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S1. Jahrgang.
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105« verlags-Fernsprecher No. 2958.
Borgen-Ausgabe.
Die deutschen ArbritcrseKretarmte.
Von vr. Georg Sydow.
Die letzten sozialpolitischen Ausführungen des Reichs- Kanzlers und des Grafen Posadowsky beweisen, daß die Regierung gewillt ist, den Kurs, den sie durch die historischen Erlasse vom 17. November 1881 und 4. Februar 1890 eingeschlagen hat, beizubehalten und das begonnene Werk der Sozialreform fortzusetzen. Auch die Schaffung von ständigen Arbeitervertretungen gehört in dieses Gebiet. Während andere Interessengemeinschaften wie Handel, Handwerk, Landwirtschaft solche Vertretungen in den Handels-, Handwerker-, Landwirtschaftskammern bereits besitzen, sind diese für die Arbeiter bisher trotz aller dahin zielenden Forderungen nicht geschaffen worden. Hier besteht eine Lücke, die sich um so fühlbarer bemerkbar macht infolge der zahlreichen polizeilichen Chikanierungen der Arbeiter auf Grund des veralteteir Vereinsrechtes, der vielfach engherzigen und einseitigen Auslegung des Koalitionsrechtes, der gesetzlichen Ausnahmestellung der Berufsvereine und manches anderem; gelänge es die Arbeitersekretariate nach dem Muster der bestehenden Kammern auszugestalten, so würde dadurch eine ständische Vertretung geschaffen werden, die in der Lage wäre, mit Nachdruck für die berechtigten Forderungen der Arbeiter einzutreten und auch manche Härten in der Anwendung der bestehenden Gesetze zu mildern.
Tie Begründung der ersteir deutschen Arbeiter- sekvetariate liegt erst uni wenige Jahre zurück. Ihre Entstehung und ihre Entwickelung ist eng mit der Ausgestaltung und Weiterbildung der deutschen Sozialgesetzgebung auf Grund der Kaiserlichen Kundgebung des Jahres 1890 verknüpft. Die gesteigerte Kompliziertheit der Arbeiterversicherungsgesctze, die dem, Arbeiter vielfach unverständlich blieben, der Mangel an geeigneten Rechtsbeiständen, der ein gefährliches Winkelkonsulenten- tum groß zog, führte innerhalb der Arbeiterschaft selbst zu der Forderung nach Institutionen, die dem Arbeiter rechtliche Belehrung zu teil werden lassen und die ordnungsmäßige Durchführung seiner Ansprüche aus der Versicherung im Falle von Streitigkeiten übernehmen konnten. Daher fällt denn, wenn man von dem bereits im Jahre 1899 in Berlin begründeten Gewerkschaftsbureau, das im wesentlichen die Funktionen eines Arbeitersekretariats ausübte, absieht, die eigentliche Entstehung der deutschen Arbeitersekretariate in das letzte Jahrfünft des vorigen Jahrhunderts. Von den gewerkschaftlichen Organisationen getragen, entstehen sie von 1894 ab, wo Nürnberg mit einer vorbildlich gewordenen Gründung den Anfang macht, in raschem Aufschwunge in alljährlich wachsender Zahl. Im Jahre 1900 sind
Mittwoch» den 4. Mar;.
es bereits 27, 6 neue treten im Jahre 1901 hinzu, so daß sich ihre Zahl, da das in Freiburg eingeht, auf 32 erhöht. Das Jahr 1902 bringt die Neugründungen in Bochum, Gotha, Harburg, Magdeburg und Nen-Ruppin, während zwei weitere in Leipzig und in den Jndustrie- bezirken an der llnterweser ihrer sicheren Verwirklichung in nächster Zeit entgegensehen.
Ten« unzweifelhaften Bedürfnis auch derartiger Institutionen, das in der vorliegenden Entwickelung zum Ausdruck kommt, haben sich auch Staat und Gemeinde auf die Dauer nicht zu verschließen vermocht. Von umsichtigen Kommunalverwaltungen sind städtische oder gemeindliche Auskunftsbureaus geschaffen worden, die z. T. eine recht fruchtbare Tätigkeit entfalten, staatlicher- feits ist in Koburg-Gotha durch Subventionierung des Arbeitersekretariats in Gotha ein sympathisches Interesse bekundet worden. Ten bedeutsamsten Schritt, gewissermaßen die Anerkennung durch die höchste Instanz, bildet die Begründung des Reichsa»beitsamtes, das als arbeiterstatistische Abteilung des Kaiserlich, statistischen Amtes am 1. Januar d. I. ins Leben getreten ist und das unter der Leitung seines einsichtsvollen Präsidenten zu der Hoffnung auf eine ergebnisreiche sozialpolitische Tätigkeit berechtigt.
Haben die Arbeitersekretariate durch ihre Entwickelung in der kurzen Zeitspanne ihres Bestehens den Beweis nicht nur für die Berechtigung, sondern mehr noch für die Notwendigkeit ihres Daseins geführt, so fordert die Erfüllung der von ihnen übernommenen Aufgaben noch in manchen Punkten zur Kritik heraus und läßt hier einige Änderungen wünschenswert erscheinen. Der wesentliche Mängel, der sich allerdings aus der Entstehungsgeschichte dei" Sekretariate erklärt, besteht in ihrer doppeltem Funktion als Rcchtsauskunfteien und als Mittelpunkte politisch-agitatorischer Tätigkeit. Die politische Tätigkeit, die an sich schon dem Grundgedanken des Sekretariates widerspricht, hemmt seine gedeihliche Entwickelung in zweifacher Weise. Sie erzeugt einmal Reibungsflächcn mit den staatlichen bezw. kommunalen Behörden und erschwert oder verhindert dadurch das Zusammenarbeiten mit diesen, eine Notwendigkeit, die für eine fruchtbare Wirksamkeit des Sekretariates fast die unbedingte Voraussetzung ist, sie beschränkt ferner die Zeit und die Mittel, die für seine eigentliche Aufgabe zur Verfügung stehen. Wie sehr diese Tatsache ins Gewicht fällt, erhellt am klarsten, wenn man die Jahres- berichte der Sekretariate in Schlesien und Posen, wo die agitatorische Tätigkeit im weitesten Umfange mit in den Arbeitsbereich hineingezogen wird, mit denen in «üd- deutschland vergleicht, wo jene fast vollkommen ausscheidet. Nicht allein die gewaltigen Unterschiede in der Zahl der erteilten Auskünfte, sondern vor allem die Verschiedenheit in dem Prozentsatz der erfolgreich durchs geführten Nechtsstreitigkeiten sprechen eine deutliche Sprache. Während in Baden, Württemberg, Hessen u. a.
Rcdakiions-Fcrnsprechcr No. 52. 1903»
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die überwiegende Mehrzahl der von den Sekretariaten eingelegten Beschwerden von den zuständigen: Behörden als begründet angesehen wurde und diese dadurch eine Besserung der wirtschaftlichen Lage der von ihnen vertretenen Arbeiter herbeiführen konnten, ist daK Verhältnis in Posen und Schlesien gerade das entgegen-- gesetzte, einmal weil die Sekretariate infolge ihrer gleich-^ zeitigen Inanspruchnahme durch ihre agitatorische Tätigkeit nicht im stände sind, die Berechtigung der vorgebrachten Beschwerden sorgsam zu prüfen und unberechtigte zurückzuweisen, ferner tveil sie von vorn hereilt mit de!n« Mißtrauen und einer gewissen Voreingenommen« heit der zuständigen Behörden zu kämpfen haben.
Soll daher die Tätigkeit aller Arbeitssekretariate eine gleichmäßig ersprießliche werden, soll sie sich unbeeinflußt durch äußere Verhältnisse möglichst vollkommen ausgestalten, so muß ihr politischer Charakter abgestreist werden und ihr alleiniges Arbeitsfeld bie rechtliche Belehrung und in gewissem Umfange Vertretung der Arbeiter sein, verbunden mit statistischen Erl)!ebungen über Tatsachen aus dem Arbeiterleben, die sie mit ihren Mitteln zu bewältigen vermögen. Daß diese Begrenzung des Arbeitsgebietes nicht nur eine theoretische Forderung ist, sondern daß die Praxis ihre Durchführung gestattet, beweist die erwähnte Entwickelung in Süddeutschland und die günstigen Erfahrungen, die man hier namentlich infolge eines gedeihlichen Zusammenwirkens mit den Behörden gemacht hat. 8. R.
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Me MlWn und die AM int Me 1871.
Aus den Memoiren von A u g u st S ch n e c g a n s „ die in der „Deutschen Rundschau" veröffentlicht werden^ gelangt im Märzheft dieser Zeitschrift ein zweiter Abschnitt über die Nationalversammlung in Bordeaux und die Abtretung des Elsasses zum Abdruck. Jede Zeile spricht darin von der bitteren Empfindung, mit der der» Elsässer an diese Tage zurückdachte, in denen Frankreich sein Land, das ihm die schwersten Opfer gebracht nt±e # — wie er zeigt — leichten Herzens preisgegeben hat. Aus der ausführlichen Darstellung der Vorgänge in der Nationalversammlung in Bordeaux heben' wir einige! Einzelzüge heraus, die die Stimmungen, die das damalige Frankreich beherrschten, prägnant kennzeichnen. Dia Abgeordneten, die im Elsaß zur Nationalversammlung gewählt waren, waren alle außerordentlich gereizt gegen die Nation, die sie seit den ersten Tagen im Stich gelassen hatte. „Frankreich verdient die Anhänglichkeit des Elsasses nicht. Wir sind besser als jene Leute." Das war die Stimmung, in der die Abgeordneten des Elsasses Frankreich betraten. Schon die ersten Eindrücke, die sie an der Grenze empfingen, waren nicht geeignet, ihre Stimmung zu ändern. „Ilnser Zug", schreibt Schnee- gans, „hielt ungefähr . zwanzig Minuten in Culoz^
Feuilleton.
berliner Theater-Brief.
Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung spielte im Faschingsmonat auf unseren Bühnen. Doch alle diese schönen Dinge hatten kein Bollgewicht und keine echte Prägung. Das Lächeln war schwerfällig und die tiefere Bedeutung im Grunde nur recht oberflächlich.
Eins dieser Faschingsstücke hat eine recht unverdiente Bedeutung dadurch erhalten, daß die Zensur es mit dem Verbot prämiierte und es damit zu einer Haupt- und Staatsaktion stempelte. Ich meine D r e y e r s „T a l d e s L e b e n s". In einer Separat-Vorstellung wurde das Opfer der Zensur einer teilnahmsvollen Gemeinde, die genügend immun gegen Moralverseuchung schien, voragiert. Die Gemeinde hat sich dabei sehr vergnügt, die Staatsgefährlichkeit schien gering, die künstlerische Qualität noch geringer. Ein derber Herren- abenöschwank ist es, mit manchmal sehr gelungenen Witzen, ulkigen Situationen, drastischen Pointen. Jedoch absolut bewußt, dickunterstrichen kommt alles heraus, der Verfasser scheint bei jedem Satz mitzulachen. Der Witz quillt nicht aus der Charakteristik der Personen, er wird ihnen nur in den Mund gelegt. Sie sind Varistä- figuren und -Figurinen, die vortreten und ihr Sprüchlein aufsagen. Am meisten gilt das von der jungen Fürstin, der Gattin Serenissimi, die, da ihr Gatte die Kunst, verheiratet zu sein und glücklich zu machen, als alter Liebesveteran verlernt, an die Urkraft des Volkssohns nicht vergebens appelliert und damit sich und allen hilft: Serenissimus bekommt einen Erben; das „Ländle" wird nicht preußisch; die Ammen, die durch das Keuschheitsgesetz der unfreiwilligen höfischen Moralperiode schwer bedroht waren, können wieder mit Lust ihre berechtigten Interessen wahrnehmen. So stiftet eine fürstliche Eheirrung Segen für das ganze Land.
Diese junge Fürstin also, in ihrer übermenschlichen Langeweile und ihrer kätzchenhaften Neugier nach den Geheimnissen des Lebens, hätte einen raffinierten Künst
ler wie Schnitzler oder Frank Wedekind verdient. Dreyer brutalisiert die Figur durch Plumpheit. Sie ist ihm gerade gut genug, daß sie seine drallen Bierbank- Gedankensplitter produziert. Gelungener ist die Variation des allerdings stark bewährten Serenissimustyp. Bassermaun mag freilich mit seiner diskreten, alles übertreibenden, menschlich ausgleichenden Darstellung an der vollendeten Wirkung den Hauptanteil haben. Der grämliche Humor, das Larmoyante, die hämische Ironie, die komisch-melancholische Kurve der Gestalt war schauspielerisch überwältigend. Das Dreyerstück aber bewerte man am kürzesten und bündigsten, wenn man sagt: cs gehört nicht ans Deutsche Theater, sondern an eine Posscnbühne, und es dürfte nicht den dunkel geschwollenen Titel „Das Tal des Lebens" tragen, sondern unpathetisch der „Ammenkönig" heißen. Dann brauchte man gar nicht so schweres kritisches Geschütz dagegen aufzufahren.
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Unsere Satiriker sollten sich massieren lassen, sie sind fett und kurz von Atem, sie taugen nichts zu Bogenschützen mit geschliffenen befiederten Pfeilen. Keine behenden Teufelchen sind ihre Geister; keine sprühende Bosheit zuckt im Kreuzfeuer der Blitze; als schwer hinwandelnde Biedermänner äußern sie bedächtig in wichtig umständlicher Rede ihr Mißfallen.
So ließ sich neulich der deutsche Hausvater l'Arrongc zur günstigen Zeit des Nardenkötterprozesses dramaturgisch zur Kurpsuscherfrage vernehmen. „Sanatorium Siebenberg" hieß sein Trutzstück und es hatte im Berliner Theater einen begeisterten Erfolg. Vor allem die Arzte waren entzückt, und ein solch enthusiastischer Medizinmann, der vom gebrechlichen Menschenkörper hoffentlich etwas mehr versteht als von der Kunst, konnte nicht genug bewundern und rühmen, daß ein „Dichter" hier so nachdrücklich und überzeugend den Leuten über die Schädlichkeit der falschen Propheten und den Nutzen und die Notwendigkeit der staatlich approbierten Arzte, Wundärzte und Geburtshelfer eine Lektion erteilt. Analis poeta! Nachdrücklich und überzeugend fürwahr versieht er sein Amt als Warnebold, das zu leugnen,
inare gemeine micoerrracyt. Nie konnte ein Arzt eil besserer Mensch sein, als der von l'Arronge kreierte uni nie gab es ein inferioreres Individuum, als der unlau tere Konkurrent. Da unser gemütvoller poetk familiaris aber mit dieser lichtvollen Kontrastierun, allein nicht viel anzufangen weiß (in Wahrheit war de- Naröcnkötterprozeß mit seinen Enthüllungen über di. Praktiken des Menscheufanges psychologisch viel anregen der als diese blassen Clichchmodelle), so spielt er auf de: alten Familienleier und wird Ehestifter. Und was lägi da dem Kenner der Theaterhcrzen näher, als die Kinde: der feindlichen Häuser zu neuer Gemeinschaft zu segnei mit dem von allen Braven geteilten Wunsche, daß aut dieser Verbindung nützliche Mitglieder der menschlicher Gesellschaft hervorgehen möchten. J
In einem ähnlichen Brillantfeuer verschwenderischer Laune erscheint ein anderer Satiriker, Otto E r n st mi seinein Schauspiel „Gerechtigkeit". Fürwahr ein ^ärnei des Geistes. Mit blanken Waffen zieht er gegen öü Korruption, früh im Morgcnstrahl. Und die Zuschauer glauben dem Held der Feder, der den Basilisken der Skandalpressc mit Witzen tot sticht. In Wirklichkeit Hai dieser Bonhomme sich einen Oger für den Nausgebrauck zurcchtgemacht, gleich jenem Papp-Phantom aus dem Kampf mit dem Drachen. Er stopfte die Untier-Atrapve sehr erschrecklich aus, er gab ihr einen ungemein gefährlichen Anstrich, er hing ihr ein drohendes Warnungsschild um, das die abgründige Gefährlichkeit in tausend Zungen grusclnd schildert und zuletzt fragt: Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp'? Und dann kommt er selbst als Kämpe angesprengt, läßt das Pseudo-Scheusal erklecklich bocken und speien, und wenn er genug den Forii-simobalg getreten, gibt er dem Dämpfer einen Tritt und das Scheusal macht — fffft und fällt zusammen.
Eine kümmerlich engbrüstige Polemik herrscht in dem Stück, ein Arrangementsgegenspiel, bei dem die Rollen mit grober Deutlichkeit verteilt sind. Warum soll eine Satire nicht Korruptionen geißeln? Maupassant in „Bel-Ami'' und kürzlich Mathilde Serao in „Riccardo Johanna" haben etwas von den Kehrseiten einer Presse--
