cigarre. Ich ließ chm Zeit und studierte das Titelblatt der Revue, die vor mir auf einer Ecke des flüchtig geordneten Tisches lag. Endlich, als die Pause in absolutes Schweigen aus­gehen zu wollen drohte, fragte ich wie obenhin:

„Nun und? Was ist's mit dieser Fremdenstube?"

„Sie eben ist der Fuchsbau geworden, die Giebel­stube", sagte Conrad Markwart, indem er hin und her schritt. „Ein Schlupfwinkel für die liebende Hausfrau. Es gibt keine Aussprache bei uns, keine durch die Ver­schiedenheit unserer beiderseitigen Anschauungen bedingte sogenannte „Scene", die nicht damit endete, daß Helka sich in diesen Fuchsbau zurückzieht und mir und meinem

Gedankenreichtum das leere Schlachtfeld überläßt. Ver­wünscht, dieser Fuchsbau, und der Tag, an dem ich auf seine Idylle hereinfiel."

Er lief noch immer aufgeregt hin und her, sein Schritt erschütterte die Gläser und Teller, die aneinandergereiht die Estrade der Anrichte krönten.

„Und so inuß ich mich darauf vertrösten, Madame am anderen Tage wiederzufehen, wenn sie da oben" -— er zeigte nach der Decke — „ausgetrotzt hat. Beneidens­werte Lage, wahrhaftig. Ach, ich hätte nicht übel Lust, auch unter die Sittenschflderer zu gehen, und wie jener Herr X. einen Beitrag zur Erziehung zur Ehe zu schreiben. Was nian am eigenen Leibe erlebt, das ist es doch schließ­lich, was den besten Trompetenton abgibt." —

Er hatte leichthin sprechen tvollen, aber durch seine Stimme zitterte verhaltene Erregung. Und wie ich ihn so ansah, den großen, robusten Mann, der meine leichte Freundin so liebevoll zu sich aufgehoben hatte, empfand ich trotz seiner Phrascnhaftigkeit Mitleid für ihn.

„Ich werde Helka herunter rufen", schlug ich vor. Im Korridor begegnete ich der Köchin, die soeben das Gas im Vorzimmer ausdrehen wollte. Ich bat sie, noch einen Augenblick brennen zu lassen nnd fragte nach dem Stubenmädchen. „Me ist ausgegangen, gnä' Fräulein; vor Mitternacht kommt die schwerlich zurück. Die gnä' Frau hat ihr gleich nach dem Abendbrot die Erlaubnis gegeben, fortzugehen." — „Dann kommen Sie, Mathilde. Zeigen Sie mir, wo man zur Giebelstube gelangt."

An übler Laune, wie es schien, öffnete das Mädchen das Entree. „Tie gnä' Frau wollte partout nicht gestört sein", sagte sie, während sie die Treppe züm Boden empor- schritt. „Nich vom Herrn, nich von uns, nich von keine SeÄe. Den Tusch bekomme ick daun wieder auf den Kopf. Das gnädige Fräulein können allein anklopfen."

Sie zeigte, auf dem oberen Treppenabsatz stehend, auf die nächste Bodentür. .Sie selbst reterierte in die Wohnung zurück. „Nur fest klopfen, bitte schön, die gnä' Frau liegt auf dem Gastbett und schläft vielleicht schon. Ich lasse die Tür zum Korridor für Fräulein offen."

Ich klopfte lange und hartnäckig. Keine Anttoort kam. „Helka", ries ich, indem ich mich zum Schlüssel­loch beugte. „Ich bringe Nachricht von deinen Eltern.

Ich habe dir Wichtiges mitzuteilen. Mache auf! Nur eine Minute mache auf!"

Kein Laut. Es blieb still im Hause, nur vom Hofe hörte man durch das geöffnete Flurfenster eilige Schritts über das Steinpflaster stampfen.

Ich tat, als ob ich mich entfernte. „Ich lege also einen Zettel hier auf die Schwelle!" rief ich. „Lies, wenn du nicht hören willst."

Ich ging ein paar Stufen hinab. Aber auf der untersten zog ich mir hastig die Stiefel cnrs. Unhörbar, auf Strümpfen, näherte ick) mich wieder der Tür. Ich weiß noch jetzt nicht, wie mir dieser Einfall kam. Ich hegte keinerlei bestimmten Verdacht, nur im Innersten meiner Seele quälte und nötigte etwas — etwas Un­definierbares, mir selbst nicht Begreifliches.

Wie ein Spion stand ich vor der verschlossenen Tür, unruhig, klopfenden Herzens, auf den Moment wartend, wo sich da drinnen etwas regen würde. Und am leisen Beben der Diele erkannte ich, daß sich jemand im Hinter­grund des Zimmers von einem Lager erhob und, gleich­falls auf Strümpfen, näher katn.

Einen Augenblick war es drinnen still und ich hatte die Überzeugung, daß sich auch da drinnen ein Kopf lauschend gegen den Türspalt lehnte — dann schob sich leise der Riegel zurück. Eine Hand erschien, die tastend nach der Schwelle fuhr. Als sich auf dieser nichts faW und sich im ganzen Bodenraum nichts regte — denn ich stand regungslos gegen den Türvorsprung gelehnt —- erschien „Hedwig" auf der Schwelle.

Nicht Helka, — Hedwig, das Stubenmädchen. Sie war im Unlerrock und Nachtjacke, ihr reiches, braunes Haar war hochgebunden. Vorsichtig, mit neugierigen Augen, spähte sie den Vorslur, die Treppe hinab. Dann näherte sie sich auf Strümpfen dem Geländer, und beugte sich lauschend Wer dasselbe.

Mit einer raschen Bewegung stand ich in dem Zimmer, das sie verlassen hatte. Wie der Blitz schoß sie von ihrem Lauscherposten zurück. Sie war bleich und zitterte, und erst als sie in dem Überrascher mich erkannte, ging ein Ausdruck der Erleichterung über ihre Züge.

„Oh, mein Gott, gnädiges Fräulein! Ich glaubte, eS wäre Herr Markwart!"