S1. Jahrgang.
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N-. 112.
Berlags-Ferusprecher R». 2953.
Samstag, den 7. Mar;.
Rcdaktionö-Fernsprccker No. 52.
1903.
Abend-Ausgabe.
Politische Zllebersicht.
Obwohl die Parlamentssession sowohl im Reichstage wie im preußischen Abgeordnetenhanse allmählich zur Rüste geht — denn allzu lange wird man sich rach Osten, nicht in den Parlamenten unterhalten wollen — ist doch zur Zeit von einem Abflauen des Redeeifers weder im Reichstage noch im Abgeordnetenhause etwas zu spüren, und die Etatsdebatten spinnen sich hier wie dort recht gemächlich fort. Im Reichstage freilich steht der Redeeifer der Volksvertreter in schroffem Widerspruch zur Präsenzziffer. Das Ein- bis Zweidutzend-Männerkollegium, welches im deutschen Reichstage die Gelegenheit der Etatsdebatte wahrnimmt, uni sich zuweilen über Den Etat, des öfteren aber über andere Dinge zu unterhalten, macht sich als Volksvertretung nicht sonderlich respektabel und erinnert stark an das bekannte Studentenlied: „Und wenn sich der Schwarm verlaufen hat."
Da sieht man im preußischen Abgeordnetenhause doch für gewöhnlich eine erfrerllichere „Fülle der Gesichte", und insbesondere in dieser Woche konnte nmn im Abgeordnetenhause das geflügelte Wort des Verbrechers, der an: Montag gehängt wurde, zitteren: „Die Woche fängt gut an!" Der erste Tag der Woche bedeutete diesmal für das preußische Parlament einen jener „großen Tage", wie sie in diesen, Hause zu den iSeltenh eiten gehören. Die nattonallibcrale Interpellation, wie die Regierung sich zu den« Vorstoß des streitlustigen Trierer Bischofs vr. Korum gegen die dortige staalliche Töchterschule stelle, hatte die bei weitern größere Hälfte der preußischen Volksvertreter in das Parlament in der Prinz Albrechtstraße gelockt, und die Debatte über diese Interpellation wies ein höheres Niveau auf, als es zur Zeit im allgemeinen den Parlamentsdebatten eigentümlich ist.
Die Verhandlungen des Abgeordnetenhauses ergaben in Bezug auf die Beurteilung des Korum- Streiches eine erfreuliche Übereinstimmung aller Parteien mit Ausnahme selbstverständlich des Zentrums, welches ja wohl oder übel seinen Schild vor den kulturkämpferischen Bischof halten mutz. Im Grunde des Herzens war das Zentrum zwar allem Anschein nach über dieseAusgrabung des bischöflichen Kriegsbeils gar nicht sonderlich erfreut, und auch in Rom steht man offenbar auf dem Standpunkt, daß der Klerus sich gegenüber der preußischen Regierung besser stehe, wenn er die Friedenspfeife den, Kriegsbeil vorzieht. Vielleicht wird Graf Bülow recht behalten mit seiner Auffassung, daß man vom Vattkan aus dem kriegerischen Bischof eine Bremse aillegen werde. Aber wenn auch in der einen oder anderen Form eine Aufhebung
oder Abschwächung des Korum-Erlasses erfolgen wird, so bleibt doch trotzdem die Tatsache bestehen, daß das bisherige Entgegenkommen gegen den Klerus verzweifelt an die schiefe Ebene erinnert, die nmn schneller herunter rutscht, auf der man aber nur schwer rückwärts in die Höh' krabbeln kann.
Jedenfalls mächten wir die Hoffnung aussprechen, daß der Bischof Korum, bezw. der Vattkan, sich nicht jene Verschleppungstaktik zum Muster nehmen möchte, die man nach dem modernsten „berühmten Muster" . wohl als Castro-Taktik bezeichnen kann. Die Venezuela- Affäre zieht sich mit einer Langsamkeit und Schwerfälligkeit hin, daß sie alle Aussicht hat, für geraume Zeit eine der berühmtesten und langlebigsten Seefchlangen auf dem Gebiete der Politik darzustellen. Zur Zeit steht die Venezuela-Frage noch immer im Stadium der Protokolle, deren Herstellung in Washington förmlich fabrikmäßig betrieben wird. Wenn übrigens die amerikanische Jingo- prefse die venezolanische Frage noch immer als bequeme Gelegenheit zur Deutschenhetze verwertet und ein Teil der englischen Chauvinistenpresse hierbei sekundiert, so können wir uns darüber mit dem Worte des Dichters trösten: „So will der Spitz aus unserm Stall uns immerfort begletten, und seines Bellens lauter Schall beweist nur, daß wir reiten!"
Auch auf dem Gebiete der beiden anderen modernen polittschen Seeschlangen, der macedonischen und der marokkanischen Frage ist wenig Neues zu melden, oder es lohnt sich wenigstens nicht, von den, Neugemeldeten viel Aufhebens zu machen, da sowohl die Nachrichten vom macedonischen R e f o r m s ch a u p l a tz wie vom marokkanischen R e v o l u t i o u s s ch a u p l a tz mehr auf Sensation wie auf Kredit Anspruch erheben dürfen. Nicht ohne Interesse ist die von den Philippinen gekommene Nachsicht, wonach dort die Amerikaner, :mch- den, sie schon einige dutzendmale den „letzten Philippiner" besiegt hatten, wieder einmal eine kleine Schlappe eingesteckt haben. Es wird noch manches Jährchen vergehen, bis ein amerikanischer Autor frei nach dem Muster des „Letzten der Mohikaner" den Sensationsroman wird schreiben können: Der Letzte der Philippiner.
Eine amerikanische Stimme über die Monroe-Doktrin.
Der größte Teil der amerikanischen Presse hat sich während der Venezuela-Wirren in Hetzereien gegen Deutschland förmlich überboten, allen voran der New- Iorker „Herald". Es hat aber doch auch nicht an Zeitungen gefehlt, die einen besonneneren Standpunkt ein- nahmen. So antwortete der angesehene und vielverbreitete New-Aorker „Sun" dem „Herald", als dieser der Bundesregierung Schwäche und Preisgabe der Monroe- Doktrin vorwarf, folgendes, das auch jetzt noch lesens
wert ist, weil es die amerikanische Anschauung von der Monroe-Doktrin deutlich widerspiegelt:
„Wir erwidern, daß wir unserer ehrlichen Überzeugung nach nie weiter davon entfernt waren, die Monroe-Doktrin zu widerrufen, aufzugeben oder ihre Gelterllmachung zu vernachlässigen, als gerade jetzt. Sie ist mit ungewöhnlichem Nachdruck vom Präsidenten vor 13 Monaten betont worden, zu der Zeit, in welcher England und Deutschland die Pläne für eine Flottendemonstration gegen Venezuela und die zwangsweise Eintreibung ihrer For? derungcn für den Fall, daß sie in anderer Weise keine Genugtuung erlangen könnten, berieten.
Die Monroe-Doktrin wurde vor einem Jahr von England und Deutschland anerkannt, als diese Mächte die Vereinigten Staaten von chren Absichten als einleitenden Schritt in Kenntnis setzten. Deutschland und Großbritannien warteten einJahr, und Venezuela beharrte auf seiner Weigerung, zu bezahlen oder ein zufriedenstellendes Arrangement für die Befriedigung der Forderungen europäischer Mächte zu treffen. Daraufhin erneuerte der Präsident in seiner letzten Jahresbotschaft die Betonung und Definition der Monroe-Doktrin und knüpfte daran abermals die Warnung an Venezuela, nicht zu erwarten, daß es sich unter dein Schutz der Monroe-Doktrin von der Erfüllung internationaler Verpflichtungen drücken könne.
Deutschland und Großbritannien griffen zu dem letzten Mittel für die Einziehung internattonaler Schulden, nach- den, sie zunächst der Regierung der Vereinigten Staaten ausdrückliche Versicherungen gegeben hatten, daß keine Gebietserwerbungen irgendwelcher Art als Zweck oder Resultat ihres Vorgehens beabsichtigt seien. '
Englands Versicherung in diesem Sinne scheint allgemeinen Glauben zu finden. Wenn irgend ein Amerikaner von gesundem Urteilsvermögen die Aufrichügkeit Deutschlands bezweifelt, so ist dieser Zweifler noch nicht im stände oder willens gewesen, einen triftigen Grund für seinen Argwohn anzugeben. Sicherlich ist an der venezolanischen Küste nichts geschehen — nicht einmal der unerfreuliche Zwischenfall der Beschießung des Forts bei Maracaibo durch deutsche Schiffe, die an der Blockade beteiligt sind — was die ursprüngliche Erklärung der kaiserlich deutschen Regierung über ihre Absichten Lügen strafen könnte.
Es macht gar keinen Unterschied, soweit die Monroe- Doktrin in Betracht kommt, ob das Fort zuerst auf den „Panther" oder der „Panther" zuerst auf das Fort gefeuert hat. Es macht gar keinen Unterschied, soweit unsere Verantwortung für die Durchführung der Monroe- Doktrin in Betracht kommt, ob diese kriegerische Handlung im militärischen Sinne notwendig oder überflüssig, ob sie im Hstlllick auf die Aussicht einer friedlichen Beilegung der Schwierigkeiten durch die Wiederaufnahme der Verhandlungen politisch taktooll oder taktlos war. Diese Fragen gehen Deutschland allein an — nicht uns und die Monroe-Doktrin. Dieser Kardinalpunkt der ameri-
Dre Freundin aus Dussifch-Dolen.
Erlebnis aus der Mäbchenzeit.
Von Elsbeth Meyer-Focrster.
(2. Fortsetzung.)
Ich zog einen Stuhl an's Fenster, neben den ihrigen. >Vor den Scheiben wirbelten große Schneeflocken vorbei, aber manchmal fuhr ein Windstoß auf und trieb sie auseinander, daß sie wie gescheuchte Wolken nach verschiedenen Seiten wichen.
Im eisernen Ofen brannte ein helles Feuer. Sein roter Schein huschte über das aufgedeckte, frisch bezogene Wett, über welchem ein Weihkessel und ein gekreuzigter Christus hingen.
Helka sah gedankenlos vor sich hin. Eirren Moment schien sie mich und alles vergessen zu haben.
Endlich, als sie noch immer stumm blieb, sagte ich Zögernd: „Du wolltest mir etwas sagen, Helka."
„Ja", entgegnete sie, indem sie aufblickte. „Das wollte ich."
Einen Moment schien sie mit sich zu kämpfen. Danrr erhob sie sich, nahm ihren Leuchter, trat vor mich hin und fugte mit einem halb trotzigen, halb gepreßten Ausdruck in der Stimme:
„Ein schönes Leben bei uns hier, was?"
Ich wußte nicht gleich zu antworte!:. Sie aber, als habe sie gar keine Antwort erwartet, fuhr in fliegender Eile fort:
„Ja, ich habe Dich belogen, über mich, wie ich dort, bei Euch in Berlin, alle Menschen getäuscht und belogen habe. — Aber sage, — konnte ich das eingestehen, — fdiese ganze Misere, — mein elendes Elternhaus —- alles?" —
„Dein Vater ist so gut!" sagte ich, indem ich ihre Hände ergriff. „Helka, wie ist das alles gekommen?!"
„Wie es gekommen ist", wiederholte sie, wobei sie mich fester an sich zog, „ja, frage mich! Wir Polen sind eine unglückselige Nation, — allenthalben, in allen
Familien siehst Du den Mederbruch, — unter der fremden Knechtschaft sind wir verdorben, versumpft. — Uns ging es wie Tausenden, — Papas Güter verschuldeten — freigebig wie er war — sorglos — vielleicht leichtsinnig ließ er alles gehen — verstand er nicht die Zügel zu führen — bis die Deutschen kamen, seine Güter an sich brachten, — uns von unserer Schwelle drängten.
„O", fuhr sie mit flammenden Augen fort, indem ihr Gesicht einen Moment von Leidenschaft ganz entstellt wurde — „wie wir euch hassen, euch kluge, sparsame, verständige Deutsche, die ihr mit eurer Energie, mit eurem Bienenfleiß alles an euch bringt, was wir anderen nicht zu halten vermögen.-
Mer nicht davon wollte ich reden, — welcher: Zweck hätte es auch, zu dir davon zu sprechen, die das nie verstehen kann — und die mich tausendfach beschämt." — Sic streckte mir bittend beide Hände entgegen, ihre Augen aber blitzten fast feindselig. „Ja", sprach sie weiter, — „im Grunde unseres Herzens bewundern wir euch, und es ist nur Neid, quälender, brennender Neid.--
Papa also, siehst du, hatte weder Energie, noch Trieb, sein Besitztum zu halten. Er gab alles hin für ein Butterbrot. — Nun lebten wir ein paar Jahre so herum in Warschau und Krakau und hier und dort und verzehrten das Kapital. — Dann war das Ende bald da. Papas Angehörige, alle von altem Adel, hatten sich, wegen seiner Heirat mit Mama, schon lange halb und halb vo:: ihm losgesagt. Mama war Wirtschafterin auf einem seiner Güter gewesen — sie haßten die Bttttellose, Bürgerliche und dazu Ungebildete.--
So blieb uns zuletzt nichts übrig, als Warschau zu verlassen, und hier, in einem dieser elenden Orte, die erstbeste Gelegenheit zu ergreifen. — Das einzige, was der arme Papa außer seiner Musik je verstanden hat, nämlich als Wirt die Honneurs zu machen, entschied jetzt seine Berufswahl.
Wir wurden Gasthofleute, — von denen jeder seine Talente verwerten konnte: Mama steht hinter der Theke, legt Heringe ein und kocht, — Papa trommelt auf dem Klavier — und ich — ich bin die Hebe und locke an."
Während dieser letzten Worte war sie aufgesprungen und hatte sich aufs Bett geworfen. — „Das ist meine Jugend", rief sie mit einem trockenen Schluchzen —• „das ist mein Leben." — Aber sogleich wieder stand sie auf, trat vor mich hin und sah mich ruhig an. „Und darum"«
— sagte sie — „weil ich wußte, wir ihr dergleichen verachtet — ihr da drillen, — wo man so tugendstolz tut,
— darum log ich euch so viel vor. — Denn du zum Bei-
spiel •— sage mir ■— hättest du nicht eine verachtet, die hinter dem Ladentisch steht und Bier ausschänkt?"-
„Nein", entgegnete ich, „warum sollte man das verachte!:? Wenn du deinen Eltern beistehst, indem du chnen
hilfst, so bewundere ich dich.-Was ich so schrecklich
finde, ist nur, daß du"-
»Daß ich?" fragte Helka gespannt, „ich bitte dich, sprich es aus!"
„Daß du dich so tief demütigst, um dich mit all diesen Gästen auf einen vertrauten Fuß zu stellen", sagte ich. „Die begegnen dir ohne einen Funken Zurückhaltung, sie nehmen sich tausend Freiheiten herai:s, die dich direkt beleidigen müssen. Wenn du dich sehen kön:ttest, Helka, unter soviel Männern, die dir keinen Zoll breit Achtung erweisen, — fühlst du denn nicht, wie schrecklich das ist?!"
„Ich fühle es", sagte Helka tonlos. „Aber was soll ich machen.
In der erste:: Zeit, als ich noch stolz war, war ich kalt und zurückhaltend. Ta^kam kein Mensch ins Haus. Alles strömte in die „Sonne", wo hübsche Wirtstöchter sind. — Und das Leben ging doch weiter! Wir sollten die erste Pacht bezahlen. Papa schlich herum wie verzweifelt. Mama, die Arme, saß in den Ecken herum und heulte.
Ta taute ich auf! Erst wars die halbe Verzweiflung, daß'ich lächelte und mir wie eine leichtfertige Hebe schön tu:: ließ. Nachher wurde es Angewohnheit. Ich fand nichts mehr darin. — So hob sich unser Geschäft. Die Gäste kamen gern und blieben, und obgleich ich me leicht wurde in des Wortes schlimmster Bedeutung, war ich längst nicht mehr gut.
Wir verdienten soviel, daß die Eltern endlich meinen,
