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Kl. Jahrgang.

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113 .

BerlagS-Fernfprecher R». 2953.

Sonntag» den 8. März.

Redaktions-Fernsprecher No. SL.

1803 .

Morgen -Ausgabe.

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KaKierlülllgislhe KetrWWen lsver das Wiesdlldeker OWwerll ln Achlerjleln.

Me Versorgung eines Gemeinwesens mit guteni Trinkwasser ist eine Lebensfrage für die Einwohner nicht nur in gesundheitlicher, sondern auch in wirtschaftlicher Beziehung. Wiesbaden hat selbst im Typhus-Jahre 1886 erlÄt, was der Einbruch einer Endemie, die wahr­scheinlich durch verunreinigtes Wasser vorwiegend be­dingt war, für Schaden mit sich bringen kann. Doppelte Vorsicht scheint daher geboten, wo nunmehr infolge von Wassermangel Versuche mit einer neuen Wasserversor­gungsart, oder besser gesagt Wasserreinignngsart bei einem minderwertigen Wasser vorgerwmmen werden, dessen resp. deren Einführung für die Stadt eine folgen­schwere hygienische Maßnahme bedeuten kann. Es ist daher wohl bei dieser Gelegenheit am Platz, wiederholt geäußerten Bedenken einige solche von bakteriologischer Seite anzureihen. Die bakteriologische Untersuchung entscheidet in letzter Instanz über die Brauchbarkeit eines Trinkwassers, und da durch die Firma Siemens und Halske, die Schöpferin des neuen Systems) eingehende bakteriologische Versuche zur Bewertung des mittels Ozon von schädlichen Bakterien angeblich befreibaren Wassers angestellt worden sind, Versuche, die nach den Berichten sehr günstig aussielm, was natürlich für die Stadtverwaltung gleich bestimmend, wie siir die Firma vorteilhaft sein dürfte, so ist es gewiß nicht unnütz oder unerwünscht, wenn auch von unabhängiger Seite zu der Frage recht vielseitig Stellung genommen wird, bevor es etwa zu spät ist. Ich gestehe es von vornherein offen, daß ich gleich bei Inaugenscheinnahme des Werkes in Schierstein und bei Durchsicht der Publikationen, in denen die Versuchsergebnisse niedergelegt wurden, schwere Be­denken an der Zuverlässigkeit dieser Reinigungsmethode des Wassers von „krankmachenden" Bakterien nicht zu unterdrücken vermochte und deshalb einen eigenen Ver­such mit dem ozonisierten, gebrauchsfertigen Wasser ange­stellt habe. Ich habe genau an den Schöpfstellen des Wassers, wo die von der Firma bestellten Fachleute das Wasser zur Untersuchung entnahmen, solches erhalten, einige Zeit bei Zimmertemperatur stehen lassen und durch die bekannte Anreicherungsmethode auf den Bakterien- Gehalt untersucht, der Gehalt an Bakterien der ver­schiedensten Art war ein keineswegs unerheblicher. Dieser Befund will noch nichts sagen, da es einerseits überhaupt kein keimfreies Wasser gibt, wenn es nicht durch Hitze und bestimmte Filtrationsmethoden, die auch nicht «absolut zuverlässig sind, sterilisiert resp. keimfrei gemacht wurde, Methoden, die entweder im großen nicht brauchbar sein.

oder ein nicht genußfähiges Wasser geben würden und andererseits keine Versuche über die Schädlichkeit der ge­wonnenen Keime angestellt würden, aus einem Versuch serner sich kein endgiltiges Urteil herleiten läßt. Der Ver­such führte indes zu folgenden Reflexionen und Frage­stellungen, die ich den verantwortlichen Organen zur Er­wägung anheimgeben mochte:

Warum hat es der Ozonstrom im Wasser nur gerade auf die gefährlichen, k r a n k m a ch e n den Bakterienkeime abgesehen, also beispielsweise auf Typhus- und Cholerabazillen? Vertragen diese die Elektrotherapie in Form elektrischer Ozonbäder weniger gut? Etwa weil sie ein weniger dickes Fell haben? —- Ihre Widerstandskraft gegen den menschlichen Organis- nms spricht eigentlich fürs Gegenteil. Es ist zur Er­klärung dieses Widerspruchs der Umstand herbeigezogen worden, daß die betreffenden, durch das Ozon zerstörten Bakterien, also z.B. der Typhusbazillus, keine Sporen, jene besonders widerstandsfähigen Dauerformen in der Entwicklung des Bakterienlebeus, bilden. Dem gegen­über ist zu sagen, daß, wenn wirtlich Sporenbildner resistenter gegen den Ozonstrom sind als andere Bak­terien, bei denen Sporen bisher von der Mehrzahl der auf diesem Gebiet tätig gewesenen Autoren noch nicht nachgewiesen wurden, es erstens durchaus nicht ent­schieden ist, daß der Typhusbazillus und andere angeblich nicht Sporen bildende Bakterien in der Tat keine Sporen bilden, — eine Autorität wie H a f f k y tritt sogar dafür ein, daß auch der Typhusbazillus Sporen bildet'), — daß zweitens, abgesehen von der Frage, ob denn die die Ozonbehandlung überstehenden, für harmlos gehaltenen Wasserbakterien nach Ansicht der Anhänger jener wunderbaren elektiven Wirkung des Ozons sämtlich Sporcnbildner sind, unbestrittenermaßen sporenbildende Bakterien von außerordentlicher Malignität, wie z. B. der Milzbrand- und Tetanusbazillus doch auch in das Wasser gelangen können, was in unserem Fall um so weniger wunderbar und ausgeschlossen wäre, als, wie behauptet wird, nicht weit vom Schöpfgebiet des Ozon­werkes früher der Schindanger für das gefallene Vieh gelegen hat. Dazu kommt noch als ' erschwerendes Moment, daß die Flachbrunnen, denen das Wasser ent­stammt, in unmittelbarer Nähe des Rheins nicht nur, sondern direkt innerhalb des Überschwemmungsgebietes des Rheins liegen. Bei aller Bewunderung dieses Stromes ist aber sein Wasser unterhalb der verschieden­artigsten Abwässerzuflüsse, so viel auch seine „grünen Wellen" bes ungen werden, vom hygienischen Standpunkt

Ich schließe mich hierin, wie bezüglich anderer bisher für svorenlos gehaltener Keime, durchaus der Anschauung Haffkys an Selbst Coccenformen können, entsprechend kultiviert, Sporen bilden. Es liegt auch absolut kein Grund vor, warum diese GcnerationSstuse im Bakterienleben einzelnen Arten von b°v Natur versagt geblieben sein sollte. Ein weiteres Eingehen hieraus würde zu weit vom Thema abführen.

nicht als Getränk zu empfehlen. — Zu dem nicht er­sichtlichen und nicht erwiesenen Resistenzunterschiede der Bakterien gegen Ozon kommt nun aber des weiteren die bakteriologische Erfahrung, die jeder erfahrene Kliniker bestätigen wird, daß aus zeitweilig harmlosen Bakterien- Arten unter gegebenen Verhältnissen leicht sehr bösartige werden können. Gerade der Colibazillus, ein fast stän­diger Bewohner des menschlichen Darmes, kann durch Abkapselungen, bei entzündlichen Prozessen re. sehr giftige und schädliche Eigenschaften annehmen, er wird gleichsam durch die Neubelebung seitens von außen zu­wandernder Stammesgenossen und durch veränderte Wechselbeziehungen zum menschlichen Gewebe aus einem Schmarotzer ein gefährlicher Infektionserreger. Und mit dieser Bakterienspezies haben S ch ü d e r u. P r o s - kaue r * 2 ) bezüglich der abtötenden Kraft des Ozons in einem der Türme des Schiersteiner Wasserwerks Versuche vorgenommen, also wie sie selbst sagen, „mit pathogenen Mikroorganismen ähnlichen Baktericn- arten". Die Versuche wurden nicht etwa in besonderen Apparaten, außer Zusammenhang mit den Binnen­räumen des Wasserwerkes, sondern in der Anlage fefbft vorgenommen, indem genannte Autoren Mässenkulturen des Bazillus Coli in das Wasser und in Teile seiner Be­hälter brachten, welche dasselbe auf dem Wege zu den Derbrauchsstellen passieren muß. Gegen derartige Ex­perimente muß auf das nachdrücklichste protestiert wer­den, selbst wenn eine nachträgliche Desinfektion des Turmes vorgenommen worden sein sollte, was zwar anzunehmen, aber fraglich ist. Gewährleisten kann eine solche die völlige Beseitigung von Rückständen der einge- brachten Bazillen nicht. Solche Versuche sind um so be­denklicher, als eine Reihe namhafter Fachleute einen Artunterschied zwischen Coli- und Typhusbazillus 2 ) auf das entschiedenste bestreiten, zumal es keine absolut zu­verlässigen kulturellen Unterscheidungsmerkmale zwischen diesen beiden Spezies gibt. Man hält daher wohl nicht mit Unrecht den Typhusbazillus für einen unter be­stimmten Lebensbedingungen' virulent gewordenen

Siehe: Uber Abtötung pathogener Bakterien im Wasser mittels Ozon und dem System Siemens und Halske im 41. Band, Heft 2, der Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten, und: Weitere Versuche mit dem Ozon als Wafscrstcrilisations- mittcl im Wiesbadener Ozonwerk in Band 42, Heft 2, derselben Zeitschrift.

Man braucht dabei nicht von bakteriologischen Finessen aus- zngehen, wie neuerlichen Beobachtungen, wonach der Typhus- bazillus, wenn er längere Zeit im Wasser konserviert wird, in WuchSforüren übergehen kann, deren Identität mit Sen ge- länfigen morphologischen und kulturellen Merkmalen kein Unein- geweihter für möglich halten würde. Aus den grauen Bazillen entstehen rosa Coccen, die natürlich bei ihrem Auftreten in den Kulturen des zu untersuchenden Wassers niemand beanstanden resp. richtig deuten kann, der diesen Umschlag in dem so wechset- reichen Baktcrienlebcn nicht kennt, ein Mangel, aus dem aller­dings nur ein bedingter Vorwurf für den Fachmann abzuleitei, wäre.

Feuilleton.

Einkommen üer Heilkünstler und Arzte in früheren Zeiten.

Von Dr. E. Grüttncr.

Da die Zahl der studierten Arzte bis ins 15. Jahr­hundert ziemlich gering war, so suchten die größeren Städte solche heranzuziehen durch Einführung von be­soldeten Arztstellen. Im Jahre 1426 gab Kaiser Sigis­mund auf der Kirchenversammlung zu Basel ein Gesetz, durch das die deutschen Reichsstädte verpflichtet wurden, besoldete Mcisterärzte oder Stadtphystci zu halten: „Item es soll auch gewöhnlich in jeder Reichsstadt ein Meisterarzt sein, der soll haben 100 Gulden Geldes. Denn die hohen Meister in der Physika dienen niemand um­sonst, darum fahren sie auch in die Hölle." Für das ge­zahlte Gehalt mußten sie die Behandlung ärmerer Kranken, die behördlichen Untersuchungen der Siechen, die Beaufsichtigung der Apotheken und dergleichen be­sorgen. Um übrigens die Höhe der Bezahlung richtig zu beurteilen, mutz man bedenken, daß der Geldwert da­mals mindestens zehnmal höher war als heute.

In Nürnberg sind in den Stadtrechnungen, welche seit 1377 erhalten sind, bereits im 14. Jahrhundert be­soldete Arzte angegeben. 1377 bekam dort der Stadtarzt 45 Gulden.

Auch Ärztinnen wurden ausnahmsweise eingestellt oder zur Ausübung der Praxis zugelassen. Nach einer Urkunde vom 2. Mai 1419 erlaubte der Bischof Johann II. von Würzburg der „Judenärztin Sarah" gegen jährliche Zahlung von 10 Gulden die Heilkunst im ganzen Bistum auszuüben.

Ein sehr gutes Einkommen hatten im allgemeinen die Leibärzte. Sie erhielten häufig neben ihrem Gehalt noch Naturalien geliefert, zuweilen wurden ihnen für die Fuhren in ihrer Praxis auch Pferde gestellt. So be­kam der Leibarzt des Grafen Ulrich von Württemberg im Jahre 1457 bar 171 Mark, außerdem 12 Malter Korn und Spelz, 6 Ohm Wein und 30 Malter Hafer. Über­haupt scheint im Mittelalter die Bezahlung der Arzte

nicht schlecht gewesen zu sein. Abraham a Santa Clara schreibt, daß „die Herren Medici allenthalben in großem Wert und Ansehn seien, auch um ihren Fleiß und Hülf oft übermäßig bezahlt werden. Ludwig XI., König von Frankreich, gab Catterio, seinem Leibarzt, alle Monate 10 000 Dukaten. Honorius, römischer Papst, hat Petro Alponensi alle Tage, so lange seine Krankheit gewährt, 400 Dukaten bezahlen müssen; auf solche Weise schröpfen die Medici nicht allein die Leiber, sondern auch die Beutel."

Nach der Taxe, welche Friedrich II. hatte aufstellcn lassen, durfte der Arzt für die Behandlung eines Kranken jeden Tag 60 Pfennige fordern. Es waren hierfür täg­lich mehrmals Besuche zu machen. In besonderen Fällen vereinbarten die Arzte mit den Kranken vor der Über­nahme der Behandlung den Preis. Nicht selten hatten sie auch Schwierigkeiten, von ihren Patienten das Geld zu bekommen. Daher rät ein Vers:

Zittern Kranke um ihr Leben.

Ist noch ein Prozeß im Schweben,

Dann treib zur Bezahlung an;

Fst die Krankheit überstanden,

Der Prozeß nicht mehr vorhanden,

Will ans Zahlen niemand dran.

Die medizinischen Professoren an den Universitäten hatten meist eine Pfründe oder bezogen ein Gehalt, das z. B. ums Jahr 1500 in Heidelberg etwa 80 bis 100 Gul­den betrug, wofür sie gewisse Vorträge unentgeltlich halten mußten. Das Honorar für die Vorlesungen war kümmerlich; mehr als 100 Lektionen im Jahre kosteten dem Studenten nur etwa 8y 2 Mark. Deshalb suchten die Professoren ihr Einkommen nach Möglichkeit zu er­höhen durch Privatpraxis, Sporteln bei Promotionen, Kostgeben an Studenten, Abfassung von Kalendern. Stellung von Horoskopen und durch Schriftstellerei.

Die größeren Operationen wurden meistens von besonderen Spezialisten, den sogenannten „Schncid- ärztcn", vorgenommen. Diese führten ein Wanderleben von Ort zu Ort. In Städten, wo sie fehlten, waren die Behörden darauf bedacht, sic wenigstens für gewisse Zeiten des Jahres heranzuzichcn. So verpflichtete der Hamburger Rat im Jahre 1568 den Hans Kremer, Bürger von Hildesheim, auf 6 Jahre gegen 25 Taler

jährliche Besoldung, zweimal jährlich nach Hamburg zu kommen, um den Einwohnern, „denen die Sehnen über­spannt, die an Knochen oder Beinen Schaden hätten", chirurgische Hülfe zu leisten.

Nach der Wormser Mcdizinalordnung vom Jahre 1582 kostete eine Konsultation mit Rezept 12 Pfennige, jeder Krankenbesuch 3 Batzen. Gleichzeitig wurden die Arzte ermahnt, „die Kranken nicht zu beschweren mit vielen Kosten oder mit dem überflüssigen und unnötigen Besuchen." Von zugereisten Fremden konnten die Arzte stets doppeltes Honorar fordern. Bei Krankenbesuchen außerhalb der Stadt „über Feld" betrug das Honorar für jede Meile 1 Taler. „Für Steinschneiden gibt's 80 Guldeir, so aber der Patient stirbt, die Hälfte."

Nach der fürstlich-sächsischen Medizinaltaxe, gedruckt zu Meiningen 1681, erhielt der Arzt für den ersten Gang zum Patienten 4 Batzen fl Batzen = 12 Pfennige), für jeden folgenden Gang 2 Batzen, für ein Rezept

2 Groschen. „Außerdem werden die vom Adel, Beamte, Pfarrer, Schulmeister (!!) noch ein erkleckliches mehr als die anderen zu zahlen sich nicht entbrechen. Sonst ist auch den Reichen und Vermögenden, die der Medikorum ange­wandten Fleiß und Mühe mit mehr Geld anerkennen wollen, ihre Liberalität diesfalls nicht gewehret."

Auch die Barbiere, welche damals die einzigen an­sässigen Vertreter der Wundheilkunst waren, wurden nicht schlecht bezahlt. Sic durften nach der Meininger Mcdizinalordnung vom Jahre 1681 berechnen:

Heilung eines Armbrnchcs mit einer Röhre 3 Taler» . „ „ „ „ beiden Röhren 4 Taler;

„ „ Beinbruches oberhalb desKnies 6—8Taler;

Eine gemeine Verrenkung 1—2 Taler;

„ Verrenkung der Hüfte 6 Taler.

Bei der Behandlung vornehmer Patienten wurden bedeutend höhere Preise berechnet, mit denen sich die Wundärzte allerdings nicht gerade in die Gunst der Menschheit einschmeichelten. Abraham a Santa Clara sagt: „Gar viele von den Wundärzten sind geldgierige Leute; wenn die Bauern mit Stuhlfüßen scherzen und einander beim Vier oder Wein mit vielen Löchern den Kopf schröpfen, da lachen diese von Herzen, weil sie Ge­legenheit finden, ihre Ziehpflaster zu applizieren, denn sie haben nichts lieber als Geld einziehen."