Beilage mm Wiesbadener Taablalt.
Uo. 111. Morgen-Ausgabe.
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ä «| Der letzte Grund aller sozialen Gefahr liegt nicht in l»
dem Unterschied der Besitz., sondern der Bildungr-N geoeniLtz«. Alle soziale Reform muh in diesem Punkte ein»
« Kreisen. Schnaller. ^
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(40. Fortsetzung^
Die Sängerin.
Roman von v. SchSyen
Dem Norwegischen nacherzühlt von Emil JonaS.
„Nh nehnre Sie beim Wort", antwortete Elsa, „Mylord sprachen vor einigen Tagen davon nns nach dem Zoologischen Garten zu begleiten. Ich möchte gerne dies sreundliche Anerbieten benutzen."
„Ja, wamr immer die Damen befchlen", antwortete er.
„Also am Freitagvormittag nach dem Frühstück, viel- leicht um zwei Uhr?"
„Ich werde mich pünktlich einfirrden."
*
Lord Lionel kam zur bestimmten Stunde. Elsas Wagen war bereits angespannt lind der Lord nahm Platz auf dem Rücksitz, den beider! Damen gegenüber. Genügen von zw« Schimmeln mit blaugelben Kokarden an oen Ohren, rollte der Wäger, in den Hydepark hinein. Unzählige Blich richteten sich ans Elsa. Die Reitender, drehten die Köpfe, die Promenierenden blieben stehen.
Eine brünette Dame mit blühenden Wangen und in einem hellbraunen Reitkleide ritt auf einem Vollblut- Pferd«. Sie saß wie angegossen im Sattel und zeigte eine Kühnheit wie eine geübte Kunstreiterin.
Ihr folgte em Jokc-y. Sie blickte in Elsas Wagen hinein, lachte imd nickte. Lord Lionel lüftete den Hut. §lsa fragte, wer es sei und er nannte ihren Namen — die Tochter des Herzogs von P . . ., eines der hervor- ragendsten Mitglieder des Oberhauses.
Elsa ahnte sofort, daß cs dieselbe junge Dame sei, von ivelchcr Lady Churchill gesprochen hatte
Lord Lionel zählte alle Verdienste des alten Herzogs auf. Er sei ein großer Menschenfreund und ein großer politischer Parteiführer. Die Tochter sei eine geborene Amazone, die selber behaupt- sich wohler im Stall als im Lallsaal zu befinden. Er sprach in ziemlich gleichgütigem Pone über die iunge Lady, ohne besondere Bewunderung, sedoch mit unbestreitbarer Achtung.
Lord Lionel war der vollendetste TypuS eines eng- fischen Gentlemans. ES gab mrr eines, btt* ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen vermochte: der politische Kampf de? Tages. Er war einer der feurigsten Redner des ParlcurrentS rmd feine Worte fielen gleich Schwert- schlagen auf die .Köpfe der Gegner.
Dunen gegenüber war der Lord von auffälliger Gleichgültigkeit.
Alle möglichen Versuche, ihn in den Hafen der Ehe zu locken, waren bisher gescheitert. Er sei so von der Politik in Anspruch genommen, daß er nicht Zeit habe, cm anderes m denken. Jedoch der Lord trug ein Geheimnis im herzen, das niemand kannte — die Erinnerung an Elsa.
Sie war das erste große Ereignis in seinem Leben, ter Gegenstand seiner ersten kindlichen Schwärmerei sewesen.
Der Gedanke an das kleine blonde Mädchen mit den dunkelblauen Augen und der wunderbaren Sfirmne war Mit seinen liebsten Erinnerungen cm? dern schönen Schweden verknüpft. Als sie sich später in Paris trafen, Dar sie voll entwickelt, er stand noch im Übergcmgsalter Aber mit der Gabe dieses Alters, leicht entzückt zu wer- dem hatte er sofort die „kleine Else" bewundert, welche «nimehr in eine feine Dame verwandelt schien.
Der bittere Wermut in seiner Freude war ihre Verlobung mit dem Maler gewesen. Wie hatte er sich darüber gegrämt! Und als er ihr Porträt erhielt, war es das Erste, was er tat, den Namen des Malers an der Ecke mszukratzen. Als er sie das nächste Mal sah, war sie die Gatfin eines anderen Mannes. Wieder verrechnet ’ Wiederum zu spät! Als er selbst älter geworden war, wagte er es nicht einmal, sie aufzusuchen. Sie durste nicht ahnen, waS er fühlte. Aber die Erinnerung an Elsa war die heimliche Klippe, an der die Pläne seiner eigenen Mutter und die der anderen Mütter strandeten Endlich trafen sie sich aufs Neue. Sie war frei!
Samstag, den 7. Marx.
Und nun begannen alle lichten Träum« seiner Hoff- nung in seiner Seele wieder anfzuleben.
Elsa war frei.
III.
Lady Churchill hatte vor längerer Zeit eine .Karte an Elsa gesandt, um ihr mitznteilen, an welchen Tagen in der Woche sie zu Hause sei. Elsa hatte sofort ein Gleiches getan, aber mit Rücksicht auf ihr Alter und chren Rang durfte die Lady den Anspruch erheben, daß sie zuerst besucht werde.
Die Majoriu hatte auch wiederholt Elia daran erinnert, allein diese fühlte ein unüberwindliches Widerstreben, sich zu ihr zu begeben. Eine richtige Ahnung sagte ihr, daß nur infolge der Aufforderung deo Sohnes die Absendung dieser Karte geschehen' sei, und sie wollte aus keine Weise seine Mutter glauben lassen, daß sie persönlich eine weitere Annäherung betreibe. Wer um sich nicht einer direkten Unhöflichkett schuldig zu machen, mußte es doch einmal geschehen, undEIsa und die Majorin fuhren daher eines Nachmittags zu Lady Churchill, die in ihrem eigenen Hause zu West-Brompton wohnte.
Lady Churchill empfing sie in einem kleinen reich möblierten Zimmer, das mit mehreren persischen Teppichen und Tigerfellen belegt war. _ Hohe Lehnstühle aus vergoldetem Holz und mit blauen Überzügen standen in einem .Halbzirkel um daS runde Sofa, über dem sich eine hohe Fächorvalme erhob. Alle Wände waren mit Bildenr geschmückt.
„Es freut mich Sie zu sehen", sagte Lady Churchill, indem sie ihnen die Hände reichte. „Bitte näher zu treten und Platz zu nehmen!" Sie gab einem Diener einen Wink. „Charles bringen Sie Tee herein."
Auf den: Sofa saß dieselbe Dame, die im Hydepark an ihnen vorübergeritten war, und neben ihr ihre Mutter, die wohlkonservierte, rotwangige Herzogin. Sie'trugen beide Kleider in schreienden Farben, die Alte hatte rosaroten Plüsch mit hellgrauem Pelz besetzt, sowie einen entsprechenden Hut mit brandgelber Feder, während die Tochter graugrünen Plüsch mit iveihem Zobel trug. Tie Gesellschaft bestand im übrigen aus drei mageren rothaarigen Schwestern nebst einer noch magereren Mutter und einem Paar älterer Herren.
Man sprach über die letzten Tagesnenigkeiten, von dem Feste im Buckinghamvolast und im Malborough- Housc, über die königliche Familie, welche die Engländer der höheren Gesellschaft stets mit der größten Ehrfurcht nennen, über die Konzerte in St. James Hall und über die italienische Oper im Konvent Garden.
„Werden Sie, Mrs. Wikner, mich in der Oper auf- treten?" fragte die Herzogin.
„Nein, e§ ist viele Jahre her, fett ich nicht mehr auf der Bühne singe", antwortete Elsa. „Die Welt, rn der man dort lebt, macht meine Seele erkranken."
„Ich liebe das Theater", rief Lada Jane, „eS ist stets mein höchster Wunsch gewesen, Tänzerin zu werden."
Die Herzogin sagte nur mft mildem Vorwurf: „Wer, mein liebes Kind!"
Gleich darauf erhob sie sich und verabschiedete sich.
Lady Jane reichte Elsa die Hand.
„Es war nur sehr angenehm, Ihre persönliche Be- kanntschaft zu machen", sagte sie. „Ich habe Sie mehr- fach auf d«n Kontinent singen hören. Lord Lionel hat oft von Ihnen gesprochen und dann spricht er sich warm, das können Die mir glauben!"
„Mylady sind allzu liebenswürdig!" antwortete Elsa, indem sie ihren Handdruck erwiderte.
„Hier will ich Ihnen etwas zeigen, waS Sie kennen", sagte dir Wirtin, als die beiden Damen sich enfternt hatten. Sie führte Elsa in die angrenzende Bibliothek und zeigte auf ein Bild über dem Schreibfisch. Es war das lebensgroße Bild der Jngeborg mtt dem Falken auf der Schillter.
„Ja, ich erinnere mich dessen", sagte Elsa. „ES ist viele Jahre her."
„Wer Sie sehen noch ebenso jung aus", antwortete Lady Churchill. „Da? Bild gleicht Ihnen noch immer, besonders die Augen."
„Hier ist mich Lady Jane!" fuhr die Wirfin fort, in- dem sie ein kleines Aquarell zeigte, inelches die junge Dame, auf einen: braunen Pferde sitzend, dcrstellte.
„Sie siebt vortrefflich aus", sagte Elsa, „und sie ist lebhafter als die Mehrzahl der jungen Damen hier im Lande,"
„Etwas zu lebhaft und freimütig für ihren hoben Rang", antwortete die Lady. „Allein sie ist noch sehr
51. Jahrgang. * 1903.
jung. Wenn sie einmal heiratet und einen ernsten Mantil bekommt, wird das schon vergehen. Mein Sohn und st« kennen sich seit lange. Sie gehört derselben Gesellschaftsklasse an, und hätte nichts dagegen, ivenn es bald -wische« ihnen zur Entscheidung käme."
Da die englischen Eltern sonst di« Eheplanr ihre« Kinder nicht zu besprechen pflegen, wie es so oft in Frankreich und Italien geschieht, verstand Elsa sehr wohl, dcch dies in beftimntter Wsicht gesagt imlrde.
„Hier können Sie die literarischen Werke meine» Sohnes sehen", fuhr Lady Churchill fort, indem sie mit Stolz auf eine Reihe Bücher zeigte, die mrf einem Regal zwischen den beiden Fenstern standen.
„Dies^sind seine Studien über historische Persönlich- keiten. Sie werden für das Beste auf diesem Gebiete angesehen."
„So, der Lord ist Schriftsteller? Das wußte ich nicht", antwortete Elsa.
„Nein, das glaube ich wohl, er spricht nie von sich selbst! Und dennoch hat er sich bereits sehr ausgezeichnet« Er hat viel für die Aufklärung des Volkes und besonder» für die der niederen Klassen getan."
„Dort oben in Nordengland, wo wir wohnen, gibt eS wohl kaum ein Kind in: ganzen Dorfe, das ihn nicht schätzt und liebt. Er hat die Schulen verbessert und^füv die Armenhäuser mit öffentlicher Küche gesorgt. Mein Lionel ist ein Segen für Tausende von Menschen und nicht am wenigsten fiir seine Mutter" — die Stimme der alten Dance bebte. — „Möge der liebe Gott ihn selbst vor allen Gefahren bewahren!"
„Er ist in des Wortes richtiger Bedeutung ein großer Mensch!" rief Elsa. „Ach, wie schön ist es doch, auf dies» Weise für hohe und gemeinnützige Ziele zu wirken!"
Bald darauf kehrten sie nach dem Salon zurück, wo Elsa und die Masorin sich verabschiedeten..
Aber während des folgenden Tages dachte Elsa unablässig an diesen Besuch.
An Elsas nächstem Empfangstag waren Lady Churchill und ihr Sohn die ersten Gäste. Die Lady sprach diesmal am meisten mit der Majorin. Sie fragte nach der schwedischen Königsfamilie, und sie gingen alle Chmattere der einzelnen Prinzen und Prinzessinnen imd deren Privatleben durch.
Unterdessen dankte Lord Lionel Elsa für ihren Besuch imd bedauerte, daß er nicht zugegen gewesen sei. AlS es nach ihrer „Menagerie" fragte, erzählte sie, daß die kleins Löwin krank sei imd jeden Tag vom Tierarzt bestickst werde. Er bat, das Tierchen sehen zu dürfen und ft« führte ihn in die große Glashalle, wo die junge Löwin in einer Ecke aus einem Lager von Sttoh lag. Niemmch war in der Nähe. Sie plauderten vettraulich über ihr eigene- Leben. Mitten im Gespräch fügte der Lord einmal die ruhige Frage ein: „Würden Sie an die Mbg- lichkett denken können, sich noch einmal zu verheiraten?"' Er sprach in gedämpftem Tone imb öS lag dabei ein seltener Klang in seiner Stinnne.
„Nein, niemals!" antwortete sie ohne Bedenken. „Ich habe genug gelitten. Mein erster Verlobter war ein gut« Rechner und fand mich zu leicht. Wer ich danke memernl Gott, daß ich damals arm ivar. Dadurch wurde ich von dein Unglück bewahrt, eine,: Mann zn heiraten, vor dessen Charakter ich auf die Dauer keine Achttmg hätte Haber» können."
„Wer Sie verheirateten sich später mit einem anderen", sagte der Lord.
„Ja, das tat ich!" Sie sah zu Boden. Der Nein» Fuß in dem blanken Goldkäferschuh schlug den Tatt wi» zur Must?. Plötzlich erhob sie den Blick und sagte mit fester Sfimme:
„Diese Ehe war die tiefste Erniedrigung meine» Lebens!" — Ihre Augen flammten, die Lippen bebten. Die peinliche Erinnerung marterte ihr das Herz.
„Arme Mrs. Wikner, Sie sind sehr unglücklich in Ihrer Wahl gewesen. ES war mir stets ein Rätsel, wi« gerade die höchstbegabten Frauen so oft sich den gsinmten Männern hin geben können. Es muß wohl die geheimnisvolle Zugkraft der Kontraste sein!"
„Vielleicht!" antwortete sie, und eine Weile darauf fuhr sie fort: „Ich könnte aber mm niemals '.nieder mein Schicksal mit dem eines anderen vereinigen. Viele Jahrs lang habe ich Gott um Frieden angefleht, deir ich mir jetzt endlich erkauft habe. Ich habe einen großen Herr- Mot Beruf und dieser ist mir genug, um mein ganzes Leben auszufüllen."
(Fortsetzung folgt.)
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