Sl. Jahrgang.
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N-. U4.
Berlags-Fernsprecher Ro. 2958.
Montag» den 9. Mär;.
Ncbaktionö-FernsprecKer No. 52.
1903 .
Abend-Ausgabe.
Sozialpolitische Umschau.
In den letzten Wochen hat der Reichstag einen ganz außergewöhnlichen sozialpolitischen Eifer gezeigt. Das darf man nicht mißverstehen. Wenn man sagt „der Reichstag", so meint man heute etwa drei Dutzend Abgeordnete, bald einige mehr, bald einige weniger. Auch der sozialpolitische Eifer erstreckte sich nicht auf alle Parteien. Namentlich Zentrum und Sozialdemokraten hatten eine Reihe von Anträgen zur weiterenEntwickelung unserer Sozialpolitik eingebracht. Es heißt, auch diesen Parteien ist es nicht eigentlich um. die Sache, sondern heute mehr darum zu tun, sich vor den Neuwahlen einen guten Abgang zu sichern. Also Wahlpolitik! Aber wenn auch, es ist immer gut, wenn üble Zustände unter die Lupe genommen und notwendige Dinge angeregt werden. Und dringend notwendig sind die meisten der vorgelegten Reformen. So will das Zentrum den zehnstündigen Arbeitstag für junge Leiste bis zum 18. Jahre ausdehnen und die Arbeitszeit für über 16 Jahre alte Arbeiterinnen um eine Stunde täglich verkürzen. Tie Notwendigkeit namentlich dieser letzten Forderung ist seit Kahren oft erörtert. Auch soll es verboten werden, den jugendlichen Arbeitern und Arbeiterinnen Arbeit mit nach Hause zu geben, uni zu verhindern, daß der in den Fabriken herbeigeführte gesetzliche Schutz durch häusliche Mrackerung bis in die spätesten Nachtstunden umgangen wird. Am weitesten geht von: Zentrum eine Resolution Stotzel, die vom Reichstage die Einführung des Zehn- ftundentages für alle erwachsenen Arbeiter verlangt. Die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine, eine alte Forderung der Gewerkschaftler, wird auch vom Zentrum gewünscht, ebenso kehrt die alte Forderung dieser Partei nach Einführung von Arbeiterkammern wieder.
Ein Teil dieser^ Wünsche deckt sich mit Anträgen von nationalliberaler Seite. Die Sozialdemokraten. verlangen für alle Arbeiter zunächst auch nur den Zehnstundentag, wollen aber, daß dieser innerhalb einer gesetzlich festzulegenden Zeit auf acht Stunden verkürzt wird. Außerdem verlangen sie die Errichtung von Betriebsaufsichtsbehörden, denen alle Betriebe, auch Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Schiffahrt, unterstellt werden sollen. Diese Behörden sind au§ Reichsbeamten und Beigeordneten zu bilden, die die Aufsicht gemeinsam ausüben, mit dem Recht, ihre Anordnungen zwangsweise durchzuführen. Tie Beigeordneten sollen von den HilfS- personen aller Betriebe gewählt und die ganze Einrichtung einer Reichs-Zentral-Aufsichtsbehörde unterstellt werden. Der Antrag richtet seine Spitze gegen die heutige Fabrikaufsicht, die als ungenügend betrachtet wird, während es in der Land- und Forstwirtschaft eine Be
triebsaufsicht im sozialpolitischen Sinne bisher bekanntlich ebensowenig gibt, wie in der Schiffahrt und Fischerei. Daß eine derartige Aufsicht notwendig ist, läßt sich nicht gut bestreiten, wenigstens lassen die ungemein zahlreichen Unglücks fälle in landwirtschaftlichenBetrieben vermuten, daß hier dem Schutze der Arbeitergesundheit nicht immer die erforderliche Fürsorge und Umsicht gewidmet wird.
Tie Reichsregierung hat dieses Rial nur wenig Wasser in den gärenden Most des plötzlichen sozialpolitischen Eifers gegossen. Graf von Posadowsky erinnerte im Gegenteil daran, daß die Regierung erwäge, ob es nicht notwendig sei, Frauen und jugendliche Arbeiter von gewissen gesundheitsschädlichen Betrieben überhaupt auszuschließen: ein Gesetzentwurf fiir die Krankenversickie-
rung der Heimarbeiter sei ausgearbeitet, die Bestim- mungen für die Konfektionsarbeiterinnen wolle man auch auf die in Maßwerkstätten. beschäftigten Arbeiter ausdehnen. Don einem Verbot, jugendlichen Arbeitern Beschäftigung mit in die Wohnung zu geben, wollte der Mnister jedoch nichts wissen, auch nichts von Sozialpolitik treibenden Fabrikinspektoren, die nur Tatsachen berichterr sollen. Völlig in Übereinstimmung mit der Wissenschaft war der Minister, als er betonte, daß der Mittelstand nicht im Schwinden, sondern in der Umbildung begriffen sei. Auch die Ergebnisse der Einkommensteuer beweisen das; es ist nämlich das Einkommen der mittleren Schichten seit 1893 gegenicher der Bevölkerungszunahme um das Dreifache gestiegen. Tie Einführung eines allgemeinen Befähigungsnachweises für das Handwerk scheint nach den Äußerungen des Grafen von Posadowsky auch für die Reichsregierung endgiltig abgetan zu sein. Der Minister hielt selbst die Einführung desselben für das Baugewerbe für schwierig und betonte, die Hauptsache sei für die Hebung des Handwerks eine tüchtige Vorbildung, billige mechanische Kraft und, wie wir ergänzend hinzufügen möchten, ein sicherer und billiger, aber ja kein leichtherzig gewährter Kredit.
Zu scharfen Auseinandersetzungen kam es sowohl im Reichstage wie in der Presse über die jetzt einer Kommission überwiesene Novelle zum Krankenvcrsicherungs- gesetz. Sie bringt mit ihrer Ausdehnung der Unterstützung tatsächlich gegenüber den bisherigen Verhältnissen einige Wohltaten, aber man macht ihr den schweren Vorwurf, daß sie das Recht der Selbstverwaltung der Krankenkassen beschränke und schließlich ganz lahm lege. Und die Bedenken in dieser Beziehung scheinen nicht unberechtigt. Im Interesse einer gesunden sozialpolitischen Entwickelung ist es notwendig, daß in der Arbeiterfürsorge das Selbstverwaltungsrecht eher gestärkt, statt beschnitten wird. Eine Beschränkung der Selbstverwaltung unterbindet unseren sozialen Fortschritt; am wenigsten aber hat die Krankenversicherung Anlaß zu erhöhter staatlicher Aussicht und Einmischung gegeben. Hier bat sich die Selbstverwaltung gut bewährt und wir hegen starken Zweifel, daß der Zustand dieser Versicherung ohne jenes
Recht ein so vorzüglicher wäre, als er ist. Wer will, kann sich leicht davon überzeugen, daß die gegen die Krankenversicherung gerichteten Angriffe im wesentlichen grundlos sind. Also wozu hier eine nur übel wirkende ver- stärkte Staatsaufsicht, die an anderen Stellen unseres sozialen Lebens notwendiger ist und dort wirklich gut wirken würde? — Ob die angegriffenen Bestimmungen der Novelle Gesetz werden, ist fraglich; die deutschen Krankenkassen wollen in nächster Zeit eine allgemeine Versammlung abhalten, uni Protest zu erheben.
Dem Reichstag ist kürzlich auch eine Denkschrift über die Tuberkulose und ihre Bekämpfung zugegangen. Ein mörderischer Krieg rafft nicht so viel Opfer weg, als diese Seuche in Deutschland in jedem Jahre. Von 1892—1900 starben bei uns an Tuberkulose 1 066 722 Menschen; von je 100 000 etwa 212. In jedem Jahre müssen in Deutschland 226 000 Erwachsene wegen Tuberkulose Krankenhäuser aufsuchen oder doch ihren Beruf zeitweilig auf- gebcn. In den letzten Jahren sind alle diese Ziffern etwas geringer geworden: wahrscheinlich eine Folge der kräftigeren und zweckentsprechenderen Bekämpfung dieser Volksseuche. Es gibt jetzt so viel Lungenheilstätten in. Deutschland, daß etwa 30 000 Kranke ihre Wohltat genießen können. Natürlich muß bei der großen Ver- breitung der Tuberkulose noch viel mehr nach dieser Richtung getan werden, aber man kann auch mit Genugtuung seststellen, daß man auf dem besten Wege ist, das auch auf diesem Gebiete der sozialen Fürsorge so lange sträflich Vernachlässigte nachzuholen. Freilich von der Verschreibung der wirksamsten Medizin wollen Regierungen und Reichstagsmehrheit nichts wissen: Wohl
feiles Fleisch und Brot! Kräftige Nahrung und guter Verdienst für unsere industrielle Bevölkerung bleiben dis empfehlungswertestcn Mittel auch im Kampfe gegen die Tuberkulose!
Es ist notwendig, daß man bei diesem harten Kampfs die große Bedeutuirg der vorbeugenden Maßregeln recht würdigt. Die imiMchin, gewaltigen, aber doch nicht hinreichenden Mittel zur Verbesserung der Arbeiterwohnungen werden namentlich in Hinblick auf ihre günstige Wirkung für die Volksgesundheit flüssig gemacht. Der preußische Etat für 1903 enthält abermals eine Forderung von 12 Millionen Mark zum Bau von weiteren staatlichen Arbeiterwohnungen. Seit 1895 hat Preußen für diesen Zweck 35 Millionen Staatsgelder bewilligt, die bis auf etwa 4 Millionen aufgebraucht sind. Fast 25 Millionen entfallen auf die Eisenbahnverwaltung, die davon reichlich 8 Millionen als Darlehen an Baugenossenschaften gab. Die Wohltat derartiger Fürsorge kann man erst würdigen, wenn man weiß, daß nach statistischen Er- Mittelungen auch viele Arbeiterfamilien den vierten, mit- unter selbst den dritten Teil ihres Einkommens in den Großstädten allein für die Wohnung ausgebcn miissen.
Einige Aufmerksamkeit haben in der letzten Zeit in Deutschland die Vorschläge des Senatsvorsitzenden im
Die Freundin aus Dnlftsch-Dolen.
Erlebnis aus der Mädchenzeit.
Von Elsbeth Mcyer-Focrster.
(3. Fortsetzung.)
Schon wollte ich wieder hinausgehen, als ich an der Tür, mit einer Stecknadel ins Holz gebohrt, einen Zettel erblickte. Ich riß ihn ab und las:
„Meine lieben, besten Eltern, verzeiht es mir. Ich gehe in die Welt hinaus, mir mein Brot zu suchen. Durch ein Gespräch mit meiner Freundin ist mir ganz zum Bewußtsein gekommen, was ich schon immer gefühlt habe: daß ich ein sehr elendes Dasein führe.
Ihr, liebe Eltern, könnt nichts dafür. Wenn ich von Euch fort bin, wird alles besser werden. Von Euch ver- langt die Bande (ich meine die Herren) keine Zugeständnisse wie von mir. Würde ich aber bleiben und mein Benehmen ändern, so blieben sie einfach aus, wie sie es bereits einmal getan, und Du, guter Papa, würdest vor Sorge um den Pachtzins vergehen.
Ich wähle den heutigen Tag darum, weil ich fürchte, bei tangerem Aufschub nicht fest zu bleiben, und dann ist heute noch Else da, die mich liebt und Eure Sorge um mich lindern wird. Sie wird Euch besser erklären können als ich, wie nötig es ist, daß ich gehe. — Lebt wohl. Sobald es mir gut geht, hört Ihr von mir."
*
Es waren ein paar Monate vergangen und alles hatte sich besser gelöst, als man in jener Stunde, da Helkas kleiner Brief in ihrem Elternhause soviel Aufregung hervorgerufen, hätte denken können.
Ich war längst nach Berlin zurückgekehrt, in der ersten Zeit ganz mit dem Gedanken an die trostlosen Eltern beschäftigt, denen ich in einer Empfindung von Schuldgefühl fast täglich lange tröstende Briefe schrieb.
Ilm Helka sorgte ich weniger. So wie sie war, selbstbewußt und klug, würde sie ihren Weg schon finden. Ich war deswegen nicht so sehr überrascht, als eines Tages die
von mir längst erwartete Nachricht einlief, daß sie weder verschollen noch verkommen sei, sondern ganz im Gegenteil sich besser denn je befinde.
Sie war nach' Warschau gegangen, um Unterkunft zu suchen, war einige Zeit lang ganz entmutigt umhergeirrt, bis es ihr gelang, einen Platz in dem Comptoir einer großen Firma zu finden. Dort hatte sie durch ihre Sprachkenntnisse zuerst die Aufmerksamkeit der Prinzipale auf sich gelenkt, sie war ins Haus gezogen worden und — das Debüt batte mit einer Verlobung mit einem vermögenden jungen Kaufmann, Herrn Markwart, geendet.
„Mein Sweet-heart ist ein Deutscher", schrieb sie, „und bald, sowie die Hochzeit gefeiert ist, kehre ich mit ihm in seine Heimat zurück.
Ich komme nach Berlin, wir werden dort leben, ich werde Dich wieder haben, Dir danken können.-
Die Eltern sind glücklich. Sie werden ihr Geschäft nach Eurer Hauptstadt verlegen, um mir täglich nahe zu sein, doch davon darf „Er" vorläufig nichts wissen.
Ich kann icht verlangen, daß er mit mir zugleich noch die Elterir übernimmt! Aber dort drüben in dem elenden Nest sollen sie mir nicht zu Grunde gehen."
Also Helka verheiratet! -Es wollte mir garnicht in den Kopf. Wie rasch war das alles gekommen. Gibt es wirklich Menschen, denen das sogenannte Glück nach dem allerersten Wurf fchon in den Schoß fällt?
Die Eltern hatten um sie gebangt, gesorgt, gezittert, und inzwischen war sie lächelnd dem unerwarteten Ziele zugeschritten. In der fremden Welt, die so vielen Heimatlosen ihres Geschlechtes zum Jrrsal wird, war sie weder gestrauchelt, noch geschwankt, der blinde Zufall hatte sie sofort geschützt, und sie in treue Hände geführt.
Ich dachte lange darüber nach. Wie dankbar mußte sie fein, der Ausnahmen zuteil wurden wie den wenigsten Frauen.. Sie war so jung — kaum neunzehn Jahre. Und doch schon am Ziel — über alle Gefahren hinweg. —
So dachte ich mit einem eigenen neunzehn Jahren. —
Sie war reizend als junge Frau, wie ich sie das ersre Mal wiedersah. Jetzt durfte ihre Schleppe wallen — ihre weißen Hände durften tändeln — niemand nahm Anstoß daran — allen Beschränkungen eines ärmlichen, alltäglichen Lebens war sie entrückt.
Ihr Gatte, der sie leidenschaftlich liebte, behandelte sie wie einen kostbaren Schatz, der jede Stunde zerbrechen könnte. Aber bald merkte er, daß ihrer etwas ungeduldi- gen Natur die ewige Fürsorge, die er übte, und die Enge der ihr erlaubten Freiheiten lästig wurden. Nun bemühte er sich, ihr das Gegenteil dieser Methode zu beweisen, indem er ihr zeitweise fein vollstes Vertrauen gab, und in der Hoffnung, ihren selbständigen Geist auf diese Weise geschickter, unmerklich ganz zu sich zu lenken, ließ er ihr Freiheiten, die seiner Neigung manches Opfer kosten mochten.
Helka besuchte mich oft. Sie fand es reizend, sich in „Pensionen" zu bewegen, wo fortwährend Leute kamen und gingen, die Unregelmäßigkeit einer solchen Lebensführung entzückte sie. Sie beneidete die jungen Amerika- ne rinnen, deren Dasein ein fortwährendes Kommen und Gehen war, die vom frühen Morgen bis zur Stacht alle Sehenswürdigkeiten der Residenz durchjagten, stets zu spät zu Tisch erschienen, ungeniert mit ihren männlichen Landsleuten verkehrten, ohne Begleitung in den Restaurants der Stadt speisten, allein in die Theater gingen und von keinerlei Zwang bedrückt schienen, irgend jemandem in der Welt Rechenschaft abzulegen.
Wenn Helka es darum irgend ciurichten konnte, blieb sie in meiner Pension zu Tisch, amüsierte sich prächtig im Kreise von soviel jungen, ungebundenen Leuten, und es überflog sic wie ein Schreck, wenn ich sie endlich an den Aufbruch mahnte, und ihr vorstellte, daß ihr Mann schließlich auch ein gewisses Recht auf ihre Persönlichkeit habe.
Eines Tages war ich bei Helka zu einem kurzen Besuch, als sie die Gelegenheit benützte, ihrem. Manne zu gestehen, daß ihre Eltern angekommen wären, und sofort in das Gasthaus, das sie im Zentrum der Stadt gepachtet hätten, übergesiedelt wären.
