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st. Jahrgang.

hkint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlast so Pfq. monatlich, durch die Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasie 27.

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für die Abend.UuSgabe bis 12 Uhr mittag», für die Mor«en.«nSgabe bi» 3 Uhr nachmittag». Anzeigen nächsterscheinenden Ausgabe wird reine Gewähr übernommen, redoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

K». 110.

BerlagS-Fernfprecher No. 2968.

Freitag, den 6. Marx.

«nzeigen-PreiSr Die einspaltige Petitzcile für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg.," Reklamen die Petitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

— Für die Aufnahme später cingereichter Anzeigen zur

Redaktions-Fernsprecher No. 62. 1903 .

Abend-Ausgabe.

Mg MMonmWM I« Keg.-Kez. Weswcn.

Seit mehreren Jahren wird amtlicljerfcits eine Statistik auch über das Fideikommißwesen gefiihrt, ein Kapitel also, in welches bis dahin ein Einblick überhaupt nicht möglich war. Von Zeit zu Zeit erschienen nun seitdem- offizielle Mitteilungen, welche ziffernmäßige Mitteilungen über die Materie und die Veränderungen breten, die auf ihrem Boden alljährlich vor sich gegangen

Der neuesten Veröffentlichung auf diesem Gebiete sei -entnommen, daß sich die anfangs 1900 im preußischen Staate vorhandenen 1102 Fideikommisse mit zusammen 2 140 757 Hektar Gesamtfläche auf zusammen 903 Be­sitzer verteilten, und zwar 24 Inhaber aus regierenden Häusern (198 711 Hektar), 38 aus deutschen standes­herrlichen Häusern (285 967 Hektar), 25 aus sonstigen fürstlichen Häusern (235 661 Hektar), 243 aus gräf­lichen Häuserir (771 995 Hektar), 556 aus dem sonstigen Adel (608 801 Hektar) und 97 aus bürgerlichen Familien (39 632 Hektar).

Leider läßt sich aus der Statistik nicht ersehen, wie sich diese Ziffern auf die einzelnen Provinzen rc. ver­teilen. Dagegen aber gewährt das einschlägige Material nach dieser Richtimg viele interessante Einblicke andrer Art Aus den Ergebnissen seien folgende unserm Leser­kreise sicher allgemein interessante Mitteilungen kurz hier wiedergegeben:

Der Regierungsbezirk Wiesbaden enthielt anfangs 1900, also zu dem neuesten Zeitpunkte, der in dieser Beziehung bis jetzt in Betracht gezogen werden kann, 30 Fideikommisse mit zusammen 12 675 Hektar Fläche, doch ist in diesem Flächenumfang derjenige Teil der Fideikommisse nicht mit eingerechnet, der über unsere Regierungsbezirksgrenzen hinausgeht

Die Ziffer unferer Fldeikomnnßflache verteilt sich auf unsere 18 Kreise dann weiter wie folgt:

Biedenkopf.1358,1 ha oder 2,01 pCt. der Gef.-Fläche

Dillkrets. — - » » *

Oberwesterwaldkreis

Unierwesterwaldkreis . Lbcrlahnkreis ....

Limburg .

Unterlahnkreis . . .

St. Goarshaufen . . . Rheingaukreis . . .

Landkreis Wiesbaden . Untertaunuskrcis . .

Ustngen .

ObertaunuskreiS . .

Höchst ..

Laudkr. Frankfurt a.M.

Stadtkreis Wiesbaden .

Stadtkr. Frankfurt a.M.

zusammen 16 270,5 ha oder überhaupt

267,0

m

0,82

1810,1

u

5,70

„

„

1147,3

3,14

„

1050,7

„

2,70

n

„

„

„

4,58

„

„

„

2877,2

„

7,27

*

n

900,7

2,39

„

ft

1335,9

4,86

n

„

„

299,1

1870,2

1,42

„

_

3,59

p,ll

41,1

„

55,4

0,25

59,0

0,41

811,1

„

5,70

n

n

0

. 288,3

„

8,61

n

n

0

2,72 pCt. der Gef.-Fläche

Vollständig ohne Fideikommißfläche sind also nur

der Dillkreis und der Stadtkreis Wiesbaden. , In den Stadtkreisen des preußischen Staates sind Fideikommisse nahezu überhaupt nicht vertreten. Umsomehr sücht es von dieser Tatsache ab, daß der Stadtkreis Frankfurt a. M. einen Fideikommißbestand von nicht weniger als 288,3 Hektar oder 3,61% seiner Gesamtfläche in sich schließt. Verhältnismäßig den größteir Fideikomnnß- bestand hat von unfern 18 Kreisen der Unterlahnkreis aufzuweisen, und zwar mit 7,27% der Gesamtfläche, verhältnismäßig den wenigsten aber, von den Städten ohne Fideikommisse abgesehen, der Kreis Usingen, nämlich nur 0,11% der Gesamtfläche. Bekanntlich gelten die Fideikommisse als der Haupthort der Waldwirtschaft. Das trifft auch für unfern Regierungsbezirk Wiesbaden zu, denn von seinen 15 270,5 Hektar Fideikommißfläche (einschließlich der über unsere Bezirksgrenzen hinaus­ragenden Teile der Fideikommisse) bestehen nicht weniger als 7252,6 Hektar aus Waldfläche, also 47,49% des gesamten Fideikommißbesitzes. An der Spitze der Kreise steht in dieser Beziehung der Kreis Usüigen, von dessen zusammen 41,1 Hektar umfassenden Fideikommissen 81,6 Hektar oder 76,89% mit Wald bestanden sind. Es folgen dann der Kreis Biedenkopf mit 70,06%, der Unterlahnkreis mit 66,45% und der Untertannuskreis mit 63,19%. _

Deutscher Reichstag.

Berlin, 5. März.

Tagesordnung: Zweite Beratung des Etats der Reichs- Justizverwaltung. — Abg. L e n z m a n n (freis. Volksp.) dankt dem Staatssekretär für seine Reformtättgkcit auf dem Gebiete von Strafprozeß und materiellem Strafrecht und wünscht, es möchten nicht etwa diese jetzt in drei Unterkommissionen in Vorbereitung begriffenen Refor­men erdrückt werden durch ein Übermaß von Wünschen. Er selbst bitte um eine baldige Regelung des Straf-Nach- lasses. Ferner bitte er, daß man mit dem Strafvollzug­gesetz nicht warten möge, bis die Reform des Straf­prozesses und des Strafrechtes vollzogen sei. Auch auf dem Gebiete des materiellen Rechtes gebe es Reformen, auf die man nicht länger warten und die man sofort ins Werk nehmen solle, so z. B. die Reform des Groben Unfug-Paragraphen. Weiter muffe das preußische Züch­tigungsrecht gegenüber dem Gesinde abgeschafft, die Be­stimmung über den qualifizierten Hausfriedensbruch re­formiert werden. Auch in Bezug auf den Majestäts- Beleidigungs-Paragraphen sei cs Zeit, endlich einmal vorzugehen, ihn abzuschaffen oder doch zu reformieren. Auch mit den behördlichen Erhebungen von Kompetenz- Konflikten, wenn es sich um Übergriffe von Beamten handle, müsse aufgeräumt werden. — Staatssekretär Nieder ding erwidert, wenn er auf sämtliche Reform- Vorschläge des Vorredners eingehen wolle, Erde er die ganze heutige Sitzung damit ausfüllen. Er beschränke sich daher nur auf den bedingten Strafaufschub und

Strafvollzug. Bezüglich des elfteren möge das Haus doch noch eine Weile abwarten, wohin die von den ver­bündeten Regierungen eingeschlagene Methode führen werde. Er sei der Meinung, daß es einmal doch zu einem Strafaustchubgesetz werde kommen müssen. Bezüglich des Strafvollzuges bemerke er, daß cs nicht möglich sei, jetzt schon ein alle verschiedenen Fragen des Strafvollzuges vollkommen regelndes Gesetz zu schaffen, und zwar so lange nicht, als man noch nicht wisse, wie die ganze Straf­gesetz-Materie sich gestalten werde. — Abg. Spahn (Zentr.) bittet den Staatssekretär, auf eine Gesetzesvor­lage hinzuwirken behufs Erweiterung des Gesetzes über den unlauteren Wettbewerb. Weiter verbreitet er sich über die Uberbürdung des Reichsgerichts. — Abg. Esche (nat.-lib.) wünscht Heraufsetzung des Strafmündigkeits­alters auf das 14. Lebensjahr. Die Zahl der rückfälligen jugendlichen Verbrecher habe in erschreckender Weise zu- gcnommen. Es empfehle sich das englische System der Besserungs- und Erziehungs-Anstalten. — Staatssekretär Nieberding bemerkt, das Reichs-Justizamt werde die Frage der Hinaufsctzung des Strafmündigkeitsalters im Auge behalten und Erhebungen darüber anstellen. Daß das Reichsgericht überlastet sei, müsse er zugeben. Eine Vermehrung der Senate sei aber ausgeschloffen. Ab­hülfe sei nur möglich durch Erhöhung der Revisions­summe. — Abg. Heine (Soz.) bemängelt zunächst die Zusammensetzung der Strafprozeß-Kommission und geht dann auf die Frage der willkürlichen Verhaftungen, wie überhaupt der polizeilichen Übergriffe, ein. Im preußi- scheu Abgeordnetenhause habe der Minister v. Hammer­stein für diese polizeilichen Mißgriffe allerlei Entschuldi­gungen vorgebracht unter Angabe unwahrer Behaup- tunaen. — Vizepräsident Graf Stolberg bemerkt, er nehme an, daß der Redner nur habe sagen wollen, daß der Minister objektive Unwahrheiten mitgeteilt hat. nicht subjektiv. — Redner fortfahrend: Ja, so habe er es ge­meint, wenn aber der Herr Präsident ihn immer unter­breche, werde er mit seiner Rede nichl weit kommen. (Heiterkeit.) — Vizepräsident Stolberg erregt und lebhaft klingelnd: Es sei seine Sache, wenn er den Red­ner unterbreche. Er verbitte sich jede Kritik seiner Ge- schäftsführung. — Redner fordert noch ein Reichsgesetz, um für Mißgriffe die Beamten haftbar zu machen. — Abg. v. Chrzanowski (Pole) beantragt eine Reso­lution, betreffend Anweisung an die Standesbeamten, die mit „a", resp. „ka" endigenden Namen polnischer Frauen und Mädchen mit dieser Änderung in die Standesrcgister einzutragen, also nicht mit der Endung i" resp. „ki". Der Antragsteller begründet diese Reso­lution und verbreitet sich weiter über den Prozeß in Thorn gegen die polnischen Gymnasiasten. — Staats­sekretär Nieberding weist eine Äußerung des Vor­redners, als ob deutsche Richter gegen Polen parteiisch urteilten und strengere Strafen verhängten, als durchaus unzutreffend zurück. — Abg. Raab (Antis.) äußert scina Bedenken über daS bekannte Reichsgerichts-Erkenntnis, wonach der Vermieter sein Zurückbehaltungsrecht auch aus solche eingebrachte Sachen ausdehnen darf, welche nach

Die Freundin aus Uussisch^Polen.

Erlebnis aus der Mädchenzeit.

Von Elsbeth Meyer-Focrster.

Alle blickten erwartungsvoll auf die offene Tür. Der Pfiff des kleinen Kutschers hatte, wie es schien, einige Aufregung in dm Kreis gebracht. — Aber Hella war die erste, 'welche sich von dem ankommenden Gast hatte überzeugen wollen und mit einer raschen, an den Dienst­eifer der Kellnerinnen erinnernden Bewegung an den Wagen trat.

Wie um dem Ankömmling behillflrch zu fern beim Absteigen, reichte sie die Hand herauf und sagte höflich „prosze, pana". In diesem Augenblicke aber erkannte sie mich, denn der kleine Kutscher war vom Bocke ge­sprungen und ich präsentierte mich nun aus dem klapp­rigen Sitz in ganzer Gestalt.

„Du"-klang es fast mchorbar von

ihren Lippen. Von Glut übergossen, die Augen weit auf­gerissen, stand sie fassungslos und starrte mich an.

Die Situation war nichts weniger als angenehm. Sofort, mit einem Schlage ward mir klar, welch' ein Phantasiegewebe die Freundin um ihre Person gesponnen und wie sie ein trauriges Spiel getrieben hatte mit dem Besten, was junge Herzen erfüllen sollte, mit der Freund­schaft; daß sie meine Torheit und Unerfahrenhest aus­genutzt hatte, um sich eine Glorie zu schaffen, an der sie sich selbst'oft genug belustigt haben mochte. Und dieses Letzte besonders'war es, was bei der raschen Gedankenfolge nun auch mir das Blut in die Wangen trieb: ah, wie sie über mich gelacht und gespottet haben mochte, unzählige Mal! — Aber hatte sie mich wirklich für so äußerlich halten können, daß dies Lügengewebe ihr zur Befestigung einer Freundschaft überhaupt erforderlich erschienen war? > Hatte sie wirklich geglaubt, als Tochter eines kleinen Gast­hausbesitzers keinen Anspruch auf eine fröhliche Kamerad- ichaft haben zu dürfen und sich mit fremdem Schein um­

geben zu müssen, um dort bei uns in Berlin zu

„reuissieren" ? —

„Du bist enttäuscht", flüsterte Helka, deren Wangen noch immer granatrot glühten. „Ich hatte dir etn wenig

Humbug vorgemacht, — gelt — --dir allerlei schone

Tinge von hier erzählt, — damit du desto eher kommen solltest!" Iliid nach dieser Ausrede, die ihr m rettender Eile von den Lippen floß, schien sie erleichtert. „Komm", rief sie mü einem Anflug der alten Sorglosigkeit, „nimm alles wie's ist. Sei zufrieden, liebes Herz, denn wir haben's nicht besser." Und mit einem nur halb ver- legenen Lachen zog sie mich hinein. — Die Herren, welche in der niederen Gaststube standen, und von denen em Teil Cigaretten rauchte, verbeugte sich bei unserem Ein- tritt und stockteil in ihrem Gespräch. „Besuch, pana Helka?" rief der eine, ein junger Ökonom in Reitstiefeln, iirdem er sich anschickte, mit eineill verliebten Lächeln meine Freundin bei der Hand zu haschen. Sie aber riß sich, halb verlegen, halb lachend los, wobei ihre schönell Augen mutwillig strahlten, und als verflöge alle mora­lische Depressiol: in der ihr vertrauten Umgebung dieses Zimmers, rief sie aus: „Maman — hier tft Else."

Nun trat Maman hinter der Theke hervor, wobei sie ein Tönnchen marinierte Heringe bei Seite schob. Sie trat hervor und blickte mich mit ihren runden, ver­schwommenen Augen erst erstaunt, dann mit unter­würfiger Freundlichkeit an. „Wie schön, Fräulein, daß Sie meine Tochter kommen besuchen", schnarrte sie in hartem Deutsch, indem sie mir die Hände drückte. Ich konnte nicht anders als mich verbeugen. Mein Blick überflog willenlos ihre saloppe Kleidung, den ver­schossenen, mit ausgefransten Kanten Verunzierten Schlaf- rock, — die Worte zogen durch meinen Sinn „Maman in ihrem langen, seidenen Morgenkleide rauscht durch alle Zimmer."-

„Doch jetzt mußt du auf dein Zimmer kommen und oblegen", rief Helka, übereifrig wie es schien. Sie schlang denÄrm um mich und zog mich mit sich fort, bei denHerren

vorbei, die von unserem Aufbruch nicht sehr erbaut schienen. „Sie kommen doch gleich wieder, Pana Helka, und bringen die reizende Freundin mit", fragte eurer ungeniert, indem er uns mit vergnügtem Lächeln nach­sah. Helka antwortete nicht. Siestah mich scheu von der Teste an. Dann raffte sie ihre Schleppe auf und schritt

mir voran. ^ ^ _ .

Wir gingen durch einen langen, Hellen Flur, der rn den linken Flügel des Hauses führte. Von den Wanden sahen seltsame Figuren herab — Bstder aus Crgarren- kisten entnommen, — Pusta-Mädchen mit flatternden Haaren, hochgeschnürte Cigarettenschönheiten und die üblichen Balletteusen, die ihre Pirouetten zwischen Kuba- schachteln Magen.

„Unsere Ahnenbilder sehen mich verwimdert an! — diese Phrase schwirrte mir durch den Sinn. Aber ich mußte jetzt lächeln. War die ganze Sache überhaupt angetan, sie ernst zu nehmen? Diese listige, hübsche Helka hatte mich hinter's Licht geführt. Slavrsche Durch- triebenhcit hatte über deutsche Torheit triumphiert. Es war nur eine gesunde Lehre. Warunr verherrlichen wir so gern, was uns fremd und darum bewunderungs­würdig erscheint? Jetzt wenigstens vor der Gefahr der Lächerlichkeit sich retten! Versiichcn, wie sie, die viel Klügere, mit Grandezza über das Peinliche dieser Lage hinwegzuspringen. , , .

„giein", sagte Helka, indem sie mich, im Zimmev angekommen, zum zweiten Mole unrarmte, „wie ich mich freue. Dich zu sehen, — Du glaubst es garnicht." Ber diesen Worten hielt sie mich mit einem Arm so lange fest, daß ich nur mit einem halben Blicke sehen konnte, wie sie hinter ihrem Rücken mit der andern Hand einen Schlips und eine Herrensocke rasch vorn Tische raffte, Sieh Dich um", sagte sie, nachdem sie beide Gegenstände in die Tasche geschoben hatte. „Ist das Zimmer nicht freundlich und hübsch?"

Ich tat wie sie sagte und blickte mich um. Es war ein Hotelzimmer, aber in ziemlich ärmlichem Styl. So-