si. Jahrgang.
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. 108.
Berlags-Fernsprecher No. 2953.
Mittwoch» den 4. Marx.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1903.
Abend-Ausgabe.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 3. März.
Am Bundesratstische: Staatssekretär Freiherr von Thielmann. — Tagesordnung: Etat des Reichs-Jnvali- denfonds. — Zum größten Teil werden die Titel und Kapitel desselben debattelos genehmigt. — Bei dem gegen das Vorjahr von 7% auf 9 Millionen erhöhten Titel: Veteranen-Unterstützung, dessen unveränderte Annahme die Kommission empfiehlt, werden zugleich 8 Jnvaliden- und Beteranen-Petitionen mit zur Beratung gestellt. — Abg. Graf O r i o l a (nat.-lib.) erstattet ausführlichen Bericht über die Verhandlungen in der Kommission über die voraussichtliche völlige Aufzehrung des Jnvaliden- fonds bis 1910, die noch fortdauernde Zunahme der anspruchberechtigten Veteranen und über diejenigen Petitionen. welche einen allgemeinen Ehrensold fordern ohne Rücksicht auf Hilfsbedürftigkeit. — Hierüber beantragt die Kommission Übergang zur Tagesordnung. — Abg. Prinz Carolath (wildlib.) verlangt, daß für den im Jahre 1919 aufgebranchten Jnvalidenfonds Ersatz geschaffen werde, und zwar empfiehlt er die Wehrsteuer als Ersatz. — Abg. A r e n s (Reichsp.) ist derselben Ansicht wie Vorredner und. will bei der Beratung des Pensions-Etats auf die Frage einer Wehrsteuer zurückkommen. — Schatzsekretär Thielmann bezeichnet es als unmöglich angesichts der Reichsfinanzlage, daß die 9 Millionen für Veteranen, die jetzt als Ausgabe den Jnvaliden-Fonds belasten, aus die allgemeine Reichskasse übernommen werden. Wie das in diesem Jahre unmöglich sei, werde cs voraussichtlich auch im nächsten Jahre unmöglich sein. Was die Wehrsteuer anlange, so sei es doch sehr zweifelhaft, ob man mit einer solchen gar so viel besser fahren würde. — Abg. Graf Oriola (nat.-lib.) äußert seine Bedenken über diese Stellungnahme des Schatzsekretärs, sowie insbesondere darüber, daß das Militär-Pensionsgesetz nicht mehr vorgelegt werde. — Nach weiterer kurzer Debatte wird der Etat des Reichs-Jnvalidensonds genehmigt und die Petitionen nach den Vorschlägen der Kommission erledigt. — Es folgt der Etat des Reichs- Eisenbahnamtes. — Abg. Pachnicke (freis. Ver.) wünscht Vereinfachung und Verbilligung der Tarife, namentlich auch für den Personenverkehr. Aber auch die Gepäckbeförderung sei zu teuer. Hier sei eine Reform ebenfalls dringend geboten. Redner kritisiert dann die neulichen Äußerungen des preußischen Eisenbahnministers im Abgeordnetenhause gegen den Eisenbahner- Verband und die Sozialdemokratie als sich gegen das Koalittonsrecht der Eisenbahn-Angestellten richtend. Dringend wünschenswert sei eine ReichS-Eisenbahn-Ge- meinschaft. So lange aber eine solche nicht existiere, müsse vom Reichs-Eisenbahnamt und vom Reichskanzler er
wartet werden, daß den Absichten der Verfassung zur Durchführung verholfen werde. Diese Absichten gingen aus auf gleichmäßigere Tarife und auf Herabsetzung derselben. — Abg. Hasse (nat.-lib.) bemängelt die Zugverbindung zwischen Berlin-Leipzig und Halle-Leipzig. — Präsident Schultz vom Reichs-Eisenbahnamt wendet hiergegen ein, die Einstellung von Kurswagen sei schon jetzt eine so umfangreiche, daß dadurch die Züge ungemein erschwert würden. Das Reichs-Eisrnbahnamt habe nur Aufgaben zu erfüllen von dem Gesichtspunkte, einmal der Landesverteidigung und zweitens der Verkehrs-Interessen. Mit dem Verhältnis der einzelnen Eisenbahn- Verwaltungen zu ihren Angestellten habe das Reichs- Eisenbahnamt mchts zu tun. — Abg. Kardorfs (Reichsp.) protestiert gegen das Verlangen des Abg. Pachnicke nach Personentarif-Herabsetzungen. Er halte vielmehr eine Fahrkartenstener nach österreichischem Muster für angezeigt: 10 Prozent Steuer in der ersten, 5 Prozent in der zweiten und 1 Prozent in der dritten Fahrklasse. Dabei würden 25 bis 30 Millionen herauskommen. Dann würde man auch die Gütertarife herab- setzen können. — Abg. Müller-Meiningen (freis. Volksp.) meint, eine solche Verkehrssteuer würde gerade noch fehlen. Damit sollten die Herren nur nach Sttd- deutschland kommen, um zu hören, was dort die Leute sagen, die Sonntags nach der Stadt fahren wollten, um ihre Einkäufe zu machen. Redner beklagt sich dann über mangelhafte Verkehrs-Verbindungen in Thüringen, verlangt Festhalten an den Sonntags-Fahrkarten und Verallgemeinerung derselben. — Präsident Schultz erwidert, daß die einzelnen thüringischen Beschwerden nicht zu seiner Kompetenz gehörten, übrigens sei ja der preußische Eisenbahn-Etat im Abgeordnetenhause behandelt worden. — Abg. Stolle (Soz.) klagt über Häufigkeit der Eisenbahnunfälle und führt dies zurück auf über- biirdung der Beamten und Arbeiter. Redner polemisiert noch gegen die Stellungnahme des Ministers Budde gegenüber dem Eiscnbahner-Verbande. — Präsident Schultz bestreitet, daß die mit Tod verknüpften Unfälle bei den preußischen Bahnen besonders groß seien; das Gegenteil sei der Fall. — Abg. Schräder (freis. Ver.) wendet sich gegen den Präsidenten des Reichs-Eisenbahnamtes, der alle vorgebrachten Beschwerden von sich abschiebe. Wenn derselbe nicht antworten könne, dann solle doch der preußische Eisenbahnminister im Hause zugegen sein. Redner plädiert noch für Personen-Tarif- refornr. — Abg. Graf Limburg-Stirum (kons.) polennsiert gegen den Abg. Stolle, dessen Beschiverden in keiner Weise begründet seien. — Abg. Zubeil (Soz.) erörtert die Spandauer Bahnhofs-Verhältnisse. — Geheimrat v. M i s a u i erklärt, daß ein Umbau des Bahnhofes in Spandau bereits geplant sei. — Morgen 1 Uhr: Fortsetzung der heutigen Beratung und Etat des Reichs- Justizamtes. — Schluß nach &/ 2 Uhr.
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Berlin, 3. März. Die Budget-Kommission des Reichstags setzte heute die Beratung des Militär» Etats beim Extra-Ordinarium fort. Beim außerordentlichen Etat einmaliger Ausgaben werden von der 7. Rate -zur Beschaffung von Feldbahnmaterial, die in Höhe von 065 000 Mk. angesetzt ist, 165 000 Mk. gestrichen. Beim Abschnitt Festungen werden von den verlangten 19 392 408 für den Ausbau der Landesbefestigung nur 16 Millionen bewilligt. Zum Titel, betreffend die Ausführung von Ersatz- und Verstärkungsbauten, sowie Vervollständigung der Artillerie-Ausrüstung in Ulm infolge Aufgabe der Stadtumwallung des linken Donauufers, 3. Rate, 1700 000 Mk., liegt eine Resolution des Abg. Gröber (Zentr.) vor, der Stadtgcmeinde Ulm, falls sic durch den Ankauf des Festnngsgeländes einen nachweisbaren Schaden erleiden sollte, auf ihr Ansuchen eine Ermäßigung des Kaufpreises zu gewähren. Darüber entspann sich eine längere Verhandlung, die heute noch nicht zn Ende geführt wurde. Morgen soll nach Erledigung des Militär-Etats der Etat für Ostasien behandelt werden. Dann sollen die Reste des Post- und Marine-Etats folgen.
Preußischer Landtag.
Abgcordnctenhaus.
Berlin, 3. März.
Am Ministertisch: Budde. — Präsident v. Kröcher eröffnet die Sitzung vor auffallend schwach besetztem Hause. — Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Beratung des Etats der Bauverwaltung. Die Erörterung wird fortgesetzt bei dem Kapitel der Ausgaben „Ministerium". — Herr Budde hat, wie schon sein Vorgänger, einen neuen Nnterstaatssekretär zu seiner Entlastung gefordert. Konservative und Zentrum sieht man in nicht mehr ungewohnter Einmütigkeit sich dagegen erheben. Die agrarischen Gemüter befürchten von der Schaffung des neuen Postens eine Befestigung der jetzigen Reffortcinteilung und damit eine Gefährdung ihre« Hoffnung, daß die Wasserbanverwaltung vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten losgelöst und dem Landwirtschaftsministerium unterstellt werden möge. Die Grafen Arnim und Limburg-Stirum, der Freiherr von Wangenheim und Herr v. Lvebell, nnterstützt vom Wortführer des Zentrums, Herrn v. Savigny, lassen wenig Hoffnung für die schon in der Kommission gestrichene Forderung der Regierung. Besonders die Rechts» agrarischen machen sich eine Herzenssache daraus, die ganze Angelegenheit zu einer parteipolitischen Frage von grundsätzlicher Bedeutung zu machen. Der Minister hütet sich vorsichtig, ihnen auf dieses Gebiet zu folgen. Er mischt sich nicht in die Erörterung, stellt nur zum Schluß fest, daß er keinen anderen Gesichtspunkt für die Beurteilung der Sache anerkennen könne als den, o& er Entlastung brauche oder nicht. Im übrigen überläßt er die Führung seiner Sache den Freisinnigen unk»
Doktor Mollinar und seine Schülerin.
Roman von Arthur Sewett.
(Schluß.)
Cirkus Brotti-Wellhoff hat die Stadt verlassen. Gleichmäßig sind die Tage und Wochen dahingeflossen. Frau Mollinar hat an einer schweren Erkältung darniedergelegen. Gabriele ist wieder einmal Krankenpflegerin gewesen. Fritz hat die Mutter im Hause nicht vermißt. Gabriele besorgt ihm alles, wie er es liebt und gewohnt ist.
überall spürt er das Wirken ihres Geistes. Nur an der Behaglichkeit, die dieser über die ganze Wohnung verbreitet, merkt man, daß er da ist. Ter Doktor allein steht Gabriele noch immer in derselben kühlen Weise gegenüber, bei der jede Annäherung unmöglich ist. Und er macht ihr das nicht schwer. Alle häusliche Arbeit und Plage aber hat sie nicht abgehalten, dem vorgesteckten Ziele nachzustreben. Sie hat ihre Vorbereitungskurse beendet. Sie würde jetzt gern abreisen, aber Frau Mollinar erholt sich so langsam und schwer, sie darf nicht daran dmken, sie zu verlassen.
So sind Monate vergangen. Es ist ein Tag im Anfang des April. Ein weicher, warmer Windzug spielt durch die kahlen Bäume. Dann und wann rauscht ein kurzer Regenschauer hinein in das erste Atmen und die erste Regung des erwachenden Lenzes. In dein Zimmer des Doktors steht den ganzen Tag das Fenster auf. Es tut ihm wohl, wenn er bei der Heimkehr aus der Schule den Mittagsschein auf seinen: Schreibtische über den bestaubten Büchern blinken sieht. Er träumt dann von einem sonnigen Glück, das sich auch noch einmal über sein Leben gießen möchte.
Als er aber heute in seine stille Arbeitsstube tritt, siebt er von alledem nichts. Ein großes amtliches Schreiben, das auf dem Tische liegt, zieht seine Aufmerksamkeit auf sich. Er öffnet es mit zitternder Hand. Es enthält seine Berufung an das Königliche Gymnasium mach Meersberg.
Das, wonach er sich gesehnt, was er erstrebt alle die Jahre hindurch, ist jetzt wahr und wirklich geworden! Warum hot er für diese Freudenbotschaft nur ein so müdes Lächeln?
Die Mutter ist die erste, der er seine Ernennung über- bringt. Sie ist viel glücklicher, als er selber. Auch als sie merkt, daß seine Freude nicht so ganz aus dem Herzen kommt, verliert sie die ihre nicht. Gabriele sagt er es nicht persönlich. Sie hört es von der Mutter. Wer als er zu Tisch kommt, hat sie kein Wort für ihn. Auch während des Essens bleibt sie schweigsam.
Er ist aufgestanden und in sein Arbeitszimmer gegangen. Nachdenklich und ernst steht er am offenen Fenster.
„Fritz", ertönt da mit einem Male eine bekannte Stinime neben ihm. Als er sich schnell umblickt, steht Gabriele vor ihm. Das Licht der Mittagssonne liegt auf der füllen Stirn und spielt über ihren goldenen Scheitel.
„Gabriels." Von alledem, was in diesem Augenblick durch seine Seele wallt und wogt, merkt man seiner Stimme nichts an.
„Ich wollte dir meinen Glückwunsch bringen. Es ist ein großes Glück für dich und deine Mutter."
„Ich danke dir, Gabriele."
„Tann wollte ich dir sagen, daß ich eben ein Telegramm aus Wurow erhalten habe. Ter Onkel ist krank. Ich muß heute noch abreisen." U:ck> als sie das sagt, da ist ihr Antlitz so bleich, daß cs im Schein der Sonne, die eben von ihrer Sürn herab über ihre Züge huscht, wie vergeistigt erscheint. Er siebt davon nichts. Nur diese Worte hört er und diese niederschmetternde Botschaft.
„Heute noch?! Gabriele!"
Es muß wohl eine eigentümliche Empfindung durch diese Worte geklungen sein.
„Das wird dich doch weiter nicht berühren. Du gehst ja nun auch bald an deine neue Wirksamkeit."
„Ja, gewiß, ja, ja, darin hast du freilich Recht. Aber daß du nun von uns willst, gerade jetzt, man gewöhnt sich doch schließlich aneinander, wenn man so Tag aus Tag ein zusammenlebt. Und dann, die Mutter! Die wird
es am meisten bedauern. Sie ist immer noch kränkliche Und jetzt oft so hilflos, findest du es nicht, Gabriele?"
Und nun mit einem Male all diese Ausflüchte jäh- scher den Haufen werfend, mit einem Ton, in dem sein ganzes Fühlen haltlos und stark sich Bahn brach: „Tue es nicht. Bleibe bei uns, Gabriesc."
Und als sie den Kopf schüttelte: „Du mußt bei uns bleiben! Nicht deinetwegen, nicht der Mutter halber, meinetwegen mußt du bleiben! Ich weiß nicht, wie ich ohne dich leben soll, Gabriele. Du hast es ja längst ge», sehen, gemerkt, wie lieb ich dich habe, wie unaussprechlich lieb."
„Du — mich — lieb?!" Und Gabriele zuckte zu- sammen und durch die ruhigen Augen flammte es. „Du mich?! Kannst du so schnell vergessen?"
„Vergessen, was?"
„Dieses Mädchen, das zwischen uns gestanden haitz zwischen uns stehen wird unser Lebenlang, diese Gauklerin aus dem Cirkus."
Und sie will sich schnell von ihm wenden. Er aber faßt sic bei beiden Händen, und als fürchte er, daß sie ihm noch entrinnen könne, läßt er sie nicht mehr los, während cp jetzt, trotz der Leidenschaft, die in ihm wach geworden^ langsam :nit verhaltener Stimrne zip ihr beginnt:
„Einen Augenblick, Gabriele. Vielleicht ist es das letzte Mal, daß wir beide miteinander so sprechen. Höre mich ruhig an und dann entscheide! Es ist wahr, dieses Mädchen, dein du nie ganz gerecht geworden und heute vollends nicht, es hat eine Rolle in :neinem Leben gespielt^ vielleicht eine große."
Und als das zarte Handgelenk zwischen seinen Fingern sich jetzt windet: „Nicht von der Stelle, Gabriele. Diese eine kurze Stunde in deinem Leben gehört mir. Nachher kannst du tun, was du willst. Ja, eine große Rolle! Ich beschönige nichts. Etwas ganz neues trat mit ihr in mein Leben. Etwas, das ich nie gekannt und nie emp- ftmden habe, in meiner Jugend nicht, in meinen Studentenjahren, während meiner ganzen Tätigkeit in dieser Stadt nicht. Ich kannte ja nur Kinder, die nicht Kinder mehr waren, junge Damen, die halb gebildet
