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K«. 111.

BerlagS-Fernforecher N». Alig.

Samstag» den 7. Marx.

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GemMcher Pntcrriöjt M felirtinpniefcn iE Frankreich.

Unser Pariser Korrespondent schreibt: Neuerdings mehren sich die Stimmen in Frankreich, die über die Mangelhaftigkeit der gewerblichen Ausbildung der ein­heimischen Arbeiter Klage führen. Wahre Alarrnrnse werden laut, die das siegreiche Vordringen der deutschen Konkurrenz einzig und allein der Überlegenheit des deut­schen Fachunterrichts zuschreiben. Auch der hiesige Conseil snpörieur du travail hat sich in letzter Zeit viel mit dieser Frage beschäftigt und durch seine permanente Kommission eine Untersuchung veranstaltet, deren Ergeb­nisse in dem Satze gipfelten: Das Darniederliegen und »ie zunehmende Minderwertigkeit der fachlichen Ausbil- sung der französischen Arbeiter ist unbestreitbar. Der vom Direktor des genannten „Arbeitsrates" erstattete Bericht bekennt offen, daß das Resultat der eingeleiteten Unter- suchung um so weniger in Zweifel zu ziehen ist, als zwei Drittel der beffagten privaten und öffentlichen Körper- schäften unumwunden die bestehenden Mängel zugegeben yaben, während nur eine Minderheit verschiedene Vorbe­halte gemacht hätte. Worin übrigens letztere Vorbehalte bestanden haben mögen, errät man leicht, wenn man be- senkt, daß die Politik, die sich hier in alles mischt, nament­lich in einer Frage nicht geschwiegen haben wird, wo die Nationaleitelkeit und der Patriotismus direkt in Mit­leidenschaft gezogen wird. Das Facit der Enquete des Arbeitsrates ist also recht niederdrückend für die fran­zösische Industrie.

Ein Hauptgrund der abnehmenden Geschicklichkeit des hiesigen Arbeiters liegt in dem fast vollständigen Verschwinden des Lehrlingswesens. In der französischen Hauptstadt gibt es beinahe keine Lehrlinge mehr. Die ausgebildeten Arbeiter kommen alle aus der Provinz oder dem Ausland. Im Schneider-Handwerk z. Ä. sicht es in dieser Hinsicht traurig aus. Ta keine Lehrzeit in Paris existiert, behilft sich der Arbeitgeber mit Kräften aus Deuffchland, der Schweiz, Belgien, Österreich-Ungarn und sogar aus der Türkei — und steht sich bedeiitend besser dabei. Unter den Zuschneidern, deren Ausbildung sine besonders sorgfältige sein muß, befinden sich über die Hälfte Ausländer. Ähnlich ist es im Handwerk der Haar- istnstler. Sie rekrutieren sich fast ausschließlich aus dem Süden Frankreichs. Toulouse ist die Lieferantin von Friseuren und — Tenören. Zwar existiert auch in Paris eine Art Fachschule für die Ritter der Schere und des klasiermessers, an einem Orte, wo man sie schwerlich suchen würde, im Jnvalidenpalast. Dort versuchen sich

die Jünger der Coiffeur-Kunst an den Schädeln der Kriegsinvaliden, die gewöhnt sind, sich vor der blanken Waffe nicht zu fürchten. Da aber die alten Helden keines­wegs als Muster der Eleganz gelten können, sind die Haarscheitler trotzdem noch gezwungen, zu ihrer Vervoll- tommmmg in die Provinz zu gehen, wenn sie von einem Pariser Meister angestellt werden wollen. Die Reihe der Handwerker, in denen wenigstens in Paris der Lehrling so gut wie ausgestorbcn ist, ließe sich noch lange fortsetzen. Nur in der Konditor- und Nestarirationsbranche steht der Lehrling allenfalls noch in Ehren, aber nur um zum Austragen der Windbeutel und der Pasteten verwandt zu werden. Weil der „patronnet" (der Konditorjunge) und der „marmiton" (der Küchenjunge) kleine Trink­gelder einstreichen, willigen bie r effektiven Väter in die äußer Blöde gekommene Lehrlingsperiode ein, ohne zu berücksichtigen/ daß noch kein Konditor- oder Küchenchef sich seine Kunst durch das Umherbummeln aus den Straßen angceignet hat. Auch diese Handwerke werden gegenwärtig fast immer in der Provinz erlernt.

Die Gründe, daß die Lehrlingszeit bald ganz in Ver­gessenheit geraten wird, sind mannigfaltig. Me Sucht der Väter, daß ihr Sprößling sofort nach dem Verlassen der Schule zum Haushalt der Familie beitragen soll, spielt die Hauptrolle. Das Ideal eines Pariser Familien­hauptes besteht darin, daß die männlichen Familienmit­glieder möglichst bald in einer Staatsverwaltung unter­gebracht werden. Der Anwärter auf eine Stelle in der Zentralsparkasse oder als Austräger im Telegraphen­dienst (welches Amt bekanntlich hier die „petits tdl<5- graphistes", kaum dem Knabenalter entwachsene Burschen, versehen) gibt es daher immer eine Legion.

Ta die Lehrlingszeit, für welche nian früher bezahlen mußte und die heutzutage selbst umsonst nur höchst un­gern durchgemacht wird, völlig in Mißkredit geraten ist, sinnt nian eifrigst ans Abhilfe dieses unnatürlichen Zu­standes und glaubt sie in der Entfaltung von praktischen Abendkursen für die in den Manufakturen und Fabriken beschäftigten jiingen Arbeiter gesunden zu haben. Ein praktischer Unterricht in manuellen Fertigkeiten, der am Abend den jungen Leiiten gegeben wird, würde sicherlich für viele Gewerbszweige großen Nutzen bringen, wenn nicht die Erfahrung gezeigt hätte — denn die hier ern- schlagenden Versuche datieren nicht von heure und gestern — daß die großstädtische Jugend sich allen solchen Be­strebungen gegenüber recht unfügsam und rebellisch er­weist. An Fachschulen iind abendlichem Unterricht ist schon heute in Paris kein Mangel, nur daß der letztere öfters viel zu wünschen übrig läßt, weil er sich auf Vor­träge von irgend einem Theoretiker beschränkt. Um aus dm mannigfaltigen, schon bestehenden Institutionen einm wirklichen Nutzen zu ziehen, ist es angebracht daß die­selben einer umsichtigm Leitung unterstellt werdm, viel-

Redakiio«A>FernlpreL«r No. 52. 1903 .

leicht dem Ministerium des Lffentlichm Unterrichts oder des Handels, und ihr Besuch obligatorisch wird, was bis­her nicht der Fall ist. Im Handelsministerium ist man gegmwärtig damit beschäftigt, eine Statistik der für den gewerblichen Unterricht zu Gebote stehenden Einrichtungen aufzustellen und nach dem Ausfall derselben Vorkeh- rungm zu treffen, die das jetzt recht verzettelte technische Unterrichtswesen in einer Hand zusammenfassen sollen.

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Die Tat galt immer mehr als das umschreibende Wort; dennoch behilft man sich tausend- und mtüionenmar mehr mit dem letzteren, besonders dann, wenn die Bahn frei, wie beispielsweise für die herrschende Kirche, über­all, wo man einen lästigen Einspruch zu beseitigen hat, da nimmt man einen Vorwand, wie wenn alle Welt sich nach der hohlen Phrase wandeln könnte. Weil es be­quem ist, soll die Religion Gefühlssache sein,' niemand anders als unsere Dogmenhüter würden wünschen, daß die Religion mehr als Gefühlssache sei. Ließe sich das Dogma aus der Wissenschaft stützen, dann würde man in alle Welt posaunen, wie die ewigen Gesetze der Wissen­schaft die einzige Zuversicht für den Glauben seien. Nur weil durch die Aufklärung sich das Bild verschoben hat, verpönt man die Wissenschaft und brüstet sich damit, daß die Religion der Ausfluß des Herzens sei.

Um hier mit Überzeugung zu dienen, möchten wir auf die Schrift: „Aus dem Nichts zum Glauben" *) von Friedrich Robert Hinweisen, denn in ihr wird der Be­weis dafür erbracht, daß nur dasjenige, was die Wissen­schaft erschließt, das einzig Wahre für die Welt und die Religion ist. Wie man die letzte Erkenntnis ans dem jeweiligen Stande der Wissenschaft festlegte, so brachte sich jedesmal der Glaube zum Ausdruck, der Glaube, der die feste Zuversicht für einen anderen Zweck verspricht, als wir ihn aus dem unergriindlich tiefen Schatze unseres unbewußten Geistes schon als Irdische ins Bewußtsein zu ziehen vermögen. Dieser einen Tatsache, daß jede Religion zur Zeit ihrer Entstehung der Ausdruck der höchsten Kenntnis oder der besonderen Auffasiung von der Wissenschaft gewesen ist, haben sich alle zu beugen, gleichviel, ob wir hierfür an Moses oder Christum, an Buddha oder an Mohammed denken. Wie sie verstanden, die in ihren Heimatländern vorherrschenden Anschau­ungen in den einzelnen Wissenschaften für die Philosophie oder die höchste Wissenschaft zusammenzufasien, so paßten sic ihre daraus hervorgegangene Glaubensidee den landesüblichen Lebensgewohnheiten ihrer Stammvölker an. Die Schöpfungsgeschichte auf der ersten Seite der Bibel soll heute noch ebenso richttg sein wie damals, als

*) „Aus dem Nichts zum Glauben"', »ritte vermehrte Anflaze, Berlin 1803, bei Hugo BermÜhler, Verlag. Preis 2 Mk.

Feuilleton.

Hochzeiten in Gnglrmd.

Die VermühlungSfeierlichkeiten in England sind in neuerer Zeit mehr und mehr vereinfacht worden. Weder Polterabend noch Kranzbinden hat es hier je gegeben. Doch schrieb daS Gesetz früher vor, daß die Trauung vor Mittag stattfinden müffe, und man machte dann gewöhn­lich einen „langen Tag" daraus. Der Grund für eine so seltsame Verordnung war, daß in alten Zeiten, wenn die Trauung in den Nachmittagsstunden vollzogen, die Hochzeitsgäste, wenn nicht die Hochzeitskandidaten selbst, oftmals dem Becher dann so kräftig zugesprochen hatten, daß sich oft genug recht seltsame Scenen in der Kirche ab­spielten. Um die Gelegenheit zu solchem vorzeitigen Trinken möglichst zu kürzen, wurde das Gesetz gegeben. Mit den gebesserten Sitten unserer Zeit wurde es in­dessen unnötig: und da das frühe Hochzeitmachen über­dies doch auch manche Unbequemlichkeiten mit sich bringt, so wurde durch den Marriage-Act von 1886 bestimmt, daß Trauungen bis 3 Uhr nachmittags stattfinden können. Tatsächlich werden sie nun gewöhnlich zwischen 1 und 2 Uhr abgehalten und der „lange Tag" von einitmals wird auch am anderen Ende mehr und mehr gekürzt. In unseren Tagen der Hast wird auch das Freien be­schleunigt. Es ist mir oft, als ob jedermann von dem Wunsche beseelt sei, daß die ganze Feier möglichst bald vorüber sei. Und in dem Grotzstadtleben ist der Wunsch auch leicht verständlich. Ausnahmen von dem alten Ge­setze sind frellich immer zulässig gewesen und auch von dem neuen noch immer statthaft. Auf Grund eines »necial licence ist eine Vermählung zu jeder Tageszeit möglich. Diese Genehmigung kann aber nur vom Erz­bischof von Canterbury erteilt werden und kostet 29 Lstr. 8 Sch. In wohlhabenderen Kreisen war daher vor etlichen Jahren wohl die Mode aufgekommen, die Trauung abends zu vollziehen. Eine Ctvil-Trauung ist in England nicht gesetzlich geboten. Wohl gibt es eine solche für Personen, die sie einer kirchlichen vorziehen. Aber e i n e Trauung genügt. Jede von beiden ist zu­lässig, jede bindend.

Was die Kleidung betrifft, so wird uns zunächst auf­sallen, daß sämtliche Hochzeiter nur in Promenadcn- Kvstiimcn sich einstellen. Das ist in England selbstver­ständlich. Denn was manche Engländerinnen in der Tiefe des Ausschnitts ihrer Kleider abends auch für zu­lässig erachten, wie vielfach, ja wie regelmäßig, die Herren der vornehmen Häuser auch im Theater und selbst daheim, wenn sie ganz unter sich sind, den Frack oder doch das Dinner jacket tragen — das wir „ans deutsch" Smoking zu nennen belieben —, so werden doch solche Toiletten, die man eben deshalb auch _ wohl als Evening dress bezeichnet, unter keinen Umständen und bei keiner Gelegenheit am Tage angelegt, mit alleiniger Ausnahme gewisser Hoffestlichkeiten, wo der tiefe Aus­schnitt für die Damenklctder von alters her Vorschrift ist.

Nicht der Myrtenkranz, sondern ein Kranz von Orangenblüten ist das bräutliche Abzeichen in England, ebenso wie in Frankreich, die in der Blumcnsprache be­kanntlich bedeuten: „Deine Reinheit ist deiner Lieblich­keit gleich". Ein schönes Symbol, wie die schneeigen Blüten zugleich einen reizenden Schmuck abgeben, wenn sie auch fast immer künstlich sind. Herrschen bei allen Toiletten die bellen Farben der Freude vor, so kam dock Weiß an diesem Tage bis vor kurzem der Braut allein zu. Doch wird dies in neuerer Zeit nicht mehr gan? strenge innegehalten, insofern wenigstens, als auch die Brautjungfern jetzt vielfach Weiß in einer von dem Brautkleid allerdings verschiedenen, unter sich aber gleichen Schattierung tragen. Wie alle anderen Damen, mit alleiniger Ausnahme der Braut, so tragen auch die Brautjungfern Hüte und diese sind wieder alle von der­selben Farbe und Form.

Wie der Bräutigam der Braut ein Geschmeide und auch das Brantbouquet, lediglich aus weißen Blumen und weißen Atlasschleifen bestehend, verehrt, so erheischt es der Brauch, daß er beides, natürlich von weniger kost­barer Art, auch den Brautjungfern zukommcn läßt, während die Braut ihm am Hochzeitsmorgen ein weißes Sträutzlein für das Knopfloch übersendet. Er trügt wohl dunklen Gehrock, aber helles Beinkleid, helle Weste und helle Halsbinde, dazu den in England so allgemein üb­lichen schwarzen Cylinder, aber keineswegs Klapphut, der auch nur am Abend getragen wird und auch dann

nicht mehr recht Mode ist. In ähnlicher Weise sind alle übrigen Herren gekleidet. »

Es ist allgemein Brauch, daß der Bräutigam die Braut am Hochzeitsmorgen nicht eher zu Gesicht bekommt, als bis er sie in der Kirche trifft, wo er, von seinem „besten Mann" begleitet, sie am Altar erwartet. Ich führte einmal eine Engländerin in die Oper, wo „Lohen- grin" gegeben wurde. Sie konnte sich den ganzen Abend nicht darüber beruhigen, daß der musterritterltche Held bei der Hochzeit Elsa warten lassen konnte und der König nicht mit der Braut statt in Begleitung Lohen­grins eintraf. Bräutigam und Gäste haben sich vor der zur Trauung angesetzten Zeit eingefunden und auch hie Brautjungfern stellen sich vorher ein, um an der Kirch- tür auf die Braut zu warten. Hierhin begibt sich nun auch der Geistliche mit den Chorknaben: und gewöhnlich mit dem Glockenschlag trifft schließlich auch die Braut ein in Begleitung des Vaters oder eines besten Stelle ver- tretenden Verwandten, der sie „weggibt".

llnter Vorantritt des Geistlichen und des Chors, der eine Hymne anstimmt, schreitet nun die Braut am Arm« des Vaters, mit den Brautjungfern als Gefolge, zum Altar, wo sie der Bräutigam in Empfang nimmt und die Trauungs-Ceremonie beginnt. Nur die Frauen er­halten in England Trauringe, nicht auch die Männer. Es wäre aber unrecht, wollte man deshalb annehmen, daß englische Gatten im allgemeinen sich für weniger gebunden erachten als andere, welche dieses Glied einer Kette ständig am Finger haben.

Sobald die Trauungs-Ceremonie vorüber ist, spielt die Orgel regelmäßig Mendelsohns Hochzeitsmarsch, unter dessen jubilierenden Klängen die Hochzeiter, voran ms junge Ehepaar, die Kirche verlassen. Kam die Braut im Wagen des Vaters, so fährt sie jetzt in dem des Gatten mit diesem davon, noch einmal nach dem elterlichen Hause, wo sie die Gäste empfängt.

Ein eigentliches Hochzeitsmahl ist längst ganz und gar ans der Mode gekommen. Nur eine Tasse Tee, ein Glas Champagner und sonst nur leichte Erfrischungen werden an einem Buffet dargebotcn, wie wir überhaupt den Engländern zngestehen müssen, daß Esten und Trin­ken bei ihren geselligen Vereinigungen nicht einen so wesentlichen Punkt ausmachen, schon das viele Reden da.