51. Jahrgang.
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Az». 10S. Berlags-Fernsprecher No. 21)53.
Freilag, den 6. Mär;.
RebaktionS-Fernsprechcr No. 52.
1803.
Morgen-Ausgabe.
I - -—- 1,11
fit Affe» hi fianlutiüj and pciitfitilaiiti.
In früheren Zeiten war es ein Lehrsatz der Wirtschaftskunde. daß eine reiche Küstenentwicklung und eine Vielheit von Häfen für ein Land ein großer volkswirtschaftlicher Vorteil sei. und iin geographischen Unterricht irurde nie verfehlt, auf den großen natürlichen Vorsprung. den Frankreich in dieser Hinsicht genieße, aufmerksam zu machen. Das war richtig für die Zeiten primitiver Verkehrseinrichtung und einfacher Hafen- anlagen, kleiner Schiffe und mangelhafter Landanschlüsse. Gegenwärtig haben sich die Verhältnisse geradezu umgedreht. Im Vorteil sind jetzt diejenigen Länder, die xmige wenige Häfen für den transozeanischen Verkehr stark entwickelt haben, in ihnen mit gesammelten Kräften und Mtteln große technische Hafenanlagen geschaffen, große Unternehmungen gebildet, auf ihre Bedürfnisse die Richtung der Verkehrswege des Binnenlandes zugeschnitten haben. In solchen großen Häfen konnten die technisch vollkommensten Schiffe volle Beschäftigung finden, von ihnen konnten regelmäßige und häusige .Linien nack) allen Weltrichtungen gehen, und der immer bereiten Beförderungsgelegenheit folgte gern der Zustrom der Waren. Tiefe Veränderung der Verkehrs- Verhältnisse erkannten am schärfften die Franzosen, die den Schaden davon hatten.
Im vorigen Jahre hat ein französischer Nationalökonom Paul de Rousiers ein Buch geschrieben „Ham- bourg et rAllemagne contemporaine", worin er einen großen Teil des deutschen Wirtschaftslebens von dessen Beziehungen zu Hamburg aus zu betrachten bestrebt ist. Hier hebt er den Vorteil, den Hamburg als der größte deutsche Hafen aus der Konzentration des Verkehrs und der für Hafenbau aufgewandten Mittel schöpft, als einen Hauptfaktor für das wirtschaftliche Gedeihen Deutschlands hervor und stellt es in Gegensatz zu der Vielheit der französischen Häfen, die alle als erstklassig angesehen zu werden beanspruchten, daher die für die Schiffahrt in Betracht kommenden Staatsmittel und wirtschaftlichen Kräfte des Landes zersplitterten und nirgendswo ein kraftvolles blühendes Gedeihen auf- kommen ließen.
In genau dem gleichen Sinne finden wir in dem eben herausgegebenen Bande des Vereins für Sozial- poliftk über die Lage der in der Seeschiffahrt beschäftigten Arbeiter eine Abhandlung des französischen Sozialpolitikers Lckon de Seilhac über „die Lage der französischen Handelsflotte". Seilhac sieht die Lage der französischen Reederei sehr düster an und führt an der Spitze als Hauptgrund die folgende Betrachtung an: „Frankreich zählt nicht weniger als 69 Häfen. Wer
diese Fülle birgt eine Gefahr in sich. Man hat nur zu sehr außer acht gelassen, daß ein großer Hafen nur als gewerblicher und Handelsmittelpunkt zur Entwicklung gelangen kann, und man hat sich zum Schaden der großen Häfen zu sehr der kleinen angenommen, die doch niemals zu irgendwelcher Bedeutung gelangen können und lediglich den wirklich wichtigen Häfen Abbruch tun. Nur die letzteren sollten um ihrer Lage und ihres Ge- schiiftsumfanges willen von Rechts wegen die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich lenken. In allen diesen joäfm belaufen sich die eingehenden Hafenabgabcn auf ?y 2 Millionen Francs fürs Jahr, und davon bringen ihrer zwei, Havre und Marseille, allein 3,4 Millioireu auf. und Havre. Marseille. Rouen, Bordeaux und Dünkirchen allein zusammen über 6 Millionen . . . . Die anderen Nationen haben dm groben Fehler, die Zahl ihrer Häfen unnütz zu vermehren, glücklich vermiedm. Deutschland besitzt nur Hamburg und Bremen .... Auf die großen Häfen verwendm jene Völker ihre ganze Kraft, indem sie sie unablässig und mit vorausschauendem Blick zu verbessern trachten."
Für die Erkenntnis von Frankreichs wirtschaftlicher Lage sind diese Betrachtungen zweifellos sehr interessant, wenngleich es scheint, als ob nun die Reaktion in Verbesserung gemachter Fehler über das Ziel hinausschießen will. Was in Frankreich schädlich war. ist natürlich die schematische Gleichbehandlung der größeren und der kleineren, der mehr und der minder entwicklungsfähigen Häfm. der Mangel an Unterscheidung, daß jeder Hafm, seinen speziellm Aufgaben cntsprechmd. für dm Ozeanoder den europäischen oder dm Küstenverkehr auszugestalten sei, die mangelnde Einsicht, daß einige Häfen mit vollem Bewußtsein über die mideren hinaus zu erstklassigen würdigm Repräsentantm des französischen Anteils am Weltverkchr entwickelt werden müßtm. Die Pflege auch der mittleren und kleineren Häfen für ihre speziellen Aufgaben, wie sie bei uns die Sorge der Regierungen ist, oder die betvußte Entwicklung eines einzelnen neuen Welthafens für ein vorhandenes großes Hinterland, das nur zur Zeit nach fremden Häfm inkliniert. wie in Emden, ist natürlich mit dem Streben nach Konzentration des Welwerkehrs wohl vereinbar und sogar eine notwendige Ergänzung dazu.
Iur Hygiene in den Badeorten.
Die gesundheitlichen Mindestforderungen im Badeorte werden, nach der „Bosi. Ztg.", in einem Ministerial- Erlatz wie folgt festgelegt: Unter einem Badeorte in gesundheitlichem Sinne ist jeder Ort zu verstehen, der durch Prospekte oder andere Bekanntmachungen Fremde zur Benutzung seiner natürlichen oder künstlichen Heilmittel einladet und zulätzt. Da in einem solchen Ort leicht jederzeit ansteckende Krankheiten durch Fremde eingcschleppt
werden können, muß hier mit Rücksicht auf 8 28. 35 des Reichsgesetzes, betreffend die Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten, vom 30. Juni 1900, Durchführung berjenigm Maßregeln mit besonderer Aufmerksamkeit gefordert und überwacht werden, welche einer ansteckenden Gefahr wirksam vorzubeugen im stände sind.
Unbedingt notwendig für jeden Badeort sind die Einrichtung von Kranken- und Leichmhäusern, sowie die Beschaffung genügender Desinfektions-Vorrichtungen. Dabei ist jedoch, wie bei allen gesundheitspolizeilichen Forderungen, die Leistungsfähigkeit der Gemeinde so weit wie möglich zu berücksichtigen. Kleine Badeorte, Gemeinden oder Gutsbezirke, welche bisher keine Kurtaxe erhoben haben, werden dies jetzt tun müssen, falls sie nicht aus eigener Kraft die Kosten ftir die sanitären Einrichtungen aufzubringen vermeinen; es steht zu hoffen, daß die Gäste eine Kursteuer, die ihnen Abwehr- maßregcln gegen Ansteckungsgefahr verbürgt, ohne Be, denken aus sich nehmen würden.
Was die Krankenräume betrifft, so ist sowohl die Zahl der Ortseinwohner, als die der Badegäste zu bedenken. Mindestens soll jeder Badeort, Ms nicht in seiner unmittelbaren Nähe eine leicht zu erreichende und für die Bedürfnisse des Badeortes zur Verfügung stehende Krankenanstalt ist, zwei geeignete Räume zur Aufnahme von Kranken mit ansteckenden Krankheiten und zur Wohnung des Pflegers oder der Pflegerin in Bereitschaft halten. Die Forderung eines Leichenraumes für Verstorbene, insbesondere für solche, welche an ansteckender Krankheit gelitten haben, wird in den kleinsten Orten durch einen kleinen Anbau an das Spritzenhaus leicht erfüllt werden können, auch andere Räume sind zulässig, vorausgesetzt, daß sie isoliert liegen und nicht mit menschlichen Wohnungen unmittelbar zusammenhängen.
Desinfektions-Vorrichtungen sind in allen größeren Badeorten bereits vorhanden. Kleinere Vorrichtungen, wie die handlichen Formalin - Dcsinfektionsapparate können auch in den kleinsten Badeorten angeschafft werden. Vor allem aber muß auch jemand vorhanden sein, der mit der Handhabung und den gesetzlichen Vorschriften der Desinfektion vertraut ist. In manchen Orten wird der mit Überwachung der Vorbeugungsmaß- rcgeln betraute Kreisarzt die Desinfektion durch ihm zur Verfügung stehende Desinfektoren auf Kosten der Gemeinde vornehmen können. Aber auch wo dies nicht dev Fall, liegt die Sache nicht schwierig. Der Badeort —. Badeverwaltung, Gemeinde — läßt einen seiner Ein- wohner zum Desinfektor ausbilden. Dieser kann zu- gleich Bademeister, Gemeindediener re. sein. Der Unterrichtskursus in der Desinfektion erfolgt kostenlos in den hygienischen Instituten in Königsberg, Greifswald, Kiel, Posen rc. und dauert 8 bis 10 Tage. Für die Prüfung sind 10 bis 12 Mk. zu entrichten. Die Badcverwaltung hat außerdem noch die Kosten für die Hin- und Rückreise, sowie für den Aufenthalt des Auszubildenden am Orte des Unterrichts zu tragen. Es empfiehlt sich, daß die
Feuilleton.
Me voraussichtlichen Erdbeben und Vulkanausbrüche des Jahres 1903.
Bon Arthur Stcntzel, Hamburg.
Nachdem sich 1902 ein unverkennbarer Zusammeu- hang kosmischer Vorgänge mit den Erdkatastrophen gezeigt hat, und zwar in solcher Deutlichkeit, daß man mit Erfolg Erdbeben und Vulkanausbrüche vorauszusagen, ja, sogar einige Male die Örtlichkeiten im voraus anzugeben vermocht hat, dürfte es angebracht sein, auch auf das laufende Jahr einmal einen vorausschauenden Blick zu werfen. Wird es ein ruhigeres, weniger grausames sein? oder wird es abermals Tausende von Nienschen auf solche Art dahinrasscn? — Im vergangenen Jahre forderten die unterirdischen Mächte bekanntlich gegen 40 000 Menschenleben, eine erschreckend große Zahl, die ober wenigstens um einige Tausend vermindert worden wäre, hätte nicht die famose „wissenschaftliche Sachver- ständigen"-Kommission in Martinique ihre Beruhigungs- Gutachten abgegeben. Aber auch die Indolenz der in den Vulkan- und Schüttergebieten wohnenden Menschen selbst ist ihnen mehrfach zum furchtbarsten Verhängnis geworden, denn sowohl die Antillen-Bewohner, als auch die Nachbarn des Vulkans Santa Maria in Guatemala hätten durch die ersten schweren Katastrophen hinreichend zur Vorsicht gemahnt sein müssen. Doch der Mensch klebt an der Scholle, er geht eher unter, als daß er sich von der ihm liebgewordenen Heimstätte trennt.
Die Lehren, welche wir aus dem so umsturzreichen Jahre 1902 ziehen können, sind von weittragender Bedeutung. Zunächst hat sich der Einfluß außerirdischer Faktoren, der durch die Körper unseres Planetensystems erzeugten und modifizierten Schwerkraft, als zweifellos vorhanden ergeben. Und von den auf die beweglichen Bestandteile des Erdinncrn wirkenden Körpern besitzt naturgemäß der Mond vermöge seiner Nähe den Haupteinfluß. In zweiter Linie ist es die Sonne, und endlich mag auch den Plan 'en ein gewisser Einfluß auf die Erde zngeschrieben werden. Man hat zwar die Wirkung der
planetarischen Körper bestritten, da man sie nur gleich 0,000,1434 derjenigen der Sonne gefunden, wenn sie zu uns in Konjunktion stehen. Indes, so klein dieser Betrag auch scheinen mag, Störungen des Gleichgewichts ruft er doch hervor. Das Erdinnere besteht nach den neuesten Forschungen nämlich nicht aus einer flüssigen, sondern aus einer gasförmigen Masse in höchstgespanntcm Zustand, und diese wird durch jede, selbst die geringfügigste Druckänderung beeinflußt. Von mehreren Seiten, z. B. von Norman Lockyer, Deichmüller, de Marchi und E. Kluge, ist auf das Parallelgehen der Sonnenflccken-Minima mit besonders ausgeprägten Erdbebenperioden hingewiesen worden. Nun hängt aber einerseits die Sonnenfleckenhäufigkeit gerade mit den Stellungen der Planeten svornehmlich des Jupiter und Saturn) zusammen, andererseits kann durch die Sonncnfleckcn oder deren Fehlen an sich kein Druck auf die innerirdischen Gase ausgeübt werden. Nimmt man also überhaupt ein Parallelgehen der Sonncnfleckcu- Minima mit Eruptions- und Schtttterperioden des Erdkörpers an (und man ist dazu durch die Tatsachen gezwungen), dann wird man auch für beide Erscheinungen eine gemeinschaftliche kosmische Ursache suchen müssen — und diese ist eben die planetarische Gravitationswirkung.
Unterzieht man nun die Katastrophen des Jahres 1902 nach diesen Gesichtspunkten einer näheren Prüfung, so stellt sich folgendes Ergebnis heraus: Bon den
Tausenden großer und kleiner Erdbeben und zahlreichen heftigen Vulkanausbrüchen, die im vergangenen Jahr den Erdball vornehmlich in seiner Aquatorialzone heimsuchten, kommen vor allem nachstehende 14 Hauptereignisse in Frage: 1) 12. und 13. Februar Schemacha (Erdbeben), 2) 18. und 19. April Guatemala (Erdbeben und Vulkanausbruch), 3) 28. April Schemacha (Erdbeben), 4) 7. und 8. Mai Mont Pel^e, Soufridre und Stromboli (Ausbrüche), 5) 19. und 20. Mai Mont Pelöe (Ansbruch), 6) 6. Juni Mont PelOe (Ausbruch), 7) 5. Juli Salonichi (Erdbeben), 8) 9., 10. und 11. Juli Mont Pelcke (Ausbruch), 9) 22. August Kaschgar (Erdbeben), 10) 30. und 31. August Mont Peltle (Ausbruch), 11) 2., 8. und 4. Sept. Soufritzre (Ausbruch), 12) 21. September Soufritzre (Ausbruch), 13) 16. Oktober Soufritzre (Ausbruch) und
14) 24. Oktober Santa Maria fAusbruch) und Guatemala (Erdbeben). Von diesen 14 Hauptkatastrophen fielen mit Gefahrstellungen des Mondes fünf, nämlich No. 4, 6, 7, 11 und 13 genau, sechs weitere, nämlich No. 2, 3, 5, 9, 10 und 12 sehr nahe, endlich drei, nämlich No. 1, 8 und 14 nicht zusammen. Hiernach ist das Wahrscheinlich- kcitsverhältnis 11:14, mithin die Treffsicherheit 78,5 v. H.
Es ergibt sich hieraus die weitere Lehre, daß man seismische und vulkanische Katastrophen auf Grund der Konstellationen der Körper unseres Planetensystems (Mond, Sonne und Planeten) sehr wohl Voraussagen kann, und zwar mit der verhältnismäßig sehr günstigen Treffermöglichkeit von 78,5 v. H. Als eine Aufmunterung dazu gilt dem Verfasser auch das, sagen wir, korrekte Verhalten der innerirdischen Mächte während des ab- gelaufcnen Winters — es war seit November vorigen Jahres bisher fast ganz still auf unserem Planeten, er war gewissermaßen in seine Ruhepausp cingetreten. Warum? — Weil jene kosmischen Kräfte zu schwach waren, um das Gezimmer der Erdrinde und das gasförmige Magma des Erdinnern in Erregung zu setzen. Nur einmal sind die plutonischen und neptunischen Gewalten aus ihrem Schlummer erwacht, nämlich am 13., 14. und 15. Januar, als die Paumotu-Katastrophe in der Südsce hereinbrach und eine Seebcbcnflutwelle in Verbindung mit einem wütenden Orkan mehr als 5000 Menschenleben vernichtete. Aber das war wieder ganz korrekt, denn am 13. Januar befanden sich der Mond fowohl wie die'Sonne in starker Gcfahrstellung, erstercr in Opposition (Vollmond) und Erdnähe zugleich und letztere noch in Erdnähe (vom 4. Januar her). Indes auch der schwache kritische Termin des 12. Februar (Voll- mond), dem am 10. die Erdnähe voranging, machte sich ein wenig bemerkbar durch eine erhöhte Tätigkeit des Vesuvs, durch ein Erdbeben aus Sizilien (Modica), sowie durch heftige Stürme, denen einige Tage später noch Erschütterungen in Messina, Klagenfurt und dem oberen Vogtlande folgten.
So steuern wir allmählich wieder hinein in eine neue Folge von Katastrophen, in diejenige des Jahres 1903. Während aber die vulkanische Periode des Jahres 1902 im wesentlichen vom 12. Februar bis 24. Oktober,
