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1. Beilage jum Wiesliaüener Tagblatt.

Uo. 106. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch, den 4. Marz.

61. Jahrgang. 1903.

2 Mit Reflexion ist zwar sehr viele«, mir keine Kunst,

I vor allem keine Musik zustande zu dringen.

M Richard Wagner.

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(37. Fortsetzung.)

Die Sängerin.

Roman von E. Schöye«.

Dem Norwegischen nacherzählt von Emil Jonas.

„Ja, unser Wirt soll so liebenswürdig gewesen sein, sNrs. Elsa Wilkner darum zu ersuchen. Sie soll erst unter dem Vorgeben, daß sie niemals in Privatgesellschaften auftrete, eine abschlägige Antwort erteilt haben,' aber später hat sie doch nachgegeben. Sie wissen wohl, daß sie vor einigen Tagen in Alberthall gesungen hat."

„Ja, ich las es in der Zeitung", antwortete er, „aber leider hatte ich nicht Gelegenheir, sie zu hören. Ich war in Manchester in einer geschäfllichen Angelegenheft."

„Es war in einem Oratorium von Händel", berichtete siady Jane. „Sie sang so schön, daß die Zuhörer vor Entzücken weinten. Me Prinzessin soll ihr Blumen ge- schickt haben und nun wollte unser Wirt Ihrer Hoheit eine angenehme Überraschung bereiten. Er soll Mrs. jWikner zweitausend Pfund geboten haben, damit sie einige schwedische Volkslieder singe. —"

, "So . . . so . . . das freut mich", sagte Lord Lionei tote geistesabwesend.

„Mylord kennen sie ja persönlich? Ich erinnere mich, baß Lady Churchill uns die ganze romantische Geschichte erzählt hat. Sie lief ja barfuß daheim in Schweden umher."

„Ja, ganz recht", antwortete er und fuhr nach einigen Augenblicken fort: „Mrs. Wikner ist seit vielen Jahren nicht in England gewesen. Sie soll eine vollständige Weltumsegelung gemacht haben."

Der Pianist hate endlich geendet und zog sich zuriick. Da ging plötzlich ein Flüstern durch die Gesellschaft. Aller Blicke waren auf die Tür gerichtet.

„O, dort ist sie!"

Der schwedische Gesandte trat mit Mrs. Wikner am Anne ein. Sie trug ein weißseidenes Brokatkleid mit Brillanten. Im Gegensatz zrc den anderen Damen, die alle ausgeschnitten« Kleider trugen, trug @Ifa- ein hohes Mieder mit viereckigem Ausschnitt und mit Ärmeln, die ani Ellenbogen endeten. Aus Rücksicht auf ihre der Schonung bedürfende Sftmme war es ihr gestattet, dem allgemeinen Brauche zu trotzen. Auf der linken Seite hing ihr von bet Schulter bis mitten aus die Brust eine Menge Medarllien in Silber und Gold, die an roten, gelben, blauen und grünen Rosetten befestigt waren und die hervortretendenProfilporträtS regierenderFürften zeigten. An einer feinen Kette um den Hals hing ein großes Medaillon mit dem Bilde des russischen Zaren, von gold- eingefaßten Diamanten umstellt, die einen Lorbeerkranz bildeten. Auf dem blonden Haupte ruhte ein Modem von echten Perlen und Türkisen, deren Mittelpunkt eine Lyra von Saphieren und Smaragden mit Saiten von Gold bildete, auf dem schmalen Rande eingraviert: „Der schwedischen Nachtigall von Brasüiens Kaiser."

Elsas Figur war voller geworden. Me Arme und die Schultern zeichneten sich rund und fest unter dem weichen totnff ab, die Handgelenke kräftig unter den weißen Handschichen. Das ovale Gesicht mit seinen, strengen Linien schien wie in Marmor gemeißelt. Me Nase ging in grader Linie in die Stirn über, und die Sftrn, deren oberster Teil von dem frisierten Haar be­deckt wurde, war breit und klar und stark entwickelt. Elsa stand in der vollsten Blüte ihrer Schönheit.

Der Gesandte führte sie zur Prinzessin, die ihr die Hand mit einem gnädigen Lächeln reichte. „Ich hatte das Vergnügen, in Ihrem letzten Konzert zu sein", sagte sie, „Ihr Gesang übte einen tiefen Eindruck auf mich."

„Ich danke Eurer Hoheit", antwortete Elsa, sich ftef verneigend. „Es ist mir stets eine Freude, hier in Eng­land zu singen, denn hier lauscht man mit dem Herzen, während man in anderen Ländern oft nur mit dem Ohr oder dem Gehirn hört."

Die Prinzessin unterhielt sich mit ihr einige Augen­blicke und Elsa ließ sich sodann an desi Flügel führen, wo der Akkompagneur schon Platz genommen hatte.

„Wie schön sie ist", flüsterte die Herzogin zu ihrer Nachbarin. „Eine Haltung wie eine geborene Fürstin."

„Ja, sehr schön", antwortete Lady Churchill, indem sie ihre Lorgnette erhob, um ihren Sohn zu beobachten.

Lord Lionel hatte sich von Lady Jane zurückgezogen. Er schaute auf die Sängerin mit einem eigentümlich klaren und doch starren Blicke, als ob er von einer magi­schen Zaubermacht gebannt sei.

Der Pianist spielte einige Akkorde und Elsa sang:

Fjorton ar tror jag vist att jag va’

Liten llicka sa munter och sa gla’ —

(Vierzehn Fahre glaub' ich wohl, baß ich war.

Kleines Mädchen so heiter und so froh —.)

Junge und Alte saßen, von dem wunderbaren Wohl­laut dieser Sümme und von der natürlichen Wärme des Vortrags hingerissen. Es ging Lachen und Weinen durch ihre Sftmme, die mächtigste Tonschöpfung würde nicht die Herzen mehr gerührt haben, als diese einfache Volks- lveise.

Ein Zauber hielt die ganze Gesellschaft gefangen. Elsa schlug die Pforten zu dem strahlenden Feenreich« der Poesie auf. „Folgt mir! Weiset die Sorgen fort. Hebt euch mit mir empor!"

Me Engländer wurden warm, der Österreicher schloß die Augen und begann zu lauschen und der Franzose murmelte „Ravissaat! Charmant!"

Als Elsa geschlossen hatte, bewegte die Prinzessin ihre Hände zum Beifall; die anderen blieben) nicht zurück, man dankte ihr mit großem Applaus.

Elsa sang damach ein paar deutsche Gesänge, so ge- mütSinnig, daß sie alle Herzen schwellen machte, imb schloß mit dem englischen Lied: „llast rose ok

surnrner!"

Als der letzte Ton verklungen war, näherte sich Ihre Hoheit, um zu danken. Wirt und Wirtin folgten ihrem Beispiel und Elsa war bald der Mittelpunkt in einem Ge- wimmel von Gästen, die alle ihre Bekanntschaft zu machen wünschten.

„Wir sind ja alte Freunde", sagte Lord Lionel lächelnd zu ihr.

Elsa starrte ihn anfangs fremd und erschreckt an.

„Ich errftinne mich nicht . . . und dennoch » » ,*

„Mein Name ist Lionel Churchill."

„O, wirklich!" rief sie. „Ja, jetzt keime ich Ihr Ge­fickt wieder. Aber es sind ja so viel« Jahre vergangen,, seir wir uns zuletzt gesehen haben."

Sein« dunklen Augen hatten noch denselben frohen Ausdruck, aber sein Haar, das nach der Sitte des Landes mitten über der ovalen Stirn gescheitelt war, war beretts ergraut, wie der dichte Bart, der bis auf die Brust herab­reichte. Me Sftrn war ungewöhnlich hoch, sie verlieh dem ganzen Gesicht den Ausdruck hervorragender In­telligenz.

„Es ist mir ein großes Vergnügen, Sie wieder zu tteffcn", versicherte Elsa mit ungezwungener Freundlich­keit. „Sie waren ja mein erster Beschützer daheim in Schweden."

„Ja!" antwortete er lächelnd, „ich bin wirklich stolz gewesen zu hören, daß meine Prophezeiungen in Bezug auf Sie so vollkommen in Erfüllung gegangen. Ich fühlte schon als Knabe, daß Ihre Sftmme die ganze Welt erobern müßte."

„Aber sagen Sie mir, wie kommt es, daß ich Mylord nie gesehen habe, wenn ich früher London besuchte?" fragte sie.

„Ich war seit einer langen Reihe von Jahren als Richter im nördlichen England angestellt", antwortete er. „Erst seit dem letzten Winter, wo ich ins Parlament ge­wählt wurde, habe ich Veranlassung, die Saison in London zu verbringen. Damals waren Sie in Jndren, nicht wahr?"

„Ja!"

„Aber ich habe doch ein paarmal die Freude gehabt. Sie auf der Bühne singen zu hören", fuhr ec fort. „Das erstemal in Paris und später in Petersburg."

„Mylord sind in Rußland gewesen?" .

„Ja! Auf einer kurzen Reise, später hörte rch Sr« auch in Baden-Baden." . _

„Aber wie ist es möglich, daß Sie sich nremals dre Mühe nahmen, mich aufzusuchen?"

„Ich fürchtete, Ihnen ungelegen zu kommen", ant­wortete er ausweichend. .

„Sie waren jung verheiratet und es gibt ja viele Ehepaare, die irrt Genüsse ihres ersten Glückes nicht ge­stört sein wollen."

„Ja, ja, das ist wahr!"

Und diesmal war sie es, die einer weiteren Erklärung zu entgehen suchte. Die Erinnerung an ihre Ver­heiratung kam stets wie ein böses Alpdrücken über sie, und hier war nicht der Ort, sich in finstere Gedanken zu ver­lieren.

Sie fragte, ob er sonst viel gereist sei?

Natürlich hatte er ungefähr die ganze civilisierte Welt besucht, das gab reichlich Stoff zu unverfänglichem Ge­spräch.

„Ich liebe die Ncckur des Südens —" warf er «n- mal hm —, „seine Farbenpracht und nftlde Lust, aber ich würde mich niemals entschließen können, dort zu wohnen. Mich widert die moralische Schlaffheit dieser Menschen an. Me Sonne und die Hitze dörren den Willen aus, ertöten die Arbeitslust und demoralisieren den ganzen Menschen; deshalb ziehe ich es vor, in dem Nebel des Nordens, statt in dem Lichte des mittelländischen Meeres zu leben." (Fortsetzung folgt.)

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