1 . Berlage Min Wiesbadener Tagklatt.
Wo. 113. Morgen-Ausgabe.
Sonntag, den 8. Marx.
81. Jahrgang. 1903.
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Reif fein beißt, jenseits der Wünsche leben. Die Juaeiid ^ * aber muß wünschen und durch die Enttäuschungen schreiten, ^ wenn flc jemals zur Reife gelangen will.
«. O. v. Leixner. »
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(41. Fortsetzung.)
Die Sängerin.
Roman von E. Schvyen.
Dem Norwegischen nacherzählt von Emil Jonas.
Er antwortete nicht und sie begann von neuem: „Ach, künstlerisches Wirke:: ist eine Quelle einiger Verjüngung.- Jeder Fortschritt enthält ein neues Geheimnis, es gibt nichts Schöneres als diese unaufhörliche Lösung von Rätseln, dieses^ Finden von ewig neuen Anschaumigen." Sie schwieg plötzlich, da sie den Augen des Lords begegnete. Sein Blick hatte einen gespannten, enttäuschten Ausdruck, den sie später niemals vergessm konnte. Sein Gesicht war blaß wie Elfenbein.
Sie wusste es in diesem Augenblick, sie hatte das Urteil über Lord Lionel gesprochen — und cs ging wie ein Stich durch ihr eigenes Herz. Eine unendliche Wchnnrt verbreitete siich gleich einer grauen Wolke über ihr Gemüt. Die Tränen stiegen ihr inZ Auge, aber sie beherrschte sich.
Die Majorin trat in diesem Augenblick mit Lady Churchill ein, welche auch die „Menagerie" zu sehen wünschte.
Elsa mußte ihr die Geschichte jedes einzelnen Tieres erzählen.
Als andere Gäste kamen, verabschiedete die Lady sich. Auch ihr Sohn reichte den beiden Damen die Hand, aber ohne zu versuchen, Elsas Blick zu begegnen oder etwas anderes als ein kurzes „Guten Abend" zu sagen.
IV.
Es war in einem der aristokratischen Klubs in London. Breite, teppichbelegte Treppen, deren Absätze mit Statuen arrs Marmor und Bronze geschmückt waren, führten zu den großen, hochgewölbten Sälen hinauf.
Zuerst kam ein langes Zimmer mit zwei Billards, auf welchen die zungen Löwen der Gesellschaft auf Leben und Tod um die höchste Anzahl Points kämpften. Dieses Zimmer stieß an die Bibliothek und den Lesesaal, wo die Zeitschriften aller Länder auslagen. Im Allerinnerstm lag der Speisesaal, mit gedeckten Tischen aller Größen, silbernes Servis und Blumenaufsätzen, sowie breiten Spiegeln längs der Wände. Eine Menge Diener liefen auf und ab. An einem Tisch am Fenster saß Lord Lionel und trank Tee, während er verschiedene Zeitungen las. Dicht hinter ihm hatte:: sich einige jüngere Herren versammelt, ein spanischer Diplomat, ein deutscher Offizier, der, österreichische Prinz, sowie ein paar Engländer. Sie wuchten Cigarren und tranken Wisky.
Lord Lionel hatte die Grüße einiger Herren beant- wartet und dann ihnen den Rücken zugekehrt, um seine Zeitung zu lesen. Allein plötzlich wurde seine Aufmerk, samkeit von einem laut ausgesprochenen Namen — Mrs. Elsa Wikner — erregt.
Lord Lionel ließ die Zeitung sinken. Die Buchstaben
begannen sich vor seinen Augen zu bewegen und wurden zu schwarzen Punkten, die auf- und abhüpftcn. Er schalt sich selbst um seine Erregung: wie konnte er noch länger au ein Glück an ihrer Seite glauben. Hier war keine Mißdeutung möglich. Sie hatte ihn verstanden, davon war er überzeugt. Er fühlte einen tiefen nagenden Schmerz und eine unbeschreibliche Leere ini Herzen. Ach, dieser Gesang, dieser Gesang hatte ihn für Zeit und Ewigkeit bezaubert! Und dieser Gesang kam nicht allein aus ihrer Kehle — nein, er strömte aus allen ihren Gedanken und Gefühlen. Ihr ganzes Wesen war Musik. Welche Zaubermacht in diesen Töneil? . . .
Hinter ihm sprach man von deir Sternen der Gegenwart und ihrem privaten Lebeir. Wiederum wurde Elsa Wikucrs Name genannt und der österreichische Prinz erhob die Stimme, als ob er wolle, daß seine Worte von möglichst vieler: gehört würden. „Wie, eine vornehme Dame! Nein, daran vermag ich nicht zu glauben! Klug ist sie, und sie weiß sehr wohl, daß sie sich nach den Sitten der Länder richten muß, wo sie sich aufhält. Sie weiß, daß man in den höheren Klassen in England eure Sängerin nur unter der Bedingung empfängt, daß ihr Privatruf intakt erscheint. Deshalb spielt sie das Tugendmuster hier: aber sie sollten nur wissen, welche Weuteuer sie in anderen Ländern, z. B. in Rußland durchlebt hat; da gab es einen entsetzlichen Skandal mit einem jungen Baron von Gortschakoff. Ihr Mann — denn sie war damals mit dem Tenoristen Deska verheiratet — erlaubte sich eines Tages den guten Freimd seiner Frau durchzuprügeln. Dieser forderte ihn natürlicher Weise, allein der Tenor entfloh und ..."
„Lügner!" rief eine tiefe, heftig erregte Stimme. Es war Lord Lionel, der sich erhoben hatte.
Seine Augen schossen Feuer und sein Gesicht war purpurrot.
„Meine Herren", sagte er. „ich bitte Sie alle, Zeugen zu sein, daß ich diesen Menschen für einen Lügner und für eineir Schurken erkläre!" und er zeigte auf den Prinzen.
Der Österreicher fuhr zusammen, leichenblaß und zitternd vor Wut. Er stürme sich auf den Lord, als ob er ihn erwürgen wollte, aber dieser schob ihn mit einem Arm zirrück.
„Mylord ist der zuletzt Vorgezogene, das ist eine bekannte Sache!" rief der Prinz mit heiserer Stimme. Es klang, als ob chm die Kehle von der gewaltsamen Erregung und von Zorn zusammengeschnürr würde.
„Kein Wort mehr!" unterbrach ihn Lord Lionel. „Sie haben eine edle und feingebildete Dame, eine hochangesehene Künstlerin, in deren Hause Sie als Gast empfangen worden sind, verleumdet. Ich nehme an, daß jeder von den hier gegenwärtigen Herren Sie nach Verdienst be- urtellen wird. Und als Präsident dieses Klubs befehle ich Ihnen, sich augenblicklich zu entfernen und niemals wieder Ihren Fuß über unsere Schwelle zu setzen, diese ^Gesellschaft ist nur für Gentlemen!"
Alle hatten sich erhoben. Von den anderen Tischen strömten die Gäste herbei, jung und alt, mit Servietten oder Zeitungen in den Hände:: oder Cigarren im Munde.
„Mylord, ich werde Ihnen antworten, wie es sich für einen Edelmann, der solcher Art beleidigt wurde, geziemt. Morgen werde ich Ihnen meine Sekundanten schicken!"
„Ich bin bereit, Sie cnif dem Kontinent yu treffen", antwortete Lord Lionel mit unerschütterlrcher Ruhe, „welchen Tag und mit welcherWaffe Sie selbst wünschen."
Der Prinz verbeugte sich schweigend und ging.
V.
Am selben Abend, als der heftige Auftritt im Klu! stattfand, rüsteten sich Elsa und die Majorin zu der nach Schweden am nächsten Morgen erfolgenden Abreise.
„Ich weiß nicht, was man von Lord Lionel denken soll", sagte die Majorin. „Wir haben ihn seit rnehreren Wochen nicht gesehen."
„Ich ahne wohl, was der Grund ist", antwortete Elsa ein wenig zögernd.
„Hat er dir vielleicht eine Erklärung gemacht?"
„O, nicht gerade direkt", sagte Elsa.
„Ich verstehe. Du hast ihm etwas gesagt, was ihn zum Rückzug veranlassen mußte?"
„So ungefähr."
„Schade, daß er nicht der erste war", ftchr die Majorin fort. „Ein Mitglied des Haufes der Lords, ein berechtigter Gast am Hofe würde besser für dich geeignet gewesen sein, als der spekulierende Maler und der ehrlose Grieche. Ich weiß nicht, wer von diese:: der Schlimmste war!"
In ihrer,: Innern war sie indessen darüber erfreut, daß Elsa jeden Gedanken an eine neue Vernrählung auf- gegeben hatte. Sie hatte reichlich genug an dem schon Geschehenen und wünschte Elsa nun für sich selbst zu behalten. Sie hatte alles für ihre Pflegetochter geopfert, so daß es ihr wohl gestattet sein durfte, einmal an sich selbst zu derikei:. . : ,
Wer es ließ sich nicht übersehen, daß Elsa nnt Weh- mut, fast mit Kummer an Lord Lionel dachte. Es schmerzte sie, daß seine Erklärung zwischen sie beide getreten war und sie seiner Freundschaft beraubt hatte. Sie dachte schon daran, an ihn zu schreiben und ihm Lebe- wohl zu sagen, aber sie fürchtete, daß dies mißdeutet wer- den könnte und begnügte sich damit, chre Visitenkarte an Lady Churchill zu senden.
Am nächsten Morgen verließen sie London.
Elsa hatte Schweden nicht wieder gesehen, seit sie ihren europäischen Triumphzug begann. Und als sie nun m Malmö landete, wurde sie gleich einer Königin empfangen. Die ganze Bevölkerung war auf den Beinen, alle Hauser flaggten. Mit einen: Ertrazug fuhr sie weiter nach der Hauptstadt, wo ihre Ankunft schon vorher durch, dre Zeitungen bekannt geworden war. Sie traf an einem sonnigen Tage ein und logierte im Grand Hotel, gegenüber dem Königlichen Schloß. Wends waren alle Schrsfe und Boote mit bunten Lampen geschmückt, und das Studentenkorps aus Upsala brachte ihr seine Huldigung in Form einer Serenade dar.
Als sie am folgenden Tage auS der Kirche sich nach Haufe begeben wollte, wo sie zum Besten der Staten gesungen hatte, waren alle Straßen von Menschen erfüllt. Der Polizeiminister mußte sie ersuchen, auf einem Umweg nach dem Hotel zu fahren.
Es war ein heller Sommerabend: als sie endlich ir ihrem Hotel angelangt war, trat sie auf den Balkon hinaus und begrüßte die unter ihre:: Fenstern harrende, Menge. Man jubelte und schrie: „Es lebe Elsa Wikner!
Hurra! Hurra! Hurra!"
(Fortsetzung folgt.)
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