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LR. Jahrgang.

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Aa. 104. Verlags-Fernsprecher No. ASS.

Dienstag, den 3. Mar;.

Nedaktions-FeruspreLcr No. S2. 1903.

Abend-Musgabe.

Jitlturtapf“ im Adseollllktriihmst.

L. Berlin, 2. März.

Graf Bülow, der schönredende, hat im Abgeordneten- Hause lebhaften Beifall gefunden, als er in der Inter- pellationsdebattc über die Trierer Vorgänge einige kräf­tige Worte zur Verurteilung des Bischofs Korum äußerte. Mau kann es verstehen, daß die Rede des Grafen Bülow gefiel. Sie wurde mit solchem Brustton der Überzeugung vorgetragen, sie atmete so sehr den Geist moderner Bildung, daß diese angenehme Fülle gefälliger Wendun­gen allerdings das Gefühl verbreiten mutzte, als sei nun mit größter Entschiedenheit alles gesagt worden, was nur irgend in dieser leidigen Sache zu sagen war. Aber wenn man sich genauer fragt, was denn nun eigentlich geschehen ist, oder was Graf Bülow und die Staats­regierung zu tun gedenken, um das anstößige Hervor­treten des Bischofs von Trier mit entsprechenden kräftigen Maßnahmen zu beantworten, so kommt man in Verlegen­heit. Graf Bülow konnte selbstverständlich nicht weniger sagen, als er gesagt hat. Er konnte den Bischof Korum nicht decken, er mußte ihn in die Schranken weisen, und insofern hat man wirklich keinen Anlaß, über seine Rede in Entzücken zu geraten. Graf Bülow ist so wenig ge­neigt und willens, die stärksten Register zu ziehen, daß er nicht einmal Anstand nahm, durchblicken zu lassen, wie bequem es Bischof Korum gehabt hätte, wenn er sich mit ihm, dem leitenden Staatsmann, privatim und vertrau­lich in Verbindung gesetzt hätte. Denn was soll es anders heißen, wenn der Redner meinte, der Bischof konnte wissen, daß er, Graf Biilow, Gerechtigkeit übe gegenüber den Angehörigen beider Konfessionen „ohne Kleinlichkeit und ohne Engherzigkeit in der einen oder der anderen Richtung?" Mit anderen Worten also: Wäre der Bischof mit seinen Beschwerden über den Geist in der staatlichen Mädchenschule zu dem Ministerpräsidenten persönlich gekommen, so hätte dieser „sich aufrichtig be­müht, berechtigte Klagen unserer katholischen Mitbürger wirksam abzustellen." Damit aber nicht genug, erkannte Graf Bülow ausdrücklich an, daß aus der Zeit des Kulturkampfes noch „unausgeglichene Differenzpunkts" übrig geblieben seien, deren Beseitigung im staatlichen Interesse liege. Kann Bischof Korum und kann der Klerikalismus mehr verlangen? Es ist und bleibt die natürlichste Sache von der Welt, daß die unkluge Schroff­heit des Bischofs die Staatsregierung aufs höchste ge­ärgert hat und sie jetzt in die Notwendigkeit versetzt, schon

um ihrer Autorität willen Gegenmaßregeln zu treffen. Nur leider sollen diese Maßregeln nicht mit der schlichten Kraft einer selbstbewußten, auf sicheren Grundlagen be- ruhenden Politik getroffen werden, sondern — auf diplomatischen Seitenpfaden. Es dünkt dem ruhigen Beurteiler etwas naiv, wenn ein beträchtlicher Aufwand von scheinbarer Entschiedenheit gebraucht wird, um mit­zuteilen, daß die Sache schließlich durch das Eingreifen des Papstes werde in Ordnung gebracht werden. Also nicht die preußische Staatsregierung wird einen uner­hörten Angriff abschlagen, sondern der Vatikan ist gebeten worden, den Bischof von Trier in die Schranken zu weisen! Eine Gefälligkeit wird erbeten, und Gefällig­keiten wollen bezahlt sein. Daß das nicht die Form ist, in der man diese unangenehmen Dinge beglichen sehen möchte, braucht nicht erst gesagt zu werden. Die Frage stellt sich ein, was denn nun geschehen soll, wenn die Kurie sich weigert, dem Ansinnen des Grafen Bülow zu entsprechen? Gewiß, sie wird es nicht tun, und eine kluge Regierung braucht nicht vorher schon zu sagen, wie sie handeln wird, wenn sie durch eine veränderte Lage zum Handeln gezwungen werden sollte. Indessen hat man wahrhaftig nicht den Eindruck und kann ihn nicht haben, daß diese Regierung, die ohne die Unterstützung des Zentrums in die ärgsten taktischen Verlegenheiten käme, aus sich heraus die Entschlußkraft finden könnte, die Wahrung wertvoller Rechte gegen die Übergriffe eines anmaßenden klerikalen Geistes zu übernehmen. Die Jnterpellationsdebatte hat dies allgemeine Bild der Situation kaum wesentlich ändern können. Keine noch so lauten Reden beeinträchtigen den wirklichen Zustand unserer Verhältnisse, und dieser ist, daß die Machtstellung des Zentrums als Tatsache anerkannt werden muß, weil es offeiibaren Schaden mit sich brächte, wenn man sie leugnen wollte. Es ist ein leidiger und int Grunde ge­nommen beschämender Trost, sich sagen zu dürfen, daß das Zentrum freilich keine Lust haben mag, seine Macht auf dem. eigentlich konfessionellen Gebiete, auf dem der großen Kirchen- und Schulfragen, allzu herausfordernd zu betätigen. Ließe sich das Zentrum einfallen, aus den Schranken herauszutreten, so würden die Mächte des Widerstandes ja gestärkt werden, und man könnte anders als jetzt über die Lage sprechen; aber das Zentrum ist viel zu klug dazu, um sich seine Aussichten zu verderben. In der milden Temperatur der Regierungsgunst gedeiht es viel besser, als in Sturm und Hitze, und so wird denn auch dafür gesorgt werden, daß die Entgleisung des Bischofs Korum keine besonderen Folgen haben wird. Das Verdienst der Regierung aber wird es am aller­wenigsten sein, wenn diese Geschichte irgendwie in Ord­nung kommt.

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Das Hans ist gut, die Tribünen außerordentlich stark besetzt. Am Mintstertische Bülow, Stuöt, Budde und Hammerstein. — Zur Verhandlung steht die Interpella­tion Bachmann und Genossen: „Hat die Königliche Staats­regierung Kenntnis davon genommen, daß die katholische Geistlichkeit in Trier im Anschluß an einen Erlaß des dortigen Bischofs von der Kanzel eine Erklärung ver­lesen hat, welche katholische Eltern, deren Kinder die staatliche höhere Töchterschule in Trier besuchen, mit kirch­lichen Zuchtmitteln bedroht? In welcher Weise beabsich­tigt sie die staatliche Autorität auf dem Gebiete des Schul­wesens diesem geistlichen Übergriff gegenüber zu wahren?" — Ministerpräsident Graf Bülow erklärt sich zur Beantwortung bereit. — Darauf erhält zur Be­gründung das Wort Abg. Hackenberg (nat.-lib.): In dem konservativen Wetterwinkel in der Westmark sind wieder einmal Wolken emporgestiegcn. Der Kampf um die Schule scheine wenigstens versuchsweise auf gemein­samer Grundlage unternommen werden zu sollen. Am 28. Januar sei in der „Frankfurter Zeitung" ein Leit­artikel erschienen, der ein Vorgehen des Bischofs Korum in Trier gegen die katholischen Eltern ankündigt, welche ihre Töchter auf die dortige Töchterschule schicken. Der Bischof hat nun zunächst in einer Broschüre geantwortet. Die „Frankfurter Zeitung" hat sich also gut unterrichtet erwiesen und insofern man von dem nicht ganz richtigen Ausdruck „einer Art Exkommunikation" absieht, ist ihre Ankündigung in Erfüllung gegangen, denn am 11. Febr. hat die katholische Geistlichkeit den bekannten Erlaß des Bischofs von der Kanzel verlesen (Redner verliest den­selben), der nach dem einmütigen Urteil der öffentlichen Meinung die st ä r k st e Herausforderung des Staates durch die Kirche sei. Dieser Erlaß ist der Ausgangspunkt unserer Frage und die Broschüre des Bischofs spielt nur insoweit mit, als in ihr die Basis sich findet, auf der sich das Vorgehen des Bischofs bei der Geistlichkeit aufbaut. Wir wollen die Regie­rung veranlassen, daß sie ihrerseits das tut, was einen neuen Kulturkampf un­seligen Angedenkens von vornherein zu er st icke n vermag. (Sehr richtig! links.) Die Basis des Vorgehens ist die Auffassung der römischen Kirche von der Schule, wonach alle Schulen, die nicht der unbeding­ten Autorität der Kirche unterstehen, auch die paritätischen, die man fälschlicher Weise als konfessionslos bezeichnet, als schlecht und verderblich zu gelten haben. Wer diese Wertung der Schulen anerkennt, der darf natürlich nicht erlauben, daß solche Schulen gegründet, geleitet und be­sucht werden. Deshalb wird die missio canonica an die Lehrer verweigert und die Übertretung des Verbots mit der Exkommunikation bedroht. Das verhindert die paritätische Ausgestaltung der Schulen, um sie in der Öffentlichkeit als konfessionslos und als gleichbedeutend

Doktor Wollmar and seine Schülerin.

Roman von Arthur Scwctt.

(18. Fortsetzung.)

„Sie ist doch noch angegriffen, man merkt es ihr an", heißt es in dein naiven Publikum, das keine Ahnung hat, wie bei den Leuten der Arena nichts ohne die raffinierteste Berechnung geschieht, wie jeder Trick mit ausgeklügelter Überlegung vorbereitet wird.

In seiner Loge aber sitzt Doktor Fritz Mollinar, .regungslos, und kann es nicht glauben, nicht fassen, daß dieses verführerische Weib, das ihre Reize lächelnd hier preisgiebt, dasselbe Wesen sein soll, das lernend in seiner stillen Studierstube gesessen so manches Mal, ganz wie ein anderes junges Mädchen, dasselbe Wesen, das gestern, gestern erst -—

Tie Reiterin hatte die erste Tour beendet. Eine kurze Pause tritt ein. Ein Klown, der als „August" das Zwischenentr6 hat, fliegt mit einem Saltomortale in die Arena, läßt sich unterwegs von einem Stallmeister eine schallende Ohrfeige geben, erwidert diese kräftig, stürzt auf die Reiterin zu, überreicht ihr ein mächtiges Bouquet und begrüßt sie mit lautem Weinen der Rührung. Die Galerie jubelt, auch die schöne Reiterin, die lässig auf dem Pferde ruht und die dunklen Augen im Zuschauerraum umherirren läßt, schlägt ein fröhliches Lachen an.

„Wie reizend", heißt es wieder im harmlosen Publikum.

Die Musik beginnt, nicht in so weichen, elegischen Tönen, wie vorhin, laut, schmetternd, bombastisch klingen die Blechinstrumente durch den Cirkus und überschreien bald die wenigen Streichinstrumente. Kerzengerade steht Miß Ellida auf dem Rücken des Pferdes. Aber nicht langsam mehr oder in gemäßigtem Tempo galoppiert dieses durch die Arena, sondern schnell, immer schneller, rastlos getrieben von Herrn Korallis weitreichender Stall­meisterpeitsche, von den hetzenden Zurufen seiner Reiterin, die jetzt ihre Tricks beginnt, mitten in der sausenden Karriere auf dem Pferde herunwoltigiert, von ihm herab­springt und dann wieder hinauf, meist mit ganz kurzem und sicherm Ansatz, während der Fuchs in ungemindertem Ternpo dahinrast.

„He, holla, holla, hoppa, he!" Immer unablässiger kirallt die Stallmeisterpeitsche, immer tollkühner arbeitet die Reiterin. Und jetzt ist es nicht die gemachte Cirkus- freude mehr, die auf ihrem Antlitz funkelt, sondern wirk­liche, wilde Herzenslust.

Und der Doktor? Schon vorhin, als er sie auftreten sah in diesem Kostüm, das all' dem Hohn sprach, was in der Welt, in der er bisher gelebt und gewirkt, für schick­lich, ja, für möglich galt, als er dieselben Augen, deren Hingebung ihn so manches Mal beglückt hatte, diese tausendköpfige Menge herausfordernd nmbuhlen sah, da war jenes unbeschreibliche Gefühl über ihn gekommen, in dem er sprach- und gedankenlos dieses Mädchen unaus­gesetzt nur anstarren konnte wie etwas Unbegreifliches.

Jetzt aber, als er sieht, mit welcher leidenschaftlichen Lust diese Reiterin ihre Arbeit ausführt, wie aus dem frcudeglänzenden Antlitz, aus jeder ihrer Bewegungen ein so ursprüngliches Freiheitsbewußtsein, eine so ausge- prägteZugehörigkeit zu dieser ihrerWelt spricht, daß dieses Weib wie verwachsen erscheint mit dieser Arena, diesem dampfenden Pferde, da steht ihr Wort vor seiner Seele: „Zigeuner sind wir und wollen es bleiben! Ja, bleiben bis in den Tod!"

Und ein anderes Wort leuchtet in diesem Augenblick vor ihm, und jetzt mit einem Male versteht Mollinar es in seiner ganzen Klarheit, Gabrieles kurzes abweisendes Wort damals, als er ihre Teilnahme für Ellida erbat: „Weil ich die Berührung mit diesem Mädchen fürchte."

Die Hufe des müden Tieres klappern an die Bande, die Nüstern prusten und die Flanken fliegen. Aber die Stallmeisterpeitsche ruht nicht, und als sie ihre Wirkung nicht mehr tut, da saust Ellidas Reitgerte unbarmherzig um den Hals des keuchender: Pferdes.

„He, holla, holla, hoppa, he!" Und an dem geschmei­digen Leibe tritt jede Faser hervor, jede Muskel ist ge­spannt zu energischer Tätigkeit, das Gewand bietet kaum noch eine Verhüllung. Das alles sieht er, sieht sie hier arbeiten, mit einer geradezu robusten Kraftaufwendung, die alle dem ins Gesicht schlägt, was ihm bis heute weib­licher Anstand, weibliche Scham geheißen, und muß er­rötend der Stunde gedenken, da er in philiströser Be­mühung das Wesen und die Manieren dieses Mädchens

dem anpassen wollte, was in seiner Welt für wohl­anständig galt, da er Kultur und Wissen in sie pflanzen wollte, die sie von sich warf wie ein überflüssiges Spiel­zeug, sowie die ernste Arbeit ihre Rechte an sie gellend machte.

„He, holla, holla, hoppa, he!" Der Sand fliegt in die Höhe, hinweg über die Bänke des Sperrsitzes bis an die Logen. Me Reiterin sieht nichts davon. Die braunen Augen sind in angestrengter Spannkraft nur auf den Trick gerichtet, den sie gerade ausführen will. Und jedes Mal, wenn er ihr gelungen, dann glimmt es durch ihre dunkle Tiefe, daß sie grünlich schimmern, genau wie die Saphire an ihrer Hand, der einzige Schmuck, den sie heute abend trägt.

Aber er, der gestern noch meinte, diese seine Welt, deren Produkt, deren Geschöpf er tvar, zertrümmern zu können wie ein übermütiger Titan mit einem Fausthiebe, er, der sich hinwegsetzen wollte über die Schranken der Gesellschaft, die ihm in gütiger Weisheit gezogen waren, heute, wo sein pedantischer Sinn zurückschreckte vor der neuen Welt, in die er doch nur deir ersten Blick tat, fühlte er sich nnt all seinem Wagemut so gedemütigt, so klein, kani er sich so unendlich töricht vor mit seinen Träumen dieser Wirklichkeit gegenüber. Für heiligen Ernst hatte er ihre Liebe genommen, die lächerlichsten Pläne auf sie gebaut, die ihn unglücklich gemacht hatten für das Leben und sie mit ihm.

Wirklich auch sie? Weil sie ihrem Mann in den ersten vier Wochen davonlaufen würde. Wer hatte es gestern erst zu ihm gesagt? Wer ihm alles vorher angekündigt, wie es gekommen war — kommen mußte?! Wer hatte die rettende Hand nach ihm ausgestreckt, als er nacht­wandelnd am Abgrund stand, sich jählings hinunterzu­stürzen in die brausende Tiefe?!

Leuchtend steht mit einen: Mal die einfache Mädchen­gestalt vor ihm, die er befangen gewähnt in den engsten Vorurteilen, über deren übermütige Alltagsweisheit er sich so himmelhoch erhoben hatte mit seinen freiern, größeren Anschauungen, der er ihren Irrtum handgreif­lich vor die Augen zu führen hoffte und die ihn nun so glänzend geschlagen hatte. Gabriele! Er wagt nicht zu ihr herüberzublicken, er sieht sie im Geiste vor sich, in den klaren Augen hochmütigen Triumph, der ihm in dieser