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US. 108. V-rlags-K-rnfprech-r R°. 2858. DoNItersIltg» dkN 5. Wlirse RedaktionS-Ferujprecher No. 52. 1903.
Abend-Ausgabe.
Die Mehrsteuer.
In der Dienstagsitzung des Reichstags sind beim ffiat des Reichsinvalidenfonds aufs neue die Klagen zur Sprache gebracht worden, die im Reichstag schon so oft qehört worden sind, ohne daß eine Abhülfe für die beklagter: Mißstände geschaffen wurde, nämlrch dieKlagen über die bedauernswerte Lage zahlreicher unterstutznngs- bedürftiger Kriegsteilnehmer, lvelche einer Berhrnfe bringend benötigeit, derselben aber infolge mangelnder Fottds für diesen Zweck nicht teilhaftig werden.
Daß diesen Mißständen, welche des Deutschen Reiches unwürdig sind, abgeholfen werden nmß, mrd daß ein Ersatz für den Reichsinvalidensonds, der in, etwa sieben Jahren erschöpft sein wird, geschaffen werden muß, darüber herrscht im deutscher: Reichstag wie im deutschen Volke Einstimmigkeit. Aber diese erfreuliche Einig- feit geht in dem Augenblick in die Brüche, >vo die Frage aufgeworfen lvird, auf welchem Wege die Drittel für die Veteranenfürsorge aufgebracht werden sollen. Während bisher überwiegend die Ansicht vertreten wurde, daß die Veteranenfürsorge, so weit der Reichsinvalidenfonds hierfür nicht ausreicht, ans den ordentlichen Einnahmen des Reiches zu bestreiten sei, ist neuerding's, und auch in der Dienstagsitzung des Reichstags, wieder der Vorschlag der Erhebung einer Wehrsteuer zur Ermöglichung der hinreichenden Veteranenfürsorge in die Debatte geworfen worden.
Der Abg. Dr. Arendt hat am Dienstag im Rerchstag erklärt, daß er nur mit Rücksicht auf die geringe Besetzung des Hauses auf die Einbringung einer Resolution verzichte, welche die Einführung einer Wehrsteuer verlangt, und sich dieselbe bis zur Beratung des Militär- Pensionsetats Vorbehalte. Nun wird zwar angesichts der trostlosen Verhältnisse in dem diäterllosen Reichstag die Präsenzziffer bis dahin keine allzu wesentliche Änderung erfahren haben, aber die Frage der Wehrsteuer dürfte allem Anschein nach noch in diesem Reichstage zur Sprache gebracht werden.
Daß die Regierung einem solchen Plane nichts weniger als freundlich gegenübersteht, haben die Erklärungen des Reichsschatzsekretärs, Freiherrn v. Thielmann, zur Ge nüge erkennen lassen. Aber es ist auch durchaus unwahr scheinlich, daß sich für dieser: Vorschlag, der vom Reichstag schon früher einstimmig abgelehnt worden ist, jetzt im Reichstag eine Mehrheit findet. Auf diese frühere Ablehnung hat sich auch Freiherr v. Thielmann berufen, und sie ist in der Tat eine runde und glatte gewesen.
Der am 17. März 1881 im Reichstage Angebrachte Enüvurf einer Wehrsteuer wollte die vom Heeresdienst
freigekonunenen männlichen Personerr im Alter bis zrr 32 Jahren einer Steuer unterwerfen, die sich znsammen- setzte aus eurer Kopfsteuer von 4 Mark und einer Einkommensteuer, die mit 10 Mark bei einem Einkornmen vorr 1000 Mark begann und allmählich bis zrr 3 % des Einkommens stieg. Persorren, welche geistiger oder tör- perlicher Gebrechen wegen erwerbsurrfähig sind, sollten von der Steuer frei sein. Die Elterrr sollten für die Stenern verpflichtet sein für die Zeit, in der sie die Söhne auf Grund rechtlicher Verpflichtungen zu unterhalten haben. Der Reichstag gönnte den: Gesetzentwurf nicht einmal ein Begräbnis erster Klasse, wie man die Korn- missionsberatung zu nennen pflegt. Als irr der zweiter: Lesung am 7. Mai 1881 die Abstimmung durch Aufstehen erfolgte, verkündete der Präsident unter Heiterkeit des Hauses, so viel er zu scheu vermöge, erhebe sich niemand. So wurde die Wehrsteuer sang- und klanglos begraben.
In Bezug auf die Wehrsteuer treten einander zwei Auffassungen gegenüber, die beide vor: sehr idealenGrund- sätzen ausgehen, aber zu dem völlig entgegengesetzten Standpunkt komnren. Die einer: stelle:: sich auf den Standpunkt, daß die Wehrsterier einer: Akt arisgleichender Gerechtigkeit bilde. Zur Wehrsteuer, so erklärte Fürst Bismarck in: Jahre 1881, hat das Gefühl Anlaß gegeben, welches sich des Atu steten tragenden Soldatei: beinächtigt, wem: er einen seiner Meinung nach auch diensttauglichen Nachbar zu Hause bleiben sieht. Die entgegengesetzte Anschauung, der vor allem Treitschke Ausdruck gegeben hat, sieht dagegen in dieser Steuer nicht die Herstellung einer Rechtsgleichheit, sondern eine im Begriff verfehlte Gleichmacherei, ein urrzulässiges Mwägen von Geld gegen Ehre.
Der Grund, den Fürst Bismarck angeführt hat, ist freilich heute weit weniger stichhaltig geworden, denn die Rekrutierung ist derartig ausgedehnt worderr, daß jeder völlig Gesurrde und normal Gewachsene zur Einstellung gelangt oder doch gelangen soll. Da, wer vom Militärdienst zurückgewiesen wird, ai: irgend einem,
wenn auch noch so unbedeutender: Fehler leidet, so karrn es wohl als eine Ungerechtigkeit erscheinen, diese von der Statur irgerrd wie Benachteiligten noch dazu mit einer Art Strafe, mit einer Steuer zu belegen. Dazu kommt, daß die Steuer vielfach von den Elterrr getragen werden müßte und die kinderreichen Familien ohne Rücksicht auf die geringere Steuerfähigkeit in erhöhten: Maße getroffen würden. Endlich würde sich in der Praxis die Notwerrdig- keit ergeben, in: überwiegenden Teil der Fälle ans Rück sicht auf die geschmälerte Eriverbsfähigkeit der Dienst n.ntauglichen oder auf die Einkommerwerhältnisse der Elterrr Steuerfreiheit eintrete,: zu lasser:. Und deshalb würde der Ertrag der Steuer kaum im Verhältnis zu den Schwierigkeiten ihrer Durchführung und der: Miß ständen, die sie im Gefolge hätte, stehen.
Deutscher Reichstag
Berlin, 4. März.
Tagesordnung: Fortsetzung der Beratung des Etats des Neichseisenbahnamtes. — Abg. Stöcker jwildkvns.) wendet sich gegen die Sozialdemokraten, deren Erfolge bei den Eisenbahrrarbcitern übrigens nur gering seien. Die letzteren wünschten ja auch, daß sie nach 10-jährigem Dienst Beamte werden. — Abg. Stolle i.Soz.) bleibt dabei, daß die Betriebssicherheit auf den preußischen Bahnen zu wünschen übrig lasse. Die sächsische Staats- bahnverwaltinig behandle ihre Arbeiter wie Waren. So sei der sächsische Bremser Weise entlassen worden, weil er auf dem Bahnhofe die sächsische Arbeiterzeitung gelesen habe. — Sächsischer Bevollmächtigter Graf Hohe n- t h a l erwidert, der Grund zu dieser Entlassung sc: ein garrz anderer gewesen. Weise sei entlassen worden, weil er einem Verbot der sächsischen Eiscnbahndiremvu zuwider als Vertrauensmann des Eisenbahner-Verbandes in Hamburg fungiert habe. — Abg. v. Kardvrff lReichsp.) bleibt dabei, daß die Zugehörigkeit zu einem sozialdemokratischen Verbände nicht mit der Stellung als Beamter oder Arbeiter bei den Staatsbahnei: sich vertrage. Des weiteren plädiert Redner noch für Herabsetzung der Gütertarife. — Der Etat des Reichs-Ersen- bahuamtes wird genehmigt. — Es folgt der Etat der Elsaß-Lothringischen Eisenbahnen. Abg. Riff «Elsaß- Lothr.) hält es für das beste für Elsaß-Lothringen, wenn die Verwaltung der Reichsbahricr: vor: derjenigen der preußischen Bahnen getrennt würde. Dann wrirde doch für die Reichslande endlich Aussicht sein auf so manche Verkehrsverbesserung, auf die mau jetzt vergeblich warte. Was die Frage des Koalittonsrechtes anlange, so würden die Eisenbahner dasselbe gar nicht so nötig bedürfen, wenn ihnen vom Staat freiwillig Verbesserung ihrer Lage gewährt würde. Die Gehalts- und Anstellungsverhältnisse der Eisenbahner ließen viel zu wünschen übrig. Im übriger: könne er nur sagen, daß die Zufriedenheit unter der: Eisenbahnbeamter: im Wachsen sei. — Abg. H a u ß (Elf.) wünscht für die Reichslande den Zonentarif. — Minister Budde bezeichnet die Annahme, daß eine Persvnentarif-Reform überhaupt nicht komme, als unrichtig. Wen:: eine solche Reform gemacht werde, müsse sie für das ganze Reich sein. Deshalb müsse er, der Minister, mit den Verwaltungen in den anderen Staaten verhandeln. Einer Vereinfachung der Personcn- tarise sei er durchaus geneigt, wenn sie kein Experiment bedeute und die Finanzen nicht schädige. Was den Gc- päcktarif anlange, so könne dieser nur im Rahmen einer Gesamtreform geändert werden. Er sei bereit, alle Wünsche zu prüfen, aber ein Experiment dürfe mar: nicht vor: ihm verlangen. Seine schönste Aufgabe sei die Fürsorge, soweit seine Kräfte reichten, für das Wohl seiner Beamten und Arbeiter. Die Dienstfrcudigkeit des Personals sei die schönste Garantie für die Betriebssicherheit. Leider sei aber die schönste Pflicht gleichzeitig auch die undankbarste. Allen helfen könne er nicht. Hinsichtlich
Die Freundin nus Russisch-Polen.*)
Erlebnis a r: s der Mädchenzeit.
Von Elsbcth Meyer-Focrster.
J'mmer wenn ich an der hochgelegenen Wohnung in: lateinischen Viertel die Klingel zog, , und die huschlrge Pensions mutter erschien, konnte ich mich einer peinlichen Empfindung nicht erwehren.
In diesen: Pensionat schien nichts auf Besuch eingerichtet, am wenigsten aber Frau Czichon, die Besitzerin selbst. Jedesmal wenn man kam und geklingelt hatte, erschien sie in der schmal geöffneten Tür mit deijr Ausdrucke des Entsetzens. Jedesmal riß sie mit so schrecklicher Hast die Küchenschürze ab, daß der Gast, beiin Krachen der leinenen Bänder, sich mehr erschreckt als geehrt fühlen mußte. Irgend einen Gegenstand, ern Messer oder einen Fleischklopfer, oder eine andere Küchenwaffe, die sie irr der: Händen trug, ließ sie dabei verschämt hinterm Rücken verschwinden, und wenn der Gast seine Karte abgab und nach Hern: oder Fräulein so und so fragte, murmelte sie unverständliche Worte und schlrrg ihm die Tür wieder vor der Nase zu.
Kurz, das Entree zu Madame Czichon war immer ein Ding der beiderseitiger: Verlegenheit, und ich begriff die reizende Helka nicht, die sich gerade dieses Pensionat zurn Aufenthalt ausgewählt hatte.
Ja, damals begriff ich es nicht.
Es war so dunkel da, und so winklig. Es war die Lust so dumpf und die Wände waren so finster, es gellte,: aus dem Fabrikgebäude des Hofes die Töne der Dampf- pseifen in die geöffneten Fenster, und wie bei armen Leuten roch es nach Essen und Bettluft. Aber dergleichen Kalamitäten sind in den großen Abfütterungsanstalten Berlins keine Seltenheit, dort, wo zwanzig, dreißig junge, nicht allzuwohlhabende Menschen ihren Appetit an den rätselhaften Schüsseln stillen und mit ihren Talenten,
*) Die hochbcqabte Verfasserin Sicfer Erzählung ist bekanntlich vor einiger Zeit in jungen Jahren gestorben. Sie war die Gattin des Verfassers von .Alt-Heidelberg".
ihrem Genie, ihren Studien, ihrer Lebenslust den Eindruck des Dürftigen verwischen, der über dieser Massenwirtschaft liegt.
In Helkas Zimmer war es auch übrigens somug. Ihre weißen Hände, von keiner Arbeit verdorben, be- reiteten niit tausend kindischer: Kleinigkeiten Behagen, rrnd das einzige, was störte, war der durchdringende Parfürngernch, der die Atmosphäre förmlich tränkte. Aber „in Polen", sagte Helka, „liebt rnan's so". Und so fing ich nicht an, über guten Geschmack zu streiteri. Ich kannte Polen nicht. Ich bewunderte es aus der Ferne. Es schien mir ein Land voll vor: fabelhaften Begriffen; Vorstellungen von Grazie, vor: Frauen mit blendenden Zähnen, vor: weißem, seltsamen Pelzwerle und schwermütig-wilden Tönen verbanden sich in meiner Phantasie mit jenen von weiten, stillen Schneeflächen, Herrenschlössern und einsam umherstreifenden Wölfen, Kurz, Pole:: war der Inbegriff des Geheimnisvollen, und ich glaubte Helka, wen:: sie sagte: „Ihr lebt hier nicht, Ihr vegetiert. Was leben heißt, das versteht inan nur bei uns."
Das Frernde und Großsprechende in Helkas Weser: wirkte eben auf mich nrit aller Macht. In: Milieu dieser etwas schmutzigen, kleinen Pension schien sie mir eine von den Gestalten, wie sie die Romane mit soviel Aufwand von Entzücken schildern: eine Aristokratin aus altem,
edlen Blut, vielleicht verarmt, aber vornehm in Weser: und Gesinnung.
Ich bewunderte, wie sic, obgleich die Leute enrpört hinter ihr herriefen, auf der Straße mit freimütiger Ruhe ihre Schleppe wallen ließ, als wäre die Schleppe von Geburt an das notwendige Übel, mit welchem sie sich tragen müsse. Wenn sie ihre kleine Börse verlegt hatte und Geld lieh von mir, wagte ich nie, es zurückzufordern, weil ich der: kleinen Posten, mit dem sich zu meinem Mißvergnügen meine Gedanken sehnsüchtig beschäftigter:, für unter ihrer Würde hielt. Kurz, ihr Einfluß auf mich war groß, und während ich mit dieser schönen Polin „ging", vernachlässigte ich meine deutschen Freundschaften, urrd meine guten Mädchen schrieben böse Abschiedsbriefe.
Zum,Winter reiste Helka wieder heim. Ihre Studien
waren beendet, die Musikschule absolviert. Mir war, als ginge ein Stück meines Herzens mit ihr. Berlin schien mir verödet. ‘ Der Saal des Konservatoriums, so voll vor: schwatzenden Mädchen, war einsanr ohne sie, und während Professor Kapert zur Theoriestunde das Podium betrat und sein langmähniges Haupt gedantenvoll erhob, versuchte ich mich klein zu machen und mich zu verstecken, um seiner Aufmerksamkeit zu entgehen und von Pole:: träumen zu können.
Nur: schrieb mir Helka lange Briefe und erwähnte ihr einsames altes Schloß. „Unsere Ahnenbilder", berichtete sie, ein weiblicher Chamisso, „sehen mich verwundert an, als wollte,: sie sagen: Wo bist du gewesen? Polnisches Blut soll sich nicht von der Schwelle trennen. — Ach, liebes Kind, welches Leben jetzt in unserem Hause! Was Gastlichkeit ist, so im großen, verschwenderischen Stile, das wißt Ihr dort drüben nicht. Der Samovar brodelt
den ganzer: Tag —-- In der Küche ist ein einziges,
großes Morden-- du müßtest das sehen. —
Mainau in ihrem langen, seidenen Schlafrock läßt sich nicht Ruhe, sie rauscht durch alle Zimmer, überall will sie zum Rechten sehen. —
Ich, Mignonne, ich tue nichts, du weißt ja, das ist meine Kunst. Ich tanze, spiele, amüsiere unsere Gäste. —
Nur der gute Papa. Der ist immer müde, hat nicht so die rechte Freude daran. Ter gehörte zu euch da drüben, zu euch Kopfhängern. —
Aber nichts von ihm. — O du müßtest kommen. Kleine, und mich bcsircher: hier, du würdest anftauerr! Und ich, wie würde ich nrich freuen, dich wiederzuschen! Aber ich weiß, du kommst ja nicht."
Glaubte sie wirklich, ich würde niemals kommen? Tat sie alles, was sie — wie ich später sah — Törichtes,, Unwürdiges, Unwahres tat, in diesem Glauben?
Über unserer Korrespondenz war ein Jahr vergangen. Da erhielt ich eine Einladung zu errtsernten Verwandten, auf ein oberschlesisches Gut.
Nach langer, langer Stadthaft durfte ich mir diese Abwechselung gönnen. An einem Dezembertage reiste ich ab.
