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Verlag Langgaffe 21
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vonnerstas» 19. 5lugust 1915.
Kbend-Ausgabe.
Nr. 384. . 63. Jahrgang.
Nach der Eroberung ttownss.
Trotz zähen und energischen Widerstandes der russischen Besatzung wurden sämtliche noch vorhandenen Forts der Festung Kowuo m der Nacht vom 17. zum 18. August von den siegreichen Truppen des Generals
v. Eichhorn im Sturm genommen. Die Verteidigung wurde von dein Russen außerordentlich aktiv, mit starten Offenstvstößen gegen die Angreifer, durchgeführt. Die Festung war st a r k ausgebaut, mit st a r k e u Kräften von den Russen besetzt und endlich auch stark armiert. Die Beute von über 400 Geschützen ist ein hinreichender Beweis dafür, daß die russische Heeresleitung alles daran gesetzt hat, diese Festung vor dem Fall zu bewahren. Ausfälle der Festungsbefatzung scheiterten ebenso wie ein Angriff starker Kräfte gegen den Dawina-Abschnitt bei Mariampol. Alle diese verzweifelten Versuche konnten den deutschen Angriff gegen den südwestlichen Festungsaibschnitt zwischen Njemen und Jcsia unter dem General Litzmann nicht Weiter beeinträchtigen. Ebenso wie bei Antwerpen, Przemysl, Warschau und Jwangorod begann die Nieder- kämpsung der Werke mit unserer schweren Artillerie auch bei Kowuo, noch e h e die Belagerung rings um die Festung durchgoführt war. Mit Kowuo ist der letzre große Flaukenschutz des russischen Heeres gefallen und der andere, auf der linken Flanke, Brest-Litowsk, kann auch keine lange Lebensdauer mehr besitzen. Die Ereignisse der letzten Tage haben uns gezeigt, daß die russische Armee immer wieder neue Nachhuten aussonderte, um ihren Rückzug zu decken. Jeder Flußabschnitt wurde diesem Zwecke nutzbar gemacht, jede Enge zwischen Seen sollte einen neuen Zeitgewinn bringen. Dies ging natürlich immer nur auf Kosten der russischen Hauptkräste. Jode Nachhut, die sich den deutschen Truppen geopfert hatte, mußte durch neue Glieder des großen russischen Heercskörpers ersetzt werden. Diese Lösung von dem scharf nachdrängenden Gegner wurde mit jedem Tag schwieriger, nachdem Warschau gefallen war, denn in der Eile des weiteren Rückzuges konnten die teils schon unterbrochenen Eisenbahnen micht mehr arbeiten. Die Zeit zur Anlage künstlicher Hindernisse wurde immer kürzer, je kleiner der Raum wurde, der Verfolger und Verfolgte voneinander trennte. So gestaltete sich für die Russen dieser wochenlange Kampf zu einem blutigen Ringen um Zeitgewinn. Wieweit ihnen dies gelungen ist, entzieht sich der gegenwärtigen Beurteilung, da man nicht weiß, wie stark die jedesmaligen Nachhuten der Russen gewesen sind. Ihrer Aufgabe entsprechend und ebenfalls nach dem Grade des geleisteten Widerstandes kann man mit ganz b e- trächtlichen Nachhuten rechnen. Aber alledieseOpfer hatten nur dann irgendwelchen Zweck, wenn die zurückgegangenen russischen Heere in ihrer Flanke gesichert waren. In Brest-Litowsk besteht noch der Flaukenschutz, nicht aber auf dem rechten Flügel. Wollte also die russische Heeresleitung im östlichen Polen eine Aufnahme- jtellung für ihr geschlagenes Heer einnehmcn, so wußte Kowuo in ihrem Besitz bleiben. Durch den Fall von Kowno ändert sich die ganze strategische Lage. Er bedingt eine weitere Fortsetzung des russischen Rückzuges, der nun vielleicht vor den Mauern Petersburgs seinEnde finden wird. Ebenso wuß auch das Schicksal Wilnas in Kürze entschieden Win. Die Armee B e l o w bekommt auf ihrem rechten Flügel Kraftzuwachs. Tie ihr gegenüberftehenden starken russischen Kräfte fühlen sich bald in ihrem Rücken und linken Flanke bedroht. Dieser deutsche Druck wird auch unseren linken Flügel vor Riga entlasten. Dadurch, daß der Bahnknotenpunkt Wilna stark bedroht ist, verlieren die Truppen um Brest-Litowsk die Verbindung mit den russischen Heeren im Raum um Düna- duvg. Die Wirkung der Eroberung Kownos könnte Wan als unabsehbar bezeichnen. Äußerst zweifelhaft erscheint es, ob überhäufst noch eine Vereinigung fses südlichen und nördlichen russischen Heeres möglich llt. Dann wären erstere ' von der Hauptstadt Petersburg abgeschnitten, letztere auf sich allein angewiesen. An dieser Stelle wurde schon mehrfach darauf hinge- wlesen, daß eine neue russische Verteidigungsstellung
w, Anlehnung an die Njemen-Festung für aussichtslos Wfcheme. Mit dem Fall von Kowno ist diese Möglich- '^i zur Tatsache geworden. Alle Hoffnungen Rußlands, s^us diesem Rückzuge noch j e m a l s eine starke Offen- w v e unternehmen zu können, verlangen einen Kinder- glauben. Nichts hat dieser Rückzug gemeinsam mit dem dcs Generals v. Hindenburg im Oktober vorigen Jahres, j^er große Unterschied 'wischen damals und fetzt besteht bslrin. daß der Hindenburgscke Rückzug nach siegreichen Gefechten freiwillig geschah, um sich einer künfti-
strategisch schlechten Lage rechtzeitig zu entziehen fwd daß der Verfolger nicht folgte. Die Russen idagegen Feten den Rückzug an nach monatelangen Niederlagen, moralisch erschüttert, unter den
denkbar schlechtesten strategischen Umständen, scharf bedrängt von dem Verfolger. Aus dem Rückzug Hin- denburgs entwickelte sich nach Monatsfrist eine siegreiche Offensive. Die Russen hingegen können nur .daran denken, möglichst weit zurückzugehen. >Der Fall Kownos wird die Russen darüber belehren, daß es in Polen für sie kein „Halt" mehr geben kann. dl.
Oes Raffers Dank für unsere Heerführer.
V/. T.-B. Berlin, 18. Slug. (Nichtamtlich.) Im Anschluß cm die Erstürmung der Festung Kowno richtete der K n t s e r an die um den neuen glanzenden Erfolg der deutschen Waffen besonders verdienten Führer, Generälfeldmarschall v. Hin- denbnrg, Generalobersten b. Eichhorn und General der Infanterie v. Litzmann, folgende Telegramme:
„An den Generalfeldmarschall v. H i n d e n b u r g. Mi: Kowno ist da§ erste u n k stärkste Bollwerk der inneren russischen Verteidigungslinie in deutsche Hand gefallen. Auch diese glänzende W a f f e n t t verdankt das Vaterland neben der unübertrefflichen Tapferkeit seiner Söhne Ihrem z i e l b e w u tz t e n Handeln. Ich spreche Ew. Exzellenz meine wärmste Anerkennung aus. Dem Generalobersten v. 'Eichhorn, der die Bvwegungem seiner Armee mit solcher U m s i il- t geführt hat, habe ich den Orden Pour le merite und dem General der Infanterie v. Litznianit, dessen Anordnungen auch der Angriffsfront ci-non schnellen Erfolg sicherten, daZ Eichenlaub dazu verlieben.
(Gez.) Wilhelm, I. K."
„An den Generalobelften v. Eichhorn. Die Ilmficht, mit der Ew. Exzellenz die Bewegungen Ihrer Armee gegen Kowno geleitet haben, verdient meine höchste Anerben n n ii g. Als Zeichen meines Dankes verleihe ich Ihnen den Orden Pour le merite- Gleichzeitig beauftrage ich Die, den Truppen der Armee meinen und des Raterlandes Dank für ihre glänzenden Leistungen auszusprechen.
(Gez.) Wilhelm, I. R."
„An den General der Infanterie Litzmann. In unwiderstehlichen! Ansturm ist es den von Ihnen geführten An- griffStruppen gelungen, Kowno, das stärkste Bollwerk der inneren feindlichen Verteidigungslinie, zu überrennen. Diese Tat wi^d immer ein lenchtendeS Beispiel dafür bleiben, 'ras frisches Zugreiten mit deutschen Truppen zu erreichen vermag Indem ich Ihnen meinen Dank und meine Anerkennung ausspreche. verleihe ich Ihnen daS Eichenlaub zum Orden Pour le merite- (Gez.) Wilhelm, I. R.“
Die Freude über den Fall Kotonos in Wien.
W. T.-B. Wien, 18. Aug. (Nichtamtlich.) Die Melduw.g von der Eroberung Kownos, die gegen Mittag durch Sonderausgaben belanint wurde, rief in der ganzen Hauptstadt größte Genugtuung hervor und trug wesentlich zu der HebuiNy der Feststimmung zu Kaisers Geburtstag bei. Sämtliche Abendblätter drücken ihre Freude und Bewunderung über den raschen Fall der Festung aus, ivodurch die Russen einen wichtigen Stützpunkt verloren. Die entscheidende Bedeutung, die die Russen selbst de:n Besitze Kownos beigelegi haben, geht daraus hervor, daß sie die Festung nicht wie Warschau und Jivcmgorod gciäümt, sondern mit der größten Zähigkeit verteidigt haben
Französische Urteile über ^>ie Bedeutung von Uowno und Nowogeorgijewsk.
W. T.-B. Genf, 18. Aug. (Nichtamtlich.) Hier eingegangene Pariser Blätter äußern stch über die Wichtigkeit von Kowno für die Russen wie folgt: „Jnsoimation" schreibt: Kowno >st die starke Feste gegen einen feindlichen Einfall. Durch feine Loge deckt es einen der Hauptamyelpunkte des ungeheuren rusiischeu Verteidigungssystems Unsere Verbündete müssen eS mit äußerster Hartnäckigkeit verteidigen, denn fein Fall würde die Straße nach Riga öffnen und den Riß vertiefen, der die russische Armee in drei getrennte Gruppen zu zerreißen droht. — Der Sonderberichterstatter des ...Journal" im rnfstschcn Großen Hauptquartier, Naudean, betont, daß Kowno und Rowogeorgijewsk sehr starke Festungen seien, irelchc nicht f o schnell in die Hände der Deutschen fallen würden. Rowogeorgijewsk toecde Wohl Widerstand leisten, bis die Russen wieder Vorstößen können. Die Festung könne sich acht Monate halten.
Ein dänisches Urteil.
Kopenhagen, 19. Aug. (Zens. Bln.) „Nationaltidende" schreibt, durch die Eroberung Kownos bekomme das deutsche Heer nördlich der russischen Verteidigungslinie, die jetzt bis auf die Festung O s s o w i c e ganz in deutschem Besitz sei, einen für die Kriegsführung in Kurland wichtigen Stützpunkt am Njemen in Verbindung mit dem eroberten Libau. Wilna sei ernstlich bedroht und der russische Vorstoß nördlich W i l k o m i r nunmehr bedeutungslos. Kownos Fall nach nur zwanzigtägiger Belagerung beruhe in erster Reihe auf der Wirkung der deutschen Belagerungsgeschütze. Wenn aber sie Verteidiger Mittel gehabt hätten, letztere durch schwere Kanonen zu zer- stöven, und wenn die Russen durch Drachenballons und Flieger ausgiebig hätten beobachten können, wäre der deutsche Angriff kaum so rasch durchgeführt worden-
vie verstärkte deutsche Front am Njemen und an der Düna.
Englische Besorgnisse.
Br. Haag, 19. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Die „Morning Post' meldet aus Petersburg: Die Ver
stärkung der deutschen Front hat viele deutsche Streitkräfte freigemacht, die jetzt an den Kriegsschauplatz am N j e m e n und an der D ü n a gesandt werden. Hier nehmen die Operationen einen drohenden Charakter an und tverden von der größten Bedeutung. Es ist möglich, daß Petersburg das Ziel des Feindes ist. Die Heeres- rnilitärsachverständigen sind jedoch der Ansicht, daß die Deutschen ein Jahr nötig haben, um die russische Hauptstadt zu erreichen, es sei denn, daß die deutsche Flotte die Ostsee völlig beherrsche.
vor Brest-Litowsk.
Berlin, 19. Ästig. (Nichtamtlich.) Über die Wnfchließrmvg von Brest-Litowsk wird dem „B. T." aus dem Kriegspresse- crHartier berichtet: Die Heeresgruppe Mackensen hot sich nunmehr auf Tragweite der schweren Geschütze dem südwestlichen Gürtel von Brest-Litows' genähert. Der Bug wird bereits an mehreren Stellen von deutschen Truppen überschritten. Teile der Heeresgruppe Hindenburg drückten die russische Front westlich vor, B i e l s k durch.
Br. Berlin, 19. Aug. (Eig. Trahtbericht. Zerf. Bln.) Der Berichterstatter des „B. T." meldet aus dem Kri-eysprosss- guartier: Bugabwärts hält die vierte österreichisch- ungarische Armee Joseph Ferdinands vor Brest-Litowsk, während sich die Armeegruppe Koeveß nach Überschreitung des Bug der Verbindung B r <"st - g i t, o w s k - B i a l t st o k nähert. Nach dem Verlust dieser Bahn bleibt der Festung nur die Bahwbcrbinduing nach Rowinv iw' Südostqn und links rm Ilordosten.
4V» Millionen Flüchtlinge aus dem russischen NriegsgebieL!
Berlin, 19. Aug. (Zens. Bln.) Rund 4 i/j Millionen Flüchtlinge aus Polen und den nordwestlichen Gouvernements befinden "sich, wie die „Voss. Ztg." «iS Petersburg meldet, gegenwärtig in Petersburg, Moskau, Kiew und Charkow
Der russische Landsturm zweiten Aufgebots.
Berlin, 19. Aug. 'Zens. Bln.) Wie der „Voss. Ztg." aus Petersburg gemeldet wird, bat der rassische Mtnisrer des Innern sämtliche Gouverneure angewiesen, die Listen des Landsturms zweitm Sbufgebots aufzustellen und bis Mitte August russischen Stils dem Kriegsmm'steviutn einzusendei^
Mr Ein scheußlicher russischer Blutbefehl.
W. T.-B. Berlin, 18. Aug. (Amtlich.) Unsere Truppen sind in den Besitz eines russischen Befehls gelangt, der in deutscher Übersetzung folgendermaßen lautet: „Befehl an den
Kommandeur des 1. turkestanischen Armeekorps vom L./lo. Juni 1915. Bon deni Oberbefehlshaber sind für die Anwendung von VergeltungSmatzregeln an gefangenen deutschen Soldaten für bekanntwerdende Fälle von Verhören russischer Gefangener unter Anwendung von Folter und Verstümme- luiigeii folgende ergänzende Anweisungen gegeben worden: Die Vergeltungsmaßregel soll im Bereich des Korps nicht später als 15 Tage nach Bekanntwerden des Falls von grausamer Behandlung erfolgen unter Angabe des Anlasses. Außerdem soll den Gefangenen allgemein bekanntgegeben werden, daß jede neue Grausamkeit allcrstrengste Vergeltung finden werde. So ist als Antwort auf die Verstümmelung des Kosaken Petschnjew von dem Oberbefehlshaber der Befehl ergangen, von der nächsten Abteilung gefangener deut- scher Soldaten 19 Mann, ohne Ausschluß der Offiziere, zu erschießen, für die Grausamkeiten, die in der leyten Zeit von den Deutschen verübt worden sind, (gez.) General Odischelidsc."
Wenn ein Oberbefehlshaber einen so bestimmten Befehl zu Vergeltungsmaßnahmen gibt, dann sollte man als selbstverständlich aiinehmen, daß die Taten, die gerächt werden sollen, unzweifelhaft seststrhen. Das erfordert der europäische Rcchtsbegriff obne weiteres. Wie steht es aber damit bet dem russischen Befehl? Sille Berichte über deutsche Greueltaten an russischen Gefangenen sind bisher als Lügen nachzuweisen gewesen. Auch die Verstümmelung des Soldaten Petschnjew durch deutsche Soldaten konnte von den Rüsten nicht festgestellt worden sein, weil sie sich nie und nirgends zugetragen hat.
Sie ist zwar von dem russischen Gencralstab in einer amtlichen Mitteilung behauptet worden, doch haben die deutschen amtlichen Untersuchungen ergeben, daß die ganze Geschichte schon deshalb völlig erfunden ist, weil bei den in Frage kom- menbett deutschen Ärmeeteilen überhaupt kein Kosak des ustu- rischen Reiterregiments, öem Petschnjew angehörte, gefangen genommen wurde. Dies ist inzwischen am 7. Juli in einer amtlichen deutschen Erklärung mitgeteilt worden.
Ob der Vlntbefehl des russischen Oberbefehlshabers bei dem 1. turkestanischen Armeekorps ausgeführt worden ist, entzieht sich noch per öffentlichen Kenntnis. Unabhängig davon gehört aber die Grausamkeit und verbrecherische Leichtfertigkeit, mit der diese Henkersarbeit obne genaue Untersuchung angcordnet worden ist, vor den Richterstuhl der Geschichte. I
